Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 42 (21.10.1921)
- Date
- 1921-10-21
- Page
- Seite 534 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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534 Das Jüdische Echo Nr. 42 nicht, geschweige Ln dem Maße, wie im heimischen Städtchen, kennen und die deshalb glauben, aller Pflichten gegen die Gemeinschaft, die dort eine Selbstverständlichkeit waren, ledig zu sein. In dieser Tatsache, die vielleicht bisher zu wenig beachtet wurde, dürfte die Erklärung dafür zu suchen sein, daß die jüdische Solidarität im Osten so außerordentlich entwickelt ist und bei' den ostjüdischen Siedlungen in Deutschland; (wie wohl auch im übrigen Westen) sogar noch weit hinter der der deutschen Juden zurückbleibt. Es ist die wichtigste und stärkste Aufgabe der Gesamtarbeit für die Ostjuden, die, sie selbst für ihre eigenen Interessen zu aktivieren, sie aufrütteln und ihr Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Es ist tief betrüblich, in welchem Zustande die wenigen sozialen und politischen ostjüdischen Organisationen Deutschlands sich befinden. Vielleicht vermag das ungeschminkte Hinweisen auf diese Tatsache, das Verantwortungsgefühl in ostjiidischen Kreisen aufzurütteln und diese auf ihre Pflicht aufmerksam zu machen. Es ist für dieselben in ihrer Gesamtheit beschämend, daß sie selbst an Arbeit und Mitteln so wenig zu dem beitragen, was sowohl von zentralen Stellen, wie das Arbeiterfürsorgeamt, das nahezu als mustergültig angesehen werden kann, wie auch von lokalen Wohlfahrtsorganiisationen für sie geschieht. Vor allem die ostjüdische Jugend wird sich endlich auf raffen müssen, die Pflicht zu erfüllen, die die ältere Generation versäumt hat. Für alle diejenigen Stellen aber, die Arbeit für die Ostjuden leisten, ist es an der Zeit, daran zu gehen, zu allen Aufgaben die Ostjuden selbst aufs stärkste heranzuziehen, ihnen die Mitwirkung so regelmäßig und eindringlich nahezulegen, daß die ostjüdischen Organisationen, die bestehen nicht umhin können, sich an dieser Arbeit, die sie selbst als nächste betrifft, entsprechend zu beteiligen. Jakob Reich. .,-r - Ostjuden und Volkswirtschaft v. Dr. Grete P i n n e r u. Fritz Hamm erschlag. Dieser Aufsatz erschien im Heft 11/12 des IV. Jahrganges der „Neuen Jüdischen Monatshefte“. Inzwischen hat sich manches geändert. Dennoch bleibt er interessant und aktuell genug, um den Abdruck zu rechtfertigen. Die Schriftleitung. I. Die wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen in Rußland und seinen Randstaaten, besonders Polen und dem ehemaligen Galizien, haben für die jüdische Minorität dieser Länder katastrophale Folgen gehabt. Durch den Untergang des Handels, die Bildung eines polnischen Mittelstandes, durch Boykott und maßlose antisemitische Propaganda ist die Lage der jüdischen Massen bis ins tiefste erschüttert worden. Das ökonomische Gesetz, nach dem die Bevölkerungsbewegung vom Punkte des höchsten zum Punkte des geringsten sozialen Druckes verläuft, hat sich mit elementarer Gewalt durchgesetzt und schon jetzt die geschlossenen Grenzen der westlichen Staaten durchlöchert. Aber der eigentliche Strom ostjüdischer Auswanderer harrt noch darauf, daß die Wiederkehr geordneter Zustände den Weg zum Ziel, nämlich Amerika, Palästina und* die westeuropäischen Länder, weiter öffnet. Die Wanderungsbewegung der Ostjuden und ein bisher wohl kaum bei irgend einem Volk mit dieser Schnelligkeit beobachteter Prozeß der Proletarisierung, der in kurzer Zeit die jüdischen Massen aus einem Volk von Händlern in ein Volk von proletarischen Arbeitern verwandelt hat, sind historische Tatsachen. Zu verhindern sind diese Tendenzen nicht und auch Deutschlands das als Einwanderungsland augenblicklich leider keine Reize hat, hat schon heute eine einigermaßen bedeutende ostjüdische Durchwanderung. Der Realpolitiker hat also die Aufgabe, die Gefahren, die mit einem stärkeren ostjüdi'schen Zuzug unstreitig verknüpft sind, auf das geringste Maß herabzusetzen und sogar die starken Kräfte, die im jüdischen Proletariat enthalten sind', fruchtbar zu machen. Das Prinzip unnachsichtiger Ausweisungen ist nur für kurzsichtige Menschen diskutierbar. Selbst wenn man geneigt ist. Ostjuden erbarmungslos in unerträgliche ökonomische Bedingungen, in die Arme polnischer Pogromhelden und unbarmherziger Justiz — denn viele sind militärpflichtig — zurückzujagen, muß man aus der Erfahrung lernen, daß massenhafte Ausweisungen zwar die Zahl der Einwanderer vermindern, die Gefahren der Einwanderung aber nur vermehren können. Die eigentliche Gefahr liegt nämlich nicht in der für ein Millionenvolk wie das deutsche völlig verschwindenden Zahl der Einwanderer, sondern in ihrer Existenzlosigkeit. Nur wenn jüdische Einwanderer, in Massen in der Großstadt zusammengedrängt, auf illegale Weise ihr Leben fristen, bilden sie eine Gefahr. Durch Ausweisungen würde man die üblen Elemente unter den Ostjuden, Goldschieber usw. gerade nicht treffen, würde aber die Existenzlosigkeit geradezu zum Gesetz erheben, würde die Fälschung von Legitimationspapieren, die Zusammendrängung in den Großstädten (weil man sich dort am besten versteckt halten kann) und das Schiebertum von Amtswegen fördern. Die Ausweisung würde die ostjüdischen Arbeiter in Massen zwingen, der behördlichen Kontrolle sich zu entziehen und5 auf ungesetzliche und volkswirtschaftlich gefährliche Art sich durchzuschlagen. Das einzige würdige und zugleich radikale Mittel gegen alle Gefahren der Einwanderung ist die Eingliederung der ostjüdischen Arbeiter in die deutsche Volkswirtschaft durch Verteilung über den gesamten Arbeitsmarkt. Die wenigen tausend jüdischer Arbeiter, die es in Deutschland gibt, erscheinen nur dem ganz an der Oberfläche der Dinge haftenden Theoretiker als eine Konkurrenz für den deutschen Arbeiter. Trotz der Not des Arbeiitsmarktes. die im übrigen von Woche zu Woche geringer wird, können die jüdischen Arbeiter mit Leichtigkeit in die deutsche Volkswirtschaft eingegliedert werden, wenn es eine Stelle gibt, die sich dieser Aufgabe besonders widmet. Die deutschen Arbeitsnachweise können diese Forderung nicht erfüllen, weil sie trotz aller Zentralisationsbestrebungen des Arbeitsmarktes doch wesentlich örtlichen Bedürfnissen dienen und die jüdischen Arbeiter dank den Bestitnmurigen des Demobilmachungsamtes in den meisten Großstädten nicht unterbringen können. Dazu kommt, daß ihre Beamten in ihrer gänzlichen Unkenntnis der besonderen Verhältnisse dieser Einwanderer (Sprechweise, berufliche Vorbildung, Mangel an Zeugnissen und Papieren) nicht geneigt sind sich der Flüchtlinge besonders anzunehmen. Nur eine jüdische Organisation, die durch ihre menschliche Einstellung fähig und gewillt ist, alle Schwierigkeiten zu überwinden^ vermag es, die ein gewanderten Ostjuden aus ihrer rat- und hilf-