Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 52 (30.12.1921)
- Article
- Original - Ungeschnitten
- Date
- 1921-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 132)
- Language
- German
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658 Das Jüdische Echo Nr. 51 heiten eines noch nicht sanierten Landes, sie sterben wie jener Tempeldor im Kampf für jüdisches Haus, jüdische Saat. Sie sind wie jene, die in den Syrertagen in die Wüste und die kahlen Berge gingen, um die Scharen der Makkabäer zu stärken. Sie machen Fehler, gewiß. Wollt ihr sie darum tadeln? Sie sind der Arbeit manchmal nicht gewachsen. Wer wollte sie darum schmähen! Sie sind und bleiben doch die Besten unseres Volkes, Chaluzim, Pioniere. Könnt ihr Chanukah feiern und die echten Enkel der Makkabäer im Stich lassen? Man wird für Palästina Geld, viel Geld verlangen. Aber jene geben ihr Leben. Man wird Liebe und Interesse von euch verlangen. Aber jene geben Jugend und tausend euch selbstverständliche Freuden und Erleichterungen willig dahin. Wir feilem Chanukah. Und spüren, daß ein ewiges Band die Großen unseres Volkes verbindet, die Großen, die gemeinsames Schicksal trugen, von Juda bis Theodor Herzl. Sie starben für jüdische Zukunft. Aber jüdische Menschen gehen ihren jüdischen Weg. Wir dürfen Chanukah feiern ohne zu erröten, wenn wir, bescheidene Diener am Werk, ihnen den Weg bereiten helfen. Die Schicksalsfrage ist gestellt. Möge uns das Gedenken an die Makkabäertage die Antwort leicht machen. Denn auch für uns gilt das Wort: Ihr müßt steigen und gewinnen Oder sinken und verlieren, Stürzen oder triumphieren, Hammer oder Ambos sein. G—. Ein Herzl-Brief Der „Israelit“ druckt das folgende Schreiben Theodor Herzls, das an den Gerer Rebben gerichtet war, aus der „Hazefirah“ ab. — Das orthodoxe Blatt freut sich, daß der Empfänger den Brief unbeantwortet ließ. — Das Schreiben ist m. E. ein deutlicher Beweis, daß der Schöpfer der zionistischen Organisation ehrlich bereit war, mit jedem zusammenzuarbeiten, dem es um die Besserung der jüdischen Lage ehrlich zu tun war. Die Schuld an der Zersplitterung im jüdischen Lager liegt auf der anderen Seite. „Ich setze voraus, daß der Rabbi von meinem Namen Kenntnis hat, bezweifle aber, ob er mein inneres Wesen kennt, darum sei mir gestattet zu betonen, daß ich von Liebe zu meinem Volke durchdrungen bin und daß dessen Wehen und Schmerzen meine Seele mehr bedrücken, als meine eigenen Leiden. Und da es doch einmal Tatsache ist, daß jeder unserer Volksgenossen, unbeschadet seines tiefen Glaubens an die göttliche Vorsehung, es nicht unterläßt, selbst zur Besserung seiner Lage beizutragen und im Notfall sich zu diesem Zwecke sogar mit solchen Helfern zu verbinden, die in Leben und Gesinnung andere Wege gehen, so bleibt es mir unverständlich, warum es uns Freigesinnten verwehrt bleiben sollte, zur Besserung und zur Hebung der Volkslage beizutragen, umsomehr als die Lage des Einzelnen von der Besserung der Gesamtlage abhängt und in Anbetracht des Umstandes, daß der Kampf der Völker gegen uns nicht privater Natur ist, sondern ein Kampf gegen uns alle in unserer Eigenschaft als Juden. Diese meine Auffassung, die meines Erachtens nicht im Gegensatz zu den Ideen der Thora stehen kann, veranlaßte mich, die jüdische Welt in Bewegung zu setzen, Kongresse einzuberufen in Basel und den Zionismus zu gründen, dessen Ziele bekannt sind und die darauf hinausgehen, mit Hilfe der Regierungen für unser Volk etwas zu erreichen. Wohl stehen in unseren Reihen verschiedene Arten von Juden, für diie wir nicht immer die Verantwortung übernehmen können, es gibt deren welche, die den Chassidim nicht genehm sind, aber auch Rabbiner, die in Amt und Stelle wirken, Orthodoxe und Chassidim. Unser Ziel ist einheitlich! Wir wollen wie ein Mann zum Besten unseres Volkes arbeiten und Gott möge uns dazu helfen! Allein zu unserem großen Bedauern ist die Zahl unserer Gegner sehr groß. Und auch unter ihnen unterscheiden sich verschiedene Arten, solche, die ihrem Volke vollkommen fremd gegenüberstehen und am liebsten den Namen Israel ausgerottet sehen möchten, aber auch solche, die treu zur Thora halten, die aber glauben oder glauben machen, daß die Sorge um das Volk eine schwere Sünde und Auflehnung gegen Gott bedeute. Und zu unserem Schmerze machen es die Gegner den Feinden von außen darin nach, daß sie uns herabwürdigen in den Augen des \)olkes, dessen Wohl wir aus ganzem Herzen zu fördern suchen. Mit diesen wollen wir nicht rechten, da wir nicht, wissen, ob sie in Wahrheit das Wohl des Volkes vor Augen haben. Zuletzt aber wurde das Gerücht verbreitet, daß auch euer Ehrwürden, auf dessen Ausspruch Tausende bauen, uns angeblich als Abgekehrte, als einen Bund von Abtrünnigen bezeichnet hätten. Im Namen der Zehntausende von Israel, deren Lage unter dem Haß der Umwelt immer haltloser wird, im Namen der Massen, die verhungern und daher ihre Hand nach allerhand Geschäften ausstrecken, um ihren Hunger zu stillen, im Namen der Zehntausende der Auswanderer, die aus Rußland, Rumänien, Galizien, nach Amerika, Afrika, und Australien geflüchtet sind, um dort unter den Völkern unterzugehen, im Namen der Thoragesetze, denen bei der schwierigen Lage der Boden entzogen wird und im Interesse des Gottesnamens, der unter diesen Umständen entweiht wird, flehe ich Eure Ehrwürden an, uns unsere Verbrechen, die wir mit dem Zionismus begangen /Ve uh eruS ersfr. 15, gegenüber der alten Jlkcdemie "Jferrenfc/meidem ■f (Srst/d Stoffe.' Nr. 51 Das Jüdische Echo 659 haben sollten, offen und klar vorzuhalten. Vielleicht finden wir die Anschuldigungen berechtigt und geben unsere bisherige Arbeit auf, oder es gelingt uns, uns zu rechtfertigen, daß uns Gerechtigkeit widerfährt und Israel der Friede wird. Ich bin der Hoffnung, daß diese kurzen Worte Ihre Beachtung finden und mich Euere Ehrwürden mit einer klaren Antwort beehren, zu welchem Zwecke ich hier einen adressierten Umschlag beilege. Damit verbleibe ich in höchster Verehrung und Hochschätzung . . .“ Die Verurteilung der Juden in Jerusalem Jerusalem, anfangs Dezember. Grenzenlose Verbitterung erfüllt die sonst so ruhigen und schläfrigen Massen von Jerusalem; und sie geht diesmal nicht von den jungen, national gesinnten und national erzogenen Menschen aus, sondern von den Kreisen des alten Jischub und der sephardiischen Juden, welche sonst den nationalen Bestrebungen mit einer gewissen Distanz gegenüberstanden. Drei sephardische Juden, unter ihnen ein Polizist, wurden zu Kerkerstrafen von sechs, zehn und elf Jahren Zwangsarbeit verurteilt, weil der aus zwei englischen Richtern bestehende Gerichtshof, entgegen ihren eigenen Angaben, annahm, daß sie sich unter einer Gruppe von Juden befanden, aus deren Mitte drei Handgranaten gegen die eindringenden Araber geschleudert wurden. In dem vor einigen Tagen gegen die Araber geführten Prozeß wurden zwei Araber zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Das Urteil erregte heftige Entrüstung ‘ in arabischen Kreisen. Die Regierung veröffentlichte, um die Stimmung zu beruhigen, ein Communique, wo sie erklärte, daß nicht nur Araber, sondern auch Juden verhaftet wurden und daß demnächst drei Juden wegen Mordes unter Anklage gestellt werden. Schon von da ab bemächtigte sich der Juden die Befürchtung, daß das Urteil gegen die angeklagten Juden so ausfallen werde, wie es den Arabern genehm ist. Ob die Befürchtung der Juden, daß der Gerichtshof sich durch politische Wünsche der Regierung beeinflußen lassen wird, berechtigt war oder nicht — jedenfalls bestand sie und besteht und zeigt, daß jedes Vertrauen auf objektive Gerechtigkeit geschwunden ist, und daß der Jischub seine Rettung gegenüber den Angreifern nur mehr in der Selbsthilfe sieht. Zweifellos ist das eine Folge der Haltung, welche die Regierung nach den Unruhen im Mai angenommen hat. Diese milde Haltung hat die Angreifer ermutigt und das Vertrauen der Juden zur Gerechtigkeit der Regierung und zu ihrem Willen, Gerechtigkeit walten zu lassen, aufs tiefste erschüttert. Auf diese Umstände hat der Verteidiger der Angeklagten, Mister Harry Sacher, die Aufmerksamkeit der Richter gelenkt Der Staatsanwalt, derselbe, der die Anklage gegen Jabotinsky geführt hat, wies wohl in seiner Anklagerede darauf hin, daß Handgranaten nicht auf Bäumen wachsen, sondern vorbereitet sein müssen, aber er zog nicht in Betracht, daß lange vor dem 2. November Exzesse gegen die Juden angekündigt waren und daß es Pflicht der Juden war, sich für den Selbstschutz vorzubereiten, da sie auf anderen Schutz nicht zu hoffen hatten. Kein vernünftiger Mensch, der den Jischub und die Psychologie der Juden überhaupt kennt, wird bezweifeln können, daß Juden nur im äußersten Notfall, in einem Moment schwerster Bedrängnis, Bomben werfen. Der Gerichtshof hat diesen Umständen keine Rechnung getragen. Er hat in Erwägung gezogen, daß sich arabische Polizisten im Mai nachgewiesenermaßen am Pogrom beteiligt haben; er ging davon aus, daß die Jerusalemer Polizisten allein imstande waren, die Juden zu schützen und daß deswegen die Juden, indem sie sich selbst schützten, etwas getan haben, was sie nicht hätten tun dürfen. Das ist ein Standpunkt, der ganz berechtigt wäre in einem Lande, wo die Regierung wirklich die Gewalt in der Hand hat und entschlossen ist, ohne Rücksicht auf politische Erwägungen, Leib, Leben und Gut der Bürger zu schützen, aber er ist ganz unangebracht in Palästina; waren doch nach einer offiziellen Erklärung der Regierung am 2. November sämtliche Polizisten ohne Waffen. Was ist der Grund, daß die Regierung an einem kritischen Tage den Hütern der Ordnung keine Waffen in die Hand gab, wenn nicht das Mißtrauen der Regierung zu eben diesen Menschen? Der Gerichtshof hat keine Möglichkeit der Revision des Prozesses gelassen, es sei denn auf Grund formal juristischer Einwendungen. Die jüdische Bevölkerung verlangt stürmisch die Annullierung des Urteils. Sie erklärt sich mit den Verurteilten solidarisch. Sie sieht in dem Selbstschutz der Minorität gegen die Majorität eine Notwendigkeit und Pflicht, solange die gegenwärtigen recht unsicheren Zustände in Palästina andauern. In der ersten Verzweiflung über die Fällung des Urteils fanden in allen Synagogen improvisierte Versammlungen statt, man beantragte Schließung der Läden, Proteststreiks usw. Mit Mühe gelang es noch zur Stunde den verant- Zeufmanizu?eeen-Jüxien iz/i/fiftiyf/afli'Jcfineideeei'.