Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 6 (11.2.1927)
- Date
- 1927-02-11
- Page
- Seite 92 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Das Jüdische Echo Nr. 6 11 11! 1 ll.JIli Feuilleton || üll 11 11111 llll IIII 1 | „David Leon Knobel Lünefeld“ In seinem soeben erschienenen Tagebuche ..Zarenwillkür und roter Terror“ (Verlag der ..Königsberger Allgemeinen Zeitung“) teilt Dr. Ernst Serafim nachstehende Geschichte mit, die leider den Vorzug hat, nicht erdichtet zu sein. Am 29. Dezember habe ich in mein Tagebuch folgendes sehr ergötzliches „Document humain“ aus der Zeitung „Sibir“ eingetragen: Eine Korrespondenz aus Narym im Tomskischen Gouvernement: Der Jude David Lünefeld, der aus Galizien in den Narymschen Kreis ausgewiesen worden ist und zurzeit im Dorfe Tschigora der Posabelskischen Gemeinde lebte, sandte am 17. Dezember dem Minister des Innern folgendes Gesuch zu, das wir hier Wort für Wort folgen lassen. „Ein halbes Jahrhundert zurück, bei meiner Ankunft in Rußland, hörte ich zufällig eine Anekdote von einem Strashnik (Feldgendarm) und einem Hasen, der versucht hatte, die Grenze zu überspringen. Als der Hase — so erzählt die Anekdote — von dem gestrengen Richter verhört wurde, erklärte er zu seiner Rechtfertigung, daß in Rußland ein Befehl angeordnet habe, alle Kamele müßten mit Hufeisen beschlagen werden. Er habe sich deshalb über die Grenze in Sicherheit bringen wollen. ,Was heißt aber das4 — sagte erstaunt der Strashnik — ,Ihr seid doch, so weit ich sehen kann, ein Hase, aber kein Kamel!4 .Stimmt! Aber nichts destoweniger wird man zuerst beschlagen —< nachher versuche zu beweisen, daß du kein Kamel bist!4 Ich bitte mich sehr zu entschuldigen, Hohe Exzellenz, daß ich mir erlaubt habe, in meiner Bittschrift diese Anekdote anzuführen, aber da ich mich in der Haut jenes Hasen fühle, so kann ich mir sie nicht verkneifen. In der Wohnung, die ich in der Stadt Stanislaw in Galizien bewohnte, wohnte vor mir ein gewisser Leon Knobel. In der Nacht auf den 14. März 1915 erschienen in meinem Quartier Gendarmen und Polizei, um Leon Knobel zu arretieren, der kurz vorher mit den österreichischen Truppen das Weite gesucht hatte. Als sie Knobel somit nicht fanden, so arretierten sie mich an seiner Stelle und führten mich zum Kommandeur Gawinski. Die aufs genaueste ausgeführte Besichtigung meines Quartiers hatte nicht das geringste belastende Resultat ergeben. ,Wie heißt du?4 — fragte der Kommandant. .David Lünefeld1 — antwortete ich. .Nicht wahr, du heißt Leon Knobel4 — erklärte der Kommandant und befahl mich einzusperren. In Stanislaw wohne ich nun schon 30 Jahre, jedes Kind kennt mich, alle wissen, daß ich David Lünefeld bin, wissen, wer Leon Knobel ist, der mit den Österreichern sich geflüchtet hat. Bei dem Appell im Gefängnis rief man immer Leon Knobel auf, aber ich gab dem Ruf keine Folge, denn, da ich nun mit Gottes Hilfe rund 49 Jahre auf dieser Welt als David Lünefeld gelebt habe, war ich nicht damit einverstanden, plötzlich per ordre de mufti in Leon Knobel verwandelt zu sein. Als ich aber mich unterstand, gegen diese Verwandlung zu protestieren, sagte der Kommandant Gawinski: ,Ach was, du mußt doch nach Rußland, dort ist gut leben.4 Und so ging ich denn mit der Etappe und kam allmählich in den Narymschen Kreis des Tomskischen Gouvernements — ich war und blieb Leon Knobel, wobei, um diesen gesetzlosen Akt zu maskieren, man mich in den Papieren .David Leon Knobel Lünefeld4 zu nennen beliebte. Aus dem in meinen Händen befindlichen Eheschein können sich Ew. H. Exz. leicht überzeugen, daß ich und kein anderer David Lünefeld bin. Dieses offizielle Dokument, das mir am 4. September 1914, sub. Nr.. 867, ausgereicht worden ist, ist ein Auszug aus den Stanisilawschen Matrikbüchern Th. VI pag. 105. Meine Frau und sechs Kinder sind buchstäblich ohne einen Bissen Brot zu Hause geblieben:. Ich bitte daher Ew. H. Exz. alleruntertänigst, die unverzügliche — um nicht mehr zu sagen — Nachlässigkeit der russischen Amtspersonen in Galizien zu korrigieren und mich von der Verschickung zu befreien.“ Was mag wohl aus „David Leon Knobel Lünefeld“ geworden sein?! ffomfrasse ■} ^ffijüne/yen «J*eindfc tKcwmlfcidii nacK 01Xajl 4«it üßex 50 xcn Cfifeindutttetuny dflÜeftfi auAeA £j3utß,etXijA-S^andan