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Das jüdische Echo · 1919-02-14 · 7 (14.2.1919) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
6 (1919)
Issue
7 (14.2.1919)
Date
1919-02-14
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten iiiiiiiiiiiiiiiniiiiniiiiiiiniuiiiiiininiiiiiiiNiniiiiiiiiiiiuiiiiiiiiniiniiiiiiiiiiiimiiimiiiiiiiinmiimiimiiiMiimiHiiiiiiiimiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiuiiiiiiiiimiiiuiiiiiiiiiiiiiiiii Nummer 7 München / 6. Jahrgang 14. Februar 1919 Judentum und Sozialismus. Von Leo Rosenberg. Dem sozialistischen Gehalit der lebendigen Religionen ist die letzte Nummer der in München erscheinenden „Süddeutschen Freih e i t“ gewidmet, in der dieses Problem vom Standpunkt des Judentums im nachstehend wiedergegebenen Artikel!, der auch für unsere Leser von Interesse sein dürfte, behandelt wird. Des Judentums Tiefstes und Ureigenstes ist unzweifelhaft in der Erkenntnis beschlossen, daß es die Religion der tätigen und nicht der beschaulichen Gesinnung, des Handelns und nicht des Glaubens ist. Tatgebote und keine Glaubensgebote kennt die jüdische Lehre, und der wahren und echtwüchsigen jüdischen Religiosität Forderung und Ziel ist nicht Ansicht und Absicht, sondern fruchtbare, lebensgestaltende Wirkung. Der Gegensatz zwischen „Geistesreligion“ und „Gesetzesreligion“, von Verkleinerern und Entwertern der religiösen Geistesart des Judentums erdacht und häufig hervorgehoben, besteht tatsächlich; verkannt (bewußt und wohl auch nichtwissend) wird jedoch die wahre Wesensart dieser „Gesetzlichkeit“ und „Werkheiligkeit“, deren entscheidendes Schwergewicht nicht auf äußere, reinen Glaubensvorstellungen entspringende, auf das Übermenschliche gerichtete Übungen, sondern auf die Läuterung der Beziehungen zwischen Mensch und Mensch hinzielt. Wir lassen den Vorwurf der Gesetzlichkeit und We^kheiligkeit mit dem Bewußtsein auf uns ruhen, daß er, den Kern jüdischer Religiosität treffend, die ganze Wert- und Zukunftsfülle des Judentums offenbart. Freilich zugleich den ganzen Lebensunwert und die Lebensfremdheit und die Zukunftsarmut jenes abendländischen Christentums dartut, dessen „heiliger“ Geist sich in unheiligen Taten auswirkt, das gutes Handeln nicht grundsätzlich zur Erlösung heischt und dem daher auch die schlechte Tat nicht erlösungsfeindlich diinkt. Eine Staatsverfassung ist des Judentums Uroffenbarung („Die Thora sei die Verfassung des jüdischen Staates“ meint treffend Spinoza). Erbauungsbuch für das gläubige Gemüt ist das Evangelium. Die Selbstgenügsamkeit in Gott predigt der Christenglaube, die Göttlichkeit menschlichen Tuns heischt das Judentum. Der Christengemeinschaft höchste Sehnsucht und Erfüllung ist die Staatskirche, das Judentum will den Kirchenstaat. Den Kirchenstaat der Gerechtigkeit, der das Reich Gottes auf E r d en ist. In dieser Idealgemeinschaft wächst die Idee der Einheit Gottes zur Einheit des Menschengeschlechtes aus; aus der Idee der Menschheit wird die der Menschlichkeit geboren. Der Menschlichkeitsgedanke, in dem das antike Denken (in Spätstoa und Gnostizismus) gi pf eit, ist dem jüdischen Geist Ausgangspunkt aller Weltbetrachtung und. allen Weltgefühls. Diese menschheitlicbe Orientierung ist es, die dem Staats- und Gesellschaftsideal der Propheten Israels seine besondere Weihe und Kraft verleiht. Daß sie die soziale Gerechtigkeit erstrebten, daß sie die soziale Forderung in den Mittelpunkt des ethisch-religiösen Ideenkreises rückten, macht wohl ihre Größe, aber nicht ihre Einzigartigkeit aus. Das haben auch — mit durchgreifenderer Tatkraft, wohl auch mit vorübergehend größerem Erfolg — in gleichgearteten Gesellschaftszuständen S o 1 o n und die anderen hellenischen Sozialreformatoren getan. Die Griechen jedoch kannten die Nation — ihre Nation — als den höchsten sozialen Wert, und deren Begriff der (mit dem Staat identifizierten) Gesellschaft ging jede Bezogenheit auf das AHmenschliche, Ewigmenschliche ab. Daher die ganze Ungeschichtlichkeit ihrer Welt- und Lebensbetrachtung, daher das Fehlen dessen, was das tiefste und integrierendste Wesen von Ideal und1 Geschichte ausmacht: des Fortschrittsgedankens. Daß den Propheten die sittlich-soziale Forderung Menschheitsforderung, der Glaube an die Gerechtigkeit — an die Weltgerechtigkeit — Glaube an den sittlichen Fortschritt — den Weltfortschritt — war, bedeutet ihre Einzigartigkeit. Die Vermählung von Menschheits- und Volksidee schuf den höheren Menschlichkeitsbegriff und damit auch die Idee der Geschichte und; des Fortschritts. Der Geschichte, die der Weg Gottes in der Welt ist, des Fortschritts, dessen Stufen uns Etappen, Meilensteine auf dem Wege zu Gott sind. Das ist der „Gottesstaat“ des prophetischen Judentums. Dem Ideal des Gottesstaates war schon der jüdische Staat näher gekommen als jemals eine Gemeinschaft: er kannte keine Sklaverei (zumindest der eigenen Volksgenossen; allein auch dem seltenen kananitischen „Eved“ erging es in ihm sehr erträglich), keine Hörigkeit. Der judäische Bauer war freier Mann auf freier Scholle. Er verfiel! freilich oft der Verschuldung und der ökonomischen Hörigkeit dem großstädtischen Handelsstand gegenüber, und die ganze Sozialreform der Propheten, die im Wesentlichen eine Reform des Schuldenrechtes ist, ist auf den Gegensatz zwischen dem Leih kapital und der freien Arbeit zugeschnitten. Was will aber dieser soziale Gegensatz im Vergleich mit dem zwischen Arbeit und müßigem Besitz, zwischen freien und unfreien Menschen bedeuten? Daß die Mehrzahl der Menschen des Ebenbildes Gottes entkleidet werden, damit eine winzige Gruppe einer Halb^ötterexistenz frönen kann, ist nicht allein den Heiden Plato und Aristoteles sondern auch dem Christen Augustinus eine Selbstverständlichkeit. Dessen „Gottesstaat“ ist ja der Feudalstaat; der mit gewaltiger Emphase verkündete Gedanke der Gleichheit der Menschen vor Gott und der Freiheit in Gott verträgt sich bei ihm ausgezeichnet mit der Hörigkeitsverfassung. Es ist erstaunlich, wie sowohl dem heiligen Augustin wie Luther, den größten religiösen Genien der Christenheit, jedes tiefere soziale Gewissen abging. (Denn auch der Wittenberger Mönch be- 4

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