Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9052070-9096771-9052319--0262-9052329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10 Da» jüdische Dlalt Nr. 14. Z w a n z i g st e s Kapitel. Anderthalb Jahre waren vergangen. Es mar wieder Frühling. An einem sonnigen Nachmittage schritt eine Gruppe von drei Personen auf einer duftigen, von Sonnenglanz und Blüten überstreuten Wiese dahin, während ihnen auf der nahegrenzenden Landstraße ein leichtes Fuhrwerk, von zwei herrlichen Pferden gezogen, langsam voranfuhr. Hinter ihnen blitzten die weißen Häuschen eines Dorfes zwischen hellem Grün hervor. Vor ihnen dehnte sich spiegelglatt, wie ein grünes Meer, die weite Ebene, auf einer Seite durch Hügel uud Waldungen begrenzt. Die Gruppe der Spazierenden bestand aus einer Frau und zwei Herren. Die Frau ging am Arme des Einen. Ihr glückliches Gesicht schien an Helle und Glanz mit der Sonne zu wetteifern. Die Stirne strahlte, die Augen blitzten im munteren Gespräche, ein rosiger Hauch lagerte auf dem ganzen Gesichte, das sich noch lieblicher färbte, wenn ihr Blick dem des Herrn an ihrer Seite begegnete. Die jungen Leute schienen im gleichen Alter zu sein, doch verschieden in ihrem Aeußern. Der Eine war hoch und schlank, mit einem bildschönen Gesichte, ausdrucksvoll bis in die kleinsten Linien. Der Andere war kleiner und schmächtiger, mit einem blassen, ernsten Gesichte, in dem nur die Augen ein herrlicher Reichtum waren, sie zeigten von einem solch' großen und reichen inneren Leben, daß sie allein schon eine Welt ausmachten. Der Wagen hielt, die drei traten auf die Straße. „Jetzt muß geschieden sein", sagte der mit dem blassen Gesichte. „Weiter lasse ich Euch, meine Freunde, nicht mitkommen." „Ach, Herr Graf, wir baten Sie doch so, noch einige Tage zu bleiben", sagte die junge Frau. „Ich märe auch gerne geblieben, schöne Frau; doch geht es leider nicht. In zwei Tagen darf ich nicht mehr im Lande sein. Sie wissen, Verbannte müssen gehorchen." Der Leser wird die drei Personen erkannt haben. Wenn nicht, nun, so will ich sie nennen. Es war, Doktor Stern mit seiner jungen Frau und sein Freund Franz Erdödy. Der Graf hatte traurige Schicksale erlebt. Er war schwer verwundet worden und lag mehr als dreiviertel Jahre im Lazarett. Genesen wurde er, wegen Beteiligung am Aufstande, gefänglich eingezogen, brachte ein halbes Jahr in Voruntersuchung zu und wurde dann zum Tode verurteilt. Auf Verwendung mächtiger Freunde und Verwandten wurde er durch kaiserliche Gnade frei, muhte aber binnen kurzem den österreichischen Boden verlassen irnb in die Verbannung gehen. Seine Güter wurden konfisziert; nur fein Familiengut blieb ihm. Er ordnete seine Angelegenheiten, das heißt, er machte Jonathan zum Verwalter desselben und überließ Lazarus die Pachtungen im Dorfe. Dann reihte er nach Jgmant, um den Doktor mit allem bekannt zu machen und Abschied zu nehmen. Er hätte zu keiner glücklicheren Zeit kommen können. Es war drei Tage vor der Hochzeit des Doktors mit Rahel Lazarus. Der liebe Leser wird sich gewiß ärgern, daß er weder zur Verlobung, noch, zur Hochzeit geladen wurde, daß alles so ohne sein Wissen vor sich gegangen, und recht hätte er schon. Hat er doch an ihrem Schicksal Interesse genommen, hatte mit ihnen gehofft und gezittert, Freude und Kummer getragen, alle Ereignisse mitgefühlt und durchlebt; er hätte es also verdient, bei diesem glücklichen Ereignisse zugegen sein zu dürfen, um sich zu entschädigen. Tröste Dich, lieber Leser! Ich habe auch keine Einladungskarte bekommen. Trotzdem weiß ich alles. Auf welche Weise? Das ist eben mein Geheimnis, und wenn Tu Dich geduldest, dies Kapitel zu Ende zu lesen, so wirst Du es auch wissen, sogar was für ein Kleid die Braut am Verlobungstage trug (das für die Leserin). ' Ein halbes Jahr verging, bevor Lazarus auch nur teilweise seine zerrütteten Angelegenheiten ordnen konnte. Es kam der Winter, man konnte nicht einmal bauen. Es wurden nur in aller Eile zwei Zimmer wohnhaft gemacht, damit die Familie vor Sturm und Wetter geschützt sei. Die kräftige Hand Samuels fehlte überall, und wenn nicht die Trauer um den Verlorenen die Eltern und die Schwester täglich nud stündlich an ihn erinnerte, die mangelnde Arbeitskraft hätte es gewiß getan. Lazarus hatte den größten Teil seines Vermögens verloren. Es war ihm nichts als die Felder und einige tausend Gulden Schulden bei den Bauern geblieben. Die Felder brauchten Saat und die schuldenden Gelder waren für jetzt gar nichts wert. Tie Bauern hatten bei den letzten Ereignissen ebenfalls viel gelitten und waren nicht imstande, zu zahlen. Die Schwiegereltern halfen zwar in etwas nach; aber was war das für den früher so reichen Mann. Kein Mensch, und sei er noch so groß und edel, sieht ohne Schmerz sein Hab und Gut zugrunde gehen, das ihm Dezennien lang seine Bedürfnisse befriedigen half und alle Genüsse gewährte. Lazarus fühlte diesen Schlag lange Zeit und tief. Nach und nach erhob er sich wieder, gekrästigt durch und in sich selbst, und beugte sein Haupt vor Gottes unerforfchlichem Ratschluß. Lea war zu unscheinbar und beschränkt, um anders zu fein, als ihr Mann; sie paßte sich ihm selbst in den Gefühlen an; war er besorgt, war sie es nicht minder; fing er an, ruhig zu werden, so war sie es auch. Was Lazarus warhafte Besorgnis einflößte, war Rahels Zu-. stand in der ersten Zeit nach der Genesung. Es war eine Art dumpfer Apathie, aus der sie nichts reißen konnte und die einige Wochen anhielt. Lazarus legte den Besuchen des Doktors kein Hindernis mehr in den Weg. Es war jetzt ein inniges Zusammenleben zwischen den beiden Familien, das täglich an Stärke und Reinheit zunahm. Jonathan glaubte, der Zustand Rahels rühre von der Schwäche her, die von der Krankheit zurückgeblieben. Als sie aber täglich frischer und kräftiger wurde, und die stille, tiefe Traurigkeit nicht weichen wollte, fing auch er an, besorgt zu werden. Und es worein sonderbarer Zug bei diesem Zustande, je zärtlicher und liebevoller der junge Mann wurde, desto trauriger und in sich zurückgezogener wurde Rahel. Auf all sein Fragen und Drängen war ein trauriges Kopfschütteln oder gar ein hartnäckiges Schweigen die I Antwort. ' (Fortsetzung folgt.) MILKA VELMA NOISETTINE OIE BELIEBTEN ESS ■ CHOCOLADEN.