Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 5 (Mai 1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheint bis Herbst 1914 monatlich, dann wöchentlich. Äbonnementspreis bis 1. Okt. 60 Pf., ab 1. Okt. 1.— M. pro Vierteljahr. Einzelnummer 10 Pf. Expedition des „Jüdischen Echo" München, Herzog Maxstraße 4. —-■»—- Redaktion: München-Solln, Erikastr. 6 Mai 1914 t^mmjm München Anzeigen: Die 4gespaltene Nonpareillezeile oder deren Raum 25 Pfg. Bei Wiederholungen Rabatt, x—-—s Anzeigenannahme und Verlag": Buchdruckerei B. Heller, München, Herzog Maxstraße 4. Fernspr. 8099. Postscheck-Konto München Nr. 3987. Nummer 5 Dr. Nathan Birnbaums (Mathias Achers) 50. Geburtstag Von Ludwig Strauß, München-Solln Wir Zionisten sind in der ungewöhnlichen Lage, das Jubiläum eines scharfen Gegners unserer Bewegung als unser Fest feiern zu müssen. Nathan Birnbaum ist der Erfinder des Wortes Zionismus, er hat vor Theodor Herzl fast als erster im Westen die zionistischen Ideen propagiert, verbunden mit jenem ausgeprägten Kulturnationalismus, den die Gesamtheit der zionistischen Partei erst in einer langen, mühsamen Entwicklung als Programm sich eroberte und der auch heute noch allzusehr nur Programm ist. Diese Entwicklung zu einem geistigeren Nationalismus hat sich größtenteils in einer Zeit vollzogen, in der Birnbaum keiner der unseren mehr war. Die starke Erkenntnis der lebendigen nationalen Kräfte im Ostjudentum ließ ihn über die stete Gefährdung und Knechtschaft unseres Volkes im Galuth hinwegsehen. Da er gegenüber der Idee des freien jüdischen Palästina die Realität des jüdischen Volkslebens im Galuth betonte, mußte er dazu kommen, dem Zionismus mangelnden Wirtlichkeitssinn, mangelnde Fühlung mit dem lebendigen Volke, eine unorganische, ideologische Zielsetzung zuzuschreiben. Er stellte gegen unser Palästinaprogramm das einer Stärkung und organischen Entwicklung der nationalen Kräfte des Galuth. Mit dieser Kritik am Zionismus hat sich Birnbaum um die nun von ihm bekämpfte Idee und Bewegung ein vielleicht ebenso großes Verdienst erworben, wie vorher mit ihrer Unterstützung. Wenn heute nicht mehr wie früher die organisatorisch durchgebildetere Westjudenheit in der zionistischen Organisation das Übergewicht über die lebendiger jüdische, weniger assimilierte Ostjudenheit hat, wenn politische Träume kulturellen und praktischen Zielen gewichen sind, wenn die jungen Zionisten beginnen, das Ostjudentum nicht nur mehr als ein absterbendes, sondern als noch schöpferisches und die Zukunft auch Palästinas wesentlich mitbestimmendes Zentrum jüdischer Kultur zu empfinden, so ist das zum ganz großen Teil die Wirkung der Rede und Schrift Nathan Birnbaums. Diese Wirkung hat noch nicht aufgehört: die Verbindung des Hebraismus mit einer Bekämpfung oder Zurücksetzung des Jiddischen, der lebendigen Volkssprache des Ostens, die nebensächliche Behandlung der Landespolitik in Österreich etwa, sind Krankheitserscheinungen unserer Bewegung, an denen die Birnbaum'sche Kritik noch zu heilen berufen ist. So haben wir allen Grund, in Birnbaum den großen, positiven Gegner ebenso zu verehren, wie den großen, mutigen Vorkämpfer für unser Ziel. Hoffen wir, daß die Zionisten ihre Aufmerksamkeit der lärmenden Polemik der Assimilanten ein wenig entziehen, um sie den nationalen Gegnern und ihrer lehrreichen Kritik zuzuwenden. Vielleicht wird dann auch die Gegnerschaft auf beiden Seiten nicht mehr so scharf und trennend sein wie heute. Im Wesentlichen ist unsere Arbeit und die der „Alljuden", wie man sie jetzt nennt, nicht angetan, sich zu schädigen, sondern sich zu ergänzen. Sollten sie eine Organisation schaffen, die der positiven Arbeit im Galuth sich zuwendet, wie unsere der Palästinaarbeit, so könnten beide Organisationen sehr wohl friedlich nebeneinander und gegen die Feinde des nationalen Gedankens wirkungsvoll zusammenarbeiten. Das ist aber nur möglich bei einer entschiedenen Betonung des Positiven, beiden Bewegungen Gemeinsamen und einer maßvollen, sachlichen Behandlung ihrer Gegensätze. Dazu mögen sich viele auf unserer Seite, aber auch viele Anhänger Birnbaums an die Worte erinnern, die er selber einmal schrieb: Nie kann ein Volk so sehr eines Willens sein, daß es auf alle seine inneren Gegensätze vergäße . . . Aber jeder muß mit dem anderen so weit gehen, als er zusammen mit ihm kommen kann und vor allem braucht niemand Wesen und Worte in Galle zu tauchen, wenn er sich mit dem andern auseinandersetzen