Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 20 (27.6.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-06-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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40 Romanbeilage des „Jüdischen Echos" Nr. 20 auf, die riesige Bündel mit Waren trugen. Auf dem freien Platz neben den Gleisen machten sie halt, warfen die Bündel in den Schnee und setzten sich darauf. Einer zog aus dem Stiefelschaft eine große Flasche, tat einen kräftigen Schluck, fuhr mit der flachen Hand über den Flaschenmund und ließ die „Mutter“ im Kreise weitergehen. Händler kamen, dicke Zigarren im Munde. Die Schmuggler begannen kauend die Bündel aufzupacken. Juden, Christen, Männer, Frauen kamen von allen Seiten. Sie ergriffen, was ihnen in die Hand kam, einer entriß dem anderen die Stücke. Die Schmuggler und ihre Gehilfen, die keine Zeit fanden, zu notieren, was jeder nahm, drängten die Menge von den Bündeln und schlugen mit Schals und Kleidern um sich. Doch es nützte, nichts; sie stürzte sich wieder auf die Bündel, und schrie: „Mir noch einen Schal!“ „Ich nehme das Stück Seide!“ „Nein, ich!“ „Schau, daß du weiterkommst, Hexe, sonst schlage ich dir den Schädel ein!“ „Eher werden dir die Hände abfallen, krätziges Biest!“ Ein Bündel flog durch die Luft. Unzählige Hände griffen danach; das Bündel löste sich im Fluge; Leibchen, Hemden, Strümpfe fielen in den Schnee. Die Leute krochen auf allen Vieren, um die Stücke zu erhaschen, und stürmten auf die Händler ein, die lächelnd dabeistanden. Mordechai kam das Bild des reichen Gutsbesitzers in den Sinn, der an Markttagen auf den Hauptplatz kommt und Geldmünzen in die Menge schleudert, um die diese sich zu Füßen des lächelnden Gutsherrn balgt. Wirre Rufe gellten durch den stillen Morgen. „Ihr habt vier Schals genommen, nicht drei!“ fuhr einer der Besitzer, ein Chassidim in mittleren Jahren, auf eine forsche, junge Frau los, die solche Mengen Ware um ihren Leib wikkelte, daß man sie kaum noch erkennen konnte. „Wir beide sollen so leben, Reb Mojsche Leib, wie es drei Schals waren, drei, so wie ich drei Kinderchen habe, um die ich zittere! Was meint Ihr von mir?“ Mit der Rechten suchte sie Reb Mojsche festzuhalten, der immer wieder zurückwich, und die Linke streckte sie nach den Leuten aus, wie um sie als Zeugen herbeizurufen: „Vier, vier, vier!“ wiederholte Mojsche Leib eigensinnig und steckte die Finger in die Ohren, um die Einwände der Frau nicht hören zu müssen. „Ihr haltet mich nicht für glaubwürdig?“ „Nein!“ „Nun denn nicht!4 „So lege endlich die Schals weg! Hörst du? Wenn ich um einen Schals komme, ist der ganze Gewinn zum Teufel!“ „Und ich mit meinen drei Schwälbchen habe kein Recht zu leben!“ Die Frau faßte Mojche Leibs Hand. „Ich schwöre Euch, Reb Mojsche» ich habe nichts genommen!“ „Wo ist also der Schal hingekommen?“1 „Wenn Ihr mir nicht glaubt, suchet bei mir!“ „Das werde ich auch tun!“ „Bitte, bitte!“ hurtig strich sie ihren Rock zurecht und lüpfte ihn ein wenig. „Suchet nur, Reb Mojsche, suchet!“ Reb Mojsche verzog den Mund, als hätte er eine bittere Pille geschluckt, schloß halb die Augen und winkte mit der Hand: „Geht, geht! Das hat ja keine Scham im Leibe!“ „Dann saget nicht, daß ich vier Schals genommen habe!“ „ Nein, Ihr habt sie nicht genommen ... ich, ich, Mojsche Leib, habe sie genommen! Seid Ihr’s zufrieden?“ Ein Polizist kam herbei, begrüßte die Händler mit Scherzworten, gab Ratschläge und sagte einem Mädchen etwas ins Ohr; die in der Nähe standen hörten es und bogen sich vor Lachen. Wirzbicki, der die ganze Zeit regungslos den Schmugglern zugeschaut hatte, spuckte plötzlich in weitem Bogen aus, als müßte er etwas Ekelerregendes abschütteln. Mordechai war gekränkt, obwohl unter den Schmugglern mehr Christen als Juden waren. Er bemerkte auch den langen Kasriel unter ihnen und wollte Wirzbicki erzählen, daß die jüdischen Schmuggler, die jetzt wie Hunde auf allen Vieren krochen, bei Nacht im Eisenbahnwaggon ihr Werktagswesen abgeworfen und, geradezu rein geworden; einander chassidische Geschichten erzählt hatten. Doch Mordechai sah ein, Wirzbicki würde das nie verstehen; das jüdische Wesen war ihm zu fremd. Die Ware war verteilt, und die Käufer rechneten mit den Schmugglern ab. Ein Grenzsoldat kam herbei, zählte die Personen, welche Schmugglerware mitführten, und schnalzte mit der Zunge zum Zeichen, daß alles in Ordnung sei. Die Schmuggler stellten sich gruppenweise auf. „Kann’s losgehen?“ fragte einer, der das Kommando zum Aufbruch nicht gehört hatte. „Wer soll das wissen, wenn die da gröhlt wie ein Schwein“, antwortet ein anderer, auf die noch immer fauchende Lokomotive deutend. Fortsetzung folgt.