Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1914-02-27 · 9 (27.2.1914) · p. Seite 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
9 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9052070-9097324-9053088--1036-9053101
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 9. Das jüdische glatt 13 wohl, in Mülhausen wirke es schon, wenn man zwei französische Vokabeln in die Versammlung wirft, und Sie singen wohl mit dem Dichter „Wo der Gedanke fehlt, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein". Auf der Höhe Ihrer Kolonialpolitik scheint auch Ihre Auffassung von Sozialpolitik zu stehen. In ganz wegwerfendem Tone, vom hohen Roß herab, redeten Sie von Chaluka-Almosen in Jerusalem und Palästina. Nun hören Sie, Herr Dr. Edgar Weil, was ich Ihnen offenbaren will. Vor zirka Jahresfrist schrieb „Die Welt" ungefähr folgendes: Die Chaluka hat um Jerusalem' und Palästina ewige Verdienste. Die Chaluka ist die Ursache, daß die jüdische Bevölkerung in den letzten 100 Jahren sich in Palästina hat halten und hat zunehmen können. Ohne die Chaluka wäre heute Palästina judenleer, und die Araber hätten heute die Plätze und Positionen inne, wo jetzt Juden wohnen. Ohne die Chaluka als Vorgängerin hätte der Zionismus in Palästina heute einen unhaltbaren Stand. So ungefähr schrieb „Die Welt". Genügt Ihnen dies Urteil des Zentralorgans des Zionismus? Nun hören Sie weiter, Herr Dr. Edgar Weil, noch ein zweites will ich Sie lehren betreffend die Chaluka. Sie sind Referendar, und als Jurist werden Sie wohl auch unser Gesetz vom 1. April 1910 kennen. Dies Gesetz gebietet, daß jeder Mensch in Deutschland, der infolge von Krankheit, Alter oder Mangel an Arbeit das Nötigste zu seinem Leben an Wohnung, Kleidung und Nahrung nicht hat, dies Existenzminimum von Stadt oder Staat bekommen muß. Nun will ich Ihnen kund tun, Herr Dr. Weil, daß die Chaluka hinter dem Existenzminimum weit zurückbleibt: Die Hauptsummen werden für Institutionen verausgabt, für Schulen in Jerusalem und in den Ackerbaukolonien, für Waisen-, Kranken-, Altershäuser, für Anstellung von europäischen Aerzten und Apothekern usw. usw. Das alles scheinen Sie nicht zu wissen. Ihr Aufenthalt in Palästina, von dem Sie so viel Wesens machen, — wie lange waren Sie eigentlich dort, eine oder zwei Wochen? — hat nicht gereicht, um Land und Leute kennen zu lernen. Doch das Nichtwissen hält, scheint's, so große Geister nicht ab, trotzdem darüber zu reden und die unsinnigsten Urteile zu fällen. Soviel über Ihre Rede. Doch es wurde noch schöner in der Diskussion. Herr Dr. Edgar Weil, Ihrem Referat eilte Ihr Ruf voran, daß Sie ein unparlamentarischer Diskussionsredner sind. Sie haben in Mülhausen Ihren Ruf noch übertrofsen. Da erbat sich nach Ihrer Rede ein junger Herr das Wort und fragte Sie an, ob denn die gesetzestreuen Juden im zionistischen Palästina auch fromm leben und sterben könnten und ob die zionistischen Schulen die Kinder im Glauben der Väter erziehen würden. Auf diese ruhige, klare und höfliche Anfrage antworteten Sie mit einem Geschimpfe, daß ich mich für Sie und für den Zionismus, den Sie vertreten wollten, geschämt habe. Ihre Antwort war ungefähr wörtlich so: „Ja, die Orthodoxie des Orients ist eine ganz andere als in Westeuropa. Ich sage Ihnen, ich war selber in Jerusalem und versichere Sie, daß die dortige Orthodoxie aus die Frommen im Westen von oben herabblickt, z. B. auf so einen Breuer in Frankfurt und so einen Rabbiner Weill in Buchsweiler. Gerade dem letzteren, dem Rabbiner von Buchsweiler, würde die Orthodoxie des Orients sagen, wenn sie ihn kennen würde: Du bist ein Amhorez." - Man hat Sie angefragt über gesetzestreues Leben in Palästina — Sie schimpfen über Breuer-Frankfurt. Man fragt Sie über zionistische Schulen — tot« schimpfen über Weil-Buchsweiler. Wer schimpft, hat bekanntlich keine Logik und keine Wahrheit mehr zur Verfügung. Und nun noch ein Wort: Ich fragte Sie schon in Mülhausen, und Sie konnten mir nicht antworten, und neugierig bin ich jetzt noch, wer denn von der Orthodoxie des Orients gerade Sie, ausgerechnet gerade Sie, den Referendar Dr. Edgar Weil aus Molsheim, zum Vertrauensmann auserkoren hat, welche orthodoxe Größen des Orients gerade auf Sie verfielen, damit Sie ihr Sprachrohr mit und über Westeuropa sein sollten. Und ich sagte Ihnen und wiederhole es jetzt, daß, solange Sie Ihre Gewährsmänner nicht nennen — und es wird Ihnen eine Kunst sein —, man weder in der deutschen, noch in der französischen oder hebräischen Sprache einen Ausdruck findet, um Ihr Benehmen zu qualifizieren. Ein Zwischenruf lautete: Chuzpoh-Ponim. Ich sollte damit einverstanden sein. Nein, ich bin nicht einverstanden. Wie soll man es eigentlich bezeichnen, wenn ein Analphabet einen Universitätsprofessor beschimpft, er könne nicht lesen? Sie, der Sie wahrscheinlich kaum oren können, und wenn Sie es können, kaum darüber hinaus gekommen sind, Sie besitzen die Stirn, einem Rabbiner Breuer in Frankfurt, einem Rabbiner Weil in Buchsweiler vorzuwerfen, er fei ein Amhorez. Nein, das ist keine Chuzpoh, das ist Decadenz. Hedatjah. Bilder aus der jüdischen Vergangenheit von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) Die Worte des Wanderers konnten wahr sein und doch zauderte Gedaljah, zu öffnen. „Was für eine Kunde bringst Du?" fragte er. „Willst Du mich nicht vorher einlassen, Statthalter Mizpas, und meine heißen Lippen durch einen Tropfen Weines erquicken? Mir ist so weh, als müßt' ich sterben." Gedaljah legte die Hand auf den hölzernen Balken, der die Türe von innen festhielt, aber es war ihm, als wenn ihn eine unsichtbare Macht davon zurückhielte. „Künde mir zuerst Deine Botschaft, auf daß ich wisse, was es ist," versetzte Gedaljah, zum erstenmal in seinem Leben eine mitleidige Regung niederzwingend, die ihn vorwärts trieb. „Sprich langsam, wenn Du schwach bist." „Es fei nach Deinem Willen, Herr. Nun so höre. Am amonitischen Hofe lebt Fürst Jsmael. Als die Chaldäer den König verfolgten, verließ er ihn und rettete sich allein. Nimm Dich in acht vor ihm, denn es heißt, daß er einen feindlichen Einbruch beabsichtige, um Dich zu ermorden und uns als Gefangene mit sich zu führen. Ein amonitifcher Handelsmann, der bei mir einkehrte, brachte mir diese Kunde." Die Botschaft des Mannes konnte nicht ersonnen, sie mußte wahr sein. Es hieß ja, daß Jsmael lebe, und wenn er lebte, so war das Schrecklichste von ihm zu befürchten. Was hatte aber der arme Mann draußen mit dieser Furcht zu schaffen, der Mann, der gekommen, ihn zu warnen, und krank geworden war, daß er ihn elend und hilfbedürftig vor seiner Tür stehen ließ? . . . „Warum öffnest Du noch immer nicht?" fragte die Stimme des Mannes vorwurfsvoll. „Wenn ich nicht in der Absicht gekommen wäre, Dir zu dienen, sondern nur ein fremder Wanderer wäre, so wäre es auch Deine Pflicht gewesen, mir die Türe Deines Hauses zu öffnen, und Trank und Lager zu gewähren. Seit wann hat ein Hebräer so viel Reden und Gegenreden, bevor er einem kranken Bruder beisteht?" Der Vorwurf traf mitten in das Herz des edlen jungen Mannes; ein kalter Schweiß trat auf feine bleiche Stirne und einen Moment lehnte er in Ratlosigkeit sein Haupt an die Türe. Die Stimme des Mannes war während des Sprechens immer schwächer geworden-. Das letzte hatte er stockend und in gebrochenen Absätzen gesprochen, jetzt hörte der Statthalter, wie er in die Knie sank und sein Haupt schwer an die Türe schlug. Mit krampfhaftem Griff umklammerte er den schützenden Balken, aber es war ihm, als wären seine Kräfte gelähmt, als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.