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Das jüdische Echo · 1921-06-10 · 23 (10.6.1921) · p. Seite 289

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
8 (1921)
Issue
23 (10.6.1921)
Date
1921-06-10
Page
Seite 289 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 289 Feuilleton Von einem Platze an der Misrachwand. (Fortsetzung.) Es war ilm Sommer. Früh am Morgen. Mit Tallis- und Tefillimbeutel kehrte die Gemeinde aus dem Bethaus heim, die Röcke aufgeknöpft, die Brust frei der Sonne entgegen — ganz der Lust ihrer kosenden Wärme hingegeben. Und vot sich sahen sie Gottes schöne Welt liegen: Bäume und Blumen und Sträucher (und im stillen überlegten sie dabei, wieviel alles wohl wert wäre). Die Ernte ist gut geraten, Zwiebeln, Rettich. Kartoffeln (gelobt sei der Herr) wirds dieses Jahr in Fülle geben. So gingen sie^hin, Jubel im Herzen. — Da plötzlich wachsen vom Ende der Gasse her mächtige Staubsäulen in die Höhe, und wilder LäTm tönt zu ihnen herüber. Meckernd und muhend läuft die ganze Herde Viehzeug hungrig vom Felde zurück. Jetzt? warum schon jetzt? Sie fragen und reden mit wild geschwungenen Händen; aber bald bekommen sie bittere Antwort. Wehe! Der Gutsherr will die Kühe nicht mehr wie früher auf seinem Felde weiden lassen. Bitter, sehr bitter! Man läuft natürlich auf das Gut zum Herrn, weinend, bittend, flehend. Aber der Gutsherr läßt sich überhaupt nicht sprechen. Nicht mal die Schwelle dürfen sie betreten. So fleht man den Inspektor an: Herziger, guter Mann! — Nein, Jüdelchen. Schreien sie: 0 gute Seele, Liebling, warum das? Antwortet er: Der Gutsherr ist böse. Ihr, Jüdchen, wollt ihm — so hat er gehört — seinen Platz in der Schul nehmen. Stecken sie ihm, wie es so Brauch ist. ein Geschenk in die Hand. Nimm, guter Vater, Seelchen, nimm. (Soll er wenigstens heimlich das jüdische Vieh irgendwo weiden lassen und die Augen schließen.) Die Bestechung nimmt er wirklich — denn er ist von Natur kein schlechter Mensch. Aber er will mehr. Ach, es ist eine Qual, daß einem übel werden kann. Und wer steckte hinter der ganzen Geschichte? Reb Schmelke. Das war Reb Schmelkes Werk. Und damals flammte es wie Feuer in der Gemeinde auf: Zorn, Wut und Haß. Kabzansk teilte sich in zwei Parteien. Auf Messer! Die Leute von Chaikel-Chajims Partei — die Mechalkel-Chajimnikes, wie man sie nennt, halten sich nicht ruhig. Sie sprühen Feuer. Und jene von Reb Schmelkes Partei — die Schmelkenikes genannt — praktische Leute, die von der Pachtung leben, schweigen auch nicht. Auch sie sprühen Feuer. Und zwischen den beiden Feuern standen zuerst die Kühe von Kabzansk, und nachher — es ist zum Erbarmen — der Rebbe und die Lehrer. Freilich, Vieh ist Vieh. Kühe sind stille Geschöpfe. die Ehrfurcht im Leibe haben. Haben sie nichts zu fressen, so rekeln sie sich ilm Stall; und es ist noch auszuhalten. Aber die Ziegen, die Straßenbuben! Gehen sie nicht ins Cheder — ich meine natürlich aufs Feld —, dann drehen sie die Welt um und stecken überall, wo sie nicht stecken sollen. In allen Winkeln. Und in Kabzansk gibts gar viele Ziegen. Wenn die nicht den Bauch voll haben, machen sie wild'e Geschichten. In den Gärten und Gemüsefeldern springen sie umher und fressen den Bauersfrauen das Grünzeug aus den Mulden. Die ganze Stadt brachten sie in Aufruhr. Die Hunde und die Menschen. Wo nur ein Hund war, da kläffte sein Bellen durch die Gassen. Es war einfach nicht mehr zum aushalten. So gehts nicht weiter. Das sah jeder ein. Alles muß versucht werden, um das Unglück los zu werden. Das erkannten alle. — Und da fing die Geschichte mit dem Gelde an, die Geschichte des öffentlichen Geldsammelns. An Sammlern fehlte es Gott sei Dank nicht. Ach wäre nur soviel Geld da, wie Sammler! Der sammelt Geld für den Inspektor, jener für die Diener auf dem Gut Man muß doch wenigstens eine Minute Ruhe haben vor den Tieren. Andere wieder sammeln Geld, um den Platz vom Gutsherrn abzukaufen und andere sammeln ganz einfach Geld — für die Spesen. — Juden, gebt Geld (so schreit man)! für jedes Tier so und so viel! . . . Schlimmer aber als den Tieren ging es dem Rebben, dem Chasan, dem Schächter und den Dienern im Beth Hamidrasch. Bitter und finster wars für sie rechts und links. Wandten sie sich zu einer Partei, so hatten sies mit der anderen zu tun. Und beide Parteien sind Trotzköpfe und möchten einander vergiften. Ach, die armen Rebben! Die wußten kaum mehr, in welcher Welt sie waren. Mit allen wollten sie gut sein. Dort eine Prise, hier eine Prise. Hier ein Gruß, dort ein Gruß. Ein Sprung nach rechts und ein Sprung nach links und wieder ein Sprung zurück; nicht nach rechts und nicht nach links. Alles haben sie versucht, zu allem „Ja“ und „Amen“ gesagt. Und sind dabei umgekommen. Wie Leichen schlichen sie umher. Kabzansk steht in Flammen und der Streit wächst und wächst. So gehts nun mal in der Welt. Es gibt keine Sache, die nicht bestimmten Geschöpfen die Möglichkeit zum Leben gibt. Im Sumpf wohnen die Teufel und im Pfuhl die Frösche, im Schmutz wimmelt es von allerlei Gezücht; und wo Streit und Kampf ist, da kommen solche Leutchen auf — der Teufel weiß, wer sie sind — die aus dem Streit ihre Nahrung ziehen, sehr bekannt werden und bei allen Narren Ansehen haben. Solche Leutchen — diese neue Sorte von Gemeinde-Versorgern — kamen nun auch in Kabzansk an die Oberfläche, und wurden bei den großen Wirren Rädelsführer, die das Feuer schürten und die Feindschaft steigerten. Die Leutchen, die z. B. begeisterte Anhänger Chaikel- Chajims waren, suchten ihn an der Nase herumzufühiren, damit er ihnen das sei, was der Tanzbär dem Zigeuner, der von Stadt zu Stadt fährt, den Bären tanzen und springen läßt und selbst die Kopeken einstreicht. — Kommt Leute (so riefen sie aus), kommt, wir wollen Kabzansk in unsere Hände nehmen. Und wilder rollte und kochte der Aufruhr in der Gemeinde, wie wenn der Sturmwind über das Meer hinrast. In beiden Lagern wuchsen Helden. Ein Kampf aller wars gegen alle — und bei der Vorstandswahl flogen in der Klaus schon die ersten kräftigen Ohrfeigen. Und die Ohrfeigen flogen dann weiter und weiter; schrecklich! Das ist ein bitterer Scherz, wenn jüdischen Kindern das Blut in Wallung kommt. Um sie herum versinkt die Welt. Alle Ehrfurcht geht in die Brüche; Junge verachten

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