Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Das jüdische Klatt. Nr. 22. Richtige Rätsellösttttgen: Oviu Rätsel: Frau Berthe Gocljchcl, Luzern. — Helene Samuel, Neubreisach. — Alice Weil u. Mirny Wolf, Ingweiler; Delphine May, Westhofen, z. Zt. Ingweiler. — 'Fernande Levy, Zabern. Marthe, Georgette, Gabnelle u. Robert Weil!, Pierre Lehmann, Jttersmeiler. — Geschwister Salomon, Schleltstadt. Zwei Rätsel: Marcelle u Lucien Baer, Eugen Schwartz, Barr. — Cäeilie u. Leopold Lehmann, Dauendorf. — Susi Zivi, Colmar. — Robert u. Suzanue Geismar, Romansweiler. - - Albert Fohlen, Püttlingen (Lothr ). — Geschwister Dukas, 5)attstatt. Pier Rätsel (aus Nr. 20 u. 21 : L'wn Landauer, Realtertiavcr, Hatten. - Karl Rees, Sulz u. W. - Henry Guggenheim, Liestal. Eine Welle. Novelle von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) In der Khille fing man an allerlei zu munkeln; Gerüchte verbreiteten sich, die eine ungeheure Aufregung hervorriefen. Moscheh konnte es im Orte nicht aushalten. In jedem Blicke, in jedem Worte glaubte er Schadenfreude zu lesen. Das war nicht der Fall; wenigstens bei allen nicht. Was die Gemüter im allgemeinen bewegte, war geradezu Entsetzen; denn llach den ins Blut und Leben übergegangenen Keuschheits- und Sittengesetzen des Judentums gab es kein größeres Unglück. Moscheh verkaufte sein Haus und zog fort; man wußte nicht wohin. III. Cs war an einem Freitag Abend; still und traumselig (ag es über dem Judenviertel Preßburgs, nur der weiße Mondenschein spielte auf den Gassen und Dächern und vermischte sich mit dem goldenen Schimmer der Sterne zu einein magischen Lichte. In den Häusern aber entfaltete sich bei den weißgedeckten Tischen ein reges, trauliches Lebeil. Engel waren eingekehrt in das ärmste, wie in das reichste Haus. Sie blickten aus den Lichtungen der Sabbatlampe, sie sahen aus den Augen der Eltern und Kinder; sie strahlten aus jedem Winkel des Hauses, aus den Fenstern und schienen den Sternen am tiefblauen Himmel zuzurufen: „Erbleichet! mir sind heller als ihr." Diese Engel waren die Zufriedenheit, die Gottgläubigkeit, der Herzensfriede, die Liebe und Treue und wo sie hinlächelten, da sproßten Blumen, da rauschten Quellen, da spielten Sonnen — es war Sabbat. Am äußersten Ende des Judenviertels stand ein kleines Haus; es war von einem Garten umfriedet, Bäume standen vor den Fenstern, durch die schneeweißen Vorhänge spielte goldenes Sabbatlicht. In der Stube, die vor Reinlichkeit strahlte, saßen zwei Personen, ein altes und ein junges Weib. Das alte Weib war eine stramme, ungebeugte Gestalt, dem eine innere Zufriedenheit aus jeder Linie des Gesichtes blickte. Mit der Brille auf der Rose saß sie vor einem „Deutsch-Chumesch" und sang in althergebrachter Weise vor sich hin. Das junge Weib faß unbedeckten Hauptes. Zwei dicke, goldgelbe Flechten legten sich um ein bleiches, mageres, aber schönes Gesicht. Sie hatte die Hände auf die Stirne gedrückt und blickte vor sich nieder. Wenn sie nicht einmal aufgesehn und hingehorcht nach der Gegend des Bettes, wo sich ein leises Atmen hören ließ, man hätte sie für ein Steinbild halten können. Die Alte stand auf, machte das Buch zu und sagte: „Wir könnten essen, Goldchen. Die Leut sind schon längst aus der Schul." „Wie Ihr rneint, Mutter Szurel." Szurel sah sie eine Weile an und versetzte dann: „Am Schabbesleben darf kein jüdisches Kind traurig sein. Aller Kummer und alle Sorgen werden bei der Arbeit zurückgelassen und am Sonntag wieder ausgenommen; ich habe meine im Klöppelkissen zurückgelassen", fuhr sie lächelnd fort und zeigte nach der Höhe, wo auf einem hervorragenden Balken das Kissen stand. „Du wirst täglich bleicher, Goldchen, der Doktor ineint, Du sollst oft ausgehen und Du kommst gar nicht aus dem Hause. Seit den zwei Jahren, die Du bei mir wohnst, warst Du noch nicht auf der Straße, vorgestern das erste Mal." „Es wird auch das letzte Mal gewesen sein." „Warum?" Goldchen schwieg eine Weile, dann sagte sie tiefaufatmend: „Weil mir die Kinder nachgeschrien und die Frauen und Mädchen mit den Fingern auf mich gewiesen haben." „Die schlechten, bösen Menschen", fuhr die Alte fort. „Nicht schlecht und nicht böse", sagte das blasse Weib, „wenn die Sünde ruhig durch die Straße gehen dürfte, was bliebe dann der Tugend übrig?" Ein Klopfen an der Türe unterbrach das Gespräch. Die Alte ging zu öffnen: durch den dunkeln Hausgang trat eine Männergestalt in die helle Stube. „Onkel, Onkel!" schrie Goldchen auf. Sie zitterte heftig; einen Augenblick war es, als wenn sie ihm entgegenstürzen wollte, dann aber trat sie in die dunkelste Ecke und verhüllte ihr Gesicht. Onkel Leser blieb beim Tische stehen und stützte sich einen Augenblick auf ihn; er bedurfte and) der Sammlung. Er war alt geworden, der arme Mann; das weiße Haupt- und Barthaar ließen ihn wie einen Greis erscheinen, milderten aber zugleich seine ursprüngliche Häßlichkeit. Nachdem er der Alten gut Schabbes gewünscht, die sein unvermutetes Erscheinen außer sich vor Freude brachte, ging er aus seine Nichte zu. „Will Goldchen nicht ihren Onkel begrüßen?" fr-ug er mit zitternder Stimme. Ein heiseres, erstickendes Schluchzen war die Antwort. Da nahm er ihr die Schürze vom Gesicht, faßte sie bei der Hand und führte sie zum Tische, dem Lichte zu. Er sah lange, in das noch immer schöne, aber gebleichte Gesicht, auf welchem (Beelenleiben ihren erschütternden Stempel gedrückt hatten. Die Augen waren noch einmal so groß, und von vielem Weinen getrübt. Sie stand vor ihm gesenkten Hauptes, durch die langen Wimpern, die die Wangen beschatteten, rollten schwere Tränen. (Fortsetzung folgt.) I H7Pm — Hotel Wagner LUIfUl 11 :: Deutsches Haus :: Ruhigste, sonnige Lage beim Bahnhof, Schiff u. Engl. Garten. Modernstes, beliagl. Hotel, jeglicher Komfort. Fließ. Wasser, warm u. kalt, in allen Zimmern. J Appartements mit Bad. — Mäßige Preise. I C. Wagner, deutscher Eigentümer. 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