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Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen · 1916-01-01 · 4, 5 und 6 (1916) · p. Seite 15

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Journal
Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
Volume
2 (1916)
Issue
4, 5 und 6 (1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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toleranten Islams seit 250 Jahren in Saloniki, Smyrna und in anderen Städten der früheren europäischen und asiatischen Türkei bestehen. Unerklärlich erscheint auf dem ersten Blick das psychologische Problem, wie Juden, welche Hab und Gut in Spanien, Portugal und Süditalien geopfert hatten, um offen als Bekenner des Mosaismus aufzutreten, sich entschließen konnten, in einem toleranten Staate, wie das osmanische Reich es war, die Maske eines fremden Bekenntnisses anzulegen und ein System der Heuchelei auf viele •Generationen zu vererben. Auffallend ist auch die große Zahl der Donmäh in Saloniki und Smyrna, obwohl die Geschichte von einem massenhaften Austritt aus dem Judentum dort nichts zu berichten weiß und an eine starke Vermehrung bei der streng eingehaltenen Inzucht nicht zu denken ist. Während eines mehr als vierjährigen Aufenthaltes in Saloniki und in Konstantinopel hatte ich manchmal Gelegenheit Erkundigungen aus verläßlichen Quellen einzuziehen und im Verkehr mit Angehörigen der Sekten ihren physischen und geistigen Habitus zu beobachten. Die stürmische Zeit von 1914 bis 1918 war solchen Nachforschungen keineswegs günstig, doch glaube ich einiges erfahren zu haben, was zur Kenntnis der Sekten von Bedeutung sein dürfte. Die psychologische Erklärung der Donmähsekten ist im pseudo-christlichen Marranentum zu suchen. Die sephardischen Juden sind nicht auf einmal im Jahre 1492 in die Türkei eingewandert, das Zuströmen von Marranen währte bis tief in das 17. Jahrhundert hinein; die Marranenfrage beschäftigte noch in jener Zeit vielfach den rabbinischen Gerichtshof in Saloniki. Nur ein Teil der schwierigsten Fälle hat in der Responsaiiteratur seinen Niederschlag gefunden; man ersieht aus ihr, daß die Marranen eine moralische Rechtfertigung für ihr Vorgehen in den Büchern des Alten Testaments suchten und besonders in Aussprüchen des apokryphen Buches Baruch gefunden zu haben glaubten. Je länger das Marranentum dauerte, desto sicherer mußte es sich zu einem System ausbilden, desto weniger belastete das Scheinchristentum das Gewissen der Kryptojuden. Mit dem Gedankengang der PseudoChristen in Spanien vertraut und halb einverstanden, war es den Sabbatianern nicht schwer, die Maske des Islams anzulegen und den Verfolgungen der talmudgläubigen Juden zu entgehen. Das Donmähtum wäre somit eine Fortsetzung des Marranentums in gemildeter Form, denn der Islam steht ja dem Judentume viel näher, als der Katholizismus mit seinem Heiligen- und Bilderdienst. Saloniki war neben Smyrna die Muttergemeinde der ersten Donmäh, dorthin strömte alles, was ihnen geistesverwandt war. Bis auf den heutigen Tag wird eine Gruppe von Donmähfamilien in Saloniki als „Polen" („Lechli") bezeichnet. Die Auswanderung polnischer Sabbatianer in die Türkei ist aus der Geschichte Jakob Franks bekannt. Die Geldsendung aus dem Orient ermöglichten es Frank und seiner Tochter in Offenbach Hof zu halten. Die große Zahl der Donmäh in Saloniki — sie wurde im Jahre 1914 auf mindestens 10.000 Seelen geschätzt — ist somit nicht auf einen Massenaustritt der einheimischen Sephardim aus dem Judentum zurückzuführen, sondern vielmehr auf die Einwanderung von Sabbatianern aus allen Ländern Osteuropas, die sich an die Kerngemeinde und an ihr marranisches System anschlössen. Die Bedeutung der Donmäh, welche durchwegs türkisch als Muttersprache reden und sich offiziell als Türken ausgeben, kann für das politische und geistige Leben der osmanischen Nation nicht hoch genug bewertet werden. Die jungtürkische Bewegung ist aus Saloniki, aus der Mitte der Donmäh, hervorgegangen. Während des Weltkrieges haben die Donmäh in Konstantinopel, meist Salonikier Flüchtlinge, in der Politik, im Handel und im geistigen Leben eine hervorragende, wenn auch nicht immer eine rühmliche, Rolle gespielt. Unter den Hörern der von deutschen Hochschullehrern reorganisierten Universität waren die Donmäh wohl die einzigen gelehrigen „Türken". Daß es sich um Juden und nicht um eigentliche Türken handle, haben die Lehrer bald herausgebracht, denn auch ohne Kenntnisse der jüdischen Rassenmerkmale sind die Donmäh leicht von Türken zu unterscheiden. Seit dem Rückzüge der Türken aus Saloniki besteht für die Donmäh, welche bisher alle Vorteile der herrschenden Nation genossen, kein Anlaß mehr, ihre Abstammung zu verheimlichen, trotzdem konnte im Jahre 1914 noch keine Spur einer Änderung des ererbten Systems bemerkt werden. Es ist mir nur ein Fall bekannt, wo ein „türkischer" Vater darauf Wert legte, daß sein Sohn in der österreichischen Schule am hebräischen Sprachunterrichte teilnehme. Ein anderer Salonikier „Türke" schickte sein Kind in den hebräischen Kindergarten. Ein gewisses Interesse für das Hebräische konnte ich gelegentlich selber bei ihnen feststellen. Als die Kinder einer jüdischen Schule am Log b'onnar, dem altjüdischen Schülerfeste, hebräische Lieder singend von einem Ausfluge heimkehrten, wurden sie von den „türkischen" Kaufleuten im Sabri-Pascha-Basar in Saloniki besonders stürmisch applaudiert. Ein „türkischer" Kaufmann, mit dem ich auf einem Lokaldampfer bei Konstantinopel oft zusammentraf, erzählte mir eines Tages er habe Soldaten aus Palästina gesehen, die hebräisch sprachen. Er selber verstehe zwar kein Hebräisch und die Sache gehe ihn nichts an, aber es habe ihn doch gefreut die alte Sprache zu hören. Der Mann, von blondem ostjüdischen Typus, sprach immer von den Türken in dritter Person, nie zählte er sich zu dieser Nation, obwohl türkisch seine

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