Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 50 (11.12.1931)
- Date
- 1931-12-11
- Page
- Seite 678 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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678 Das Jüdische Echo Nr. 50 Wir wünschen und hoffen, daß uns die nächsten Wochen dein) Zuzug bringen, der für die heutige Zeit eigentlich eine Selbstverständlichkeit wäre. Jüdischer Turn- und Sportverein Bar-Kochba. Nürnberg. Am Donnerstag, 12. November, hielt Frau Dr. Marie Meyer aus Berlin, die frühere Vorsitzende der Nürnberger Ortsgruppe des Verbands jüdischer Frauen für Palästina-Arbeit, einen sehr gut besuchten Vortrag in diesem Verein, betitelt: „Das jüdische Kind und seine Umwelt“. Die Rednerin schildert in eindrucksvollen Worten die Bedeutung und die Gefahren der äußeren Einflüsse auf die geistige und seelische Entwicklung des Kindes, die bei dem meist in der Großstadt aufwachsenden jüdischen Kinde besonders groß sind; das jüdische Kind macht bei seiner Berührung mit der Umwelt schon früh die Erfahrung, daß es anders ist und bekommt zu fühlen, daß „anders sein“ in den Augen der Umwelt bedeute: schlechter sein. Diese üble Erfahrung wirkt auf jedes Kind in einer besonderen Weise, je nach Veranlagung und Milieu, in dem es aufwächst. Jedenfalls muß ein Kind viel Selbstgefühl besitzen, um diesen Dingen zu begegnen, um in sich genau zu wissen, daß Anderssein nicht schlechter sein bedeutet. Wenn ein Kind nicht genügend Selbstgefühl hat, muß solches in ihm geweckt oder das in geringem Maße vorhandene gestärkt werden; zu diesem Zwecke schlug die Vortragende verschiedene Mittel vor: man müsse vor allem das Kind mit jüdischen Inhalten füllen, ihm jüdisches Wissen geben, man soll es mit den jüdischen Formen bekannt machen, die jüdischen Feste schön und würdig begehen, vor allem das Chanukkafest, was gleichzeitig ein Gegengewicht zu dem Weihnachtsfest der anderen sei. Zur Veranschaulichung dieser Probleme ging die Rednerin von den zwei allerdings grundverschiedenen Büchern aus: „Ein kleiner Prophet“ von Eduard Fleg und „Kindheit im Exil“ von Schemarja Levin. Sie rühmt ganz besonders Schemarjas Mutter, die ihren Kindern mit großer Leidenschaft die Geschichten der Bibel erzählte und in ihnen so den Grund zu einer jüdischen Traumwelt legte, wie es sonst die Märchen bei den anderen, ihrer Welt tun. Auf diese Traumwelt baut sich dann das weitere jüdische Denken, Empfinden und die jüdische Festigkeit auf. Für u n s e r e abendländische Welt hielt Frau Dr. Meyer den Einfluß der Eltern nicht stark genug; als Ergänzung müsse noch der hebräische Kindergarten dazutreten, an den sich dann die jüdische Schule mit Vermittlung des jüdischen Schrifttums und dem Ausbau des Hebräischen schließen solle. Von sehr großer Bedeutung sind später auch die jüdischen Jugendbünde, die dem Heranwachsenden ein freies Sichbewegen mit den Menschen und jüdisches Selbstbewußtsein geben. Allen Eltern empfiehlt die Rednerin, die Kinder schon frühzeitig auf antisemitische Agression vorzubereiten, den Problemen nicht aus dem Wege zu gehen und verspricht sich sehr viel davon, daß die Kinder im Leben der Eltern den lebendigen Zusammenhang mit Palästina und ihre Arbeit für das heilige Land sehen und spüren, sie hält es auch für sehr gut, zur Stärkung des jüdischen Kindes im Kampf mit der Umwelt, wenn Eltern mit den Kindern allmonatlich einen Palästinatag begehen, an dem sie sich mit Palästina-Dingen umgeben: Palästinafrüchten usw. und an diesem Tage auch eine Spende für Palästina aussetzen. An der sehr lebhaften Diskussion, die das Einverständnis der Hörer und ihre Freude an dem wissenschaftlich fein durchgearbeiteten Vortrag bekundeten, beteiligten sich die Damen, Löwengart, Dr. Singer, Dr. Ascher und Herr Dr. Feilchenfeld, der nochmals in warmen Worten die Vorzüge der jüdischen Schule für das seelische Wohlbefinden des jüdischen Kindes pries. * * * Wir erhalten folgenden Bericht: Die Mitglieder der Jewish Agency in Saarbrücken und in Mannheim veranstalteten am Sonntag, dem 29. November, Kundgebungen, für die sich als Referenten der Vorsitzende der Jewish Agency in Deutschland, Direktor Oscar Wassermann, ferner Universitätsprofessor Dr. Täubler (Heidelberg) und Frau Anilta Müller-Cohen zur Verfügung gestellt hatten. In beiden Kundgebungen, die sich eines außerordentlich starken Besuches zu erfreuen hatten, behandelten die Redner in ungemein eindrucksvollen Ausführungen den modernen Palästinagedanken und das jüdische Palästinawerk, dem in beiden Orten eine größere Anzahl neuer Freunde und Förderer gewonnen werden konnte. Sowohl in Saarbrücken wie in Mannheim wirkten die Veranstaltungen als ein Erlebnis für alle Teilnehmer und als ein hochbedeutsames und wichtiges Ereignis im jüdischen Leben. Saarbrücken Die Veranstaltung wurde von Rechtsanwalt Dr. Scheuer geleitet, der in einer kurzen Eröffnungsansprache die Referenten Direktor Oscar Wassermann und Anitta Müller-Cohen willkommen hieß. Die Grüße der Jüdischen Gemeinde Saarbrücken überbrachte an Stelle des erkrankten Gemeindevorsitzenden der Vorsitzende des Repräsentantenkollegiums, Herr Mendelsohn. Nach weiteren Worten der Begrüßung, die Rabbiner Dr. Rülf sprach, ergriff Direktor Oscar Wassermann das Wort. Wassermann charakterisierte in einer groß angelegten Rede die Lage der Juden in der heutigen Weltkrise und wies darauf hin, daß die Meinung, durch die Emanzipation sei die Judenfrage gelöst, ein historischer Irrtum war. Die Anhänglichkeit der Juden an das Vaterland, in dem sie leben, dürfe nicht in Frage gestellt werden, darüber hinaus aber müsse das Judentum einen Rückhalt in seiner Gesamtverbundenheit haben, deren Zentrum immer in Palästina lag und auch heute in Palästina liegt. Wassermann ging dann zur Besprechung der Verhältnisse in Palästina und schilderte die wirtschaftliche und politische Lage. Er schloß mit einem starken Bekenntnis zum Palästinawerk und mit der Aufforderung, dieses Werk nicht im Stiche zu lassen,-, denn es ist der Kräfte aller Juden wert. Anitta Müller-Cohen schilderte überaus temperamentvoll und lebendig das neue jüdische Leben in Palästina und zeichnete an Hand ihres eigenen Lebensschicksals das Bild des modernen jüdischen Menschen, der auf der Suche nach seinem Ich sich allen Zeitströmungen zuwendet, niit ganzer Hingabe und Leidenschaft für neue Ideale arbeitet, dabei sein Judentum allzu leicht und allzu häufig einbüßt, um schließlich ohne festen inneren Halt enttäuscht beiseite zu stehen, wenn es ihm nicht gelingt, in der Renaissancebewegung des jüdischen Volkes, im Streiken nach Aufbau des neuen jüdischen Lebens in Palästina, in der tagtäglichen Verwirklichung allneuer jüdischer Ideale und Zukunftshoffnungen sich fest im Judentum zu verwurzeln und als ein ganzer Mensch den wirren Strömungen dieser chaotischen Zeit gegeniiberzutreten.