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Das jüdische Echo · 1925-10-23 · 43 (23.10.1925) · p. Seite 811

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
43 (23.10.1925)
Date
1925-10-23
Page
Seite 811 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 43 811 Das Jüdische Echo [O&ErJ, jPHRRld, ^intoü. ^155^ JUDft DERJUNEE nü5E essi uwm er, denn vieles verband ihn mit diesem Dichter. Sie kamen vom selben Stamm, hatten die gleiche Erziehung und hatten Gleiches erfahren. Sie kannten die Tiefen des Lebens und dessen karge Freuden und hatten dasselbe glühende Herz für ihr Judentum und für alle bedrückten, leidenden Menschen. Mit Inbrunst vertiefte sich Lilien in die den ganzen Menschen bewegenden Lieder und versichtbarte in meisterhaft beherrschter Linie die tiefe Tragik, die Morris Rosenfeld dem fühlenden Menschen offenbart Lange hat sich Lilien mit dem Plan getragen, die Bibel zu illustrieren. Er hat lange damit gerungen, und erst nach seiner Palästinareise (1907) nahm der Gedanke feste Form an, die Bibel als ein Ganzes zu formen, Textsatz, Umrahmung und Bild unauflöslich miteinander zu verbinden. Es fiele aus dem Rahmen dieser Zeilen, wollte ich die drei Bände beschreiben, die er nur schaffen konnte — der Tod hat ihm vorzeitig Stift und Feder aus der Hand genommen. Fürs erste mutet alles fremd an; wir sind an eine andere textliche Form gewöhnt. Doch bei längerer Betrachtung kann man sich unmöglich dem ungeheuren Eindruck des Werks entziehen. Hier ist Lilien am stärksten Jude gewesen. Mit ganz eigener Gründlichkeit hat er sich in den Inhalt des Buchs der Bücher eingelebt, ich möchte sagen, daß er statt mit Worten die Art des Lernens im Cheder, das Disputieren über die Überlieferung mit der Linie im Bild ausdrückt. Man sehe den jungen Moses an oder Hiob und man wird von der ausschöpfenden Charakteristik der Darstellung ergriffen sein. Oder Prinzessin Sabbath, wie sie in königlicher Ruhe die Thora im Arm hält, die Heiligkeit der Sabbatruhe darstellend, oder das Trauerlied — die Saiten der Harfe sind gesprungen, trauernd sitzt vorne die Gestalt und auf erhöhtem Postament liegt das erloschene Leben. Lilien war. ein Meister der. Linie. Diese konnte sich aber nur in stilisierter Form auswirken. Lilien hat sich den eigenen Stil gebildet. Er ist kein Naralist. Aber die Beherrschung der Stilform setzt größte Kenntnis der Naturform voraus. Wie emsig er diese studiert und mit welcher Liebe er sich in sie versenkt hat, beweisen seine Zeichnungen und Studien nach der Natur. Es ist bewundernswert, mit welcher Geduld er den geringsten Regungen der Natur nachgegangen ist. Er war da ganz Naturalist, trotzdem er auch hier fast ausschließlich mit der Linie gearbeitet hat. Die Zeichnung „Hebron“ gibt dafür den besten Beweis. Es ist natürlich, daß ein Künstler, der so Meister der Linie war, ganz von selbst zur Radiernadel greifen mußte und die Original-Radierung, die künstlerisch wertvollste Art der Graphik, ausübte. Lilien hat auch eine Anzahl schönster Radierungen geschaffen, die den höchsten Reiz der Linie ausströmen. Der „Yemenitische Jude“ ist eine seiner charakteristischsten Porträt-Radierungen. Eingangs sagte ich, wir liebten ihn. Liebten wir Juden ihn denn wirklich? Wer kannte ihn denn, als er noch lebte, hungerte und um seiner Kunst willen darbte, einer Kunst, die wir mit Stolz auch die unsere nennen dürfen, denn sie ist „jüdische Kunst“! Nur wenige Juden wußten von seinem Dasein. Lilien hat nicht umsonst gelebt. Er hat ein Werk hinterlassen, und das wird ihn immer lebendig erhalten. Sein Schicksal lehre uns, uns unserer jüdischen Künstler schon bei deren Lebzeiten anzunehmen. München, Tischri 5686. James Biberkraut, Kunstmaler. Vignette mm mm «Sflskl mm

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