Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 6 (10.2.1922)
- Date
- 1922-02-10
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9145375--04785-9077453- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 6 10. Februar 1922 9. Jahrgang Die Welle Auf einsamer Klippe mitten im Meer lebte ein Mensch. Er starrte an Sonnentagen geblendeten Auges über die glitzernde Fläche. Er pfiff, wenn leichte Brise den Spiegel trübte, keck ein Lied seines Mutes und seiner Unbesorgtheit. Breitbeinig stand er auf der Höhe, stemmte den Körper gegen die Last des Windes, wenn Wellen lang und niedrig heranwogten, die Riffe ringsum überspülten und gar am Felsen emporbrandeten. — Einmal jedoch flog der Sturm über das Meer und peitschte klatschende Wogen über den steinernen WalL Aber das war lange her und unschädlich vorübergegangen. Er wollte nicht daran denken, des nie ganz überwundenen Schreckens sich nicht bewußt werden. Er träumte, im Innersten vor neuem Unheil bang, von Frieden und Freundschaft mit dem Meer; ia, oft fühlte er sich den Fluten vertraut und fast verbrüdert. Da kam, an einem Herbsttag, aus schwarzem Gewölk der Orkan, heulte über die See, rief donnernde Flut gegen Insel und Himmel zum Kampf. Schon dröhnten Wogen über die Klippe hinweg, schleuderten Gestein, zertrümmerten Riffe gegen, den wankenden Fels. Der Mensch lag, die Finger in den Boden gekrampft, an den sich sein Leib zitternd schmiegte, halb bewußtlos auf der Höhe seines unsicheren Zufluchtsorts. Er sah und hörte und fühlte nicht mehr; aber sein Herz bebte vor dem vielfältigen Tod, der auf den Kämmen der Wogen gegen ihn heranritt. Das währte Minuten, Stunden, vielleicht Tage. Dann aber kam ein Morgen, da die Sonne ruhig wie je über der unbewegten Fläche leuchtete. Ihre Strahlen streichelten den Körper des Menschen, schmeichelten ihn zum Leben zurück. Erst schaute er mit irren Augen in Ruhe und Licht, stöhnte, suchte sich zu erheben, ertastete an seinem armen Leib Beulen, Brüche, blutende Wunden, Lange Zeit war ihm die Seele gelähmt; noch nach Wochen ließ ihn jeder Windhauch erzittern. Aber der Himmel blieb unverändert hell, die Luft warm, ölglatt das Meer. Der Mensch erholte sich schneller, als er selbst zu hoffen gewagt; sein Herz wurde ruhig, und da die Bedrohung sich nicht wiederholte, vergaß er, daß er in irren Nächten davon geträumt hatte, Schutzwehren gegen die Flut zu bauen, sich eine Höhle zu graben, oder auf angeschwemmtem Gebälk das kümmerliche Asyl zu verlassen. Er glaubte nicht an erneute Gefahr oder wollte nicht daran glauben; warf ihm nicht das reuige Meer täglich reichlicher leckere Fische, schmackhafte Muscheln und Algen an den Strand? Er malte sich aus, welche Mühe der Bau einer Höhle oder eines Wehrs erfordern, welche Not ihm der Versuch, die Insel zu verlassen, bringen könnte. So beschloß er gar nichts zu tun. Er starrte wie vordem an sonnigen Tagen übeT die glitzernde Fläche. Er pfiff, wenn leichte Brise den Spiegel trübte, keck ein Lied seines Mutes und seiner Unbesorgtheit Breitbeinig stand er auf der Höhe, stemmte den Körper gegen die Last des Windes, wenn die Wellen lang und niedrig heranwogten und gar am Felsen emporbrandeten. Und wenn auch einmal der Sturm. aber das war lange her und man brauchte nicht daran zu denken. — Was aus dem Menschen wurde, weiß ich nicht. Vielleicht treibt er, im Orkan von seinem Felsen gespült, gräßlich verstümmelt auf den Wogen. Vielleicht hockt er noch heut auf seiner einsamen Klippe im Meer, tief im Herzen die ewige Angst vor der tückischen See, deren Gefahren er vergessen will.... Im übrigen wissen meine Leser ja nicht weniger gut als ich, daß diese Geschichte aller Wahrscheinlichkeit entbehrt. Tatsächlich ist sie nichts als das Ergebnis einiger beschäftigungslosen Stunden, zu denen mich im Wartesaal eines weltabgelegenen Ortes der Eisenbahnerstreik zwang. Es ist kaum anzunehmen, daß Menschen in ähnlicher Lage sich benehmen würden wie mein Held. Sie würden zweifellos aus Erfahrungen so bitterer Art den Schluß ziehen, daß sie alles daran setzen müßten, um ihre Lage gründlich zu verbessern. Es ist nicht anzunehmen, daß sie sich immer wieder selbst über ihre wahre Situation und die ihr entsprechenden Notwendigkeiten würden täuschen wollen. So erscheint es mir z. B. undenkbar, daß die deutschen Juden, umbrandet vom Meer des Antisemitismus, nicht ihre letzte Kraft zu entscheidender Anstrengung zusammen raffen sollten. Ich kann nicht glauben, daß sie irgend versäumen werden, was die Existenz ihrer gefährdeten Gemeinschaft sichern könnte. Ich mag nicht annehmen, daß sie, sollte der Sturm, der sie noch umtobt, sich legen, in dieselbe Lethargie zurückfallen würden, die sie früher gefesselt hielt. — Schon sehe ich sie freudig am Werk, jüdischem Volkstum ein festes Haus zu zimmern. Denn solche Tölpel wie jenen Menschen auf seiner Insel gibt es bekanntlich im Leben nicht. Sie kommen nur im Gehirn beschäftigungsloser Reisender während eines Eisenbahnerstreiks vor, der sie ausgerechnet in Crailsheim festhält. — So wird niemand aus dieser Fabel eine Lehre ziehen wollen, die doch nichts als eine Binsenwahrheit wäre. G—. Die Arbeit für den Keren Hajessod Die Erfolge des Keren Hajessod in Amerika. Philadelphia. (J. C. B.) Nahum Sokolow, Professor Karburg. Dr. Goldstein und Dr. Rothenberg sprachen hier in einer jüdischen Massenversammlung, die sich zu einer großartigen Demonstration für das jüdische Palästina gestaltete. Nach Schluß der Versammlung überreichte der Vorsitzende Herrn Sokolow einen Scheck auf 100 000 Dollar für den Keren Hajessod. N e w Y o r k. (J. C. B.) Die Mitglieder der zionistischen Delegation besuchten die Stadt Atlantic, wo sie in einer Massenversammlung, der auch der City-Major beiwohnte, über den Wiederaufbau Erez Israels sprachen. Das Ergebnis der Versammlung war ein Eingang von 25 000 Dollar für den Keren Hajessod. Der Bürgermeister überreichte Herrn Sokolow das Dekret der Ehrenbürgerschaft der Stadt Atlantic.