Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 52 (30.12.1921)
- Article
- Original - Ungeschnitten
- Date
- 1921-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 138)
- Language
- German
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664 Das Jüdische Echo Nr. 51 die Stille, die ihr Grab umgibt. Es wird von langgedehnten Schreien begleitet, wilder und schrecklicher als ein jetzt lebendes Wesen entsende n kann. Als wir dies hören, sagen wir zwei Reisegenossinnen zu einander, es sei nicht wunderlich, daß Rahels Grab bis auf unsere Tage bewacht wurde. Da alles Volk an sie als an die große Mutter glaubt, deren Liebe zu ihren Sprößlingen nie sterben kann, konnte sie nie vergessen werden, und kein vom Weibe Geborener hat gewagt, die Hand gegen ihre Ruhestatt zu erheben. Wir sprechen von diesem, als der Wagen an dem weißen Grabhaus vorbeiführt. Im selben Augenblick zucken wir heftig zusammen. Es ist jetzt nicht Abend, sondern hellichter Vormittag, aber dessen ungeachtet hört man vom Grabe einen langen, unheimlichen gedehnten Schrei und gleich darauf noch einen und noch einen. Das ganze Tal i!st wieder voll von diesen Lauten, die unser Trommelfell zerreißen. Es liegt nichts Menschliches in ihnen, ja kaum etwas Tierisches. Es war nichts, das in dieser Welt daheim war, in der wir nun lebten. Es waren solche Schreie, wie das wilde Weibtier sie am Morgen der Zeiten ausgestoßen haben mag. So hatte Eva gejammert, als Kain Abel bedrohte, so hatte Hagar über Ismael geweint. So mußte Rahel. die durch alle Zeiten Geliebte und Liebende über ihr Volk wehklagen und jammern. Der Dragomann gibt in aller Eile dem Kutscher ein Zeichen zu halten. Er springt aus dem Wagen und geht in die Grabkammer. Nach einer kleinen Weile kommt er zurück. Er erklärt uns, daß die furchtbaren Schreie von einer Beduinenfrau ausgestoßen werden, die in der Gruft steht und Rahel um Hilfe für einen1” kranken Sohn anruft. Wir sind halb und halb enttäuscht. Wir haben uns beinahe vorgespiegelt, daß es die Klage der großen Stammutter ist, die wilr hören. Wir sagen zu einander, daß diese Beduinenfrau von Rahel selbst klagen gelernt haben muß. Diese Urzeitlaute mußte sie in irgendeiner dunklen Nacht aus dem Grabe dringen gehört haben, und nun wiederholte sie sie, so gut sie es verstand, um die Teilnahme der schlummernden Toten zu erwecken. Wir sagen auch, daß solche Laute nicht in der Kehle einer europäischen Frau wohnen können, Wir sagen, daß wir in unserem Weltteil nie etwas älmliches hören werden. Wir sagen viel dergleichen, aber trotz alledem hatte ich an diesem Sommertage, dem letzten Tage im August 1914, denselben wilden Laut dicht vor meinem eigenen Haus gehört. Ich hatte den Schrei der wilden Mutter wiedererkanmt, wenn ihrem Kinde Gefahr droht, wie jeder, der ihn einmal gehört hat, sich für alle Zeiten daran erinnern muß und ihn nie verkennen kann. Die fortgewesen waren, um die Sache zu untersuchen, kamen jetzt zurück. Sie sagten, die Rufende sei eine arme Frau, deren einziger Sohn sie eben verlassen sollte, um in den Kriegsdienst zu gehen. Es handelte sich um nichts anderes als eine gewöhnliche Waffenübung, aber sie glaubte, daß er nie zurückkommen würde, da doch jetzt an allen Ecken und Enden Krieg war. Sie hatten ihr Vorwürfe gemacht, weil sie so wie eine Wahnsinnige geschrien und das ganze Haus erschreckt hatte. Aber sie hatte zur Antwort gegeben, daß sie so schreien mußte. Sie konnte nicht anders, da ihr Sohn nun in den Krieg sollte, um getötet zu werden. Ich dachte bei mir selbst, daß der harte Zwang der Zeit den Laut aus der Urzeit Rahels, der trauernden Mutter Weinen, in ihre Kehle gelegt hatte. Es war lange her, daß man ihn in diesen Gegenden gehört hatte, so lange, daß niemand hätte sagen können, von welchem Wesen er herrührte. Aber nun, da der Krieg über die Welt losgelassen war, war er aus der Tiefe der Menschennatur auferweckt, und nun würde er nicht so bald vergessen werden. Vielleicht würden wir ihn jetzt so oft zu hören bekommen, daß alle auch in unserer weltfernen Gegend lernen würden, ihn' wiederzuerkennen. Glückliche, ruhige Mütter, die nie geahnt hatten, daß es einen solchen Laut gäbe, würden vielleicht lernen müssen, daß er auch in ihrer Kehle wohnte. Gemeindenu. Vereins-Echo Zionistische Ortsgruppe München. Der zweite „Abend“ führte in behaglichem Rahmen eine Gruppe von Gesinnungsgenossen zusammen. In zwangloser Form unterhielten sich die Anwesenden über „Unsere Gemeindepolitik“, nachdem Herr Lichtenauer in interessanten Ausführungen die Grundlage für eine Aussprache gegeben hatte. "RbuThallmafer München %jsatinj9r&r.l8. O&nz&äaiw. Ijpigp Nr. 51 Das Jüdische Echo 665 Selbst für den' der Gemeindearbeit Nahestehenden brachte der Bericht viel Neues. Die Gemeindemitglieder haben ein Recht darauf, zu erfahren, was in den Gemeindestuben vorgeht, wie sie ein Recht haben, ihren Vertretern Richtlinien für die Arbeit zu geben; nicht zuletzt unterrichtet zu sein über die Stimmung und die Haltung der Münchner Judenheit. Es trägt nicht gerade zur Arbeitsfreudigkeit bei, wenn man erfährt, daß es Juden gibt denen ihr Judesein keine zwanzig Mark im Jahr wert ist: ein reiches Gemeindemitglied drohte mit dem Austritt aus der Kultusgemeinde, wenn seine jährlichen Kultusbeiträge zwanzig Mark übersteigen sollten! — In wertvollen Ergänzungen bereicherten die Herren Dr. Eli1 Strauß, Jakob Reich u. a. den Abend durch ihre prinzipielle Stellungnahme zu gemeindepolitischen Fragen. — Für den „gemütlichen Teil“ blieb keine Zeit mehr; man mochte ihn umso leichter vermissen, als die warm gehaltenen Ausführungen der Anwesenden das starke Zusammengehörigkeitsgefühl in jeder Weise verspüren ließen. — Wir werden die Besprechungen über die prinzipielle Stellung zur Gemeindepolitik am nächsten Abend, 10. Januar, fortsetzen. — Die Veranstaltungen für das kommende Jahr, wofür bereits Vorträge und Referate von den Herren Arnold Marie, Dr. Jul. Adler, Dr. B. Weiß, Dr. R. Strauß, Harburger, Dr. Gutmann u. a. vorgesehen sind, werden im „Echo“ jeweils bekannt gegeben. Nächste Zusammenkunft Dienstag, den 10. Januar 1922. G. Der Verband der jüdischen Jugendorganisationen München macht auf den ab 13. Januar 1922 jeweils am Freitag Abend 6.30 Uhr im Betsaal, Herzog Maxstr. 3, stattfindenden Gottesdienst aufmerksam. Die Israelitische Religionßgesellschaft Ohel Jakob hat in seiner zahlreich besuchten Mitgliederversammlung den einstimmigen Beschluß gefaßt, das Nachbaranwesen ihrer Synagoge in der Herzog Rudolfstraße anzukaufen. Durch diesen Erwerb wird es ermöglicht, die Synagoge beträchtlich zu vergrößern und so einem lange gefühlten Bedürfnis Rechnung zu tragen. Die Coßmann Werner-Bibliothek, Herzog Maxstraße 7/II und der mit ihr verbundene Lesesaal sind bestimmt, das geistige Leben unserer Gemeinde fördernd zu beeinflußen. Der große helle Lesesaal, der täglich geöffnet ist, enthält eine größere Anzahl von Zeitungen und wissenschaftlichen Zeitschriften aus den verschiedensten politischen und religiösen Richtungen des Judentums. Die Blätter stehen zur freien Verfügung des Publikums. Eine reichhaltige Handbibliothek soll auch den wissenschaftliche Belehrung Suchenden Anregung bieten. Die Bibliotheksverwaltung ist bestrebt, allen Wünschen der Besucher entgegenzukommen. Es ist dringend zu hoffen, daß die Besucherzahl eine immer größere werden wird und so die Absicht der Gemeindeverwaltung, mit der Errichtung der Bibliothek und des Lesesaales einen geistigen Mittelpunkt zu schaffen, in Erfüllung geht. Jüd, Turn- und Sport-Verein Bar Kochba. Am Donnerstag, den 22. Dez. und Montag, den 26. Dez. 1021 fällt das Damen- und Mädchentumen wegen anderweitiger Besetzung der Halle aus. Dafür findet für die Mädchenabteilung am Mittwoch, den 28. Dez. nachmittags 3 Uhr bei Orljansky, Rosental 9/II, ein Heimnachmittag statt. Turnplan : Halle in der Schwind-Schule, Schellingstraße. Damen-Abteilung: Montag und Donnerstag von 7.30—9 Uhr, Mädchen-Abteilung: Donnerstag von 6—7.30 Uhr. — Halle des T.-V. Sendling, Plinganserstraße 84: Herren-Abteilung: Mittwoch von 8—10 Uhr. — Halle im neuen Realgymnasium, Klenzestraße: Zöglinge von 6 4 bis 8 Uhr. S p o:r t p 1 an. Halle des Turnvereins Sendling, Plinganserstraße 84. Sämtliche Abteilungen: Mittwoch 7.30—10 Uhr Hallentraining. Sämtliche Abteilungen: Donnerstag ab 8Uhr Waldlauf. Start ab Halle Sendling. Am 15. Dez. 1921 feierte der Jüdische Sportverein Bar Kochba hier sein lOjähriges Stiftungsfest in dem Konzertsaal des Bayerischen Hofes. Die Begrüßungsansprache, die das Programm einleitete, hielt in Abwesenheit des erkrankten 1. Vorsitzenden Herr Masur. Darauf folgten Stabübungen von 6 Damen der Damenabteilung, die starken Beifall fanden. Von turnerischem Können zeugte das Barrenturnen der 5 Vorturner des Vereines, der Herren Kuhn, Riesenfeld, Meyerstein, Werner und Düring. Mit lebhaftem Interesse wurden die Übungen der Jugendabteilung aufgenommen, die unter der Leitung des Herrn Meyerstein 5 Pyramiden stellten. Den Höhepunkt erreichte die Veranstaltung durch die Ehrung der Gründungs- und verdienstvollen Mitglieder. Nachdem Herr Masur eine Vereinsgeschichte in kurzen Zügen gegeben hatte, ehrte er die Gründungsmitglieder, denen eine Urkunde übermittelt wird. Es sind dies die Damen: Frau M. Feuer, Frl. Camilla Hohenberger, die Herren: Gerson, Leop. Bogopolsky, Max Brym, Adolf Misch, Jak. Misch, Jakob Reich, Albert Kupfer, Max Bohrer. Mit der silbernen Nadel für verdienstvolle Mitarbeit wurden ausgezeichnet die Damen: Frau Reich, Frl. Camilla Hohenberger, Fridl und Martha Goldfarb, die Herren: Jakob Reich, Adolf Misch, Albert Kupfer, Josef Orljansky, Ernst Heumann, Max Gröger, Ernst Simon und David Masur. — Nachdem Redner noch allen denen gedankt hatte, die sich durch ihre aktive Arbeit um den Verein augenblicklich verdient machen, kam Herr Dr. M. Guttmann zu DAS HAUS KREIL-UCKO THEATINERSTR16 TELEFON 27831 — 32 BIETET BESONDERE PREISVORTEILE IN: KLEIDERSTOFFEN - SAMT UND SEIDE DAMEN- UND JUNGM&DCHEN-KONFEKTION TEPPICHEN-GARDINEN-DECKEN