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Das jüdische Echo · 1921-12-30 · 52 (30.12.1921) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
52 (30.12.1921)
Article
Original - Ungeschnitten
Date
1921-12-30
Page
[Seite] (sequence 76)
Language
German
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602 Das Jüdische Echo Nr. 47 Gesetzt den Fall — der nicht in den Bereich des Unmöglichen zu verweisen ist — es läge in Englands Interesse, uns Rechte eines herrschenden Volkes in Palästina zuzuerkennen; so dürften wir schon aus Klugheit von dieser Machtfülle keinen Gebrauch machen. Wir würden uns sonst — von allen anderen Konsequenzen auch abgesehen — unserer einzigen wahren Macht berauben: unseres historisch-moralischen Rechtes begeben; und nicht nur die Realmacht, sondern auch die Rechtsposition des arabischen Volkes würde gegen uns entscheiden. Und wahrlich, wir, die wir überall um Gerechtigkeit betteln, die wir in allen Exilländern Minoritätsreohte beanspruchen, können gewiß nicht verlangen, daß wir als Minorität Herrscherrechte ausüben. Jede Politik der starken Hand wäre für uns ein Unglück. Schon das äußere Symbol einer starken Hand wäre es; etwa ein Heer, das — im Unterschied zur Miliz — naturgemäß eine Provokation der Araber bedeuten würde. Und nicht dies allein: in einem späteren Entwicklungsstadium würde auch das jüdische Volk die Machtstellung seines Heeres am eigenen Leib — und erst recht an seiner Seele — schmerzlich empfinden und teuer bezahlen müssen. Selbst wenn das Schwert ungenützt in seiner Scheide bleiben könnte, selbst wenn es für die Abwehr unserer Feinde zu stumpf wäre; so wird es — auch nur als Symbol — scharf genug sein, um unsere stärkste moralische Position zu zerschlagen. Wir müssen auch die maskierte starke Hand, ihr geistiges Raffinement ablehnen: nämlich, die Assimili'erung der Araber —■ an die viele Zionisten große Hoffnungen knüpfen. Auch wenn wir sie bewirken könnten, müßten wir sie als-ein Verbrechen verschmähen und von uns weisen. Wir dürfen sie unter keinem Deckmantel der Kulturträgerei erstreben. Nicht nur, daß wir uns jeder Art und Abart eines Zwanges und Nötigung enthalten müssen. Wir dürfen auch nicht den Eintritt einer sogenannten natürlichen Assimilation der Araber wünschen. Wünschen wir sie, verwirklichen wir eo ipso das Recht auf Erhaltung unseres Volkstums und mithin auch unser Recht auf Erez Jsrael; keine Assimilationslage ist so natürlich zwingend wie die unsrige; keine nationale Erhaltung ist so sehr Trotz und Auflehnung gegen die Wirklichkeit wie die unsrige. Die zionistische Erkenntnis und Forderung bestimmen unser Verhältnis nicht nur zur jüdischen Assimilation, sondern zur Assimilation schlechthin. Schmähen wir die jüdische Assimilation als Laster, als einen Akt der Ehrlosigkeit, werten wir sie als Unfreiheit und Entartung, beklagen wir in ihr den Verlust großer Werte, Werte der Individualität, der Volkspersönlichkeit; so muß dies auch von einer arabischen Assimilation gelten. Postulieren wir den Bestand und die Fortdauer unseres nationalen Seins als sittliche und kulturelle Aufgabe, so müssen wir ein sittliches und kulturelles, d. h. ein rein menschliches Interesse haben auch am Bestand und an der Fortdauer der arabischen Völker. Sonst ist unser Nationalismus engherziger und obendrein lächerlicher, weil ohnmächtiger Chauvinismus. Und man glaube nur nicht, diese Inkonsequenzen einer Politik wären bloß theoretische, logische Schönheitsfehler, die das alogische Leben der Praxis nicht tangieren. Nein, sie sind seelische Verlogenheiten, die sich früher oder später am Innersten des Volkslebens rächen, auch wenn sie äußerlich erfolgreich scheinen. Das Volk der Araber ist berechtigt zu fragen: Kommen wir als Freunde oder als Feinde in das Land, in den Orient; wollen wir mit ihm gemeinsam den Kampf um Befreiung kämpfen und das Land gemeinsam aufbauen, oder verschwören wir uns mit dem europäischen Imperialismus gegen den Orient; kommen wir als Bundesgenossen der Unterdrückten oder als Verbündete der Unterdrücker. Es kann nur zwei politische Einstellungen hinsichtlich der Araberfrage geben. Entweder wir verbünden uns mit England und suchen, gestützt auf diese unsere Position, unser Verhältnis zu den Arabern zu bestimmen. Oder wir verbünden uns mit dem arabischen Volke und bestimmen von dieser Basis aus unsere Beziehungen zu den europäischen Mächten. Den ersten Weg ging unsere Politik bisher mit dem Erfolg der Pogrome in Jerusalem, Jaffa u. a. m. ‘Der zweite Weg ist, wollen wir hoffen, der nahen Zukunft Vorbehalten. Die Differenz zwischen beiden Wegrichtungen ist nicht taktischer Natur; sie ist grundsätzlich und programmatisch, sie ist von unabsehbarer Tragweite. Sie entscheidet über unsere künftige Stellung im Orient; entscheidet über die Form unserer Einreihung in die vorderasiatische Völkerfamilie. Sie entscheidet über unser Schicksal — denn die Araberfrage ist die Kardinalfrage des Zionismus: der eigentliche Schwerpunkt der Judenfrage. Und nur ein Bündnis mit dem arabischen Volke, an dessen Seite uns auch unsere Geschichte weist, ist die einzige Lösung dieser zwiefachen Frage. Ich sage mit Bedacht: Bündnis mit dem arabischen Volke. Auch die Araber sind geteilt, wie alle Völker. Die große Scheidung von Ausbeutern und Ausgebeuteten bestimmt auch ihre Volksstruktur. Wie unser Platz — national — an der Seite des unterdrückten Volkes ist gegen europäische Unterdrückung, so ist unser Ort — sozial — an der Seite der ausgebeuteten Fellachen gegen die ausbeutenden Effendis. Wir haben es so weit kommen lassem daß Effendis und Fellachen eine gemeinsame Front gegen uns bilden konnten. Es ist vielleicht der schwerste DAS HAUS KREU-UCKO THEATINERSTR. 16 TELEFON 27831 — 32 BIETET BESONDERE PREISVORTEILE IN: KLEIDERSTOFFEN - SAMT UND SEIDE DAMEN- UND JUNGMÄDCHEN-KONFEKTION TEPPICHEN-GARDINEN-DECKEN Nr. 47 Das Jüdische Echo 60$ Fehler unserer kurzsichtigen Diplomatie, ihre größte Schuld. Wir müssen nun diese Front durchbrechen, indem wir eine Front mit den Fellachen gegen die Effendis bilden. Dies hat allerdings zur Voraussetzung, daß diese Front nicht allein gegen die arabischen Effendis gerichtet sei, sondern auch gegen die jüdischen.— * Kurz nach der Balfourdeklaration und auch nach San' Remo habe ich vor überspannten Hoffnungen auf diplomatische Errungenschaften, vor Siegesjubel und Geulahfeiern wiederholt gewarnt. Diese Warnung konnte damals nur Entrüstung und bestenfalls ein überlegenes Lächeln unserer gedankenlos Klugen auslösen. Es mußten blutige Ereignisse eintreten, um den durch einen kostspieligen Sensationsapparat gezeugten und genährten Wahn zu zerstören. Heute gilt es beinahe als banale Wahrheit, was noch gestern als Ketzerei gebrandmarkt oder bespöttelt wurde. Aber dieses Eingeständnis bedeutet nicht Umkehr, Umlerneii, ist keine Preisgabe der alten Methoden, sondern Wandlung einer Stimmung, richtiger eine vorübergehende Verstimmung, die, durch äußere Ursachen bedingt, morgen wieder Umschlagen kann. Es hat keine Wandlung der Gesinnung stattgefunden, Die zionistische Denkart hat wohl einen Riß aufzuweisen, ist mehr oder weniger erschüttert, stellt selbst immer neue Krisen fest; sie bleibt jedoch oberflächlich und bequem wie zuvor, verharrt in ihrem politischen Leichtsinn, in ihrer moralischen Haltlosigkeit; sie vermag nicht zu einer neuen Erkenntnis und Sinnesart sich emporzuheben und hilft sich über alle Krisen, die nur Teilerscheinungen eines Grundübels sind, mit neuen Halbheiten und Inkonsequenzen hinweg. Es muß daher wiederum — die Klugen und Praktischen werden wiederum überlegen lächeln, aber wie lange noch? — gewarnt werden: Ändern wir nicht unsere politische und soziale Orientierung, die freilich eine tiefgehende reinigende Wandlung unserer moralischen Mentalität voraussetzt, verbinden wir uns nicht rechtzeitig mit den Mächten von morgen, mit den Entrechteten und Unterdrückten, mit den um Freiheit ringenden Völkern; wollen wir unsere Ansprüche durch Unterstützung einer Gewaltpolitik erobern und nicht durch Leistungen erarbeiten, beglaubigen und erweitern; wollen wir als Herrscher ins Land kommen und sprechen wie im militaristischen Geiste von einer Verdrängung der Araber; bauen wir unsere Politik nicht auf der Grundlage eines Bündnisses mit den legitimen Instanzen des arabischen Volkes, sondern auf Grundlage eines Bündnisses mit illegitimen Mächten, mit dem europäischen Imperialismus, gegen den Orient; — so verwirken wir unser historisch-moralisches Recht und die Araberfrage erhält auch rechtlich, d. h. nicht nur de facto, sondern (was schlimmer ist) auch de jure den Aspekt einer Judenfrage in ihrer höchsten Tragik, einer Judenfrage in Erez-Israel. Juni 1921. Dentist H. ULLMANN München, Baaderplatz 1/1, Tel. 25904 Spezialität: Laboratorium für feine Zahntechnik Die Bevölkerung Palästinas und ihre kulturelle Lage von Dr. Curt Nawratzki Der vorliegende Aufsatz, den wir Nawratzkis Buch „Das neue jüdische Palästina“ entnehmen, zieht im wesentlichen die Verhältnisse vor dem Kriege in Betracht. Abgesehen» davon, daß für die jüngste Entwicklung zuverlässige Zahlen und Angaben noch nicht, vorliegen, haben sich trotz mancher Veränderungen die Dinge doch nicht so gewandelt,, daß die folgenden Ausführungen ihre Aktualität verloren hätten. Die Schriitl. Bis zum Kriege wurde die Bevölkerung Palästinas verschieden hoch geschätzt; zuverlässige. Zählungen gab es nicht, und so schwanken die Angaben zwischen 650 000 und 900 000 Seelen. Nehmen wir die Zahl von 800 000 Bewohnern als Maximalzahl an, so entfallen bei einer Berechnung Palästinas von etwa 36 400 qkm ungefähr 22 Bewohner auf den qkm. Relativ am dichtesten bevölkert ist die Provinz Jerusalem mit ungefähr 375 000 Seelen auf 9000 qkm (42 pro qkm). Unter dieser Bevölkerung befanden sich ungefähr 100 000 Juden, die, abgesehen von ungefähr 20—25 000, fast sämtlich in den letzten drei Jahrzehnten eingewandert sind. Die übrige Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus arabisierten Syrern. Von den Juden sprechen die seit dem Mittelalter ansässigen Sephardim nicht wie sonst in der Türkei den spanischen Dialekt, das Ladino, sondern fast ausschließlich arabisch. Diese Gruppe der Sephardim, die vielleicht 10—15 000 Juden umfaßt, ist nach der Vertreibung aus Spanien im Jahre 1492 nach der Türkei eingewandert. Die übrigen Juden, die Aschkenasim, begannen besonders im 16. Jahrhundert nach den Kosakenaufständen in Polen in kleineren Gruppen nach Palästina einzuw an dem. Die Haupteinwanderung setzte aber erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ein. Das von den aus Osteuropa einwandernden Juden gesprochene Jidisch wird in letzter Zeit immer mehr durch das stark sich entwickelnde Neuhebräisch verdrängt, das allmählich zur fast ausschließlichen Verkehrs- und . einigenden Nationalsprache für alle Juden, die jetzt aus den verschiedensten Ländern einwandern, geworden ist. Die übrige Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus den arabisierten Syrern, einer Mischbevölkerung aus den im 7. Jahrhundert eingewanderten Arabern und den früher ansässigen Syrern. Der rein arabische Typus findet sich nur bei den Beduinen, die das Ostjordangebiiet wie den südlichen Teil Palästinas bewohnen. Im eigentlichen Palästina finden sich nur an einzelnen Stellen, wie z. B. in Galiläa kleine Beduinenstämme. In den Städten ist das Bevölkerungselement am wenigsten einheitlich, so daß man dort alle Typen, vom tiefsten Negerschwarz bis zur helleren Hautfarbe des Südländers, findet. Außer diesen beiden Nationalitäten gibt es in Palästina noch kleine Volkssplitter anderer Nationalitäten. So wohnen ewa 2500 Deutsche, die größtenteils der Templergemeinde angehören und fast sämtlich vor 40 bis 50 Jahren nach Palästina eingewandert sind, in fünf Kolonien, die bei Jaffa und Haifa gelegen sind. Außerdem findet sich in diesen beiden Städten wie in Jerusalem je eine kleine deutsche Gemeinde, Außerdem gibt es noch Tscherkessen, die aus Bulgarien stammen und im Anfang der 80er Jahre von der türkischen Regierung in eini-

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