Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 5 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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33 Das Jüdische Echo Nr. 5 Rechenschaftsbericht des Vorsitzenden, Herrn Zahnarzt Alexander Singer, sei hervorgehoben: Die Ereignisse, die die deutsche Judenheit bewegten, warfen ihre Wogen auch nach Nürnbergs Mauern. Den Reigen der öffentlichen Vorträge im Jahre 1914 eröffnete Herr Rechtsanwalt Willy Greifenhagen aus Berlin, der die „Krisen im deutschen Judentum" beleuchtete. Dem im Kampfe fürs Vaterland vor einiger Zeit gefallenen und von allen tief betrauerten Gesinnungsgenossen widmete der Vorsitzende einen warmen Nachruf. — Als Antwort auf die Erklärung des antizionistischen Komitees in der Tagespresse hielt unser Mitglied, Herr Rechtsanwalt Max Stern, einen Vortrag mit dem Thema „Der Zionismus". In einer Versammlung, die wir in Fürth abhielten, sprach Herr Jakob Reich aus München über „das neue Palästina" mit Lichtbildern. Zu einer großen Kundgebung gestaltete sich der Vortrag des Herrn Dr. Schmarjah L e v i n über „unsere Aufgaben im Orient". In .unserer Mitgliederversammlung sprachen noch die Herren: Arnold Marie: „Theodor Herzl und seine Idee", Paul 0 r d e n s t e i n : „Was will der Zio^mus", Handelslehrer J. Lipper: „Zionismus und Staatsbürgertum", Jakob R e i c h - München: „Bericht über den 14. Delegiertentag in Leipzig", Zahnarzt Alexander Singer : „die gegenwärtige Lage des Zionismus". Bei unserer anläßlich des 10. Todestages stattgehabten Herzlfeier hielt Herr J. L i p p e r die Gedenkrede. Ferner veranstaltete Herr Regisseur Arnold Marie vom Intimen Theater anläßlich seines Scheidens von Nürnberg einen Abschiedsabend, in dem ausschließlich „jüdische Dichtungen" zum Vortrag gelangten. — Unsere diesmalige Chanukahfeier war infolge der gegenwärtigen Kriegslage in kleinerem Rahmen gehalten als in früheren Jahren. Die Festrede hielt Herr Rechtsanwalt Max Stern. Einige Damen und Herren verschönten die Feier durch gesangliche und deklamatorische Vorträge. — Die von der Zentralleitung angeregte Sammlung von Chanukahliebesgaben für unsere S^1 'nten fand hier begeisterte Aufnahme. Der gute Erfolg, den die Sammlung hier zeitigte, ist auf die Tätigkeit der Damen, Frau E11" ~ n und Frl. K a r p f zurückzuführen. — Der von Herrn Dr. Isak Bamberger in liebenswürdiger Weise geleitete hebräische Sprachkurs wird auch in diesem Winter fortgesetzt. — Schließlich sei noch der Gedenkfeier, die wir für unseren unvergeßlichen David Wi ofl f f sr o h n veranstalteten, Erwähnung getan. In seiner Gedenkrede entwarf Herr Max G o r s k i ein getreues Bild von dem Werde- und Lebensgang des teueren Verblichenen. — Der Kasse- und Nationalfondsbericht zeigte, wenn man die durch die Kriegslage hervorgerufene Beeinträchtigung berücksichtigt, ein zufriedenstellendes Ergebnis. — Die Neuwahl ergab die Wiederwahl sämtlicher früherer Vorstandsmitglieder. Zur Stellvertretung des im Felde stehenden Schriftführers, Herrn Rechtsoraktikanten Nathan Kahn, wurde Herr Handelslehrer L i p p e r gewählt. A. S. Buntes Echo H. St. Chambe riain sagt in seinen „Kriegsaufsätzen" von dem nunmehr mit einem preußischen Orden geschmückten Dichter des „Haßgesanges gegen England", Ernst Lissauer, „er entstamme einem Volke, das — im Gegensatz zum deutschen — von jeher den Haß als eine Haupteigenschaft großgezogen habe". Demgegenüber entbehrt es nicht der Pikanterie, daß ein ständiger Mitarbeiter der „Kreuz-Zeitung", der konservative Stadtpfarrer in Nürnberg, J u - Ii us Schiller, in einem Artikel über den deutschen Haß", der am 10. Januar in der „Vossischen Zeitung" erschienen ist, ausführt: „Lissauers Haßgedicht gegen England entspricht durchaus unserer Gemütsstimmung, den Tiefen der deutschen Volksseele". Feuilleton Die Flucht der van Spandows Eine Novelle von Arnold Zweig (Fortsetzung.) Um niemanden zu langweilen — nach zwei Monaten warb er um sie bei Alexander Ostertag und erhielt ihre Hand zugesprochen. Er war in seiner Galauniform gekommen, in rotem Rock mit goldenen Epaulettes und blauen Aufschlägen, engen, weißen Hosen und hohen Stiefeln von glänzendem Leder, und als sie, hereingerufen, ihn so stolz sah, aufrecht prangend und tapfer, stieg ihr das Blut ganz langsam bis zum Scheitel empor und ebbte völlig wieder ab, so daß sie bleich, zitternd und in grünem Hauskleide hörte, wie er einige Worte sprach, sah, wie der Vater die Augen voller Tränen hatte, plötzlich in zweri ausgebreitete Arme hineinsank, in ein starkes Weinen ausbrach und seinen Kuß sehnsüchtig-glücklich ertrug. Kurz vor Ostern war er gekommen, und am Wochenfeste, zu Pfingsten, wurde das Bündnis öffentlich, worauf der Zug der Glückwünschenden zu Ostertags strömte und die weiße Haustür nicht aufhörte zu klingeln, mit bellendem, deutlich verärgertem Schnappen. Jawohl, die jungen Leute — Gott, wie glücklich sahen sie doch aus! — würden in diesem Hause wohnen, wo Herr Ostertag einige Zimmer des ersten Stockwerkes für sein Geschäft haben sollte, und Herr van Spandow junior würde sich als Doktor und Chirurg im Orte ansässig machen, worüber diejenigen in Entzücken gerieten, die von jeher darauf geschworen hatten, der junge Herr sei ein lustiger Tunichtgut gewesen — früher, versteht sich — und Arzt in Borneo oder Batavia geworden. Nun, gottlob war er ja nicht am gelben Ftieber gestorben; worauf der Bräutigam, diesmal in modisch geschnittenem grauen Rock, versicherte, er sei immerhin nahe daran gewesen. Das Glück war vollkommen und die Hochzeit fand bald statt. Wenn A. van Spandow beabsichtigt hatte, in Oranienburg der. Nachweis zu führen, daß er wohlhabend war, ein eigentlich überflüssiges Beginnen, so gelang ihm das unübertrefflich gut. Denn obwohl das Haus der Ostertags, dieses reinliche Gebäude aus der Zeit des alten Fritz, auf der anderen Seite des wahrhaftig nicht übergroßen Marktplatzes lag, und man einander in die Fenster sah, holte der junge Mann, nachdem am Vorabende alle Gebräuche erfüllt waren, das Abschneiden dieses herrlichen Haares ausgenommen, seine Braut in einer blauen, glänzenden Kutsche ab — vierspännig, mit zwei Rappen und zwei Schimmeln, Tieren von alter und vornehmer Rasse, zitternd und wohlgepflegt, deren Beschirrung klingend mit gediegenem Silber beschlagen war, und die Büsche auf den stolzen Häuptern trugen. Ruth, blaß, weinend und in weißer Seide, stieg ein, begleitet von dem guten Hannchen Saltz, welche sich ebenfalls in