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Das jüdische Echo · 1919-02-14 · 7 (14.2.1919) · p. Seite 80

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
7 (14.2.1919)
Date
1919-02-14
Page
Seite 80 (sequence 4)
Language
German
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80 Das Jüdische Echo Nr. 7 jaht die Hörigkeit; seine Haltung im Bauernaufstand spricht ja jeder wahren Religiosität Hohn.) Die W i r k 1 i c h k e i t des alten jüdischen Staates, die den Propheten sö' sehr mißfiel, übertraf ja beträchtlich das staatliche Ideal eines Plato und St. Augustin. Und sie mißfiel gar sehr Arnos, dem Hirten von Tokea. und seinen Genossen, die das arbeitslose Einkommen überhaupt verdammten, den profitgierigen Handel haßten, jede Bedrückung und Ausbeutung aufhören lassen wollten. Der siebenjährige Schuldenerlaß und Zinsverbot waren radikale Heilmittel; sie waren jedoch unmöglich und verfingen auch kaum. Der Rückfall des veräußerten Bodenbesitzes im Jobeljahr war schon viel richtiger und wirksamer, ob aber diese Maßnahme Dauerwirkung hatte, ist zweifelhaft. Der judäische Staat wollte kein „Gottesstaat“ werden. Und war in all seiner „Verworfenheit“ doch unglaublich mehr und besser als des frommen afrikanischen Bischofs ..civitas Dei“ und als die „Politeia“ Platos, des Göttlichen. Der Geist sozialer Gerechtigkeit, im davidischen und hasmonäischen Staat in unübertroffener Reinheit verkörpert, überdauerte die staatliche und soziale Selbständigkeit. Die Gemeinschaft des versprengten und geknechteten Volkstums war wie keine andere von Recht und Gerechtigkeit erfüllt. Wohltätigkeit —■ die Pflicht und Schuld war; das hebräische „Zedaka“ heißt: Gerechtigkeit — und soziale Fürsorge schufen in der jüdischen Disporagemeinschaft bereits im frühen Mittelalter ein weitverzweigtes System öffentlicher Wohlifahrtseinrichtungen, die in der christlich-europäischen Gesellschaft erst in den letzten Zeitläuften des vergangenen Jahrhunderts Gemeingut werden. Gerechtigkeit tun war und ist des Juden eigentlicher Gottesdienst. Nach Gerechtigkeit schreit die jüdische Seele, von Menschenliebe und unausrottbarem Haß gegen den Geist der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung ist sie von Anbeginn erfüllt. Daher ihre Verdammung, ihre Ächtung der alten Hellenen- und Römerwelt. Daher ihre Verdammung, ihre Ächtung der christlich-mittelalterlichen Welt. Daher ihre unstillbare Empörung und Auflehnung gegen die Lebensordnung einer neuen Zeit, in der Schollenhörigkeit von einer Lohnhörigkeit abgelöst wird. Ein durch die Jahrtausende schallender Wiederhall des alten Prophetenrufes nach Recht ist der Sozialismus; dem Schoße des Judenvolkes sind seine Kämpfer und Blutzeugen entsprungen, von Jesaias und Arnos bis zu Marx und Lassalle und zum letzten jüdischen Jüngling und Mägdelein des Ostens, die in den Kasematten an der Newa schmachteten oder zum Ruhme der Gerechtigkeit freudig den Russenga1g<m bestiegen. Nur aus ihrem urjüdischen Lebensgefühl heraus sind die Schöpfer des deutschen Sozialismus zu begreifen. Der einer alten Rabbinerfamilie entsprossene, von einem „liberalen“ klugrechnenden Vater im sechsten Lebensjahr dem vorteilhafteren Christengott zugeführte Karl war und blieb ja bis in die letzte Seelenfaser Jude, Nur-Jude. (Nur allzu schlecht verträgt sich der angebliche „Materialismus“ mit dem allesbeherrschenden sittlichenEthos.) Bewußter, aufrechter war es Ferdinand Lasalle, der als Sechzehnjähriger in sein Tagebuch schreibt: „0, könnte ich mich an die Spitze meines Volkes stellen und es mit starker Hand in sein Land zurückführen.“ Er hätte ein Theodor Herzl werden können, wäre das Geschlecht würdig. Das Westjudenvolk seiner Tage heischte Speichellecker und keine Propheten, Katzenbuckler und keine Kämpfer, und so blieb er der Menschheit Vorbehalten. Der Bedarf an Speichelleckern und Katzenbucklern ist noch im Westjudenvolk dieser Tage groß, diesem heutigen Westjudenvolk, das in seiner gründlichen Gottverlassenheit von seiner „göttlichen Mission“ den Mund voll, hat und besser deutsch zu sein glaubt, wenn es sein eigenes Volk verleugnet. Es ist vom wahren Deutschtum ebenso entfernt wie vom wahren Judentum. Es sind welke Blätter am Baume des Judentums, Eindringlinge im Tempel des Deutschtums, dem Judentum keine Ehre, dem Deutschtum kein Gewinn. Dem Judentum eine Ehre und der Welt ein Gewinn ist das neue Judengeschlecht, das gleich den alten Propheten Israels die Erlösung der Menschheit von der Erlösung des Volkes erhofft. Die Idee des Sozialismus hat sich, dem Zionsgedanken innig vermählt; im Banne dieser erhabenen Zweieinigkeit lebt und strebt heute die um sich, um Gott und um die Welt ringende Jugend dieses Volkes im kalten Osten des Russenreiches und im glühenden Ostland am Mittelmeerrand. Der dritte judäische Staat steigt in diesen Tagen aus der Esse der Geschichte hervor, der das Reich Gottes auf Erden werden soll. Es scheint, als ob das Volk, das Gott offenbart hat, auch den Menschen offenbaren wird. Es scheint, als ob im Lande, in dem die Wiege Gottes stand, auch die Wiege der neuen Menschen stehen wird. Die Judenfrage auf dem Friedenskongreß. Haag, 24. Januar. Dieser Tage hatte ich Gelegenheit, eine hervorragende jüdische Persönlichkeit zu sprechen, die soeben aus Paris kam und dort mit den führenden jüdischen Kreisen nähere Beziehungen unterhielt. Auf meine Frage, welche Aussichten die Judenfrage beim Friedenskongresse hätte, erhielt ich folgende Antwort: Die Judenfrage umfaßt bekanntlich zwei Momente. Das Pal'ästinaproblem und die Stellung der Juden in den Ostländern. Was das Palästinaproblem betrifft, so sind sich alle Westmächte darüber einig, daß die eigentliche Palästinafrage nur auf dem We^e gelöst werden kann, daß den Juden dortselbst weitgehende autonome Rechte gewährt werden. Wenn die Frap-e noch zu Verhandlungen und Erörterungen Anlaß geben dürfte, so wird es sich in erster Linie um die Form handeln, mittels welcher die Sache einer Regelung zugeführt werden sollte. Nur wäre es gefehlt, leugnen zu wollen, daß auch da große Schwierigkeiten vorhanden sind. Frankreich macht sehr energisch seine angeblichen „Rechte“ geltend und da es bekanntlich unter den Alliierten nicht an vielfachen Differenzen fehlt, so könnte der Friedensvertrag nur im Wege mannigfacher und gegenseitiger Konzessionen und Kompensationen Zustandekommen. Es ist deswegen zu befürchten, daß sich England und Amerika gezwungen sehen könnten, Frankreich in der Palästinasache einige Konzessionen zu gewähren, um dessen Entgegenkommen hinsichtlich anderer Fragen zu erwirken. Käme es dazu, das heißt, gelingt es Frankreich, seinen Willen durchzusetzen und eine Zweiteilung des Landes zwischen England und Frankreich zu erreichen, so wäre dies für die jüdische Sache ein schwerer Schilag. Nicht bloß wäre es dann unmöglich, die Rechte der Juden entsprechend festzulegen, sondern die Ge-

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