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Das jüdische Echo · 1921-12-30 · 52 (30.12.1921) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
52 (30.12.1921)
Article
Original - Ungeschnitten
Date
1921-12-30
Page
[Seite] (sequence 72)
Language
German
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598 Das Jüdische Echo Nr. 47 der Regierung kaum bekämpften Hetze haben. Es gibt überall Elemente, die zu Ausschreitungen neigen, und dabei wahrscheinlich ihren Profit zu finden wissen. Aber es ist entscheidend, wie sich diie ruhige Bevökerung zu den Unruhestiftern stellt und es ist bezeichnend, daß ihre Haltung ihnen gegenüber keineswegs ablehnend gewesen ist. Gewiß mag auch hier Wirtschaftsneid, lokale Verbitterung, skrupellose Preßpropaganda mitgesprochen haben. Aber daß eine solche Wirkung eintreten konnte, beweist am besten, daß es sich nicht um mehr zufällige Ereignisse handelt. Erinnern wir uns doch, daß noch nie eine Nation, die nicht über ungemessene Strecken unkultivierten Bodens verfügte, die Kolonisation ihres Landes durch eine andere widerstandslos geduldet hat, daß nie eine völkische Mehrheit ihren Platz einer emporstrebenden Minderheit ohne Kampf zu räumen geneigt war, daß stets ein sehr dichtes Neben- oder gar Durcheinander verschiedener Stämme und ihrer Angehörigen zu Reibungen, zu Kriegen oder Nationalitätenkämpfen führte. „Randspannungen“ nennt Blumenfeld solche Gegensätze und hat damit ein bezeichnendes und bildhaftes Wort gefunden. Solche Randspannungen und die sich daraus ergebenden Kämpfe können mit der Untexdrükkung des einen oder der nationalen Verschmelzung beider Gegner enden, sie können auch zu einer Einigung mit allen Möglichkeiten gemeinsamer friedlicher Entwicklung führen. Unterdrückung oder Verschmelzung erscheint in Palästina undenkbar. Anzustreben bleibt ein freundschaftliches Nebeneinander. Das wäre zu erreichen, wenn die Stärke der einen Partei die andere vor vollendete Tatsachen stellen würde, und wenn der Starke zugleich so klug wäre, die Lage des Schwächeren zu bessern anstatt sie zu verschlechtern. Orientalische Völker fügen sich verhältnismäßig gern in Unabänderliches, und es wäre anzunehmen daß ein entschieden projüdischer Kurs der Regierung nach endgültiger Annahme des Mandates, der sich auf eine rasch steigende jüdische Einwanderung und auf bemerkenswerte Fortschritte der Aufbauarbeit stützen könnte, sehr schnell zu einer ehrlichen Versöhnung zwischen Juden und Arabern führen würde. Leider ist die palästinensische Regierung anscheinend von ihrer Kraft ebensowenig überzeugt, wie mit größerem Recht, das jüdische Volk, das — ein Novum in der Geschichte der Kolonisationen — ohne Staat und ohne äußere Machtmittel in einer Zeit nationaler Not ohnegleichen ein Land erwerben und aufbauen will. — Solche Tatsachen bleiben auch dem Araber nicht verborgen und ermutigen ihn zu offenem Widerstand, den man für um so erfolgversprechender hält, als der Glaube an den jüdischen „Reichtum“, der zu Zeiten des „Barons“ und der Chalukah die eingeborene Bevölkerung blendete, nach dem Krieg gründlich verloren gegangen ist, und jedes Kind den Geldmangel der zionistischen Leitung und die Armut der Juden im Lande kennt. — Wären die palästinensischen Araber eine einheitliche, zu gemeinsamem Denken und Vorgehen befähigte Nation, so wäre unter solchen Verhältnissen die Lage aufs äußerste bedroht. Davon aber kann keine Rede sein. Zwischen den „Arabern“ Palästinas und den Zentren arabischen Volkstums besteht keine organische Verbindung; ja, unter ihnen selbst gibt es außerordentlich große Verschiedenheiten ethischer, kultureller, religiöser und sozialer Art, diie nur wenig geringer sind, als die Gegensätze zwischen ihnen und den Juden. Es ist zweifellos, daß es innerhalb dieses sogenannten Arabertums ganze Städte, Dörfer, Stämme und zahllose Einzelne gibt, die verhältnismäßig leicht für ein Zusammengehen mit den Juden zu gewinnen wären und die ihr wohlverstandenes Interesse an unsere Seite führen müßte, wenn wir uns nur auf die Dauer als Faktor von ausreichender Bedeutung erweisen würden. Voraussetzung dafür wäre freilich, daß soweit irgend möglich, alles unterbliebe, was geeignet ist, die Mißstimmung gegen die Juden zu verbreitern und zu einer allgemein arabischen zu machen. Wir müßten uns also daran gewöhnen, auf Demonstrationen, Deklarationsfeste, stolze Reden und pompöse Aufsätze über unsere Erfolge zu verzichten. Feierte man auch die Makkabäer, ehe sie gesiegt hatten? — Wozu chauvinistische Gesten, anmaßende Worte, Mitteilungen über niehtgekauften Boden und nichtgegründete Fabriken, Trompetenstöße vor jedem Schritt, den wir tun wollen und Posaunengeschmetter nach einem jeden, den wir getan haben, wozu all dieser Lärm, der den Starken nicht ehrt und den Schwachen lächerlich macht? Der wachsende Palmbaum braucht Ruhe und stille Pflege; man wird es schon merken, wenn er das Land überschattet. Wir sind also ganz damit einverstanden, wenn die „Jüdische Rundschau“ den Jischuw mahnt, sich durch die Vorkommnisse der letzten Zeit nicht provozieren zu lassen und keinen Anlaß zu weiterer Hetze zu geben. — Für schädlich aber halten wir das ewige Verständigungsgerede. Gleich starke Parteien verständigen sich, wenn sie einen Vergleich den Gefahren eines kostspieligen und unübersehbaren Prozesses vorziehen. Vorläufig halten unsere Gegner unsere Beteuerungen lediglich für das Mäntelchen, das wir unserer Schwäche umhängen und das sich lüften wird, wenn wir uns stark genug dazu fühlen.— Auch die Phantastereien gewisser jüdischer Intelligenzler, die den Traum eines jüdischen Palästina von Sowjets Gnaden noch immer nicht ausgeträumt haben oder diie an eine nie vorhandene und nie zu verwirklichende asiatische Einheit glauben, lehnen wir ab. Diie Herren mögen sich beruhigen; das Blitzen der viertausend Asiatensäbel, die angeblich auf der Konferenz zu Baku aus der Scheide fuhren, war vorläufig noch nicht das Wetterleuchten des Entscheidungskampfes Asiens gegen den europäischen Imperialismus. — Wir Juden, di!e seit weit mehr als tausend Jahren in Europa lebten, sind viel zu gute Europäer, um den asiatischen Traum für lockend oder auch nur für schön halten zu können. Wir wollen uns nicht in solchen Ideologien und Prophezeiungen, noch in Demonstrationen und chauvinistischen Gebärden ergehen. Wir wallen in aller Stille und mit großer Energie arbeiten, da wir wissen daß unsere Stellung im wesentlichen von unserer Arbeit in Palästina und für Mode ff. Herrenschneiderei Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise V. Braas« Cie., München Hcuhauserttr.15/1, gegenüber der alten Akademie Sport Nr. 47 Das Jädische Echo 599 Palästina abhängt. Wir wollen Pioniere stellen, die dem Lande nützen, und Mittel schaffen, deren unsere Sache bedarf. Wir wollen nicht davon reden, daß unsere Tätigkeit die Lage des armen Fellachen bessert, aber wir wollen daraufhin wirken, daß der Fellach selbst die Besserung seiner Lebenshaltung jüdischer Einwanderung und jüdischem Schaffen zuschreiben muß. Wir wollen für jeden sein, der, aus welchen Gründen auch immer, nicht gegen uns ist. Wir wollen aber auch nicht um Liebe werben, wo Liiebeswerben als Schwäche und Unehrlichkeit gedeutet wird. Wir müssen — das wurde auf dem Kongreß betont — mit dem arabischen Volk verhandeln* wo es verhandlungsfähig ist und über berufene Vertreter verfügt. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß auch wir verhandlungsfähi'g sein müssen und es nur sind, wenn wir etwas zu bieten haben. Schon heute sind unsere stärksten Positionen unsere Arbeiter, Kolonisten, Lehrer und Techniker, die Häuser, die wir erbaut, die Schulen und Straßen, die wir errichtet, die Gewerbe, die wir zu begründen begonnen haben. Kolonien und Lehrfarmen, Gärten und Felder, Bewässerung und Elektrisierung, Sanierung, Banken, Arbeitskräfte und Waren nutzen dem Lande als Ganzem, kommen jedem Juden und jedem Araber unmittelbar zugute. Gegen körperliche Angriffe aber müssen wir uns wehren. Grundsätzliches Dulden ist ebenso verderblich wie prinzipielles Auftrumpfen. Die Frage der Legion ist eine praktische, keine theoretische. Vielleicht ist eine Miliz, eine gut ausgebildete Gendarmerie, die bloße Bewaffnung des Jischuw geeigneter, weniger verstimmend, leichter durchzusetzen. Vielleicht hat eine dem britischen Heereskörper eingefügte Truppe die besonderen Vorteile, die Jabotinsky immer wieder hervorhebt. Darüber mögen Sach versündige, möge der bedrohte Jischuw selbst entscheiden. Klar allein ist, daß wir die Möglichkeit wirksamer Gegenwehr haben müssen. Hier hat das Nötige unter Vermeidung jener Provokation der nicht jüdischen Bevölkerung zu geschehen. Theoretiker in Europa mögen einen Verzicht darauf für denkbar halten; die Palästinenser scheinen anderer Meinung zu sein. — Sie haben Recht. — Vielleicht darf man von Männern verlangen, daß sie einer Idee zuliebe sich hinschlachten lassen; man kann nicht von ihnen fordern, daß sie Zusehen, wie ihre Frauen und Kinder getötet werden. — Übrigens scheint ein noch so erhabenes Dulden unerträglich für eine tätige Gemeinschaft zu sein. — Trumpeldor und die Seinen haben ein Beispiel gegeben, das nicht vergessen werden kann. Alles in allem: wir haben weder Grund zur Verzweiflung, noch zu lauten Worten, wir stellen fest, daß es in Palästina Nationalitätenkämpfe gibt, wie anderswo auch, und daß wir dafür gerüstet sein müssen. — Es ist merkwürdig, daß die Panikstimmung, die sich auf die Nachricht von Unruhen in Palästina immer wieder geltend macht, am wenigsten Boden bei uns Zionisten findet, die doch schließlich die Meistbetroffenen sind. Sonderbar, daß stets diejenigen, die sonst weder eine Mark, noch eine halbe Stunde für Palästina übrig haben, stets mit Bedauern auf das traurige Ende unserer Palästinahoffnungen und Aufbaumöglichkeiten hitnweisen. — Freilich wäre es wirksamer, wenn dies Bedauern so echt wäre, daß es sich mit einer gewissen Schadenfreude nicht gar so leicht verwechseln ließe. Wir Zionisten, die für Palästina arbeiten, der Jischuw, der in Palästina arbeitet, verzweifeln nicht. Unsere Menschen in Erez Jsrael erinnern sich der ersten Geülah. Da standen die Bauleute auf den Zinnen Jerusalems, in der einen Hand die Kelle, in der anderen das Schwert. G—. ftraber- oder Judenfrage in Palästina? Aus „Jüdische Politik“, Schriftenreihe der Freien zionistischen Blätter von Jakob Klatzkin Araberfrage — ist dieser Name nicht irreführend? Bedeutet nicht schon diese Formulierung eine Verkennung des Problems, eine Verschiebung der Problemstellung? Alle Völker und Länder haben ihre Judenfragen — und das jüdische Volk hat in seinem Lande, in Erez Jsrael, eine Araberfrage. So will es scheinen. Und wir könnten beinahe froh sein, daß wir, Territorialvölkern gleichgestellt, in einem einzigen Lande nicht Objekt, sondern Subjekt, gleichsam Besitzer einer Frage sind... Liegt hier nicht lediglich eine Narhensverwechslung vor? und ist sie nicht die Verschleierung einer anderen Frage? Sollte mau nicht ehrlicherweise von einer Judenfrage in Palästina sprechen? Indes ist diese Formulierung weder gewollte Irreführung noch sinnlose Selbsttäuschung. Vielmehr verrät sie in ihr ein Grundzug unseres nationalen Ethos. In der jüdischen Volkspsyche ist Palästina als ihr Heim, als Vaterland und nicht nur als Land der Väter, so tief verwurzelt, daß in ihr der Gedanke einer Judenfrage in Erez Jsrael

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