Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 16 (21.4.1922)
- Date
- 1922-04-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 16 21. April 1922 9. Jahrgang Ungarns Mörderregime Der Massenmord, den die bekannten Mordbanden in Budapest durch das von uns bereits ausführlich behandelte Bombenattentat verübten, wirft ein grelles Schlaglicht auf die Verhältnisse in Ungarn und diese verdienen angesichts der äußerst lebhaften Beziehungen zwischen den reaktionären Kreisen in Bayern und in Ungarn unser besonderes Interesse. Im Zusammenhang mit diesem Mord ist eine Regierungskrise in Ungarn entstanden, deren Entwicklung von größter Bedeutung nicht nur für Ungarn ist. Das folgemschwere Bombenattentat in der Hauptstadt konnte nicht wie die unzähligen anderen Verbrechen der „Erwachenden Ungarn“ vertuscht werden. Die Entente-Vertreter in Budapest besichtigten und photographierten die Trümmerstätte und stellten den Tatbestand genau fest. Unter dem Druck der Tatsachen gab sich die Regierung den Anschein, die Verbrecher ernsthaft zu verfolgen. Aber selbst dies wollen die in Wirklichkeit herrschenden Verbrecher, die Hejjas und Konsorten nicht zulassen und ihre Drohungen gegen die Regierung sind so wirksam, daß der Ministerpräsident Bethlen schleunig aus Genua nach Budapest zurückkehren mußte. Man darf gespannt sein, ob die Regierung angesichts der sozusagen1 vor den Augen der Vertreter Europas begangenen Schandtaten, die sich nicht mehr verheimlichen lassen, angesichts der Tatsache, daß jedermann in Budapest die Mörder kennt ihre Abhängigkeit von diesen dokumentieren und sie weiterhin decken wird. Man darf gespannt sein, welche Haltung dieses selbe Europa einnehmen wird. Wir bringen hier einen Budapester Bericht der ob seines energischen Kampfes gegen die ungarische Regierung äußerst verdienstvollen „Wiener Morgenzeitung“: Nun weiß jeder gewiß, daß die Polizei genaue Kenntnis über die Täter des Elisabethstädter Bombenanschlages und über ihre Auftraggeber hat. Konnte noch ein Zweifel bestehen, so wird er durch die jüngste Verfügung zerstreut, durch welche den Journalisten der Zutritt zur Oberstad thauptmannschaft seit zwei Tagen verboten ist. Ein anderer sicherer Beweis dafür, daß die Polizei nichts mehr aufzuklären, dafür aber desto mehr zu vertuschen hat, ist, daß der Staatssekretär im Ministerium des Innern Dr. Koszo, dessen Chef Minister des Innern Graf Klebeisberg ist, Pressevertretern gegenüber bündig erklärte, daß die Täter nicht in Ungarn, sondern im Ausland, und zwar in Wien unter den Kommunisten und ungarischen Emigranten zu suchen seien. Man muß der Budapester Polizei zubilligen, daß sie in einem Abhängigkeitsverhältnis steht und in der Untersuchung keine freie Hand hat. Die Polizei bemühte sich auch, sich wenigstens vor der großen Öffentlichkeit und vor dem Ausland reinzuwaschen und die scheinbare Ergebnislosigkeit ihrer Erhebungsarbeiten zu erklären. Eine offizielle Erklärung der Oberstadthauptmannschaft besagt nämlich, daß die Vorerhebungen sich so langsam hmziehen, weil die Polizei gezwungen sei, in jedem Stadium der Untersuchung, bevor sie einschreitet, hiezu neuerliche Vollmachten von der Regierung anzusprechen. Das ist eine deutliche Sprache. In der Oberstadthauptmannschaft will keiner sich in dieser heiklen Affäre die Finger verbrennen, wie es bisher schon so viele Polizeibeamte, die ihre Aufgabe ernst nahmen, getan haben, und da es sich bei diesem Verbrechen fast durchwegs um Persönlichkeiten handelt, die trotz ihrer Massenverbrechen stets den Schutz der Regierung genossen, muß in jedem Falle eine neue Bevollmächtigung zum Einschreiten erworben werden. Die Polizei ist der Ansicht, daß nicht sie, sondern die Regierung die persönlichen und politischen Konsequenzen der restlosen Aufhellung des Komplottes der sogenannten unverantwortlichen Nebenregierung auf sich zu nehmen habe. Im übrigen handelt es sich nicht mehr um eine Bombe, sondern um fünf Bomben, die gegen einzelne jüdische Familien oder gegen politische Zentren, in denen Juden die Mehrheit bilden oder die sonstwie der Bekämpfung der christlich-nationalen Reaktion dienen, hätten geschleudert werden sollen. Seit zwei Tagen sind auch die Versicherungen der Regierungsstellen verstummt, daß in dieser Affäre tatsächlich das Gesetz den Sieg davontragen werde. Eine dumpfe Resignation bemächtigt sich allmählich der Bevölkerung, die nicht daran glauben will, daß in Ungarn in absehbarer Zeit das Ende der Gewaltherrschaft und des Terrors kommen werde. Der Ministerpräsident Graf Bethlen trifft heute in Budapest ein, Er ist, wie schon berichtet, von dem Minister des Innern zurückberufen worden, dem der Reichsverweser Horthy den strikten Befehl gegeben hatte, sich in der Bombenaffäre nicht weiter zu bemühen. Die Führer der „Erwachenden Ungarn“ haben dies durchgesetzt. Sie gehen sogar noch weiter und fordern offen die Nominierung der Mörder als offizielle Wahlkandidaten. In den Polizeiprotokollen werden als solche Anstifter des Attentates neben dem Oberleutnant Bibo noch genannt: Ivan Hejjas, Ladislaus Budavary, Georg Hegedüs und Georg Hir. Eine Erklärung der „Erwachenden“ im „Nemzeti Ujsag** bezeichnet ausdrücklich die Kandidatur dieser Personen als Bedingung für einen Burgfrieden. Einer der Attentäter namens Josef Kovacs ist der Polizei überstellt worden unter der Anklage, er habe die Aufgabe übernommen, zwei von den „Erwachenden Ungarn“ gelieferte Bomben gegen das Haus des jüdischen Gastwirtes von Jaszkarajenö zu werfen. Bei der Einvernahme machte er die folgende Aussage: „Ich weiß nicht was man von mir will. Die gnädigen' Herren haben in allen Volksversammlungen den Judenmord verkündet und erklärt, daß Juden zu morden und zu plündern gestattet und eine patriotische Tat sei. Und wir armen Teufel haben den gnädigen Herren geglaubt und uns gerne in ihien Dienst gestellt.“ Ein Opfer des Anschlages, der Handschuhfabrikbesitzer Karl Haas, einer der angesehensten Budapester Bürger, dürfte noch im Laufe des heutigen Tages sterben* Der ärztlichen Meinung zufolge soll eine Gehirnblutung eingetreten sein. Die Ärzte geben jede Hoffnung auf.