Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 17 (27.4.1928)
- Date
- 1928-04-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 17 27. Hpril 15. Jahrgang Ganz wie bei uns Die Nachrichten, die in der letzten Zeit aus der Sowjet-Union in die Außenwelt gelangen, wissen von Erscheinungen zu erzählen, die inan in anderen Ländern der Welt, in welchen keine radikal-sozialistischen Regierungssysteme herrschen, leider nur viel zu gut kennt. Da erfährt man, daß der Leiter der Moskauer Staatsoper jüdische Mitglieder des Orchesters wegen ihres Judentums in einer derartigen Weise brutalisiert, daß ein Geiger Selbstmord begeht und die anderen Orchestermitglieder „freiwillig“ auf ihre weitere Tätigkeit an diesem völlig der Regierung unterstehenden Staatsinstitut verzichten. In kommunistischen Staatsbehörden werden auf jüdische Beamte von den nichtjüdischen Kollegen Treibjagden des Hasses und der Beschimpfung veranstaltet und die jüdischen Angestellten systematisch isoliert und schließlich verdrängt. ln den Jugendorganisationen der kommunistischen Partei werden die jüdischen Kameraden beschimpft, geschlagen und zum Austritt gezwungen. An den sowjetistischen Staatsschulen bilden die nichtjüdischen Kameraden Vereinigungen zur Bekämpfung ihrer jüdischen Mitschüler. In der Ukraine und in Weißrußland lebt das Wort aus der Zarenzeit auf: „Schlagt die Juden tot und rettet Rußland.“ In der gesamten nichtjüdischen Gesellschaft, bei Arbeitern, Beamten, Soldaten und Bauern ist die antisemitische Stimmung genau so stark wie eh und je und mit den wachsenden Schwierigkeiten der politischen und wirtschaftlichen Lage in der Sowjet-Union steigert sich der Haß gegen die jüdische Bevölkerung. Diese aber bricht unter dem Druck der Wirtschaftsgesetze in dem kleinen Städtchen der Ukraine, Weißrußlands und Sowjet-Rußlands zusammen. Ihre Existenz- Basis verengert sich von Tag zu Tag und die wenigen Tausende jüdischer Seelen, die in der Ukraine und in der Krim kolonisiert wurden, haben, wie es nicht anders zu erwarten war und wie es selbstverständliche Begleiterscheinung jeder Neukolonisation ist, kaum den Anfang der Schwierigkeiten ihrer Umschichtung von Stadtbewohnern in Landwirte überwunden. Trotz der Not in den Städten, trotz der Ungewißheit der jüdischen Existenz in Handel und Verkehr haben, wie eine andere Nachricht meldet, im letzten Jahr von den in der Ukraine angesiedelten Juden über 30 Prozent wieder die Kolonien verlassen. Ein derartiger Prozentsatz ist, um Vergleiche heranzuziehen, in den jüdischen Kolonien Argentiniens oder gar in den landwirtschaftlichen Siedlungen Palästinas, innerhalb einer Jahresfrist nie der Scholle untreu geworden. Alles zusammengenommen sind also die Neuigkeiten, die man von den Juden in der großen Sowjet-Union erfährt, sehr wenig erfreulich. Dabei muß man festhalten, daß das Sowjet-System und die Sowjet-Regierung wirklich den ernsten Willen haben, die Schande des Judenhasses und die bittere Erscheinung der Judennot aus der Welt zu schaffen. Es ist kein Zweifel, daß die antisemitischen Vorkommnisse bei Staatsbehörden und in der kommunistischen Partei den führenden Männern der Sowjet-Union nicht nur aus politischen Gründen, sondern wegen ihrer kommunistischen Überzeugungen äußerst unangenehm sind. Es fehlt diesen Stellen sicherlich nicht der allerbeste Wille, in dieser Hinsicht Wandel zu schaffen. Und die Tatsache, daß die offizielle Parteipresse, die obersten Parteiinstanzen und die sowjetistische Justiz jeden Fall antijüdischer Ausschreitungen brandmarken, bzw. mit unnachsichtlicher Strenge ahnden, muß als Entschuldigung für diese Instanzen gebucht werden. Trotzdem aber haben all diese Regierungsoffiziellen Bestrebungen ebensowenig Erfolg, wie ihre angestrengten Versuche, in die aMgemeine Wirtschaft der Sowjet-Union Ordnung zu bringen. Es handelt sich nämlich in beiden Fällen um Probleme von ungeheuerlicher Ausdehnung und Vielfältigkeit, und guter Wille allein genügt nicht, diese Probleme zu lösen. Mit Entsetzen müssen die führenden Kommunisten in Rußland und mit ihnen die denkenden Juden in der Sowjet-Union wie auch in der ganzen Welt erkennen, daß ein jahrtausendealter Prozeß, wie ihn die antijüdische Einstellung der nichtjüdischen Umgebung darstellt, nicht in kurzer Zeit und vielleicht überhaupt nie liquidiert zu werden vermag. Man kommt nachgerade zur Überzeugung, daß der Judenhaß, einerlei wie die Regierungsform in den einzelnen Ländern sein mag, unzertrennlich mit der Existenz von jüdischen Minderheiten innerhalb von gewaltigen nichtjüdischen Mehrheiten verbunden ist. Solange es Juden gibt, eine jüdische Eigenart, eine besondere jüdische Geistigkeit, eine rasche jüdische Auffassungsgabe und Entwicklungsfähigkeit, solange die Juden einen in ihrem Äußeren und in ihrer geistigen Disposition erkennbaren Typus darstellen, solange ist die Spannungsmöglichkeit zwischen ihnen und ihrer andersgearteten Umgebung vorhanden und muß sich mit Naturnotwendigkeit bei allen Gelegenheiten entladen. Dieser Gegensatz hat nichts mit irgendwelchen Weltanschauungen, Religionsüberzeugungen und Staatsformen zu tun. In seinen Erscheinungsarten wird er natürlich durch Reaktion, Aberglaube, Unkultur und Unbildung verschärft und durch höhere Zivilisation gemildert, prinzipiell aber ist er eine Angelegenheit, die eher der Biochemie als der Politik zuzuzählen ist. Diese Behauptung mag übertrieben klingen, sie läßt sich aber durch Vorkommnisse in aller Welt erhärten. Ein ähnlicher Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden würde wahrscheinlich auftreten, wenn eine andere Volksminorität, in zahllosen Grüppchen verstreut, in einer artfremden Umgebung leben und trotz aller Angleichungsversuche sich von dieser Umgebung erkennbar abheben würde. Wenn man also die Fälle des Judenhasses in der Sowjet-Union registriert und feststellt, daß trotz zehnjähriger kommunistischer Herrschaft der Gegensatz zwischen Juden -und Nichtjuden nicht verschwunden ist, so ist das nicht ein Vorwurf gegen den Kommunismus oder gegen sein Regierungssystem in der Sowjetunion. Allerdings muß man leider sagen, daß der unvermeidbare Anteil