Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 48 (2.12.1921)
- Date
- 1921-12-02
- Page
- Seite 613 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 48 2. Dezember 1921 8. Jahrgang Der gute Europäer Der gute Europäer ist ein Mensch, für den die eigentliche Welt nicht mit den Grenzpfählen seines Vaterlandes aufhört, der nicht alle andern Völker außer dem eigenen als Barbaren empfindet, sondern sich mit ganz Europa, mit der ganzen zivilisierten Welt geistig verbunden fühlt und an ihren Geschicken teilnimmt. In einer Zeit, in der die „Real!- und Machtpolitiker“ in den Regierungen wie auch in der öffentlichen Meinung den Ton angeben und die Anhänger völkerverbindender Ideen als Schwächlinge und Schädlinge diskreditieren, konnte natürlich die Spezies der guten Europäer nicht gedeihen. So schienen sie — wenigstens in den imperialistischen Ländern — allmählich auszusterben und als der Krieg begann, sah es aus, als ob er ihnen endgültig den Garaus machen würde. So wirkte denn der Schuß, dem Jaures zum Opfer fiel, wie ein Signal zum Untergang des guten Europäertums. Nachdem der überspannte Nationalismus die Welt in namenloses Unheil gestürzt hatte, erwachte bei vielen die Einsicht, daß Blut und Eisen nicht das Glück der Welt, auch nicht das Glück eines einzelnen Volkes verbürgen. Der Pazifismus, der Völkerbundsgedanke und ähnliche Bestrebungen fanden in weitesten Kreisen Anhänger. Aber wie man vorher den nationalen Gedanken überspannt hatte, so schlägt man heute vielfach in das Gegenteil um, „der nationale Gedanke hat die nationalen Gegensätze und damit auch den Krieg verursacht,“ so empfindet man mehr oder minder klar, „also ist er von Übel, also soll ein guter Europäer sich allen nationalen Bestrebungen femhalten.“ Auf diese Argumentation trifft man, vor allem wenn es sich um den jüdischen Nationalismus handelt. Menschen, die dem zionistischen Gedanken mit viel Verständnis gegenüberstehen und sich durch landläufige Vorurteile der zionistischen Gegner nicht beeinflussen lassen, bleiben der jüdischen Zukunftsbewegung fern. Wäre wirklich der jüdische Nationalismus mit den Ideen der Völkerversöhnung nicht vereinbar, so wäre ihm das Todesurteil, gesprochen. Denn eine nationale Bewegung, die der großen Menschidee widerstritte und die Völkerverständigung hinderte, könnte vor dem Richterstuhl der Ethik nicht bestehen, sie wäre für einen wahrhaft gerechten Menschen unannehmbar. Kann man das von dem jüdischen Nationalismus behaupten? Um diese Frage zu beantworten, muß man sich seinen Sinn einmal wirklich klar machen, ohne sich das Urteil durch falsche Analogien trüben zu lassen. Theodor Herzl hat das nationale Banner nicht entrollt um es den andern Völkern gleichzutun, um einen jüdischen Machtstaat en miniature zu schaffen, sondern in seherischer Erkenntnis von der zentralen Bedeutung des jüdischen Nationalgedarikens. „Ich halte die Judenfrage weder für eine soziale, noch für eine religiöse, wenn sie sich auch noch so und anders färbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu regeln sein wird. Wir sind ein Volk, ein Volk.“ In diesen Sätzen aus Herzls „Judenstaat“ ist der Wesenskern des jüdischen Nationalismus beschlossen. Die Judenfrage muß zu einer politischen Weltfrage werden, die im Rate der Kulturvölker zu regeln sein wird. Die Geschichte des jüdischen Volkes hat bewiesen, daß ein atomisiertes Judentum machtlos, der Unterdrückung und Willkür preisgegeben ist. Nur die Verbundenheit zu einem einigen jüdischen Volke, das nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt des Völkerrechts ist und die ganze von unsern Gegnern meist maßlos übertriebene, von uns selbst vielfach unterschätzte lebendige Kraft des Weltjudentums vereinigt, kann uns unser Recht sichern. Ein Volk aber können wir nicht ohne ein Land werden, ohne einen territorialen Mittelpunkt, in dem die Juden nicht wie in den Ländern der Diaspora wirtschaftlich und kulturell einer andersnationalen Mehrheit eingegliedert sind, sondern einen selbständigen Wirtschaftskörper bilden und ihr eigenes geistiges Leben führen. Zum Aufbau der Heimstätte, die für uns nur in Palästina sein kann, bedürfen wir der Menschen, die — ganz von dem nationalen Ideal erfüllt — bereit sind, für es zu leben und zu sterben. So ist also der jüdische Nationalismus nicht ohne ein jüdisches Palästina, ein jüdisches Palästina aber nicht ohne die große jüdische Volksidee denkbar. Und aus diesem Grunde ist der Nationalgedanke nicht etwa eine chauvinistische Kampfparole, sondern ein unerläßliches aufbauendes Prinzip. Kein Verständiger kann heute dagegen einwenden, er betrachte die einzelnen Nationen überhaupt als überflüssig, für ihn gebe es nur eine Menschheit. Es wmre eine Weltordnung denkbar, die nur Menschheit und Individuum kennt, aber die bestehende ist nun einmal nicht so beschaffen. Die Menschheit ist in Völker mit selbständiger Kultur gegliedert, die Nationen sind also tatsächliche Gegebenheiten, sie sind der Boden, aus dem sich der einzelne nicht herausreißen darf, wenn er nicht, wie der Riese Antäus, seine Kraft verlieren will. Noch der große Spinoza konnte das verkennen, ünldem er seinem theologisch-politischen Traktat den Anspruch der Juden auf Auserwähltheit mit dem Argument bekämpft, daß nicht Völker, sondern nur Einzelne einen geistigen und sittlichen Charakter besäßen. Die Geschichte der nationalen Freiheitskämpfe des 19. und1 20. Jahrhunderts hat diese Wegleugnung der Nationen ad absurdum geführt und ihre Realität bewiesen. Und wenn das jetzige Unglück Europas durchi eine Überspannung des nationalen Gedankens hervorgerufen ist, so ist damit nicht der Nationalismus überhaupt, sondern nur der Chauvinismus gerichtet, der in dem vielbewunderten Satze „right or wrong my country“ seinen Ausdruck findet. Wenn das Volk der Propheten zu einer derartigen „Moral“ herabsinken würde, so hätte es sich selbst aufgegeben. Die Gerechtigkeit, die das Fundament des Judentums bildet, muß für uns überall der Maßstab sein, ob es sich um Beziehungen zwischen Einzelmenschen oder zwischen ganzen Völkern handelt. Man wird uns vielleicht die Araberfrage entgegenhalten. Aber auch sie darf nur nach dem Maßstab wahrer Gerechtigkeit beurteilt werden. Prüft man sie so, dann ergibt sich: Die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palä-