Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 12 (15.6.1868)
- Date
- 1868-06-15
- Page
- Seite 93 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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93 verlieh ihm eine hohe und ehrenvolle Stelle in seiner Umgebung. Diese Geschichte das Boccaccio verwendete Lessing als Episode in seinem „Nathan". „Ich will hoffen" schreibt er an Herder mitten heraus aus seiner Arbeit, „daß Sie weder den Propheten Nathan, noch eine Satyre aus Goezen erwarten. Es ist ein Nathan, der hier Boca; Melchisedek heißt, und dem ich den Namen nur immer hätte lassen können, da er doch wohl, wie Melchisedek, ohne Spur vor sich und nach sich wieder aus der Welt gehen wird.Indessen kann ich sicher meine Leser: Inti-oite et hic Dii sunt — „tretet ein, auch hier sind Götter" — zurusen. Was nun die drei Hauptpersonen des Stückes, den Muselmann Saladin den Juden Nathan, und den christlichen Templer betrifft, so ist Saladin unter ihnen eine historische Persönlichkeit, und es ist interessant neben der Charakterisirung, die uns Lessing's Drama von ihm bietet, ihn auch im Lichte der historischen Objectivität kennen zu lernen. Saladin, der Gründer eines großen mohamedanischen Reiches in Egypten, Syrien und Deinen, war ein Vater seiner Völker. Er entweihte als Sieger sein Glück durch keine jener Grausamkeiten, welche sonst im Orient mit der Einnahme eroberter Städte verbunden zu sein pflegen. Er verfuhr im Gegentheil sehr milde, bewies sich mitleidig und freigebig gegen alle Armen; er beförderte den Handel, indem er den eingewanderten Venetianern, Genuesen, Pisanern, Russen und Bulgaren übermäßige Vorrechte ertheilt hatte. Noch heute sind die weisen Ermahnungen, die Saladin seinem jüngsten Sohne beim Abschied ertheilte, mustergiltig, und kennzeichnen in überzeugendster Weise die tiefe Gemüthsfütte dieses vortrefflichen Mannes. „Ich empfehle Dir, sagte Saladin, nach dem Zeugnisse seines Geheimschreibers zu Daher (Schlosser, Weltgeschichte VII., 190.), Ehrfurcht gegen das höchste Wesen, welches die Quelle alles Guten ist. Befolge gewissenhaft seine Gebote, denn in ihm ruht dein Heil. Vergieße kein Blut, und lade keine Blutschuld aus Dein Haupt! denn vergossenes Blut schläft nicht. Ebenso ermahne ich Dich, Dir die Herzen Deiner Unterthanen zu bewahren und mit Ernst für ihr Wohl bedacht, thätig sein; denn sie sind durch Gott und mich Deiner Fürsorge anvertraut. Außerdem empfehle ich Dir, daß Du Dir Fürsten und Vorsteher gewogen erhaltest; denn ich wäre nicht zum Gipfel der Macht gelangt, wenn ich nicht alle mit Milde behandelt und durch Freundlichkeit gewonnen Hütte. Nähre gegen Niemand Haß in Dir, denn der Tod wird Jeden dahinraffen. Auch hüte Dich wohl, Jemand zu beleidigen; denn die Menschen versöhnen sich nicht, ohne vorher Rache geübt zu haben, während Dir, wenn du Gott beleidigt hast, für die bloße Reue Verzeihung geboten ist: denn Gott ist barmherzig. Ueber Saladins Verhältniß zu seinen jüdischen Unterthanen finden wir anerkennenswerthe charakteristische Züge in Grätz VI. 329, Sein Reich war ein sicheres Asyl für verfolgte Juden. Wie gegen Jedermann, selbst gegen seine erbitterten Feinde, war Saladin auch gegen Inden gerecht. Als einst ein Jude sich beschwerte, Saladin habe ihm Unrecht gethan und dieser es vernahm, machte er in seinem Gange halt, um die Beschwerde zu vernehmen. Der Jude erzählte ihm, des Sultans Diener hätte ihm zwanzig Last Wein, die er aus Alexandrien nach dem Hafen von Akko eingeführt, gewaltsam genommen, in die Schatzkammer gebracht undangegeben, es sei auf Saladin's Befehl geschehen. Sofort ließ der Sultan die Angelegenheit untersuchen, und als sich die Aussage des Juden bestätigte, befahl er dem Juden den ganzen Schaden zu ersetzen. Unter ihm stiegen die Inden zu großem Wohlstand und Ansehen. Hierbei kömmt noch der Umstand in Betracht zu ziehen, daß Saladin, mit dem berühmten Maimoniden im freundschaftlichsten Verhältniß stand. — Saladin war 1137, Moses ben Maimon 1139 geboren. — Maimonides, von seinen jüdischen fanatischen Gegnern als Freigeist angeklagt, war nach Egypten geflohen, und fand Schutz bei Saladie dem Muselmanne. Nach Grätz verschwägerte sich Maimonides in Fostal, wahrscheinlich nach dem Verluste seiner ersten Frau, mst einer angesehenen Persönlichkeit, mit Abulmaali, der Geheimschreiber bei einer von Saladins ■ Frauen, der Mutter des nachmaligen Sultans Alafdhal war > und kam dadurch in nähere Beziehung mit Saladin, ohne! dessen Leibarzt gewesen zu sein, welche Würde er vielmehr! erst bei seinem Nachfolger einnahm. Albrecht aber behauptet, j Saladin selbst habe Maimonides zu seinem Leibarzt ernannt, j und ihm mit großer Freigibigkeit die Mittel zur Stiftung! wissenschaftlicher Anstalten gegeben. Diesem Maimonides,! dessen Buch More Nebuchim bekanntlich dem ersten Cultur-! bannerträger unter den deutschen Juden, Moses Mendelsi sohn zum Lehrer, der auch ihn zu den Quellen der Weis-! heit führte, geworden war, hat Lessing von Mendelssohn j kennen gelernt, und so kam er wohl auf den Gedanken den! historisch berühmten Saladin in den Vordergrund zu stellen j und die in seiner Phantasie in eine Person zusammengeschmolzene geschichtliche Person Moses ben Maimon und die dichterische Figur des Melchozedek zum Nathan zu gestalten, und bei dem innigen Freundschaftsverkehre zwischen Lessing und Moses Mendelssohn kann es wohl kein Wunder nehmen, wenn Nathan unter der Hand des Dichters die Züge seines Freundes Moses annahm, und Moses Mendelssohn das Urbild des Nathan wurde. äus dem Leben der talmudischen Zeit. Eine Studie vom Redakteur. (Schluß.) Ehemals herrschte viel Prunk bei den Leichenbegängnissen. Der Todte wurde mit Musik zum Grabe begleitet, und der allerärmste Mann mußte zur Beerdigung seiner Frau zwei Flötenspieler bestellen, auch sonst wurde viel Luxus zur Schau getragen, und es war oft der Fall, daß arme Leute bei einem Todesfall in ihrer Familie davonliefen, weil sie die Kosten der Beerdigung nicht erschwingen konnten. Der Nassi Rabbi Gamaliel, durch Ansehen wie durch Reichthum hervorragend, that dieser Unsitte Einhalt, und erwies sich dadurch als einen wahren Wohlthäter des Volkes. Er wurde, nach seiner eignen Anordnung ohne allen Aufwand, ja ganz ärmlich zur Erde bestattet. Sein schönes Beispiel fand bald Nachahmung, und wurde später allgemeine Regel. Die Nachwelt segnete sein Andenken; bei den Trinkgelagen, welche bei den Juden wie bei den Griechen nach der Beerdigung eines Todten gehalten wurden, vergaß man es nie einen Toast auf diesen gelehrten Mann zu trinken. Ans den Särgen waren häufig Myrthenzweige gelegt (Beza 12). Es wurden häufiger Leichenreden gehalten als in unserer Zeit, und es gab eigene Leichenredner, die im Lande herumreisten, um bei sich darbietender Gelegenheit ihre Dienste anzubieten (Moed Katon 8). Wie gegenwärtig in den größern israelitischen Gemeinden bestanden auch schon damals Beerdigungsvereine (ibid 27). Wir unterbrechen oft den schönsten Redefluß, um einem Nießenden „zur Genesung" zu wünschen. Unter 100 Men- > scheu, welche von den Kindsbeinen an gewohnt sind, dieses! Anstandsgebot zu beobachten, füllt es gewiß nur sehr weni-! gen ein, über den Ursprung desselben nachzudenken. Manche! glauben, man wolle damit zu einer wohlthütigen Erschütterung des Körpers gratuliren, andere leiten diesen Brauch von einer Pest her, welche einst in Rom herrschte und wobei Nießen das Vorzeichen des sichern Todes war. (Polydor de rerum inventoribus. Antwerpen 1554.) Der Talmud kennt bereits diese Sitte, man sagte zu dem Nießenden was eben so wie das später übliche XTlDrr „zur Genesung" bedeutet. In der Akademie des Rabbi Gamaliel enthielt! man sich dieses Wunsches, um den Unterricht nicht zu stören! (Berachoth 53). Es machte sich auch eine Ansicht geltend,