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Das jüdische Blatt · 1913-04-11 · 15 (11.4.1913) · p. Seite 10

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Das jüdische Matt. Nr. 15». war so groß und edel, was haben Sie nicht schon alles für mich eingesetzt? Ihr Leben, Ihre Wohlfahrt: selbst Ihre geliebte Mutter I vergaßen Sie, und womit vergalt ich es, als Ihr teures Leben j in Gefahr war? Ich litt, das war das ganze. Es trieb mich zu Ihnen mit der ganzen Gewalt der Verzweiflung, um Sie zu retten, Ihnen nur ein tröstendes Wort zu sagen; ich rang die ganze Nacht mit mir, bezwang das Herz, blieb, gehorchte der Pflicht und dem Anstande, in einem Momente, wo der Tod Sie umdrohte. Es trieb mich, Ihnen zu folgen, als Sie an jenem schrecklichen Tage ins Dorf zurückkehrten, jeder Tropfen meines Herzens schrie nach Ihnen, ich blieb; aber die Mutter, die Mutter folgte dem Kinde. Jetzt wissen Sie, was mich drückt. Es ist Reue. Ein ganzes Leben voll hingebendster Liebe kann die Summe dieser Aufopferungen nicht ausgleichen." Rahel hatte hastig, oft stockend gesprochen. Ihr Gesicht war der Spiegel ihrer sich jagenden und drängenden Gedanken und Gefühle; denn Blässe wechselte mit Röte während des Sprechens. All die tiefe oft zurückgedrängte Liebe, ja Leidenschaft für ihn, all der Kampf der letzten Tage hatte sich jetzt aus ihrem Herzen losgerungen und sich wie ein verzehrender Feuerstrahl ergossen. Jonathan schloß einen Moment wie geblendet die Augen, dann umschlangen sie seine Arme und preßten sie so fest an sich, als wollten sie sie nimmer loslassen. „Jetzt liege still und rühre Dich nicht!" flüsterte er mit einem seligen Lächeln. „Der Mann kämpft, ringt für seine Liebe, setzt alles ein; das Weib duldet. Das ist das allgemeine Natur- und Sittengesetz, nnd es gehört oft mehr Geisteskraft zum Letzteren, als zum Ersteren. So wie Du bist, in Deiner reinen, würdigen, keuschen Ursprünglichkeit, liebe nnd bete ich Dich an, das merke Dir, Kind, Du sollst mir keine, nicht einmal die kleinste Linie in Deiner Seele verwischen, sonst störst Du mir meine schöne Welt da drin. Das bißchen Feuer hat nichts geschadet, im Gegenteil", fügte er hinzu, indem er ihr lächelnd ins Auge blickte, „es hat mir gezeigt, was ich Dir bin. Ich danke Dir dafür; aber auf solche allzu sentimentale Gedanken darf mein starkes Mädchen nicht kommen." So sprach der Doktor noch lange, lange, und wirklich, das junge Mädchen hätte sich keinen besseren Arzt anschaffen können. Seine so liebevollen, so kräftigen und festen Worte richteten ihre durch Kraukheit und unnatürliche Anstrengungen aus dem Gleichgewichte gekommene Seele bald wieder auf. Nach zwei Monaten fuhr Rahel nach Raab, die Großmutter war unwohl geworden, hieß es. Lazarus begleitete sie, kam nach zwei Tagen zurück, Lea, den Doktor und Mirjam holend, um an diesem schönen Tage eine Schlittenfahrt nach Raab zu machen, wie er meinte. Es war Abend, als man anlangte, Lazarus wies dem Doktor und seiner Mutter ein Zimmer bei seinen Schwiegereltern an und meinte, in einer Stunde werde er sie holen. Es sei heute ein kleines Fest hier, eine Genesungsfeier, der Großmutter zu Ehren. Als der Doktor nach der anberaumten Stunde von Lazarus und seiner Mutter begleitet nach dem Festsaal sich begab, war er nicht wenig überrascht, eine sehr große Gesellschaft vorzufinden. Er wurde überall vorgestellt; doch vergebens sah er sich nach Rahel um, das Mädchen war nicht da. Während Lea Mirjam unter ihre Protektion nahm, führte Lazarus Jonathan einer Gruppe Herren zu, die in einem eifrigen Disput begriffen waren. Eine Gestalt ragte unter allen diesen Männern hervor und fesselte gleich des Doktors Auge. Es war ein Greis mit schneeweißen Haaren, schönem, höchst intelligentem Gesichte und einer hohen mächtigen Gestalt. Es war der Rabbi aus Comorn. Der Doktor war bald mit diesem liebenswürdigen Gelehrten in ein solch tiefes Gespräch verwickelt, daß er gar nicht merkte, was um ihn herging. Ein Herr mit Schreibgerät trat herein, setzte sich nieder und setzte ein Schriftstück auf, ein Teller wurde hereingebracht und daneben gestellt. Die Stimme Lazarus', die ihn rief, veranlahte ihn, sich umzuwenden. Er stand vor ihm mit Rahel an der Hand, Lea und Mirjam standen zu seiner Seite. Rahel trug ein einfaches, schwarzseidenes Kleid, das ihren edlen, herrlichen Wuchs wunderbar hervorhob, eine lange, dunkelrote Schärpe, Haar- und Busenschleife belebten ein wenig die einfache Farbe. „Hier, mein Sohn, ninnn sie, die Dir so innig zugetan ist, und die Du so liebst", sagte Lazarus mit bewegter Stimme, „Du wolltest Dein Glück nicht meinem Schmerze verdanken, nur meiner Liebe, nun, nimm sie hin, geliebter Sohn! Ich gebe sie Dir mit freudigem, vom Glück überströmten Herzen, Gott segne Euch und mache Euch so glücklich, wie Ihr es verdient." Tränen der Freude, des Jubels auf der einen Seite, Glückwünsche auf der andern, dazwischen das Geräusch des auf den Boden geworfenen Tellers. Welches Glück kann sich messen mit dem des Brautpaares, Mirjams, Lazarus', Leas? Wir wollen es nicht beschreiben; denn einmal gibt es für das im ersten Momente bewußtlos empfundene Glück keine Worte. Es muß eine Empfindung sein, wie wenn man den ersten Schritt im Himmel gemacht und plötzlich alle Herrlichkeit erblickt, dann soll man es auch nicht beschreiben. Was diese zwei Menschen fühlten im ersten Momente ihrer Bereinigung, ist zu heilig, um es anderen Menschen zur Anschauung zu bringen. Sie hatten sich, sie gehörten einander an. Der Leser wird wissen, was das bedeutet. Nun Hab ich meine Pflicht erfüllt und alles erzählt. Aber das Gelübde, das Gelübde? wird man fragen. Beim Juden ist kein Gelübde bindend, außer dem Versprechen zugunsten eines Dritten. Die Gesetze im Iudentume, die voll Liebe und Menschlichkeit sind, verlangen nichts, dem Menschengeiste und dem Menschenherzen Unnatürliches. Was der Mensch im abnormen Zustande, in Schwärmerei, Begeisterung, Zorn, Rache gegen Gott gelobt, kann gelöst werden, ja darf nicht zur drückenden, unerträglichen Fessel seines Lebens werden. Es geht gar in seiner, nur aus Menschenwohl und Menschenglück beruhenden Idee so weit, selbst die Ehe zu lösen. Dies heilige Institut sollte mehr als alles nur zum Segen und nicht zum Fluche für den Menschen werden. Und so wurde auch Lazarus durch den Ausspruch dreier Gelehrten nach den vorgeschriebenen Gesetzen seines Gelöbnisses enthob ■/!.. das wie ein scharfes, trennendes Eisen zwischen dem Glücke so vieler guten und edlen Menschen gestanden. ir llliflqlul wirkt tadellos und riecht angenehm. Chem. Labor. Dr.N.Moses 100 g.Dose-Mk.1-inci.Porto Berlin S.O. 16- 500g. 3.* “«s “ ' Köpenickerstr. 98 a. t Kilo i" - - 5,so- I ll7Prn — Hotel Wagner LUIlUl 11:: Deutsches Haus :: Ruhigste, sonnige Lage beim Bahnhof, Schiff u. Engl. Garfen. Modernstes, behagi. Hotel, jeglicher Komfort. Fließ. Wasser, warm u. kalt, in allen Zimmern. ■ Appartements mit Bad. — Mäßige Preise. I _C. Wagner, deutscher Eigentümer. |

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