Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 5 (1918)
- Issue
- 30 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- Seite 354 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102973-9138390--02224-9075046- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
354 Das Jüdische Echo Nr. 30 Literarisches Echo Der jüdische Sagenschatz. Wer wußte bis vor kurzer Zeit etwas von unseren jüdischen Sagen? Einige Forscher vielleicht, einige gründliche Kenner der hebräischen Literatur. Aber die Kreise, die bei anderen Nationen die Hüter der Sage sind, die Massen des Volkes, wußten nichts von dem Reichtum, der in den alten Chroniken verschlossen und verschüttet lag und — als lebendigster Ausdruck der Volksseele — den Schlüssel zu ihr bildete. Erst seitdem in einer jungen Generation die große Sehnsucht erwacht war, an der geistigen Hinterlassenschaft ihres Volkes teilzunehmen, ist hier und da ein Schatzgräber hinuntergestiegen in die Schatzgewölbe unserer Volksdichtung, hat uns ungeahnte Kleinode heraufgeholt und sie uns in einer Form vorgelegt, die wir zu verstehen und zu würdigen vermögen. Micha Josef bin Gorion ist'einer dieser Schatzgräber. Er läßt sich keine Mühe verdrießen, uns zur Kenntnis und zum Verständnis der jüdischen Sagenwelt zu führen. Wir hatten ihm in den letzten Jahren eine ganze Reihe der schönsten jüdischen Sagenbücher zu verdanken und haben ihm auch neuerdings für einige wertvolle Gaben zu danken, die er uns von seinen Forschungsexpeditionen ins Land der jüdischen Sage mitgebracht hat. Nach dem ersten Bande vom „Born Judas“ (VonLiebe undTreue. Insel-Verlag, Leipzig) hat er uns nun einen zweiten Band „Vom rechten Weg“ gegeben. Auch in diesem Bande sind, wie in dem ersten, verstreute Bruchstücke zu einem Ganzen gefügt. Waren im ersten die Sagen nach ihrem Stoff gerordnet, so sind sie im zweiten nach Form und Charakter zusammengestellt. Durch die Gegenüberstellung der mannigfaltigsten Serien von Erzählungen, denen das gleiche gedankliche Motiv zu Grunde liegt, entsteht ein Ganzes, das der Eigenart des alten Volksbuches entspricht. Ob Mirjam lieber den letzten ihrer sieben Söhne opfert als daß sie ihm gestattet, vor dem Götzen zu knien, ob die zwei Männer aus Lud den Mord der Königstochter auf sich nehmen, um die Gemeinde zu retten, ob der heimlich zum Judentum übergetretene römische Konsul den Giftbecher leert, damit der Beschluß des Rates über die Vernichtung der jüdischen Gemeinde nicht ausgeführt werden kann — immer ist das Leitmotiv: die Verehrung des einzigen Gottes. Ob R. Simeon ben Sabat den Edelstein am Halse des gekauften Esels den Ismaelitern zurückbringt, Pineas die Gerste, die Fremde ihm zum Aufbewahren geben, aussät und ihnen nach ihrer Rückkehr die Ernte erstattet, ob Reb Safra den Frommen, der sein Entgegenkommen auf dem Wege für eine Ehrung hält, darüber aufklärt, daß er nur zufällig diese Straße gewählt habe — immer liegt der Tat das Streben nach unbedingter Wahrheit zu Grunde. Der abstrakte Rechtsbegriff aber wird zum Impuls einer schlichten Tat, und der absolut Gerechte wird ein löwenstarker Held —• darin offenbart sich das Wirken der Phantasie des Volkes, und zwar eines Volkes, das den rechten Weg nicht nur erkennen, sondern sein ganzes Leben auf ihn stellen will. Die beiden weiteren Sagenbändchen, die derselbe Verfasser uns gab: „Die ersten Menschen und Tiere“ und „Abraham, Isaak und Jakob“ (Literarische Anstalt Riitten & Loening, Frankfurt a. M.) sind Auszüge aus der bekannten Sammlung „Die Sagen der Juden“. Die in den beiden Bändchen vereinigten Stücke, die rabbinischen Überlieferungen und Niederschriften, talmudischen, midraschischen und späteren Quellen entstammen, sind — ebenso wie in dem zuerst genannten Werk — nicht willkürlich ausgewählt, sondern so systematisch zusammengestellt, daß sie vom Wesen und Werden der jüdischen Sage ein deutliches Bild geben. Die Erzählungen von Sodom und Gomorrha verbinden sich zu einem Eindruck von Grausamkeit und Hinterlist, von der Seelenstärke der wenigen Heldenhaften, vom Ineinanderfließen von Wahrheit und Illusion und einem furchtbaren Zusammenbruch der Lügen- und Lasterwelt. Die Einsamkeit der Wüste, das Ringen des Menschenherzens mit den guten und bösen Mächten. das ahnungsvolle Grauen eines zum Tode Geweihten und einer Mutter und die Kleinlichkeit der Umwelt, die im Angesichte höchster Opferkraft nur ihren eigenen Vorteil erwägt, schließen sich in den Erzählungen von Isaaks Opferung zu einem einzigen, starken Eindruck zusammen. Ein weiteres Büchlein' des gleichen Verfassers „Joseph und seine Brüder (Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. M.) bezeichnet bin Gorion als einen altjüdischen Roman aus dem 12. Jahrhundert. Bei der Bezeichnung „Roman“ denkt man an das Werk eines einzelnen Dichters — an dem vorliegenden Roman aber scheint das Volk, das sich die Joseph-Legende zu eigen machte und mancherlei Vorstellungen ihrer Phantasie mit ihr verband, in derselben Weise mitgearbeitet zu haben wie bei den Sagen der anderen Bände. Von der Eigenart des Volkes, von dem was ihm wesentlich und was ihm unwesentlich ist, verraten alle Werke des Schatzgräbers bin G o r i o n ein gutes Stück. H. H. C. Gemeindenu.Vereins-Echo (Unsere Leser sind zur Einsendung von Mitteilungen aus Gemeinden und Vereinen und von Personalnaohrichten, die In diesen Spalten gerne Aufnahme finden, höfllchst eingeladen.] München. Wie bereits in Nr. 28 des „Jüdischen Echo“ berichtet wurde, fand am 8. Juli in der München-Loge zu Ehren des heimgegangenen Rabbiners Prof. Dr. Werner eine Trauerfeier statt, wobei Herr Kommerzienrat Sigmund Fränkel die Gedenkrede hielt. Dieselbe liegt nun im Druck LUITPOLD 10 Zeilen mit Tinte geschrieben und Geburtsdatum Mk. 2.00 per Nachnahme. Gebe auch Unterricht in Graphologie Therese Hilsonbeck, Tattenbachstraße 5/1, Flügelbau. Panorama International ^Kaufingcrstraße^i/^ Vom 28. VJI. mit 3. VIII. Panorama 1: Erinnerungen aus dem Feldzug 1870/71 Panorama II: bis 1. September geschlossen NEU NEU