Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. Das jüdische Statt. 11 Hedatjay. Bilder aus der jüdischen Vergangenheit von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) Mit der Tochter verfuhr er zwar noch am schoncndsten, er liebte sie am meisten von allen Kindern, als Kind war sie sein besonderer Liebling gewesen. Als sie zur Jungfrau herauwuchs, imponierte ihm der hohe Ernst und der ruhige, feste Stolz, der sich in ihrem Wesen offenbarte. Er schonte ihrer mehr als alle Uebrigen, weil sie nicht, wie diese ihn fürchtete und vor ihm zagte; denit, wer ihn nicht fürchtete, den fürchtete er. Er ahnte auch, daß ihn Zippora nicht sehr liebte, und so war es, als wollte er nicht alle Fäden zwischen sich und der stolzen Tochter zerreißen. Es mar ein ewiger Wechsel von Gefühlen in der zerrisseneit, zerfahrenen, von Schwäche und Ehrgeiz erfüllten Brust des Königs; doch wenn Eines, die Angst um seine Krone, nahte, ging alles Uebrige darin unter. Dunkle Nacht lag ans der Stadt, als zwei Frauen aus einer geheimen Pforte der Davidsburg traten und den Zion herunterschritten. Sie gingen durch viele enge, gewundene Gassen und gelangten endlich an einen halbfreien Platz, auf dem, von einer kleinen Mauer umschlossen, ein einzelnes Haus stand. Ein Mann, den breiten Schild vor der Brust, Speer und Bogen in der Hand, stand in der Tarwölbung; er neigte das Haupt vor der hohen Frauengestalt, öffnete das Tor, schloß es wieder und steckte dann eine Fackel an. „Die anderen Wächter sind der Verabredung gemäß nicht hier," sagte er. „Der Weg ist sicher. Rechts ist ein langer, schmaler Gang, der tief in die Erde führt, die erste Tür, hier ist der Schlüssel. Ich halte Wache, Prinzessin." Dinah nahm die Fackel und dir Schlüssel und sie schritten dem angegebenen Gange zu. Bald war die Türe erreicht und hochaufatmend stellte Zippora den Tragkorb nieder, den sie, um sich unkenntlich 51t machen, ans dem Kopfe getragen hatte, aber der Last ungewohnt, mußte sie ihn den weiten Weg mit beiden Armen stützen. Es war ein kleines, rundes, düsteres Gehäuse, in das sie traten. Kalt war der Boden und die Wände troffen von Feuchtigkeit. Auf einer dünnen, zerrissenen Wolldecke, das Haupt auf einer nackten Steinbank gebettet, lag ein Greis und schlief. Von dem Lichte der Fackel umflossen, sah das schneebleiche Antlitz mit den geschlossenen Augen erhaben schön aus. Zipporas dunkle Augen füllten sich mit schweren Tränen, als sie einige Augenblicke in dies schlafende Antlitz geblickt hatte; dann bedeutete sie Dinah still zu verharren, nahm ihr den Korb von dem Kopfe, kniete nieder und bereitete warme, weiche Decken ans den Boden, belegte sie mit Polstern und richtete so ein Lager her. Als es fertig war, stand sie auf, und sich verhüllend, trat sie ans den Schlafenden zu und berührte seine Schulter. Der Gefangene schlug die Augen auf, und als er die Zelle erleuchtet und zwei verhüllte Frauengestalten gewahrte, setzte er sich erstaunt auf. „Erhebe Dich von dem Lager, Iirmejah, wo Dein heiliges Haupt auf kalten Steinen ruht," sprach die Fürstin mit vor Bewegung stockender Stimme, „dort ist ein besseres," und sie wies mit der Hand nach der anderen Seite. Iirmejah glaubte anfangs, ein Traum narrte ihn, als er aber die milde Stimme hörte, das weiche köstliche Lager erblickte, den großen Korb mit Brot, mit erguickenden Früchten und gebratenen Garben, ergriff tiefes Statinen seine Seele. „Wer bist Du, edles Weib?" fragte er, sich erhebend. Zippora schlug den Schleier zurück. „Tochter Zidikajas!!" rief der Prophet, und trat einen Schritt zurück. „Wer trieb Dich, diese Tat zu vollführen?^ „Die Stimme meines Herzens," erwiderte die Königstochter, und faltete mit frommer Gebärde die Hände über ihre Brust. „Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß der Edelste und Reinste seines Volles auf kaltem Lager schmachten sollte, während seine frevelhaften, übermütigen Feinde auf weichen Pfühlen sich dehnen." „Königlich ist Dein Antlitz und königlich Dein Sinn," versetzte der greise Prophet, und mit tiefer Bewegung setzte er hinzu: „Habe Dank, hochherzige Jungfrau, Deine Worte und Deine Gabe haben mich erquickt." „Mann Gottes!" rief Zippora, von dem Momente hingerissen, „befreie Deinen Fuß von ungerechter Haft. Die Tür Deines Kerkers steht offen, auch das Tor der äußeren Mauer, ein einzelner Mann wacht; er wird nicht wagen, den Propheten Iirmejah zurückzuhalten." „Zu weit reißt Dich die Großmut Deines Herzens, Tochter Jerusalems," versetzte der Prophet ernst. Der Mann draußen Haftel mit seinem Leben für meine Sicherheit. Ich will nicht forschen, ans welchem Wege und durch welche Mittel Du hierher gedrungen bist. Dein Name und Dein edles Vorhaben haben Dir gewiß die Pforte geöffnet; denn oft wird der rauheste Sinn bewegt durch ein reines, frommes Herz. Doch diese menschliche Regung soll dem Manne draußen nicht zum Verderben werden. Iirmejah bleibt hier, bis der König selber seine Zelle öffnet; Du aber gehe mit Gott, edle Jungfrau. Er, gelobt sei Er und sein heiliger Name, wird Dir vergelten, was Du getan." „Hast Du noch einen Wunsch und ein Begehr?" fragte Zippora, das Haupt neigend. „Sprich, ich will es Dir erfüllen." „Von dem Dunkel und der Einsamkeit begünstigt, drängen sich die Gedanken in meinem Haupte, wie aufgejagte Wellen des Meeres", sprach der Prophet, „vermöge den König, Deinen Vater, daß er Gedaljah erlaube, mir Pergament und Tinte zu bringen und wenn i h m nicht, so doch den Wächtern. Dir aber Tochter Zidikajas danke-ich aus bewegtem Herzen und bitte Dich zugleich, nicht mehr im Dunkel der Nacht den gefährlichen Weg hierher zu machen." Im Dunkel der Nacht. Bald darauf war die Zelle wieder dunkel, Iirmejah lag auf dem weichen Lager und draußen vor dem geschlossenen Tore standen die zwei Frauen. In stiller majestätischer Feierlichkeit dehnte sich der tiefe blaue Horizont über ihnen von Millionen glänzender, bald verschwindender und wieder auftauchender Punkte durchwebt und durchzogen; eine eben solche innerliche Weihe und Feierlichkeit lag ans der Seele Zipporas. Sie fühlte sich eins mit «der schweigenden Nacht, mit dem Frieden und der Unermeßlichkeit um sie. Nicht so war es bei Dinah. Sie hatte das Gefühl, als müßte ihnen etwas störend in den Weg treten, und wirklich waren sie kaum aus der letzten Straße der Neustadt, und wollten das Tal betreten, das nach der Zionsstadt heraufführte, als ihnen plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, eine hohe Männergestalt gegenüber stand, deren Rüstung in der Dunkelheit schimmerte, Dinah war vor Entsetzen so gelähmt, daß selbst der Schrei in ihrer Kehle erstickte. „Frauen bei Nacht auf den Straßen?" sagte der Mann im höchsten Erstaunen. „Wer seid Ihr und. wohin wollt Ihr?" fragte er dann laut. Bei dem ersten Laut dieser Stimme verwandelte sich der Schreck Dinahs ins höchste Entzücken. „Teurer Iochanan", rief sie, auf ihn stürzend und die Arme um seinen Hals schlingend, „wie dank ich Gott, daß Du es bist!"