Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXX (1968)
- Issue
- 5 (Mayo, 1968)
- Date
- 1968-05-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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MAYO 1968 BOLETIN INFORMATIVO 19 DER miO AH MARTIN LUTHER KING - EINE AMERIKANISCHE TRAGH VON KURT R. GROSSMANN "Was soll ich den Deutschen angesichts des Ausmasses der amerikanischen Tragoedie sagen?” fragte mich ein amerikanischer Professor, der in wenige Tagen seine Gastvorlesungen an einer deutschen Universitaet beginnen wird. “Die Lage ist verzweifelt, aber nicht hoffnungslos”, lautete meine Antwort. Der Mord an Martin Luther King, Jr., nur 205 Fuss von ein e m gegenueberliegenden “Hotel”, mit einem mit Scherenfernrohr ausgestat t e t e n Gewehr, stellt grausamerweise eine beinahe haargenaue Wiederholung der Kennedy- Ermordung am 22. November 1963 dar. Der Mord an Dr. Martin Luther King fand unter den Augen der Memphis-Polizei statt, und diese Untat laesst erkennen, wie stark die Faeulnis der amerikanischen Gesellschaft vorgeschritten ist. Gewiss haben Millionen von Amerikanern, vom Praesidenten bis zum Arbeiter, ihr Entsetzen ausgesprochen, Bigotts haben hie und da ihren falschen Weg erkannt; aber im Sueden unseres Landes, sieht man von dem Buergermeister von Atlanta, Ga. ab, hat man keine Stimme der Verurteilung vernommen... Martin Luther King, Jr. trat in das Scheinwerferlicht der amerikanischen politischen Szene am 1. Dezember 1955, als die Naeherin Rosa Parks in Montgomery, Alabama, sich weigerte, ihren Platz im Abteil fuer Weisse aufzugeben. Rosa Parks war todmuede, Ihre Fuesse und Beine schmerzten... und weder Drohungen des Chauffeurs, noch das Geschrei des weissen Mobs konnten sie beeindrukken. Polizei kam, und man verurteilte sie fuer ihr “todeswuerdiges Verbrechen” zu 14 Dollar Geldstrafe einschl. Gerichtskosten. Dieser Vorfall war der Beginn eines von Martin Luther King gefuehrten Negerboykotts der Omni' buslinien in Montgomery, Alabama: sie gingen zu Fuss, organisierten ihre eigenen Transportmittel - und die Busse blieben leer, bis vier Monate spaeter sich die Worte Kings bestaetigten: “Der Neger weiss, dass er recht hat. Er hat sich nicht organisiert zu erobern oder Vorteile zu gewinnen oder gar jene zu versklaven, die ihm Leid angetan haben. Sein Ziel ist nicht, darum zu kaempfen, was ihm nicht gehoert, nein, er wuenscht lediglich zu erreichen, was ihm ehrlicherweise zusteht”. Heute gibt es keine Diskriminierung in Montgomery, Ala., bei der Benutzung oeffentlicher Transportmittel, der Schwimmbaeder... und Montgomery war der Beginn von Kings Erfolgen des gewaltlosen Widerstands in Birmingham und Selma. Martin Luther Kings Leben, welches am 3. April in so brutaler Weise ausgeloescht wurde, war der Befreiung seines Volkes gewidmet, und in einem Rundbriefe, der mich wenige Tage nach seinem Tode erreichte, steht der Satz unterstrichen: “Wir koennen weder Gewalt noch das gleichwertige Uebel der Passivitaet verzeihen”. King wusste wie kein anderer, dass die amerikanis che Gesellschaft, die Maenner und Frauen an den Machthebeln, “Russisches Roulette” mit der Verzweiflung und der Ausweglosigkeit der enttaeuschten Massen spielt. Der "kranke weisse Bruder" Einen Tag vor seinem Tod hat Martin Luther King prophetisch zweitausend seiner Anhaenger gesagt, warum er nach Memphis, Tennessee gekommen sei. Er sei aufgehalten worden, das Flugzeug musste durchsucht werden, weil vielleicht ein “kranker weisser Bruder” eine Bombe hineingeschmuggelt haben koennte. Er sprach von den Drohungen, unter denen und mit denen er so lange gelebt hat: “Ich weiss nicht, was jetzt passieren wird. Wir haben einige schwierige Tage vor uns, aber das ist wirklich fuer mich ohne Bedeutung, denn ich habe den Gipfel des Berges erklommen und bin auf alles vorbereitet. Wie jeder andere Mensch, moechte ich lange leben. Ein langes Leben hat seine Bedeutung. Ich bin darueber aber jetzt nicht besorgt. Ich will nur den Willen Gottes erfuellen. Der Ewige hat mir erlaubt, den Berg zu besteigen, von dem meine Blicke schweiften und von dem ich das verheissene Land sehen konnte. Ich mag es mit euch nie betreten, aber heute will ich kuenden, dass wir als Volk das verheissene Land betreten werden”. Er schloss diese prophetische Rede damit, dass er an diesem Abend gluecklich sei und sich um nichts sorge; nie h t irgendeinen Feind fuerchte, denn er durfte den Glorienschein des “Gnadenreichen Gottes” erblicken. Das waren Kings letzte oeffentliehen Worte, bis ihn die Mordkugel niederschlug - den Mann, der in den Spuren von TERMOMETROS HIGROMETROS PiROMETROS Los Serenos 476 Of. 23 FDND B7765 Vh SONDER-BERICHT FÜR DAS B.I. Mahatma Gandhi seinem Volke Freiheit, Selbstwuerde, Gleichheit und soziale Sicherheit zu geben suchte. Zwei Tage nach der Ermordung Kings trat seine Gattin vor die Mikrophone in Atlanta und gelobte, seiner Philosophie zu folgen. ’’Mein Mann hat oft den Kindern gesagt, wenn ein Mensch nichts hat, wofuer er sterben kann, dann ist er nicht wert zu leben”. Er wollte, wie Mrs. King sagte, dass diese amerikanische Gesellschaft sich vor sich selbst retten moege. Die Liste der ermordeten und erschlagenen Maertyrer im Kampfe um Menschenrecht und Menschenwuerde der Neger ist in der Tat lang und wird immer laenger. In Birmingham kamen bei der Sprengung einer Negerkirche vier Kinder um; der erste Neger, der in Alabama sich fuer die Wahl registrieren wollte, wurde ermordet. Als William Moore, ein Weisser, in,Alabama einen Demostratrionsmarsch fuer die Neger begann, traf ihn die Moerderkugel; zwei Monate spaeter fiel der bekannte Funktionaer Medgar W. Evers, von der Nationalkonferenz fuer den Fortschritt Farbiger in Mississipi, “unbekannten Moerdern” zum Opfer; Im August 1964 geschah dann in Meridian der dreifache Mord an Michael H. Schwerner, Andrew Goodman und James E. Chaney (zwei Weisse, ein Neger). Dann kam der beruehmte Selma-Marsch, der drei Opfer, zwei Weisse, ein Neger kostete, darunter Frau Viola Gregg Liuzzo aus Detroit. Am 21. August 1965 wurde in Mississippi ein Weisser, Jonathan Myrick, 26 Jahre alt, erschossen und ein katholischer Geistlicher schwer verwundet. Im Sommer 1966 wurde James H. Meredith, wieder in Mississippi, angeschossen und 1967 in Natchez ein Neger Jackson durch eine Bombe getoetet. Die Liste dieser Gewalttaten ist nicht vollstaendig, aber sie ist ein deutliches Zeichen von der “Krankheit”, die in diesem Lande herrscht. Die Tragoedie der Gewalt Es war Martin Luther King, zu dessen Ehren ueberall die amerikanische Flagge auf Halbmast wehte, der von dieser Krankheit unserer Gesellschaft wusste und der sich bemuehte, uns alle von ihr zu befreien. Die amerikanische Tragoedie ist aber, dass Gewalt und Gewaltanwendung, jener westliche Frontgeist die Gesellschaft beherrscht und von einem Krebs langsam zerfressen wird. King war bereit, das groesste Opfer zu bringen, sein Leben hinzugeben, weil er als ein tiefreligioeser Mensch an das Weiterleben des Geistes glaubte. Nach der furchtbaren Kennedy-Tragoedie begannen wir zu hoffen, dass ein bestimmtes Mass von Selbsteinkehr, Vernunft und Abkehr von der “Politik wie ueblich” sich ergeben wuerde. Aber die angstvollen Novembertage von 1963 sind laengst vergessen und diesses Land erlebt eine neue Tragoedie, deren Folgen Aufruhr, Braende, Zerstoerung und Tote sind. Seit 1932 hatte Washington es nicht notwendig gehabt, Truppen zum Schutze der Stadt und ihrer Einrichtungen zu alarmieren. Washington, Chicago, Baltimore, Pittsburgh sind die am staerksten betroffenen Staedte, der materielle Schaden ist unuebersehbar, der moralische und politische nicht errechenbar. In diesem tristen Bild gibt es einige Hoffnungsschimmer, wie das ruhige Los Angeles, das friedvolle Newark und das gluecklicherweise nur leicht mitgenommene New York. In allen drei Staedten hat die Verbindung zwischen “der weissen Machtstruktur” und den Negern, einschliesslich der Extremen, funktioniert, die in Newark und New York mit dem Buergemeister alles taten, damit diese Staedte vor Folgen bewahrt bleiben. die eine Entehrung Martin Luther Kings darstellen. Afrikanisc h e Nationalisten”, Negerfuehrer jeder Richtung sind des Lobes voll ueber John V. Lindsay, den New Yorker Buergermeister, der in der Tradition von Fiorello La Guardia in den Negerbezirken unserer Stadt zu sehen war. Es muss auch berichtet werden, dass in Newark einer der extremen Negerfuehrer, Wright, mit dem Newarker Buergermeister gemei n s a m marschierte, fuer den besseren Tag, fuer eine andere Zukunft. Die gegenwaerlige Lage Wenn wir jedoch eine allgemeine Bilanz ziehen, muessen wir feststellen: 1- Das Land steht sich bewaffnet gegenueber. Ueberall existieren weisse Vigilantengruppen, gut organisiert, mit schweren und leichten Waffen versehen, die nur darauf warten, dass die extremen “Schwarze Macht” - Anhaenger die Negermassen vor ihre Muendungen treiben. 2. Trotz aller bitteren Erfahrungen gibt es noch immer kein Waffenkontrollgesetz. Die Lobby in Washington hat alle Versuche in dieser Richtung besiegt. Gewiss haben Neger auch» Waffen; aber was koennen ihre Pistolen gegen die Feuerkraft der Weissen wirklich ausrichten? 3. Als der Kerner-Bericht ueber die Ursachen des Aufruhrs in den Staedten 1967 herauskam, hat der Kongress nicht ein einziges soziales Gesetz angenommen, das den Armen eine Hoffnung geben wuerde. Der Senat hatte 75 Millionen Dollar fuer das so wichtige Sommerprogr a m m bewilligt. Das Haus hat diese Summe gestrichen. Die Apathie im Kongress, die Weigerung, die sozialpolitischen Probleme anzupacken, erhoeht die Gefahren, durch die das Land wandelt. Der nutzlose Krieg in Vietnam kostet jeden Tag 250 Millionen Dollar; aber das hoffnungslose Leben in den Ghettos aendert sich nicht, weil Amerikas weisse Gesellschaft nicht einsehen will, dass sie grosse, ja sehr grosse Opfer zu bringen hat. 4. Martin Luther King kam nach Memphis, um 1200 Muellabfuhrarbeitern, davon 98% Neger, die sich wegen Anerkennung ihrer Gewerkschaft seit Februar im Streik befinden, zu helfen. Auch jetzt hat der intransigente Buergermeister Henry Loeb noch nicht nachgegeben, weil es sein “suedlicher Stolz” nicht zulaesst, Negern entgegenzukommen . 5. Endlich: Der Krieg in Vietnam, dessen Ende vielleicht kommen mag, hat unsere moralische und wirtschaftliche Stabilitaet erschuettert. Er hat tausende junge Amerikaner verroht, die im Toeten, im Brennen einen selbstverstaendlichen “ patriotischen ” Akt sehen. Damit schliesst sich der gehaessige Zirkel, denn wahrlich ein Land kann nur in Frieden leben, wenn es bereit ist, sich fuer den Frieden vorzubereiten. Dennoch: wenn Martin Luther Kin'g unter den Negern und den Weissen eine so grosse Gefolgschaft hatte, die seinen Traum von einem Amerika der Bruederlichkeit, der Gleichheit und des Friedens teilte, wenn jetzt Millionen Amerikaner ehrlich an seiner Bahre trauern, wenn unsere studentische Jugend den Weg zurueck in den legalen politischen Prozess dieses Landes gefunden hat, wenn Kirchen und Politiker, schwarz oder weiss, willens sind, dieses immense Problem anzupacken, das das Land seit Jahrzehnten quaelt, dann duerfen wir die Hoffnung auf eine Regeneration der Vereinigten Staaten nicht auf geben; denn es war Martin Luther King Jr., der am 10. Dezember 1964 beim Empfang des Friedensnobelpreises erklaerte, dass er sich weigere, die Idee zu akzeptieren, dass der Mensch gleich einem Wrack im Strom des Lebens getrieben wird und die Menschheit auf Gedeih Verderben der hoffnungslosen Nacht des Rassizismus und des Krieges verfalle sei. Er sei ueberzeugt, “dass die waffenlose Wahreit und die bedingungslose Liebe letzten Endes das entscheidende befreiende Wort haben werden. Das zeitlich besiegte Recht wird am Ende immer maechtiger sein als das voruebergehende, triumphierende Uebel”. A^C