Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 38 (3.1.1930) Der letzte Waldjude
- Date
- 1930-01-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALD|UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 37. Fortsetzung „Es ist doch klar — ich sitze da und muß Gott bitten, daß sich ein Mensch betrinke und seine Menschenwürde verliere ... Hätte ich das früher gewußt, ich hätte meine paar hundert Gulden Mitgift nicht hineingesteckt.. „Wieviel habt Ihr wohl hineingesteckt?“ „Tausend Gulden.“ „Und wenn Ihr jetzt das Geld hättet, was würdet Ihr damit tun?“ „Was ich täte?“ Der junge Mann rückte seine Mütze fester und lächelte. „Die Hälfte würde ich meiner Frau zurücklassen und mit dem Rest von fünfhundert Gulden nach Berlin fahren.“ „Studieren?“ Der junge Man unterdrückte ein Wort, das er sagen wollte, sah sich um, ob niemand zuhörte, und fuhr leise fort: „Die Sache ist so: Ich habe eine Schrift verfaßt, welche der Geometrie des Wilnaer Gaon widerspricht...“ „Das heißt also, Ihr stimmt nicht mit der Geometrie des Gaon von Wilna überein?“ Mordechai hielt im Essen inne. „Das gerade nicht“, der junge Mann machte eine Handbewegung, die Ärger darüber ausdrückte, daß er nicht verstanden wurde. „Der Gaon von Wilna hat in seiner Schrift gar nichts Neues gebracht; er gibt selbst zu, daß er Euklid folgt.. es ist ja richtig, bis auf ihn hat niemand in hebräischer Sprache diesen Gegenstand so klar behandelt... meine Theorie aber ist genau das Gegenteil von der Euklids. Und ich beantworte jede Frage und jeden Widerspruch mit meiner Theorie genau so wie Euklid mit der seinen... das soll nicht besagen, daß meine Theorie die einzige ist, Ihr versteht? Das Schlimme ist, daß die Menschen fortwährend von Raum und Ebene reden, und in Wirklichkeit wissen wir bis heute nicht, was das ist. So kommt es, daß wir alles, was in unseren Augen unnatürlich aussieht, für unmöglich halten! Ihr versteht?“ Die Augen des jungen Mannes blitzten, im Eifer des Gesprächs schob er seine Mütze fortwährend hin und her und stand auf. „Nach (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin Euklid können die Winkel eines Dreiecks nicht weniger als 180 Grad betragen; wenn wir aber beweisen können,“ der junge Mann verfiel in den Gemaras-Singsang, „daß sie doch kleiner sein können als 180 Grad, und das beweise ich in meiner Schrift, so muß das zu einer neuen Geometrie führen, welche das Gegenteil von der Euklids ist.“ Während der Rede des jungen Mannes saß Mordechai begeistert da; er hatte beinahe begriffen, worin der Gegensatz dieser Theorie zur Euklidischen bestand. Jedoch konnte er nicht auf den Namen eines russischen Professors kommen, der berühmt geworden war, weil er eine gleichfalls neue Geometrie herausgegeben hatte... „Habt Ihr Eure Schrift schon jemandem gezeigt?“ Der junge Mann machte eine Bewegung mit den Achseln, die nein sagte. Sein strahlendes Gesicht, seine Haltung, alles überzeugte Mordechai, sein Gegenüber habe etwas Neues gefunden, etwas aus dem Nichts geschaffen. Jener nahm aus der Kommode einige Dutzend zusammengeheftete Papierbogen und reichte sie Mordechai: „Das ist meine Schrift.“ Mordechai blätterte in dem Manuskript. Der in Quadratschrift geschriebene gereimte Titel fiel ihm auf. Auf einem zweiten Blatt stand ein hebräisches Gedicht in Kursivschrift, das den Titel trug „An die Zeit“. Der junge Mann merkte, daß Mordechais Auge darauf haften blieb; verlegen stammelte er: „Das ist bloß ein Gedicht...“ „Dawid, Dawid,“ schrie die Alte „komm her! Man braucht dich!“ Mordechai las indessen langsam das Gedicht; er begriff nicht, in welcher Beziehung es zum Inhalt stand, und dachte daran, er müsse Kahane herschicken, damit er die Schrift lese. Ein paar Bauern traten ein; ihr Geplapper erfüllte die Schenke. Der schwere Bauerntabak kratzte im Halse. Mordechai stand auf. Der junge Mann kam herein, einen Pfropfen zwischen den Zähnen. Mordechai zahlte für