Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 52 (30.12.1921)
- Article
- Original - Ungeschnitten
- Date
- 1921-12-30
- Page
- [Seite] (sequence 74)
- Language
- German
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600 Das Jüdische Echo Nr. 47 nicht aufkommen konnte; sie wehrt sieb instinktiv gegen eine solche Fragestellung, die sie als Blasphemie, als Verletzung zuinnerst erlebter und in Leiden geheiligter Rechte empfindet. Wenn daher gar manche Zionisten angesichts der Jaffaer Ereignisse Kopf und Mut verloren und, indem sie wie plötzlich der Tatsache einer arabischen Majorität sich bewußt wurden, nunmehr die Rechtmäßigkeit der zionistischen Ansprüche bezweifeln oder bestreiten, so könnte sie vielleicht die Einsicht in jene psychologische Tatsache zu einer besseren und mutigeren Erkenntnis führen. Die arabische Majorität ist nicht von gestern — doch hat das jüdische Volk, das schon lange nicht mehr „Volk von Palästina“ ist, seine Ansprüche auf Erez Jsrael nie preisgegeben; auch als es sich nicht auf nennenswerte Siedlungen im Lande berufen konnte. Das Volk hat zu allen Zeiten diese Rechtmäßigkeit als in seinem Ethos und Schicksal unerschütterlich gegründet zutiefst erlebt. An einer anderen Stelle sagte ich: Unser Anspruch auf Palästina kann sich ja nicht auf die jüdische Bevölkerungszahl in diesem Lande, stützen. Er ist moralischer Art. Er beruht darauf, daß unsere seelische Verbundenheit mit Erez Jsrael niemals unterbrochen wurde; daß wir niemals gewillt waren, das unreale Vaterland gegen ein anderes Vaterland oder gegen ein neues Territorium einzutauschen, — darin, nebenbei bemerkt, auch der nationale Wert und die nationale Auswirkung der zionistischen Ablehnung des Uganda-Angebotes. Unser historisch-nationales Recht ist unverbrüchlich, solange unser Wille zur Heimkehr ungebrochen ist: diese Rechtskraft steht in einem geraden Verhältnis zur Stärke dieses Willens, des Tatwiillens. Unsere Forderung ist unverjährbar, solange sie in uns lebendig ist: als eine Unbedingtheit, als eine mächtige, zwingende Forderung, die unser ganzes Dasein durchwirkt — die wir in erster Instanz an uns selbst und nicht an fremde Gewalten stellen. Dieser Eigenart unseres Anspruchs entsprechen Bedingungen eigener Art, an die er geknüpft ist. Er ist vornehmlich an unser Fremdsein und Fremdbleibenwollen im Galuth gebunden; und ist ohne dieses Sein und ohne dieses Wollen hinfällig. Je stärker diese Fremdheit, der Charakter unseres Exils, will sagen, je stärker unser Eigensinn und Eigenseinwollen, desto rechtskräftiger unser historischer Anspruch. Ohne unser nationales Bekenntnis und nationale Heimatlosigkeit im Galuth ist er ohne moralischen Halt, weil ohne Seelennot; ist er ein Eingriff in fremde Rechte, in die reale Rechtssphäre des Volkes von Palästina. Er behält daher seine Geltung nur so lange, als wir 3 o ♦ 3 8 aufrichtig bekennen: Galuth heißt uns nicht nur Ächtung und Rechtlosigkeit, sondern Heimatlosigkeit, und keine Gleichberechtigung, kein Wohlergehen und kein Wohlwollen hebt das nationale Martyrium, den Galutheharakter unseres Daseins auf: den Charakter der Fremde, des Chuz l’arez. Die Rechtskraft unserer Anwartschaft ist aber erschüttert. wenn im Exil unser nationales Bewußtsein und Bekennen geschwächt, verblaßt, das Gefühl der Heimatlosigkeit ertötet, der Wille zur Heimkehr gelockert ist. Oder praktisch und konkret gewertet: wenn wir nicht die Entschiedenheit und die Opferwilligkeit bekunden, die ein heimatloses, heimverlangendes Volk besitzen müßte; wenn wir den langen, mühseligen Weg des Aufbaues — eines Volkes und eines Landes — scheuen und die Erlösung nur recht bequem haben wollen, etwa, daß sie uns als die reife Frucht eines fremden Eroberers in den Schoß fiele; kurz, wenn wir nicht bereit sind, unsem Rechtsanspruch durch nicht minder anspruchsvolle Verpflichtungen und Leistungen, durch einen ihm ebenbürtigen Einsatz unserer besten Volkskräfte zu legitimieren, ihn zu erarbeiten. In jedem anderen Falle verliert unser Anspruch seine moralische Grundlage. In jedem anderen Falle ist es ungerecht und sinnlos, von einer Araberfrage in Palästina zu sprechen. Sie ist dann eine Judenfrage, wie in allen anderen Ländern; ja die, die eigentliche, letzte Judenfrage, die sc hlimm s t e, v erhän gni s v ollste. An der Araberfrage läßt sich sehr gut die Scheidelinie zwischen zwei Grundrichtungen einer zionistischen Politik — hinsichtlich ihrer Konzeption sowohl der Rechtmäßigkeit als der Verwirklichung unseres Anspruchs — erkennen und ermessen. Die eine zionistische Konzeption ist, wie schon gekennzeichnet, die der diplomatischen Realpolitik. Sie vertraut auf das noch herrschende imperialistische System, befolgt seine Methoden der Bündnisse, der Bündnisse mit Herrschern und nicht mit den Beherrschten, mit Völkerunterdrückern und nicht mit den Unterdrückten, nicht mit den Völkern selbst; eignet sich seine Taktik der erfolgreichen Geheimdiplomatie an, der Geheimdiplomatie auch nach innen; ist schmiegsam geschickt, hemmungslos anpassungsfähig, in alle Engen einer kurzlebigen hastigen Wirklichkeit eingeengt, ohne Perspektiven eines Welt- und Zukunftsbildes, ohne Ideengläubigkeit und daher ohne Wagnis. Sie dünkt sich eben praktisch, protzt mit fragwürdiger Klugheit und erbuhlten Augenblickserfolgen einer unheilvollen Opportunität, Ob sie an das Recht der Macht glaubt oder nicht, immerhin glaubt sie nicht L. Kielleuthner kgl. bayer. Hoflieferant 43 Maximilianstrasse 43 Bekanntes Haus für erstklassige Herrenbekleidung nach Mass Nr. 47 Das Jüdische Echo 601 an die Macht des Rechts; ihr Glaube ist vielmehr der Glaube an Macht als solche, sie glaubt an all die Siege und Eroberungen des Imperialismus, an dessen Bestand und Dauer. Vorsichtiger ausgedrückt: sie handelt so, daß nur dieser Glaube und dieser Unglaube die Maxime ihrer Handlungen bilden können. Mehr: Diese zionistische Politik idealisiert, sublimiert die imperialistische Macht. Sie unterschiebt ihr Motive höchster Gerechtigkeit, traut ihr Edelsinn und Wohltaten zu, Mitleid mit einem gepeinigten Volke, Sorge um die Erhaltung Jsraels; und dünk sich klug. Sie leistet ihr somit wertvolle Dienste einer internationalen Weltreklame, ist ihr ehrlicher, weil betrogener Agent und macht sich mitschuldig an der Förderung der im Friedenszustande einzig möglichen Kriegswaffe: an der Förderung der Gerechtigkeitsheuchelei, der Irreleitung und Vergiftung der öffentlichen Meinung. Diese zionistische Politik hat einen unermeßlichen Respekt vor diplomatischen Deklarationen und nimmt das frivole Spiel eines Völkerbundes bluternst. Sie freut sich kindlich, wenn die Abbreviatur von Erez Jsrael an einer Ecke einer palästinensischen Postmarke — an dritter Stelle — mikroskopisch festgestellt werden kann; ist siegesjauchzcnd, wenn sie eine günstige Formel auf dem Papier vom Eroberer erhascht; ist zu Tode betrübt und wird nervös, wenn diese Formel ungünstiger als versprochen ausfällt: sie sieht ein diplomatisches Mißgeschick als Volksunglück an und ist der Verzweiflung nahe, grollt zuweilen der Macht, der sie noch gestern beinahe aufdringlich und würdelos zujubelte, und wagt in ihrer Naivität über Betrug zu klagen. Sie verlangt nach einer starken Hand in der diplomatischen Führung, von der sie mehr erwartet, als von einer Stärkung der Volkskraft und des Volkwillens. Sie verlangt nach einer starken Hand gegen die Araber, nach Schutz gegen die Beherrschten durch die Beherrscher. Diese zionistische Denkart fragt nicht nach der Rechtmäßigkeit unserer Ansprüche; nach den Grenzen der Rechtmäßigkeit. Sie würde es als eine volle Verwirklichung unserer Sehnsucht feiern und vor Glückseligkeit taumeln, wenn England gewillt wäre, das in Palästina abwesende jüdische Volk als das Volk von Palästina, als herrschende Nation anzuerkennen; nur so, glaubt sie, könnten wir, gestützt auf englische und vielleicht auch auf eigene Bajonette, mit der Araberfrage in kürzester Zeit fertig werden. Und je unbescheidener sie in ihren Forderungen an fremde Erlöser ist, desto bescheidener in ihren Forderungen nach innen, in den Forderungen an die Erlösungskraft des jüdischen Volkes selbst. Es ist nicht Zufall, sondern Methode, wenn diese zionistische Politik eine Verständigung mit dem arabischen Volke nicht gesucht hat. Man darf darob gegen sie nicht den Vorwurf der Nachlässigkeit oder Unfähigkeit erheben. Ist sie doch in ein, politisches System eingebettet, das diesen Weg ungangbar macht. In ihrer Gesinnung konnte sie eine solche Lösung nicht einmal erstreben, geschweige denn erreichen. Auf welcher Grundlage sollte sie eine Verständigung mit den Arabern herbeiführen? Müßte sie nicht ihre Ansprüche mäßigen? Und müßte sie nicht die Partei der Unterdrückten gegen die Unterdrücker ergreifen? Dies widerspräche ja ihrer ganzen Gesinnung. * Und nun die andere Konzeption, die freilich noch nicht zum Vorschein kommen konnte und gleichsam unterirdisch nach Wirksamkeit ringt. Auch sie weiß mit politischen Gegebenheiten zu rechnen; sie ist nicht weltfremd. Auch sie kann Bündnisse mit Gewaltmächten — als zeitweilige Paktierung mit feindlichen Mächten — schließen, weil sie an den Bestand der Gewaltherrschaft nicht glaubt, weil sie deren Sturz erhofft und miterkämpfen will; sie läßt sich nicht in das politische System des Bundesgenossen einbeziehen. Auch ihr kann es nicht gleichgültig sein, wer der Eroberer Palästinas ist, in wessen Händen die Beute sich befindet; man braucht sich ja nur zu fragen, wie wäre es, wenn der deutsche Junker seine zarte Hand auf den Orient und auf Palästina gelegt hätte — man denke sich die verheerenden Folgen aus und nicht nur für den Zionismus. Sie verschließt sich auch nicht der Einsicht, daß unter allen imperialistischen Mächten das antisemitisch nicht verseuchte England in seiner bewundernswerten Unvoreingenommenheit und Weitsicht beinahe ein idealer Kontrahent für uns ist; die Balfourdeklaration oder die jüngste Debatte über den Zionismus im Unterhaus wären kaum in einem anderen imperialistischen Lande möglich, und sind in dieser Hinsicht ehrenvolle Dokumente einer großzügigen Sachlichkeit. Aber sie ist mißtrauisch gegen Geschenke des Imperialismus; sie bleibt stets auf der Hut. Sie wird durch keine Täuschung enttäuscht, durch keinen Betrug betrogen; sie ist darauf immer gefaßt. Sie erwartet von den Sendboten des europäischen Imperialismus in Palästina noch viel schlimmere Aufhetzungen und noch viel schlimmere Veranstaltungen von Judenpogromen — und ist. glücklich, wenn sie enttäuscht ist. Siie jubelt daher nicht ob einer günstigen, winselt nicht und wird nicht nervös ob einer ungünstigen Vertragsformel. Sie sieht eben die Entscheidung nicht in diesem oder jenem Papierfetzen, sie hat weder den Glauben an die Aufrichtigkeit, noch den an die Dauer der illegitimen Mächte. Die Entscheidung sucht sie in den zwei Instanzen der legitimen und dauernden Mächte: in einem revolutionär vollwertigen Willen des jüdischen Volkes zur Freiheit, zur menschlichen und nationalen Erneuerung; und in einer aufrichtigen Verständigung mit dem arabischen Volke. Sie ist bescheidener in ihren rechtlichen Ansprüchen — aber unbescheidener in ihren moralischen Ansprüchen, in den Forderungen an sich selbst — und kann, der Gesinnung und der Willensrichtung nach, ohne Zwang eine Grundlage für diese Verständigung bilden. Und weil sie die wahre Entscheidung nicht in einer Verbindung mit den illegitimen Herrschern, sondern in einer Verbindung mit den legitimen Instanzen der Beherrschten erblickt, kann sie ihr Heil nicht von einer starken Hand erwarten. Sie kann keine Gewaltpolitik gutheißen, und sei sie noch so sehr zu unseren Gunsten; nicht nur, weil diese Politik unsittlich ist, sondern auch weil sie unklug ist, und je günstiger sie uns ist, desto schlimmer für unsere Zukunft. Hier gelangt diese politische Konzeption zur Klarheit ihrer Problemstellung und zur Prägnanz ihrer praktischen Folgerung. Sie besagt nicht nur, daß wir durch fremde Mächte keine Rechte in Palästina erwerben können. Sie besagt mehr: insofern wir diese Rechte durch Unterstützung einer Gewaltpolitik zu erobern trachten, verwirken wir sie. Stützen wir uns auf Macht, so anerkennen wir notwendigerweise die Machtstellung der Majorität; und wir haben unser Recht, das seelischer und moralischer Natur ist, eingebüßt.