Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- 16 (22.4.1921)
- Date
- 1921-04-22
- Page
- Seite 204 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Das jüdische Echo Nr. 16 als Orientale, nicht in ethnographischen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die verwandelnde Kraft zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann Schöpfer sein. So schrieb ich im Jahre 1909. Diese Überzeugung hat sich seitdem verstärkt, ja, sie ist zu einer Art von Maxime geworden, einem Maßstab, einem geistigen Gesetz. Allein ich sehe wohl, daß hier eine gewisse Zusammenfassung des Ausdrucks und Weitmaschigkeit der Schlüsse denjenigen befremden muß, der in diese spezifische Abbreviatur nicht eingeweiht ist und die Worte nur nach ihrem engsten Verstände fragt. Ich will daher versuchen, mehr in der Fläche zu bleiben. Wir kennen Sie ja, lieber Freund, wir kennen sie und wir leiden an ihnen, diesen tausenden sogenannten modernen Juden, die alle Fundamente benagen, weil sie selbst ohne Fundament sind; die heute verwerfen, was sie gestern erobert, heute besudeln, was sie gestern geliebt, denen der Verrat eine Wollust, Würdelosigkeit ein Schmuck und Verneinung ein Ziel ist. Sie geben sich nur hin, wo sie sich verlieren können, und bewundern nur dort, wo sie sich verstoßen fühlen. Im Grunde ihres Herzens glauben sie bloß an das Fremde, das Andere, das Anderssein, erklärlicherweise, denn als Entgötterte sind sie ja unverwandelbar und suchen vermittels eines salto mortale oder einer Ekstase die Ergänzung im Extrem. Die in der Gier und im Krampf vergeudete Seelenkraft macht ihr Gemüt alsbald arm und öde und drängt sie auf das Feld steriler Spekulation, d. h. sie treiben Kritik um der Kritik willen, der Formel und. dem Urteil zuliebe. Aber sie leiden auch selbst, und ihr Leiden ist ein tödliches, das wissen sie so gut wie wir, die wir ihnen nur ins Antlitz zu schauen brauchen, um den Tod darin zu erkennen. Der Jude hingegen, den ich den Orientalen nenne, — es ist natürlich eine symbolische Figur; ich könnte ihn ebensowohl den Erfüllten nennen, oder den legitimen Erben, — ist seiner selbst sicher, ist der Welt und der Menschheit sicher. Er kann sich nicht verlieren, da ihn ein edles Bewußtsein, Blutbewußtsein, an die Vergangenheit knüpft und eine ungemeine Verantwortung der Zukunft verpflichtet; und er kann sich nicht verraten, da er gleichsam ein offenbartes Wesen ist. Er ist kein Leugner, sondern ein Bestätiger. Er ist niemals Sektierer, niemals Partikularist. er hat nichts von einem Fanatiker, von einem Prätendenten, von einem Zurückgesetzten, er hat alles innen, was die anderen außen suchen; nicht in verbrennender Rastlosigkeit, sondern in freier Bewegung und Hingabe nimmt er teil am fortschreitenden Leben der Völker. Er ist frei, und jene sind Knechte. Er ist wahr, und jene lügen. Er kennt seine Quellen, er wohnt bei den Müttern, er ruht und schafft, jene sind die ewigwandernden Unwandelbaren. Er ist, in solcher Vollkommenheit gesehen, vielleicht mehr eine Idee als eine Erscheinung. Doch sind es nicht die Ideen, durch welche die Erscheinungen hervorgebracht werden? Jede menschliche Wirklichkeit ist das Erzeugnis einer Idee, und die bloße Ahnung des Sternes, der über dem Sumpf des Rationalismus leuchtet, ist wirklicher, als das behagliche Quaken des Frosches seiner Mitte. Leben Sie wohl, lieber Freund, und seien Sie gegrüßt von Ihrem Jakob Wassermann. Feuilleton Der Seder.*) Von S. J. A gn o n. Als Jechiel-Michal, der Schuldiener, mit seiner heiligen Arbeit fertig war und aus dem alten Beth- Hamidrasch trat, um nach Hause zu gehen, war er besonders froh; Gott sei Dank, nun war die Zeit der vielen Vorbereitungen zum Feste vorbei, die mannigfachen Lasten, die Gott ihm auferlegt hatte, waren von ihm genommen; nun konnte er auch etwas von der Festfreude spüren und, nach Gottes Gebot, einen Seder machen, wie jeder Mann in Israel. Aber als er so stand und die Tür des Beth- Hamidrasch verschloß — über ihm leuchtete das Licht dieses Abends —, da erfaßte ihn eine leichte Kühle und fast begann er, an allen Gliedern zu zittern. Und Jechiel-Michal versuchte das Schloß, sperrte auf und zu, zu und auf, um zu sehen, ob er richtig geschlossen hatte. Er nahm die Schlüssel in diie Hand und ging in gedrückter Stimmung heim. Denn er hatte sich erinnert, wohin er ging, und ihm war schwer zumute. Einsam würde er in seinen vier Wänden sitzen, auf seinem zerrissenen Kissen, das schon so viele Jahre keine Frauenhand berührt hatte, um es zurechtzulegen; und so wie vorm Jahre würde er in der Hagadah lesen, deren Blätter von Wein befleckt sind — der Wein aber war an jenem Peßachabend aus seilnem Becher getropft, als er das Fest bei seinem Schwiegervater, an der Seite seiner frommen seligen Frau gefeiert hatte. Er würdie halbgare Gerichte verzehren, die er selbst erst mühsam anwärmen mußte; ach, wie schlimm ist es, wenn der Mensch allein ist! Zwar hatten ihn viele wohlhabende und. angesehene Leute eingeladen, an den Peßachabenden zum Seder bei! ihnen zu bleiben. Seit Schuschan- Purim, dem Tag nach dem Purimfest, hatten sie ihm gesagt: „Wie kann nur ein Jude am Festtag einsam sitzen? Es ist ja ein Glück, Reb Jechiel- Michal, daß in dieser Nacht böse Geister keine Macht haben; trotzdem aber solltet Ihr die Freude unseres Befreiungsfestes nicht verschmähen, nicht verschmähen, Euch in den Frieden eines jüdischen Hauses zu begeben. Erscheint denn Euch dieses Fest als eine geringe und unwichtige Angelegenheit? Und wenn ein Jude einsam sitzt, ohne Familie, ohne Verwandte und Freunde, dann hüllt ihn Trauer ein, Gott bewahre uns vor ihr! Trauer ist die Hefe im Teig, sie ist der wahre Chamez. Und Chamez am Peßach: davor beschütze uns Gott!“ Nicht so aber war es mit Jcchiel-Michal. Er ist ja nur ein Schuldiener, ein einfacher Schuldiener. macht Botengänge für Fremde: aber doch ist er ein Mann in Israel. Er würde seinen Feiertag nicht durch Trauer entweihen, er würde seine Welt nicht dadurch finster machen, daß er an einem fremden Tische säße. Er ist ein Jude, und auch er war unter denen, die aus Mizrajim zogen. Und seine Seele, das weiß 'Gott, stammt sicherlich und wahrhaftig nicht vom Erew-Raw, von dem ägyptischen Gesindel, das sich an die ausziehenden Israeliten hängte. Nur aber — die Hausfrau fehlte ihm. *) Aus dem soeben in neuer Auflage im Jüdischen Verlag erschienenen ausgezeichneten Pesachbuch „Chad-Gadjo“, vorrätig in der EWer- Buchhandlung, Waginiillerstr. 19.