Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 36 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- Seite 438 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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STIMMEN DER DEUTSCHEN PRESSE über das WARSCHAUER JÜDISCHE THEATER nach erfolgreichen Gastspielen in mehreren deutschen Städten „BERLINER TAGEBLATT“: .... wie diese Sache gespielt wurde, das war ein unmittelbarer Genuß. .... Da tritt Frau Anna Jakubowitsch, die Direktorin, auf. spielt mit üppigem Temperament das typische Schicksal eines verführten und verlassenen Mädchens, und alle Schranken sind vor einer im stillen und lauten Leid ganz wunderbar ergreifenden Darstellung gefallen. Urplötzlich hat sich außer dem exotischen Reiz, der nicht ausbleiben konnte, wider Erwarten ein künstlerischer eingestellt und uns mit den Fremdlingen da droben verbunden. So viel vollblütig urwüchsiges Schauspielertum habe ich lange nicht beisammen gesehen, vielleicht seit den Tagen der Sizilianer-Gastspiele kaum. Man neigte am ersten Abend zur Annahme, daß jeder Darsteller nur einen Typus, nur sich selber spiele. Am zweiten erstaunte man über die Wandlungsfähigkeit, die sie kaum wiedererkennen ließ. Der Direktor, Herr H e i - mann Jakubowitsch, am ersten Abend ein flotter Verführer, war am nächsten die gedämpfte Groteskfigur eines Gettovaters. Der Liebhaber von heute. Herr F e i b 1 e i n, war gestern ein alttestamentarisch explosiver kranker Alter. Und Fräulein Perlmann singt und tanzt gar am gleichen Abend in zwei Rollen als Naive und1 komische Alte. Auch die Episodisten sind vollendete Komiker.... Frau Jakubowitsch: in der Titelrolle zeigt sich, charmant springend und1 singend, diesmal in ausgelassener Komik. Und eine winzige Szene ließ dabei wieder ihr tragisches Vermögen erkennen: in den virtuos dargestellten Stimmungen, als der Bräutigam seiner Chancie die Verlobung aufsagt. Diese Warschauer Judenspieler, die den Polen verdächtig erschienen, weil das deutsche Gouvernement sich ihrer annahm, und die nun bei uns Zuflucht suchen, verdienen die Aufmerksamkeit aller Theaterfreunde. Sie sind weit mehr als eine ethnologische Kuriosität und verlangen ernsthafte kritische Wertung. Aus einem längeren Aufsatz v. L. Stahl. „NEUE BADISCHE LANDESZEITUNG“: .... Doch da tritt Frau Anna Jak ubowitsch auf.... .... Hätten wir doch allen Ernstes zurzeit eine Schauspielerin wie diese am Nationaltheater! Sonst gefiel mir in der guten, alttestamentarisch explosiv gespielten Rolle eines Vaters Herr F a b 1 e i n besonders. Der Direktor, Herr Heimann Jakubowitsch, der nach dem Wegzug der Deutschen aus Warschau von den Polen als Deutschenfreund verjagt wurde und nun mit seinen Leuten bei uns Unterschlupf fand, sieht aus und spielt wie viele deutsche Hofschauspieler; seine Gesichtszüge erinnern an die unseres Garrison. Was um diese drei sich herumbewegte, die übrigen Damen sowie die Herren Silbermann. Feigenbaum. Ariel und andere, chargierten vortrefflich und werden wohl in der Operette, die am Montag folgen soll, besonders gut zur Geltung kommen. „MANNHEIMER TAGEBLATT“: .... Auch die Vertreter des jiddischen Jargons fesseln beinahe mehr ethnographisch als künstlerisch; sie spielen „sich selbst“, und ihr Erfolg wird gesteigert durch das geradezu explosive semitisch-slawische Temperament der Darsteller und die unverhüllte Naivetät ihrer bezeichnenden Geste.... Aus der Mitte der Truppe ragt eine Künstlerin turmhoch hinaus: Frau Anna Jakubowitsch. Hier haben wir eine jener großen Begabungen. denen wir nur ganz selten begegnen. Ihre Art erinnert in den Grundlinien stark an Elsa Lehmann, ohne daß hier die Wirkung eines Vorbilds zu spüren wäre. Die Kunst der Jakubowitsch ist ganz ursprünglich, der Vergleich kann und soll auch nur einen Teil ihrer Künstlerseele erschließen, deren eminente Vielfältigkeit sich in unzähligen mimischen Feinheiten und Zwischentönen widerspiegelt.... .... So schlägt echte Kunst die Brücke über die Grenzen der Sprache .. Es sollte mich nicht wundern, wenn Anna Jakubowitsch eines Tages auf einer unserer ersten deutschen Bühnen Triumphe feiern würde.... Die Darstellungen des „Warschauer Jüdischen Theaters“ dürfen angesichts ihres grossen künstlerischen Erfolges auf das Interesse aller Juden rechnen. Sie bieten ostjüdische Volkskünste in bester Darstellung.