Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 4 (27.1.1922)
- Date
- 1922-01-27
- Page
- Seite 47 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 4 _ 27. Januar 1922 9. Jahrgang öffentliche Meinung und Führertum Bis vor kurzem gab es im deutschen Judentum keine öffentliche Meinung. Wohl einte urewigjüditscher Instinkt den Thioratreuen mit dem Gottesleugner, den Indifferenten mit dem Zioniisten, wohl fühlte man sich einander verwandt und war es tatsächlich; wohl verkehrte man fast ausschließlich miiteinander, las dieselben Zeitungen, gehörte zur selben Partei, pries das gleiche Buch, dasselbe Musikstück, diesen Philosophen und jenen Maler. Das alles aber geschah fast triebhaft, jedenfalls ganz zusammenhanglos und führte zu keiner festeren Bindung, zu keiner aktiveren Gemeinsamkeit. Es war ein passives Nebeneinander, kein tätiges Miteinander; und selbst dies Nebeneinander zerbrach fast stets, wenn jüdische Fragen jüdische Menschen vor geistige und seelische Entscheidungen stellten. Denn dann trennte man sich mißtrauisch in einander feindliche Richtungen und Gruppen, und die große Schar der Indifferenten wollte weder von der einen noch von der anderen etwas wissen. Dieser Dauerzustand der Anarchie machte es nötig, Aufgaben der jüdischen Gesamtheit, die unter allen Umständen erfüllt werden mußten, in die Hände von Mähmern zu legen, deren persönliches Ansehen und sonstige Qualitäten ihnen zwar nicht den Anspruch gaben, wahre Führer auch, im Judentum zu sein, von denen man übrigens Führereigenschaften zumeist weder verlangte noch erwartete. von deren tüchtiger Arbeit man aber, wenn möglich, die Erhaltung des Bestehenden erhoffte. Es gab demnach eine Menge Geschäftsführer im deutschen Judentum, aber wenige Führer, denen das Volk wahrhaft folgte. Gemeindearbeit, Abwehrtätigkeit, Palästinaaufbau, soziale Fürsorge ■— immer nahmen nur einzelne daran Anteil, immer nur war es Angelegenheit weniger Berufener oder Unberufener, nie die der Juden. Das Fehlen einer jüdischen öffentlichen Meinung hat seine historischen und politischen Gründe, und wirklich haben die Verhältnisse mehr Schuld daran als die Menschen. Das hindert nicht, daß eben hier Anfang und Ende unseres Elends ist, unserer Schwäche nach innen, unserer Widerstandslosigkeit nach außen. Nur deshalb sind wir so sehr Objekt der Politik, nur deshalb fällt es unseren Feinden so leicht, die Volksleidenschaft immer wieder gegen uns zu entflammen; nur deshalb haben in unserer Mitte Gleichgültigkeit und Abfall immer noch ihre fatale Bedeutung.— Es scheint, daß solche Erkenntnis Allgemeingut geworden ist. Heute bemühen sich fast alle jüdischen Gruppen sachliche Bindungen innerhalb der Judenheit zu schaffen, gemeinsame Aufgaben, allgemein anerkannte Ziele. Die Errichtung des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands, die Revision der bisherigen Ostjudenpolitik im Sinne produktiver Fürsorge war der erste entscheidende Schritt auf diesem Wege. Diese Entwicklung hat Fortschritte gemacht; der Aufruf für den Keren Hajcssod zeigt, daß sie bereits sehr mächtig ist. Der Palästiinagedanke hat das deutsche Judentum erfaßt. Er ist kein zionistisches Monopol mehr. Wie die vom Arbeiterfürsorgeamt begonnene Ostjudenpolitik allmählich allgemein jüdisches Postulat geworden ist, so wird Palästina und die Erneuerung der jüdischen Gemeinschaft auf uraltem heiligen Boden, aus welchen Gründen auch immer, heute bereits von fast allen gewollt. Es gibt eine öffentliche Meinung für Palästina im deutschen Judentum. Noch ist sie unsicher und verwirrt, verwirrt insbesondere durch den nie abgeschlossenen Kampf gegen den Zionismus. Schon aber weiß das liberale Judentum, daß es schon aus religiösen Gründen den Aufbau Palästinas nicht den Zionisten allein überlassen darf, und wenn jetzt sogar der „Israelit“ in einem äußerlich lärmenden, im Grunde aber recht kleinlauten Rückzugsartikel den Vorwurf zurückweist die Liberalen vor dem Keren Hajessod gewarnt zu haben, so zeigt das deutlich, daß, nach dem Eingeständnis desselben Blattes, „die Sympathie für den wirtschaftlichen Aufbau Erez Jisroels erfreulicherweise weiteste Kreise ergriffen hat“.— Keren Hajessod und Palästina — für sie besteht eine öffentliche Meinung im Judentum. Und merkwürdig: das wenig verantwortungsfreudige deutsche Judentum findet plötzlich die Männer, die es wagen, der Entwicklung die Wege zu bahnen. Öffentliche Meinung und Führertum sind eben nicht voneinander zu trennen; einer lebendigen Gemeinschaft erstehen ganz von selbst die Kräfte, die ihren Willen zur Tat werden lassen. Die Männer, die den Aufruf für den Keren Haiessod unterschrieben, haben bewiesen, dlaß sie nicht nur Geschäftsführer ihrer Gemeinden oder Organisationen sein, daß sie nicht nur ein Amt und keine Meinung haben wollen, sondern daß sie die Verpflichtung fühlen, voranzugehen und zu führen. Sie haben ein großes Werk gewagt, aber Zähilgkeit und Eifer werden ihnen Gefolgschaft leisten, und es zum Guten vollenden. — Jeder Tag vermehrt die Zahl derer, die den Keren Hajessod unterstützen. Noch stehen andere abseits; sie sind nicht Gegner des Werkes, sie begrüßen es mit Freude und Sympathie, sie werden ihm weder ihr Scherftein noch freundliche Worte verweigern; aber sie scheuen die Verantwortung, sie fühlen sich als Geschäftsführer und nicht als Führer, sie ahnen nichts von der Pflicht leitender Persönlichkeiten zum Führertum. — Wer diese Pflicht verletzt, tut Unrecht, desto größeres, je einflußreicher seine Stellung, je beachteter daher seine Pflichtverletzung ist, je stärkere Nachahmung sie findet. Auch Nichthandeln kann ein Tun bedeuten; und Taten pflegen im politischen Leben politische Folgen zu haben. Wir hoffen und glauben freilich, daß die Verantwortungsfreudigkeit und die jüdischen Entwicklungsmöglichkeiten derjenigen prominenten Persönlichkeiten des deutschen und vor allem auch des bayerischen Judentums, die noch nicht ihre Verpflichtung zum Keren Hajessod zu führen erkannt haben, groß genug sein wird, um eine Ge-