Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 52 (30.12.1921)
- Article
- Original - Ungeschnitten
- Date
- 1921-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 136)
- Language
- German
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662 Das Jüdische Echo Nr. 51 hoben, daß in Bombay sich Mohammedaner mit Indern vereinigt hätten, um alle Personen mit europäischem Anstriche anzugreifen. In Wahrheilt wurden aber fast nur Juden überfallen und mißhandelt, und es ist anzunehmen, daß einige Juden bei den Unruhen auch umgekommen sind. In dem Aufruf, den der indische Führer Ghandi zur Beruhigung der Gemüter erließ, heißt es u. a.: „Ich werde nicht eher ruhen und rasten, keine Speise noch Trank zu mir nehmen, als biis die Indier und Mohammedaner von Bombay Frieden geschlossen haben mit den Persern, Christen und Juden.“ Feuilleton Die Scholaumglocke Von M o r o r Anno 48 ging es überall toll zu. Am tollsten in Schilda. Landfremde Elemente hatten Ruhe und Ordnung so lange untergraben, bis das Volk auf dem Marktplatze zusammenlief und in wilder Erregung verlangte, alle Schildbürgerstreiche müßten fortan aufhören. Der Bürgermeister erschien auf der Rathaustreppe, sagte dies feierlich zu und forderte die Schildbürger auf, nun wieder ruhig nach Hause zu gehen. Sie blieben aber und waren nicht einmal mit der Feuerspritze auseinander zu treiben, weil diese wie gewöhnlich nicht funktionierte. Jedermann hatte das deutliche Gefühl, daß demnächst etwas geschehen müsse. Nur wußte keiner recht: was? Einzig und allein der Stadtschreiber, der bis dahin allgemein als Trottel angesehen war, hatte eine Idee. Er schlug vor, sämtliche Häuserfronten sollten auf Kosten des Stadtsäckels weiß getüncht werden. Dieser glückliche Einfall zündete. Man muß nämlich wissen, daß die Schildbürger nach einer bis in die älteste Feudalzeit zurückreichenden Tradition ihre Häuser mit Darstellungen ihrer berühmtesten Streiche zu schmücken pflegten. Im Nu waren sämtliche Maler- und Anstreichergeschäfte geplündert Das souveräne Volk zog miit Farbkübeln, Hausleitern und Anstreichpinseln bewaffnet von Straße zu Straße und ruhte nicht, bevor sämtliche Schildbürgerstreiche mit Kalk ausgelöscht und von der Bildfläche verschwunden waren. Zuletzt kam die Judengasse daran. Aber da gab es keine Schildbürgerstreiche auszulöschen. Die Juden waren damals den Überlieferungen ihrer Väter noch im wesentlichen treu und ihre Häuser entbehrten infolgedessen jeglichen Schmucks. Die Menge stellte dies mit Befriedigung fest. Dann zog sie wieder zum Marktplatz, wo ein jüdischer Journalist verkündete, jeglicher Unterschied zwischen der Hauptstraße und der Judengasse sei jetzt aufgehoben und alle Schildbürgerstreiche gehörten endgültig der Vergangenheit an.— Dem kurzen Rausch folgte ein langer Katzenjammer. Noch war seit dem großen Bildersturm kein ganzes Jahr verflossen, da wollte auch schon keiner mehr dabei gewesen sein. Einer schob die Verantwortung auf den Anderen, der Stadtschreiber war wieder der Trottel, für den er von jeher gegolten hatte und der jüdische Journalist, der die Schildbürgerstreiche totgesagt hatte, wurde wegen der dadurch bewiesenen Niedrigkeit der Gesinnung gehenkt. An allen Häuserfronten wurden die ehrwürdigen Streiche der Väter mit Liebe wieder aufgefrischt. Auch die Judenschaft konnte sich dem neuen Geiste nicht entziehen und fing an, ihr Heim gleichfalls zu schmücken. Sogar die Synagoge von Schilda mußte daran glauben, durch den Tanz um das Goldene Kalb, die Anbetung von Baal und Astarte und andere verbürgte Streiche der Väter verschönert zu werden. Dem gelehrten Rabbiner, der sich zu der neuerungssüchtigen Jugend hielt, wurde diese Neuerung zum willkommenen Anlaß, sein Reformwerk zu krönen. Er befürwortete den Aufbau eines gotischen Glockenturmes auf das Dach des Gotteshauses. Die Alten bekämpften das Projekt aufs Erbittertste. Die Jugend aber war begeistert. Und die Jugend behielt recht, wie immer. Der Rabbiner von Schilda erhielt seinen, Glockenturm. Die dazu gehörige Glocke stiftete der Bankier B., das reichste Mitglied der Kehillo. Sie trug auf der Brustseite ein heraldisches Schild mit der hebräischen Aufschrift: „Scholaum“. Bei der Einweihung des Neubaues predigte der Rabbiner über den Text: „Friede sei ihr erst Geläute“. Die Scholaumglocke stiftete indessen statt Frieden nichts wie Händel. Die Alten nannten sie einen „echten Schildbürgerstreich“. Die Jungen erwiderten, dies sei das größte Lob für die Scholaum- -glocke; jeder Schildbürger jüdischen Glaubens habe die sittliche Verpflichtung, sich der kompakten Majorität der Schildbürger nichtjüdischen Glaubens in jeder Beziehung zu assimilieren. Gott mag wissen, wann und wie dieser Streit in der Gemeinde geendet hätte, wenn nicht der weise Parnes den Ausbruch des Bruderkrieges zwischen Schilda und Schoeppenstedt dazu benutzt hätte, den Zankapfel zu beseitigen. Auf seinen Antrag machte die Gemeinde die Scholaumglocke dem Arsenal zum Geschenk mit der Auflage, daß auch die daraus herzustellende Haubitze auf den Namen „Scholaum“ getauft werden müsse. Dies geschah denn auch und die Scholaumhaubitze hat in vielen rühmlichen Schlachten nicht weniger vernehmlich für den Frieden gesprochen, wie andere Haubitzen. Als dann freilich ein fauler Friede geschlossen werden mußte, behauptete der Feldherr, der diesen zu verantworten hatte, das Versagen der Scholaumhaubitze habe die ganze Niederlage verschuldet. Die Schildbürger waren beschränkt genüg, diese Verdächtigung zu glauben. Sie verdammten die Scholaumhaubitze zum Feuertod und machten aus der jüdischen Kanone ein Denkmal für ihren antisemitischen General. Das Denkmal steht heute noch. Es hat sogar die Stürme der proletarischen Revolution von 1918 überdauert. Auch der Glockenturm auf der Synagoge zu Schilda steht noch. Die Glockenstube aber ist leer. Nur hin und wieder nistet ein Taubenpaar darin. Rahels Weinen Von Selma Lagerlöf*). Aus dem Manuskript übertragen von Marie Franzos. Mitten in der Mittagsstiille, während ich und ein paar andere Hausgenossen auf der Veranda saßen und plauderten, hörten wir einen sonderbaren Laut die Luft durchsohneiden. Er war sehr stark und wild, voll Angst, Schmerz und Raserei, und zugleich so fremd und ungewohnt, daß wir einander im ersten Augenblick erstaunt ansahen, ohne zu verstehen, was es war oder woher er kam. Hastig durchliefen unsere Gedanken alle Möglichkeiten. Das konnte nicht der so seltsam und *) Geschrieben August 1914. (Aus dem noch unveröffentlichten Zyklus: „Stimmungen aus den Kriegsjahren.“) Nr. 51 Das Jüdische Echo 663 unheimlich klingende Schrei eines Pferdes sein, das angebunden steht und vor Durst vergeht. Auch war es keiner der zornigen Schreihälse des Waldes, weder Fuchs noch Uhu war imstande, einen solchen Laut zu entsenden, so gewaltsam und rauh, daß er wie ein Widerhall aus vergessener Urzeit schien. Es war nicht ganz unmöglich, daß der Schrei oder das Brüllen, oder wie man es nun nennen wollte, von irgendeinem Menschen ausgegangen war, der sich verletzt hatte. Aber es war die Stunde des Tages, wo die Arbeitsleute Mittagsrast hielten. Die Mähmaschinen rasselten nicht draußen auf dem Acker, und keine schwerbeladenen Wagen bewegten sich zwischen Feld und Hof. Es konnte kaum ein Unglück in dieser Stunde geschehen sein, die der Ruhe gewidmet war. Die furchtbare Hitze, die in diesem Sommer lähmend über der Erde brütete, herrschte auch an diesem Tag. Sie verbrannte noch immer das Gras auf dem Boden und die Blätter auf den Bäumen, sie sog das Wasser der Bäche und Quellen an sich und drohte den ganzen Talkessel vor uns in eine braungebrannte Wüste zu verwandeln. Der rauhe, mächtige Ruf, den ich eben gehört hatte, war mir so unerklärlich, daß es mir in den Sinn kam, es sei die Klage der großen Natur, der vereinte Jammerschrei der Scholle und der Pflanzen über ihr unerträgliches Leiden. Während wir noch vor Staunen und Verwunderung still blieben, ließ sich der furchtbare Laut noch einmal hören. Mit unbarmherzigem, unerträglichem Grimm erschütterte er die Luft und schnitt in die Ohren, schmerzhaft wie ein Folterwerkzeug. Als er nun zum zweiten Male ertönte, stürzten alle, diie rings um milch saßen, fort, um zu ergründen, was dies war. Ich allein blieb sitzen. Ich hatte das unklare Gefühl, daß ich etwas Ähnliches schon einmal gehört hatte. Ich neigte den Kopf und legte die Hand über die Augen, um besser in dem verborgenen Raum meiner Erinnerungen forschen zu können. Sogleich wurde ich in Gedanken in große, offene Gefilde versetzt. Ein grauweißer, steiniger Boden wogte in wohlgeformten Hügeln auf und nieder. Hin und her, wie ein Falke, der in wolkenhohem Flug Beute sucht, schwebte die Erinnerung über diese Gegenden, die sie noch nicht beim Namen nennen konnte. Auf einem Abhang wuchsen feuerrote Anemonen, und auf der Spitze eines Hügels stand ein kleiner Hain von bleilchen, schattenlosen Oliven. Ich wußte nun, an diesem Orte, wo ich einen Laut gehört hatte, ähnlich dem, der soeben in meinem Ohr erklungen war, hatte ich auch feuerrote Frühlingsblumen gesehen, und immergrüne Laubbäume. Er mußte also sehr weit weg in der Welt liegen, sehr fern von Vermeland und Schweden. Die Erinnerung spähte und forschte, um Dunkel und ■ Vergessenheit durchdringen zu können, und ganz plötzlich, durch eine unerhörte Anstrengung, brach es zur Klarheit durch Ich sah mich selbst und meine Reisegenossin in einem großen alten Landauer fahren, der einmal, vor sehr langer Zeit, als Galawagen in irgendeiner Großstadt gedient haben mochte. Wir fuhren an Unmengen von roten Anemonen vorbei, über eine breite, prächtige Landstraße einer mauerumkränzten Stadt zu. Ich erkannte den Wagen. Es war eines jener ausgedienten Fuhrwerke, wie sie von den Droschkenkutschern in Palästina vermietet werden. Ich erkannte den Weg wieder, die Umgebung, die mauerumkränzte Stadt. Ich hatte all dies gesehen, als ich vor vielen Jahren von Jerusalem nach Bethlehem reiste. Auf dem Rücksitz des Wagens sitzt unser syrischer Dragoman, braun im Gesicht, einen roten Fez auf dem Kopfe. Er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ein kleines, weißes, von einer niedrigen Kuppel überwölbtes Haus, das ganz einsam in einiger Entfernung vom Wege liegt. Es ist ohne Fenster und gleicht diesen allgemein vorkommenden Grabkammern, die die Einwohner des Morgenlandes ihren vielen Heiligen zu errichten pflegen und die wir an den verschiedensten Orten gefunden haben, bald weit weg in der Wüste, bald mitten in einer Stadt oder einem Dorfe, bald wie hier an einem Wege, auf dem eine Menge Menschen vorbeiziehen. Der Dragoman erzählt nun, daß dieses kleine Häuschen Rahels Grab ist, und zugleich beteuert er uns, daß dies keine leere Vermutung ist, sondern eine wirklich bewiesene Wahrheit. Gelehrte Männer haben über die Echtheit fast aller heiligen Stätten gestritten, aber nie über diese. Es ist kein Zweifel, das ist die Stelle, wo Jakob, der auch Israel genannt wird, seine Lieblingsfrau begraben hat, kurz nachdem sie ihm seinen Sohn Benjamin gebar, gleichsam zum Ersatz für einen anderen Sohn, den er auf der Wanderung durch die Wüste von wilden Tieren zerrissen wähnte. Wir werden beide ein bißchen atemlos bei dem Gedanken, was dies bedeutet. Hier hatte eine schöne Nomadenfrau ihre Ruhestatt durch eine Reihe von Jahren gehabt, deren Länge niemand anzugeben wußte. Hier ruhte sie, lange bevor ihr Sohn Josef ein mächtiger Mann im Lande Ägypten geworden war, lange bevor eine Königsburg in Mykene aufgeriichtet wurde oder eine griechische Flotte über das Meer gezogen war, um Troja zu erobern, und hier schlief sie noch, ohne daß das Grab in Vergessenheit gehüllt oder von Zerstörungssucht gekränkt worden wäre. Der Dragomann erzählt uns, daß in früheren Zeiten, ja bis in unsere Tage, wie der eine oder andere zu berichten weiß, jedes Mal, wenn ein Unglück über Israel hereinbrechen sollte, Weinen und Klagen aus diesem Grab ertöne. Hier hatte die Stammutter der Juden in der Nacht vor jenem Tage, wo die kleinen Schuldlosen in Bethlehem ermordet wurden, ihre Jammerrufe erhoben. Von hier hörte man ihre Klage über das Tal hinausströmen, an jenem Abend, bevor Jerusalem zerstört wurde und das unermeßliche Tal Hinnom sich bis zum Rande mit den Leichen seiner Söhne und Töchter füllte. Und viele Male seither haben sowohl die Einwohner Bethlehems wie die Beduinen der Felder ihre unheilverkündenden Rufe an dunklen Abenden und Nächten durch die Täler unterhalb Bethlehem erklingen hören. Selten sind lange Zeiten verflossen, ohne daß sie sich aus dem Schlummer des Todes losreißen mußte, um über die Unglücksschicksale zu trauern, die ihrem Volke drohten. Nicht ein Wort spricht Rahel, aber ihr Weinen klingt unheimlich durch sntist I .MANN I rplafz 1/8, Tel. 25904 I ium für feine Zahntechnik I Dentist H. ULLMANN München, Baaderplatz Spezialität: Laboratorium