Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 2 (9.1.1931)
- Date
- 1931-01-09
- Page
- Seite 29 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Das Jüdische Echo 29 llllllll 1!l 1 | Feuilleton | | lllll Das Gold der Sprüche Aus „Salomo“ Von Edmond Fleg Edmond Fleg hat uns bereits ein hier nach Gebühr gewürdigtes Werk über „Moses“ geschenkt; nun liegt auch sein neues Buch über „Salomo“ deutsch vor.1 Fleg will keine wissenschaftliche, auf historischen Forschungen beruhende, objektive Darstellung vom wirklichen Feben dieses legendenumwobenen Königs geben; vielmehr betrachtet er es als seine Aufgabe und sein dichterisches Vorrecht, die Sagen und Legenden um die Gestalt Salomos, die wie keine andere die Phantasie des jüdischen Volkes und der Märchenerzähler aller Welt angeregt hat, als Elemente einer weitausgreifenden Dichtung zusammenzufassen und alle diese verschiedenartigen, um mannigfache Brennpunkte schwingenden Geschichten und Erzählungen in eine umzuschmelzen. Die einzelnen unzusammenhängenden Episoden fügen sich ihm so zu einem großen Ganzen; er entdeckt aufeinanderfolgende Stadien einer psychologischen Entwicklung und löst so ganz natürlich auch das Rätsel, wie der Verfasser des Hohen Liedes mit dem des „Kohelet“ identisch sein kann. Salomos Welt wird ihm zur Welt der Völker, er erscheint ihm als ein hebräischer und zugleich als ein universeller Faust, dessen weitgespanntes Leben alle menschliche Erfahrung in sich schließt — Fleg hat uns ein alt-neues jüdisches Epos, die Legende und die Dichtung Salomos in neuem Gewände wiedergegeben und dafür muß man ihm dankbar sein. Wir geben mit Genehmigung des Verlages R. Piper & Co., München einen kurzen Auszug aus dem Kapitel „Das Gold der Sprüche“ wieder: Nachdem der Sohn Davids dem Ewigen den Tempel geweiht hatte, kehrte er nach Gibeon zurück und wieder sah er nachts den Herrn in einem Gesicht, und also sprach der Herr zu ihm: Ich habe dir gewährt, worum du mich anflehtest; ich will wohnen im Hause, das du mir bautest, auf daß mein Name immerdar dort herrsche; für ewige Zeit wird mein Auge und mein Ohr offen sein den Gebeten, die an diesem Ort aufsteigen. Wenn du wider mich gesündigt hast und Buße tust und in meinem Hause mich anflehst, so werde ich in den Höhen des Himmels deine Stimme hören und dem Reuigen verzeihen. Wenn ob der Sünde meines Volkes die Wolken sich verschließen und der Erde den Regen versagen, wenn Hungersnot die Länder heimsucht oder eine Krankheit Getreide, Menschen und Vieh, und Israel dann Buße tut und in meinem Hause mich anfleht, so will ich in den Höhen des Himmels seine Stimme hören und den Reuigen verzeihen. Und wenn der Fremde, der meinem Volk nicht angehört, kommt, um in meinem Heiligtum zu beten, so will ich in den Höhen des Himmels seine Stimme hören und den Wunsch seines Herzens erfüllen; denn der Tempel, den Israel mir baute, sei ein ITaus des Gebets für alle Völker. Wenn ihr 1 Verlag R. Piper & Co., München. aber abweicht von meinen Gesetzen und Geboten, wenn ihr Gott, der euer Heil ist, zurückstoßet und euch und euer Blut durch die Unzucht mit fremden Göttern schändet, dann werde ich meinen Tempel aus meinem Volke reißen und mein Volk aus meinem Tempel und es zerstreuen unter dem Angesicht des Himmels; und zerstreut sollen seine Glieder mit denen Adams faulen, und Adams Herz, verfault, wird keinen Schlag mehr tun. So legiere denn, König Salomo, in der Weisheit, die ich dir gab, und fahre fort, mit ihr, den Menschen zuliebe, am Frieden zu bauen, dem deine Weisheit, Gott zuliebe, den Tempel baute. Und Salomo herrschte also in Weisheit über Israel. Und seine Weisheit war größer als die aller Männer des Ostens, größer als die aller Ägypter, als die des Ezraiten Ethan, als die des Darda, des Heman und des Kalkol, der Söhne Mahols, größer als die Josephs, Abrahams und Adams. Und er unterwies die Kinder Israels in der Weisheit und aus allen Ländern kamen die Kinder der Völker und lernten Weisheit von ihm. So kamen auch einmal aus fremden Landen drei Brüder und wollten seinen Rat haben. Dem Ersten schmeckte kein Essen; dem Zweiten gelang nichts, das er unternahm; der Dritte hatte ein Weib, bei dem er seines Lebens nicht froh werden konnte. Geh in den Wald, sagte er zum Ersten. Steh auf, wenn es dämmert, sagte er zum Zweiten. Schau dem Schmied zu, sagte er zum Dritten. Als sie den Palast verlassen hatten, lachten sie über diese Ratschläge und meinten, der König habe sich über sie lustig machen wollen. Aber nach einiger Zeit wurde der Älteste nachdenklich und sprach zu sich selbst: Ich will doch seinem Rat gehorchen, die Folgen werden sich ja zeigen. Er ging also in einen Wald. Holzhauer hatten gerade einen Baum gefällt, der so schwer war, daß sie ihn nicht auf ihren Wagen laden konnten. Er half ihnen und strengte sich dabei an, so daß sein ganzer Körper in Schweiß gebadet war. Als er nach Hause kam, aß er Brot und es schmeckte ihm besser als der köstlichste Leckerbissen. Dieses Beispiel gab dem Zweiten Mut; er erhob sich jeden Tag vor Sonnenaufgang, überlegte; was zu tun sei und war so tätig, daß ihm fortan alles geriet. Daraufhin ging der Dritte zum Schmied und er sah, wie das härteste Eisen in der Flamme biegsam wurde und jede Gestalt annahm, die der Hammer ihm gab, und von nun an machte er durch das Feuer der Zärtlichkeit und der Strenge seine Frau biegsam und lebte in Frieden mit ihr. Eines Tages nun, als er im Gemach seines Palastes seinen Sprüchen nachsann und wie er durch sie das Herz der Menschen bessern könnte, hörte er vor dem Fenstergitter einen Täuberich zu seinem Weibchen sagen: „Was ist denn Großes an diesem Tempel Salomos? Wenn ich wollte, so könnte ich ihn mit einem Schnabelhieb umwerfen!“