Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1843
- Issue
- 12 (25.3.1843)
- Date
- 1843-03-25
- Page
- Seite 47 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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47 Fahne, die in dir in der Zerstreuung voran gewehet, *רום לח. Du hast dem Ewigen geschwiegen! Du sündigtest gegen Gott, aber deine stille Ergebung, dein gläubiges Dulden ward deine Sühnung, war, in den Gefahren, die dich umgaben, war gegen Tod und Vernichtung, die dir drohete, Lein Panier, deine geistige Siegesfahne. *דום לח, ja, sie hatten gesündiget, aber die Schmerzensprüfungen, die sic schwergend ertrugen, war eine Heiligung des Gottes, deß Namen sie vordem entweihet. Ja, im Unglück waren sie treu, im Tode, im blutigen Märtyrertode waren sie siegend, und Gott hat uns ein Zeugniß seiner Gnade gegeben, er hat mildere Zeiten über uns aufgehen lasten, und gütige Fürsten zur Gerechtigkeit für uns erwecket, so lasset uns im Glück und Frieden nicht minder treu sey», auf daß auch solche Treue und unser Dank eine Heiligung Gottes werde, eine priesterliche Verherrlichung seines Namens! Amen. 8—z. Zwei Abende aus dem Jugendleben Moses Mendelssohn's. (Fortsetzung.) Ganz in diese Träumerei versunken, hielt er schon einige Minuten lang LieTheetasse in der Hand, ohne Laraus zu trinken und Lessing, der den Gedankengang seines jungen Freundes errathen mochte, suchte ihn Lurch eine Frage auf ein anderes Thema zu lenken. ״Schon längst war es mein Wunsch, lieber Mendelssohn, Sie um die Erklärung einer psychologischen Erscheinung zu bitten. In dem zweiten schlesischen Kriege diente ein junger wohlerzogener Mann, mit dem ich, ehe er Soldat wurde, gern umging. Eines Tages erhielt das Regiment, in welchem er stand, den Befehl, sich gerüstet zu halten, denn morgen sollte einegroße Schlacht geliefert werden. Der junge Mann erzitterte bei dieser Nachricht heftig und gestand vffen, daß er große Furcht habe, Ln dem Kampfe erschossen zu werden, llnd was that er deshalb? Er erschoß sich selbst, einige Stunden vor der Schlacht. Also aus Furcht vor dem Tode tödtete er sich. Jst's nicht so?" ״So ist's," erwiederte Mendelssohn, ״und so seltsam dies Factum auch Jfl, so liegt doch wohl die Erklärung nicht gar zu fern." — ״Ich bin doch neugierig, wie Herr Mendelsohn Liese schwierige Frage lösen wird," flüsterte die Hamburgerinn der Doktorinn zu, legte ihren Strickstrumpf aus der Hand, und horchte gespannt Pif jedes Wort. Mendelssohn gefiel sich schon damals in jener sokratischen Art, philosophische Gegenstände in Frage und Antwort abzuhandeln; seine Freunde wußten das, und es fiel daher gar nicht auf, als er sich an den Doktor mit der Frage wandte: ״Ist Ihnen nicht das Sprichwort bekannt, der Zweifel ist schlimmer als die ärgste Gewißheit?" — »Ich glaube diese Redensart schon öfter gehört zu haben, " erwiederte Der Gefragte, »daß sie aber ein Sprichwort sek, möchte ich nicht behaupten." »Sprichwort oder nicht," fiel Mendelssohn ein, »gleichviel, es kommt nur hier darauf an, ob sie ihre Richtigkeit hat oder nicht» Und, Herr Doktor, ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, Sie mag ich nicht zum Schiedsrichter über diese Frage aufstellen; Sie haben mir ein zu rauhes männliches Temperament, Sie sind schon zu sehr über alle Schwankungen des Gemülhs erhaben. Aber Sie, meine junge Dame," und er wandte sich zur Hamburgerinn, »Sie, mit Ihrer feinfühlenden Seele, Sie können mir gewiß die Frage beantworten. Ich bitte Sie recht sehr, folgen Sie einmal meinen Worten ganz genau. Denken Sie sich, Sie wären in einer Lage wie folgende: Die morgende Mittagsstunde ist für die Ankunft eines jungen Mannes festgesetzt, der für Sie zum Bräutigam bestimmt ist, denken Sie sich recht wohl in die Umstände hinein. Sie haben ihn noch nie gesehen, die elfte Stunde hat schon geschlagen; jetzt fällt Ihnen Alles ein, mit ihm sollen Sie künftighin das Leben durchwandeln, er soll sich für Sie, Sie sich für ihn nöthigenfalls opfern; wenn er anders wäre, als Sie sich ihn gedacht, wenn Geist und Körper Len Vorstellungen nicht entsprächen, die Sie sich von ihm gebildet; dies und noch tausenderlei Anderes drängt sich Ihnen jetzt auf. O nicht wahr, da würde Ihnen das Herz gewaltig pochen, Ihrer Brust bemächtigte sich die höchste Unruhe, und ich glaube kaum, daß Sie geängstigter sein würden, wenn Sie ihn gesehen und gefunden hätten, Laß er wirklich Ihrem Ideale nicht entspräche. Nicht wahr, dieser Zweifel, Liese Ungewißheit ist herzzerreißender als die schlimme Wirklichkeit? Nicht wahr? " Die Dame hatte ihre Augen niedergesenkt, antwortete nicht und Zog die Stricknadeln aus ihrem Strumpfe. »Nun, ich glaube das Stillschweigen richtig zu deuten," fing Mendelssohn wieder an, » wenn ich Sie für einver* standen mit mir halte. Oder hatte Jemand von Ihnen noch etwas einzuwenden?" »Ich wenigstens nicht," sagte Lessing, »und es sei mir nur noch erlaubt, die Anwendung auf den vorliegenden Gegenstand zu machen. Der Zweifel also, so meinen Sie doch, ob mein Freund Ln der Schlacht getödtet werden würde oder nicht, vielleicht auch der unselige Gedanke, Laß jede abgeschossene Kugel ihn treffen, daß jeder Knall das Signal zu seinem Tode sein kann, und die daraus entstehende höchste Unruhe und Angst, haden ihn vermocht sich selbst lieber das Leben zu nehmen; weil Die Gewißheit des Todes nicht so schmerzhaft und qualvoll ist, als die immerwährende Furcht vor ihm."