Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 3 (17.1.1919)
- Date
- 1919-01-17
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Das Jüdische Echo 33 hau und andere Korrespondenten der amerikanisch-jüdischen Presse sind auf dem Wege nach Paris in London eingetroffen. EinwantW'mgsverbot für die Vereinigten Staaten. In Stockholm sind Gerüchte verbreitet, daß der amerikanische Kongreß für die Zeit von fünf Jahren nach Abschluß des Friedens, die Immigration nach den Vereinigten Staaten verbieten .wird. Schweiz. Verbandskonferenz der Poale-Zionisten in Lausanne. Das Stockholmer Verbandsbureaui der jüdisch-sozialistischen Arbeiterpartei „Poale-Zion“ lud die Landesorganisationen zu einer Beratung während der internationalen sozialistischen Tagung nach Lausanne ein. Die Hauptpunkte der Tagesordnung bilden die Formulierung der jüdischen Forderungen an die sozialistische Friedenskonferenz, die Stellungnahme zu allgemeinen politischen Fragen und die Einberufung eines Weltkongresses der jüdischen Arbeiter und der gesamten Judienheit. Feuilleton Der Sündige. Von Schalom Asch. (Schluß.) Der erste Dajan (nach einem langen Stillschweigen): Vielleicht hat der Tote Seinen heiligen Namen beleidigt? Der zweite Dajan: Vielleicht gehört der Tote schon gar nicht mehr zu diesem Friedhof! Der Rabbi (nach kurzer Überlegung): Wo ist der Friedhofwächter? Der ältere Totengräber: Was will der Rabbi? Der Rabbi: Bring4 Holz, zünd‘ ein Feuer an auf dem Friedhof, leg‘ aufs Feuer sieben Ziegel. (Zur Menge:) Wenn die Ziegel1 zerspringen werden, so wird es ein Zeichen sein, daß sein Judentum entzwei gegangen ist . . . Gehört er nicht zu diesem Friedhof, dann darf ihn die Erde nicht aufnehmen. (Man bringt Holz, entzündet ein Feuer gegenüber dem Toten und legt sieben Ziegel auf den Holzstoß. Das Feuer flammt auf, beleuchtet die herumstehende Menge und wirft seinen Schein auf die Totenbahre und auf die kniende Frau in Schwarz. Lange Pause. Beklemmendes Schweigen. Plötzlich hört man ein Knacken — ein Ziegel platzt.) Stimmen aus der Menge: Zersprungen! Der Rabbi: Der erste! (Ein Knacken — ein zweiter Ziegel platzt.) Stimmen aus der Menge: Zersprungen! Der Rabbi: Erst der zweite! (Nacheinander zerfallen allle Ziegel bis auf den letzten, der sich in der Glut hält. In der Menge ist es still. Da und dort hört man einen schreckensvollen Ausruf: Großer Gott! Vater im Himmel!) Stimmen aus der Menge: Vater im Himmel, was hat der Mensch getan? Der Rabbi: Noch einer ist geblieben. Stimmen aus der Menge: Er hat schon Risse! (Pause.) Eine Stimme: Der Länge und der Breite nach. Gleich muß er zerspringen (Man hört ein Knacken)! Stimmen aus der Menge (schreckensvoll): Schon! Der Rabbi: Noch nicht zersprungen. (Pause.) Einer aus der Menge: Die Stücke halten fest, wie wenn das Feuer sie zusammengeschweißt hätte. Erster Dajan: Eine jüdische Seele, nicht so leicht geht sie ab vom jüdischen Weg! Zweiter Dajan: Gewiß Qualen ausgestanden, eh‘ es dazu gekommen ist! Der Rabbi: Wie der Ziegel im Feuer, so hat sich seine Seele gequält. (Das Feuer brennt langsam aus, es bleiben noch glimmende Scheite zurück, der Ziegel aber bleibt ganz. Die Menge steht schweigend da. Der Rabbi und die Dajanim treten an den Holzstoß und betrachten den Ziegel. Dann geht der Rabbi zum offenem Grabe und sagt mit ruhiger, ernster Stimme) Der Rabbi: Du mußt ihn aufnehmen, Erde! Er ist ein Jude geblieben und gehört hierher. Und ihr, Tote, müßt ihm einen Platz geben unter euch. Der Vorsteher (zu den Totengräbern): Grabt! (Die Totengräber beginnen zu graben.) Der ältere Totengräber: Der Stein zerfällt unter meiner Schaufel1. Der jüngere: Wie Erde zerbröckelt er sich. Der Rabbi (zum Diener): Geh hin zum Toten und sag’ ihm, daß er nicht ihr Mann ist und sie nicht sein Weib. Der Diener (umgürtet sich, bleibt vier Ellen vor der Totenbahre stehen und ruft): Du bist nicht ihr Mann, sie ist nicht dein Weib. (Der Vorsteher und einige aus der Menge treten zu, fassen die Bahre an und tragen sie fort. Die Frau in Schwarz bleibt kniend auf ihrem Platz zurück. Man nimmt den Toten von der Bahre herab und senkt ihn, gehüllt in schwarze Linnen, ins Grab. Der Vorsteher zerbricht einen irdenen Topf und legt die Scherben dem Toten auf die Augen und auf den Mund.) Der Vorsteher (zum Toten): Ich decke zu deine Augen, die das Schlechte gesehen haben, deinen Mund der Schlechtes geredet hat. (Man verschüttet das Grab. Die Menge verliert sich in kleinen Gruppen, Laternen tragend. Der alte Totengräber bleibt zurück. Im Schein seiner Laterne und im letzten Glanz des verglimmenden Feuers hackt er ein Brettchen und steckt es in das Grab. Man sieht, wie jenseits des Zaunes die Menge, immer mehr verschwindend, auf dem dunklen Wege ins Städtchen zieht. Der Totengräber ist mit seiner Arbeit zu Ende, bleibt einen Augenblick vor dem neuen Grabhügel stehen und spricht) Der Totengräber: Ruhe in Frieden in deinem Bett! (Es wird ganz finster. Die Scheite glühen noch im letzten Verglimmen. Bei dem schwachen Schein sieht man, wie die Frau in Schwarz mit stillen Schritten an das Grab herantritt und1 ihren schwarzen Schleier auf den Erdhügel1 wirft. Ganz in der Ferne verschwimmen die Lichter der Laternen.) (Deutsch von Esther Schneeirsori-Feiwel.)