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Das jüdische Echo · 1921-12-30 · 52 (30.12.1921) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
52 (30.12.1921)
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Date
1921-12-30
Page
[Seite] (sequence 32)
Language
German
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558 Das Jüdische Echo Nr. 44 Dem Zionistentag zur Begrüßung Am 5. und 6. November hat der Zionistische Gruppenverband für Bayern und Württemberg einen Zionistentag nach München einberufen. Wir Münchener Zionisten freuen uns, daß Freunde und Gesinnungsgenossen sich in größerer Zahl in unserer Stadt zu Ihren Beratungen zusammen fin de n wer den. Wohl in jedem von uns erwacht dabei die Erinnerung daran, daß die Gründer der zionistischen Bewegung dereinst die Absicht hatten, den ersten Kongreß nach München einzuberufen. Die Führer der Münchener Judenheit haben sich damals dem Plane widersetzt und München ist um die historische Rolle gebracht worden, die es in der Geschichte der jüdischen Bewegung zu spielen berufen war. Die großen zionistischen Weltkongresse haben dann in Basel und London, in Haag und Hamburg, in Wien und zuletzt in Karlsbad stattgefunden. Auch die Delegiertentage der deutschen Zionisten haben bisher niemals in München getagt. Nun wollen sich hier die Vertreter der zionistischen Gruppen aus Bayern und aus unserem Nachbarland Württemberg zu einer Aussprache zusammenfinden. — Durch die Ereignisse des Weltkrieges, die Balfour-Deklaration, die Beschlüsse von San Rerno, die Anerkennung des Zionistischen Programms und der zionistischen Leitung im Mandatsvertrag des Völkerbundes hat die zionistische Bewegung eine ganz andere Grundlage erhalten. Sie darf sich nicht mehr, wie früher, damit begnügen, zu zeigen, was sie will; sie muß beweisen, was sie kann. Der Karlsbader Kongreß hat die Richtlinien der zionistischen Arbeit für die kommende Zeit festgelegt. Nun gilt es, diese Arbeit aufzunehmen. Der judenheit der Diaspora erwächst die große Aufgabe, am Werk des Wiederaufbaues des jüdischen Palästina mit allen Kräften mitzuarbeiten, mit ihren geistigen, moralischen und ihren materiellen Mitteln. „Der Zionismus ist keine Partei.“ Dies Wort Herzls gilt heute, wo die praktische Aufbauarbeit beginnt, mehr noch, als zu der Zeit, in der es der große Führer gesprochen. Wiir wollen die Arbeit nicht als „Parteisache“ behandeln. An alle Juden geht unser Ruf! Die Zionistentagung in München wird, so hoffen wir, zahlreiche jüdische Mitbürger, die unserer Bewegung fernstanden, veranlassen, zu uns zu kommen und sich zu unterrichten über das, was wir wollen. Der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, den wir herzlich hiermit begrüßen, wird am Vorabend der Tagung die allgemeinen Ziele unserer Bewegung und die Aufgaben der Gegenwart beleuchten. — Am Sonntag finden dann die Verhandlungen des Gruppenverbandstages statt. Wir hoffen und wünschen, daß von ihnen eine fruchtbare Anregung ausgehen wird für unsere Arbeit im Innern und nach außen hin. Dr. Elias Straus Nach zwei Jahren Tätigkeitsbericht des Gruppenverbandssekretariats Der Zionstische Gruppenverband für Bayern und Württemberg gilbt sich Rechenschaft übeir Erfolge und Mißerfolge, nachdem er seit nunmehr zwei Jahren das Sekretariat in Nürnberg besitzt. Eine Darstellung des Erreichten mag daher auch an dieser Stelle berechtigt sein; die prinzipielle Auseinandersetzung über Arbeit, Arbeitsmethoden und Arbeitsmöglichkeilt gehört dagegen vor den Gruppenverbandstag und wird dort Gegenstand eines Referates werden.— Die Arbeit der zionistischen Organisation in Bayern und Württemberg; zeitigte nie sehr günstige Ergebnisse; vor dem Kriege gab es einige nicht sehr große Ortsgruppen und als das Sekretariat im Jahre 1919 seine Tätigkeit aufnahm, war außer in München und Nürnberg das zionistische Leben so ziemlich erloschen. Freilich lagen und liegen die Verhältnisse in unserem Bezirk besonders ungünstig. — In Bayern und Württemberg leben 56 000 Juden; aber diese gewiß nicht unbeträchtliche Zahl verteilt sich auf eine sehr erhebliche Menge von Orten; wenigen Großgemeinden stehen einige mittlere und sehr viele kleine und kleinste Gemeinden gegenüber. Diese starke örtliche Differenzierung bedingt eiine geringe Einheitlichkeit der jüdischen Bevölkerung in ihren Anschauungen, ihrer wirtschaftlichen, sozialen, geistigen und religiösen Stellung. Es gibt das typische Judentum der großen Städte, aber es gibt auch ein Judentum der Dörfer und Marktflecken, das seit Generationen unter den Bauern und mit den Bauern lebt. Große Teile dieses Judentums sind daher überraschend bodenständig; die Leute führen die Namen der Orte, aus denen sie stammen und fühlen sich dem Lande, das sie seit Generationen trägt, selbstverständlich verbunden. — Das süddeutsche Judentum ist selbst in innerlich entjudeten Kreisen pietätvoller, dem Überlieferten anhänglicher, religiös weniger indifferent, als das norddeutsche. Aber es ist oft eine wenig jüdische Art der Religiosität und es ist ganz bezeichnend, daß es für die Färbung der jüdischen Orthodoxie in Bayern nicht gleichgültig ist, ob ihre Vertreter in evangelischen oder katholischen Gegenden wohnen. Daß sich eine so geartete Bevölkerung dein Eindringen neuer Menschen und Ideen, gegenüber sehr zurückhaltend verhalten muß, wird einleuchten. Vielleicht nirgends besteht eine so tiefe Kluft zwischen dem eingesessenen Westjudentum und den eingewanderten Ostjuden wie hier, und auch der norddeutsche Jude wird nicht ohne Mißtrauen empfangen. Der Zionismus vollends fand gar keinen Boden; man bekämpfte ihn nicht ingrimmig wie in Berlin oder Frankfurt; aber man konnte und wollte ihn nicht verstehen; er galt für Menschen einer anderen Welt, und man ging an ihm vorbei. Da kam der Antisemitismus und überfiel mit ungeheurer Plötzlichkeit und Brutalität Menschen, die seit Generationen wenig mehr vom Judenhaß gespürt hatten. Zuerst waren Verwirrung und Bestürzung fast komisch. Dann aber begann man sich zu besinnen und nach innen und außen umzugruppieren. Noch weiß man nicht recht, was man tun soll und wohin man gehört; aber schon zeigt sich häufig ein lebendigeres jüdisches Interesse, das mehr als nur die Reaktion auf den Angriff von außen ist.... Mode ff. Herrenschneider« Reiche Stoff-Auswahl Ermäßigte Preise I. Braun iCle„ lochen Msuhauseratr. 151, gegen- Ober der alten Akademie Sport Nr. 44 Das Jüdische Echo 559 Unter solchen Umständen und mit solchen Menschen haben wir zu arbeiten. — Es folgen die Resultate unserer Tätigkeit: Der Gruppenverbandstag hat unter Einschluß der Sonderverbände ziirka 1000 Mitglieder; die Schekel aktion ergab inklusive Misrachi etwa 1800 Schekolim. — Die Grenze zwischen „Mitglied“ und „Schiekelziahler“ steht in Gemeinden ohne Ortsgruppen leider nicht fest; hier entscheidet oft mehr die Gesinnung, das Zugehörigkeitsgefühl als die Zahlung der zionistischen Beiträge. — Bemerkenswert ist, daß die Schekelaktion auf eine Anzahl von Orten ausgedehnt werden konnte, in denen wir bisher noch nie Fuß gefaßt hatten und daß wir dort dauernde Beziehungen gewannen, so in Augsburg, Erlangen, Floß bei Weiden, Göppingen, Ingolstadt, Möckmühl, Neustadt a. d. A., Nördlinigen. Passau und einigen kleineren Orten. Der Pionier unserer zionistischen Arbeit ist sehr häufig die Nationalfondsbüchse. Der Nationalfonds findet besonders auf dem Lande überall leicht Eingang. Wir entsenden jetzt eigens junge Leute auf die Dörfer und kleinen Städte, um dort für den Nationalfonds tätig zu sein. — Die Gesamteingänge des Nationalfonds in unserem Bezirk belaufen sich seit dem vorigen Gruppenverbandstag auf zirka 130 000 Mk., also auf nicht allzu viel weniger als im Jahre 1919/20 mit der Landfondsaktiion. — Es scheint übrigens, als ob die Keren Hajesisod-Sammlung dem Nationalfonds nur wenig abträglich ist; Orte, die stark hinter ihrem Nationalfonds-Kontingent zurückblieben, hatten stets auch schlechte Keren Haj.essodergebnis.se. Die Keren Hajessodaktion stand natürlich im Vordergrund der zionistischen Arbeit. Sie ergab bisher Zeichnungen in ungefährer Höhe von l3U Millionen Mark. Den größten Teil davon brachte der Gruppenverbandssekretär auf; das Resultat wäre viel besser, wenn man sich weniger auf ihn lind mehr auf die eigene Kraft verlassen hätte. — Die Verhandlungen mit einflußreichen nichtziionistischen Kreisen sind hier wie überall noch in der Schwebe; in München und Nürnberg gibt es bereits neutrale Komitees, die aber der Erweiterung bedürfen. — Während die Propaganda des Keren Hajessod mit den Mitteln dieses Fonds selbst durchgeführt wird, steht der Zionistischen Organisation nur ein größeres finanzielles Instrument, die Zionistensteuer, zur Verfügung. Unser Versuch, ihre Einnahmen durch Einführung der Pflichtbesteuerung in München und Nürnberg mit einem Mindestsatz von Mk. 80.— zu steigern, darf als geglückt bezeichnet werden. Die Gesamteingänge im laufenden Jahre dürften zirka 30 000 Mark erreichen, eine Summe, die bedeutend erhöht werden könnte, wenn die diesbezüglichen Anträge des Vorstandes Annahme finden würden. — Ein Gruppenverbandsbeitrag wurde im vergangenen Jahre leider nicht erhoben. — Es war deshalb nicht leicht, die Wahlkosten zum Verband Bayerischer israelitischer Gemeinden aufzubringen. Die Jüdische Volkspartei! aus Zionisten, betont jüdischen Liberalen (Mittelpartei) und einem Teil der Orthodoxie errang 12 Mandate; durch Beitritt auf der „Tagung“ ergab sich eine Fraktion von 15 Mitgliedern, also eine nicht unbeträchtliche Gruppe. — Große Dienste hat uns im Wahlkampf das „Jüdische Echo“ geleistet, das von vielen Zionisten und sehr zahlreichen Nichtzionisten gelesen wird. —■ Die Redaktion des „Echo“ ist jetzt wieder — nach einer Zeit des Interregnums — mit dem Gruppenverbandssekretariat vereinigt. — Aktualität kann..nicht Aufgabe des „Echo“ sein; seine Möglichkeiten bestehen eher darin, bestimmte jüdische Gebiete eingehend, sachlich und verständlich zu behandeln. Die Sondernummern der letzten Wochen weisen den Weg, den wir gehen wollen. — Natürlich erschöpfen sich unsere Propagandamittel nicht ln der Verbreitung des „Jüdischen Echo“. Eine große Zahl von Broschüren wurden an geeignete Persönlichkeiten versandt, manche Nummern der „Jüdischen Rundschau“ mit Mutzen weitergegeben, die „Keren Hajessod“-Zeihchri!i „Das Neue Palästina“ auf unsere Veranlassung einer größeren Anzahl von Personen zu'gestellt. — Die Schaffung einer Gruppenverbandsbibliothek, die insbesondere unseren Freunden in den kleinen Gemeinden zu Gute kommen soll, ist in die Wege geleitet. Wirkungsvoller freilich als Briefe, Bücher oder Broschüren ist die persönliche Einflußnahme. Es wird viel bei uns gereist, nicht nur vom Sekretär sondern auch von einer ganzen Reihe von Mitgliedern. — Wir haben ein Recht zu behaupten, daß es mindestens in Nürnberg einige Herren gibt, die für den Gruppenverband' arbeiten und sich für ihn verantwortlich fühlen nicht nur auf Gruppenverbandstagen und Vorstandssitzungen. Der Gruppenverband lebt. Er ist eben dabei, sich eine feste Organisation zu schaffen. — Aber so wichtig auch Statuten, Ressortvertretung, Finanzierung und ähnliches sind — wichtiger ist die Vermehrung der Mitarbeiter und Mitträger der Verantwortung. Wir brauchen Vertrauensleute überall, die uns und denen wir Vertrauen schenken. Der Gruppenverband ist keine Münehen-Nürnberger Lokalinstitution. Er darf nie zur Parteimaschine werden. Er müßte es, wenn er nicht ringsum Anreger und Helfer finden würde. Es wäre unerfreulich, wenn das Gruppen verbandsbür o die Gesinnungsgenossen in den Ortsgruppen entlasten, sie eigener Arbeit entwöhnen würde. Die mustergültigsten Kartotheken, die ausgedehnteste Korrespondenz, die Vermittlung bester Informationen, die Beschlickung miit ausgezeichneten Rednern könnte den Ortsgruppen nie Ersatz für eigenes zionistisches Leben bieten. Das Gruppenverbandsbüro ist im wesentlichen Vermittlungsstelle. Es kann anregen, veranlassen, helfen: keine Arbeit, keine Aktion nur aus eigener Kraft durchführen. In seinem Rahmen kann es Ersprießliches leisten, wenn es sich damit begnügt, die Initiative der Ortsgruppen zu wecken und zu fördern. — Schon heut ist die Tätigkeit des Büros recht ausgedehnt; eine sehr erhebliche propagandistische Arbeit wird geleistet. — Die' Kosten des Büros dürften hn Jahre 1921 55 000 bis 60 000 Mark erreichen. Dazu kommt noch die freilich ziemlich geringe Subvention des Münchener Büros und der Beitrag des Nationalfonds. ln München wird selbständig, aber in ständiger Fühlungnahme mit Nürnberg gearbeitet. Zur Unterstützung der Ortsgruppe hielt sich der Verbandssekretär ziemlich häufig, davon einmal für längere Zeit, in München auf. Münchener Gesinnungsgenossen betätigten sich mit besonderem Erfolg auf dem Gebiet der Ostjuden- und Chaluzimfiirsorge. — An den israelitischen Landeskirchenwahlen in Württemberg haben wir uns nicht beteiligt. Es wäre aussichtslos gewesen. — Umsomehr Aufmerksamkeit schenkten wir der Jugendbewegung,

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