Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 39 (10.1.1930) Der letzte Waldjude
- Date
- 1930-01-10
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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118 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 39 „Zwanzig... einundzwanzig ... zweiundzwanzig .. Mordechai lag bewegungslos, sah nicht, was um ihn vorging, fühlte nur, daß seine Schläfen mit Schnee eingerieben wurden. Er öffnete die Augen, betrachtete eine Weile die Knechte, welche ihn umstanden, erinnerte sich plötzlich, was ihm geschehen war, und mit der letzten Kraft, die ihm noch geblieben war, richtete er sich auf. Er konnte nicht gehen, feurige Räder kreisten vor seinen Augen, er wankte. Die Knechte fingen ihn auf, führten ihn in den Stall, wo Antek lag, wuschen seine Wunden und fragten schüchtern, ob er etwas essen wolle. Mordechai bat um einen Trunk Wasser. Er trank eine volle Kanne aus. Das Wasser kühlte seinen erhitzten Körper und erfrischte ihn ein wenig. Unter Schmerzen legte er sich auf den Bauch und hörte aufmerksam den Gesprächen der Knechte zu, die um Antek herumsaßen: „Was über uns kommt, ist alles zu wenig!“ — sagte einer. „Ich will ihm zeigen, dem Hundsfott, was peitschen heißt!“ — warf Antek stöhnend ein. „Wir tun nichts als zeigen und sie schlagen uns indessen.“ „Wenn der Bauer und ein Stück Vieh dasselbe sind!“ „Richtig, Witek hat recht! Wären wir Menschen, so säßen wir nicht da.“ „In Peplowka, so erzählt man, haben die ,Chlopcy‘ den Hof angezündet.“ „Wir müssen dasselbe tun.“ „Ihr sündigt“ — warf ein alter Fuhrknecht ein. „In Karschin haben sie den Gutsherrn erschlagen.“ „Alle muß man sie erschlagen!“ „Der unserige mag sich auch vorsehen!“ „Ihr sündigt, Kinder, ihr sündigt!“ — der Fuhrknecht bekreuzte sich. „Der Böse spricht aus euch.“ „Wie können wir sündigen, Alter.“ — Antek setzte sich auf — „da wir bei den Herren das ganze Jahr Fastenzeit haben? Unser Gutsherr ist ein schwacher Mensch, da erlaubt ihm der Pfaff, während der Fastenzeit gebratene Enten zu essen, eine Geliebte zu haben und Bauern zu peitschen — hör’ Alter, ich will nicht Antek heißen, wenn wir nicht mit ihm abrechnen! Wäret nicht ihr, alte Esel, wir hätten schon längst den Herren die Erde weggenommen, unsere Erde. — Der Pfaff läßt es nicht zu, wie? Wir wollen sehen ...“ Mordechai lag im Fieber, während er den den Reden der Hirten zuhörte; er hatte nicht gewußt, daß die Beziehungen zwischen Dorf und Hof sich so verschärft hatten. Er knirschte mit den Zähnen im Gefühl seiner Schmach. Rache, Rache für die Hiebe!... Unzählige Pläne flammten in seinem heißen Hirn auf und erloschen wieder. Er hielt seine Schläfen, die sich wie Blasebälge bewegten, mit beiden Händen, um seine Gedanken zusammenzuhalten. Und so oft seine Pläne zerflossen und einen kalten leeren Raum zurückließen, zitterte er vor Angst, die Gelegenheit zu versäumen. Hätte ihn aber jemand gefragt, warum er zitterte und was für eine Gelegenheit er zu versäumen fürchtete, er hätte nicht antworten können. Die Angst dauerte nicht länger als einen Augenblick, das Fieber verscheuchte seine' Unentschlossenheit und neue Pläne begannen in ihm zu gären. Als die Nacht kam, stieg Mordechais Fieber. Das leise Reden der Knechte klang in seinen Ohren; er sah, daß der Pferdestall sich mit Menschen füllte. Er kroch auf einen Sack mit Heu, erhob sich, sank auf die Knie und seine flammenden Augen blieben auf dem Bilde haften, das an der Wand in einem rohgeschnitzten Rahmen hing. Es war eine Maria, die dem Feuer gebietet. Die Knechte standen um Mordechai herum. Er begann zu ihnen zu sprechen. Und je länger er sprach, desto mehr wuchs ihre Unruhe; sie entlud sich in einem Fluch, in einer geballten Faust und legte sich auf ihre finsteren Gesichter wie eine schwere dunkle Wolke. Mordechai hörte nicht auf zu sprechen; er stand auf dem Sack mit Heu, seine Worte strömten aus dem Munde, weckten in den Bauern den beleidigten Menschen, klangen so innig und schnitten zugleich Stücke aus dem lebendigen Leibe. Seine Worte kamen von selbst heraus und ihm erschien es, als rede ein anderer, nicht er; sie fielen wie Funken in die umwölkten Gehirne und entflammten sie, ein Feuer loderte auf. Voran trugen vier Bauern einen Sarg, in dem Anteks Vater, der alte Piasecki, erschlagen lag. Bauern mit Sensen, mit Spaten und Hacken gingen, nach Dörfern gruppiert, dem Sarge nach. Als sie ins Dorf kamen, begann die Sturmglocke zu läuten wie bei einem Brande ... Das ganze Bauernvolk samt den Weibern und Kindern strömte zusammen und umringte den offenen Sarg, in dem der Nachbar Piasecki lag. Mordechai, den keiner kannte, von dem keiner wußte, woher er kam, stand plötzlich neben dem Sarge. Sein bleiches Gesicht, seine Haltung, die flammenden Augen gaben der Prozession etwas Geheimnisvolles. Antek kniete nieder und breitete die Hände aus: „Nachbarn, wißt Ihr, wer meinen Vater erschlagen hat?“ (Fortsetzung folgt.)