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Sabbath-Blatt · 1843-07-01 · 26 (1.7.1843) · p. Seite 104

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Journal
Sabbath-Blatt
Volume
1843
Issue
26 (1.7.1843)
Date
1843-07-01
Page
Seite 104 (sequence 4)
Language
German
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104 Fernen einer langen Vergangenheit mit allen ihren gigantischen Gestalten, wie durch ein Wunder in die Gegenwart heraufgerückt, sich uns vor Augen stellen. Die Möglichkeit, die Vorwelt und das Jetzt, Zeiten und Generationen von so verschiedenem Gepräge neben einander zu sehen und, wie das Unterscheidende zu betrachten, so auch unter all dem Fremdartigen der Form, das Gleichartige, das bleibend Menschliche wiederzusinden, dies eröffnet uns unstreitig eine Quelle der reichsten, der mannigfaltigsten Belehrungen. Darum wallfahrten wir so gern zu den Landern, den Schauplätzen einer großen Vorzeit. Die schweigenden Hallen ihrer Tempel, ihre Paläste und Gräber, jeder Berg und jedes Thal, um die ein längst geschwundenes, edles Volk seine Wohnungen gebaut, seine Thaten vollbracht, seine Siege, seine Leiden erlebt, sie reden zu dir, sie entführ ren dich dir selber zu den Versammlungen, zu den Geistern der Geschiedenen. Darum lauschen wir so gerne den alten Dichtern, vernehmen wir so gern, was die Weisen der Vorzeit uns hinterließen, und wie sie das Weh und die Lust, die auch zu ihrem Herzen drangen, nach ihrer Weise in die Formen der Sprache hüllten, wie sie die ewigen Rächsel zu lösen sich müheten, deren Lösung auch noch uns beschäftiget. Aber durch Nichts wird vielleicht der Charakter und die Denkweise der Masse eines alten Volkes uns näher gebracht, durch Nichts vielleicht werden wir mehr in den Stand gesetzt, den Grad allgemeiner Bildung, die in dem: selben herrschte, zu beurtheilen, als wenn uns Mittel gebo: im sind, es in seinem persönlichen Verkehr zu beobachten, in der Art und Weise, wie sich seine Individuen in bürgerlichen und häuslichen Angelegenheiten benahmen und aussprachen. Wir lesen mit wahrem Vergnügen die geselligen Unterhaltungen, die uns von Greisen aufbewahrt worden. Wenn gleich zum Theil erfunden, schließen sie doch im Ganzen sich der Wirklichkeit an, und die ganze Feinheit, die heitere Anmuth des griechischen Lebens spiegelt sich an ihnen wieder. Auch die alten Hebräer traten vor uns in den biblifchen Schriften oft in ganz persönlichen Verhältnissen auf. Und es ist erfreulich zu betrachten, wie sie sich hier benehmen, und was der Augenblick forderte, aus eine so passende und ergreifende Weise zu sagen wußten- Die Würde und Einfalt, die diese Schriften auszeichnet, daß jedes Volk und jedes Alter gern in ihnen liefet, diese hat ihren nächsten Grund in der Persönlichkeit derer, der alten Hebräer, die sie schrieben und in ihnen auftraten. Sie charakterisiren auf die Art und die Weise, wie hier Männer und Frauen in bedeutsamen Momenten des Lebens zu handeln und namentlich auch zu reden wissen; und wenn die Sprache vor Allem die Bildung eines Volkes beurkundet, so müssen wir uns gestehen, daß hier Gestalten eines zu seiner Zeit hochgebildeten Volkes vor uns vorüberschreiten, würdig ihres chaldäischen Vaterlandes, des uralten Sitzes der Weisheit und Civilisation, würdig der höheren Aufgabe, die ihre Religion ihnen unter den Völkern des Heidemhums stellte^ Juda vor Josef. Josef, der, ehe er sich selbst den Brüdern zu erkennen giebt, an ihrem Benehmen in Hinsicht des Benjamin ihre Gesinnungen prüfen will, drohet, denselben als Sklaven in Egypten zurückzubehalten, wohin auch ihn einst die Brüder als Sklaven verkauft. Juda hatte für den Knaben gebMgt, ihm hatte ihn der Vater anvertrauet, er ist es also, der jetzt an die Spitze seiner Brüder tritt und das Wort führt. Juda war es auch, der Josef gerettet. Ohne seine Brüder täuscheu zu wollen, wie Rüben, was auch nur für das eine Mal gelingen konnte, wählte er das, wodurch er den Knaben der unwiderruflich beschlossenen Rache der Brüder entzog, ihn seinem Geschicke und seinem Gotte überlassend, da er mehr wahrscheinlich für ihn nicht thun konnte. Der edle feste Charakter dieses Mannes zeigt sich auch in seinem Benehmen vor Josef. Ec will lieber selbst das erleiden, was dem Benjamin zugedacht wird, als es dulden, daß dem Vater der Liebling entrissen werde, als den Schmerz des ohnedies gebeugten Greises ansehen. Auch Jakob erkennt ihm den Vorrang unter den andern Söhnen zu, er erklärt ihn der königlichen Nachkommenschaft, die er ihm prophezeihet, würdig und spricht sterbend eine Fülle von Segnungen über ihn aus. — Alles, was das Herz des vermeintlichen Egypters rühren konnte, nicht ohne einen leisen Vor- Wurf über dessen zweideutiges Benehmen, weiß Juda, sammk der Entschuldigung seines Hervortretens, in dieser einfachen und doch so ergreifenden Anrede, die fast nur die Thatsache selbst für sich sprechen läßt, mit richtigem Takte an einander zu fügen. ״Juda trat hinzu und sprach: ,,Vergieb, o Herr! laß deinen Knecht ein Wort sprechen vor den Ohren meines Herrn, und es entbrenne nicht dein Zorn über deinen Knecht, denn du bist gleich wie Pharao! Mein Herr fragte seine Knechte: Habt ihr einen Vater, oder noch einen Bruder? Wir sprachen zu meinem Herrn: Wir haben einen alten Vater, und es ist noch ein kleiner, ihm im Alter geborener Knabe da; sein Bruder ist todt, so blieb er allein von seiner Mutter übrig, und sein Vater liebt ihn. Da sprachst du zn deinem Knechte: Bringet ihn zu mir, daß ich ihn mir anschaue. Wir sagten zu meinem Herrn: Der Knabe kann seinen Vater nicht verlassen, so er seinen Vater verläßt, er stürbe. Du sprachst zu deinem Knechte: Kommt euer jüngster Bruder nicht mit euch herab, so sollt ihr nicht mehr mein Angesicht sehen! (Fortsetzung folgt in Nr. 32.) Verantwortlicher Verleger C. L. Fritzsche in Leipzig. Druck von I. H. Nagel in Leipzig.

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