Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXIX (1967)
- Issue
- 3 (Marzo, 1967)
- Date
- 1967-03-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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MARZO 1967 BOLETIN INFORMATIVO 15 WIEDERSEHEN MIT WILLY BRANDT Von Kurt R. Grossmann - New York Die Ergebnisse des Besuches von Willy Brandt in den USA sind inzwischen allenthalben berichtet worden, Der nachfolgende Artikel will der viel diskutierten Persönlichkeit Willy Brandts nach Bildung der “Grossen Koalition” gerecht werden. Die Voraenderung war sofort spuerbar. Als ich etwa zwanzig Minuten vor Beginn der Pressekonferenz den grossen Jade-Room des Waldorf-Astoria Hotels betrete, bauen diei Techniker der verschiedenen Fernsehstationen - in New York allein gibt es acht - ihre Geraete auf, die Photographen setzen sich in Positur. Ein grosses Ereignis wirft seine Lichtstrahlen voraus. Willy Brandt ist ein staendiger Besucher New Yorks und hat hier unzaehlige Pressekonferenzen abgehalten; aber dieses Mal kam er als der Aussenminister des Bundesrepublik und als deren Vizekanzler. Als Brandt, einige alte Freunde begruessend, den Saal betritt, schaetze ich, dass etwa 200 Pressevertreter und Fernsehwie Radioleute anwesend sind. Einige Tage vorher hatte mich ein Freund angerufen, und das Gespraech kam sehr bald auf Willy Brandt. “Weisst Du”, sagte der Freund, “er hat eigentlich viel verloren”. “Warum?” fragte ich zurueck. “Na ja, er ist ein Opportunist... er wollte durchaus Minis t e r werden”. Einige Tage vorher hatte die New York Times in ihrem ausgezeichneten Magazine Brandt als den Baeren und Georg Klesinger als den Fuchs vorgestellt, und so wartete ich mit einiger Spannung, ob diese Pressekonferenz eine Antwort auf die Frage geben wuerde: Wo steht Willy Brandt wirklich? Wenige haben den Vorzug, ihn so lange zu keimen wie ich, da er als ganz Junger Anfang der dreissiger Jahre nach Berlin kam, dann nach Norwegen floh. Wir trafen uns 1934 in Prag, als Adolf Hitler ueber ein Jahr an der Macht war, und zu dieser Zeit konnten eigentlich nur Illusionisten Optimisten sein. Mich beeindruckte Willy Brandt nicht nur wegen sein e r Ueberzeugungstreue, nicht nur der vielen Risiken wegen, die er auf sich nahm, um Deutschland von dem Verbrecherregime befreien zu helfen, sondern wegen seiner Gradlinigkeit und vor allem seiner Verlaesslichkeit. Viel spaeter las ich die beruehmten Worte des Paedagogen Friedrich Wilhelm Foerster: “Ein Patriot ist ein Mensch, der darum bangt, dass sein Volk den Weg des Rechts und der Wahrheit verliert”. Fuerwahr, Willy Brandt bangte, und alles was er tat, ging in die Richtung, sein Volk auf die Bahn der Wahrheit und des Rechts zurueckzubringen. Es war der Verleger Axel Springer, der am 6. Oktober 1966 bei der Einweihung der Springer-Pressehauses in Berlin Willy Brandt, und damit vielen Menschen draussen, attestierte, dass es notwendig war, ja, eine patriotische Tat, dem Hitlerregime so schnell wie moeglich ein Ende zu bereiten. Als ich Willy Brandt be: der Pressekonferenz hoerte, beeindruckt von der Kenntnis aller Probleme, ueber die ihn die neugierigen Journalisten befragten, gingen mirdiese Gedanken durch den Kopf. Eigentlich drueckte Brandt dasselbe aus, was er in seinen Buch “Mein Weg nach Berlin” am Ende in dem Satz zusammengefasst hat: “Was wir brauchen, ist die Synthese von praktischem Denken und idealistischem Streben. Sagt nicht entweder —oder, sondern sowohl— als auch, wie Strindberg empfiehlt”. Fuer ihn ist die Gros se Koallition, wie er einem Journalisten antwortete, weder eine der Versoehnung, noch ein Wettkampf des Baeren mit dem Fuchs, sondern ein Buendnis fuer einen, limitierten Zweck, den die Waehler zu akzeptieren oder zu verwerfen haben. Brandts Aufenthalt in Washington und New York hat vielen Skeptikern bewiesen, dass westdeutsche Politik aus der Stagnation in Bewegung gekommen ist. Beinahe koennte man an John F. Kennedy gedacht haben, der bei seiner Antrittsrede erklaerte, dass es darauf ankomme, das Land “wieder in Bewegung” zu setzen. Brandt war bezueglich der Aussichten einer weiteren Detente mit dem Ostblock vorsichtig; aber seine klare Stellungnahme zur Verwendung der Atomkraft fuer nur friedliche Zwecke beeindruckte das Pressecorps und die amerikanische Oeffentlichkeit. Waehrend seines New Yorker Aufenthaltes hat Willy Brandt eine der fuehrenden juedischen Persoenlichkeiten, Rabbiner Dr. Joachim Prinz, gesprochen. Seine Stellungnahme zu dem noch immer heiss diskutierten deutschjuedischen Problem hat Willy Brandt am 19. Maerz 1961 vor dem Herzl-Institut in New York gegeben, als er erklaerte, “dass die furchtbaren Verbrechen, die im Namen des deutschen Volkes an Millionen juedischen Menschen begangen wurden... durch keinen guten Willen, keine Wiedergutmachung, keine Rueckerstattung auszuloeschen (sind). Sie werden diese Welt, in der wir leben, belasten, solange sie besteht, und nur ausgeloescht werden koennen von dem, der uns alle geschaffen hat”, Am Ende dieser bedeutungsvollen Rede appellierte er an seine Zuhoerer, “mein Land nach der Realitaet von heute zu beurteilen”. Ich glaube, dass diese Mahnung auch heute noch Berechtigung hat, gleichgueltig wie man das Wiederaufleben einer rechtseixtremen Partei beurteilt. Ende Juni 195.2, nach Beendigung meiner ersten Mission in der Bundesrepublik, schrieb ich meinem Bericht fuer Dr. Nahum Goldmann: “Solange die gemaessigten Parteien in Deutschland die Macht haben, befuerworte ich, den guten Willen verstehender deutscher Menschen zu pflegen. Dadurch helfen wir nicht nur uns, sondern wir helfen den demokratischen Kraeften in Deutschland. Diese Gruppen haben die Verbrechen gegen die Juden verurteilt, aber sie fuehlen sich im Stich gelassen, weil sie juedischerseits keine positive Stimme hoeren”. Das hat sich wesentlich geaendert, aber ich glaube — und der Besuch von Willy Brandt hat mich davon erneut ueberzeugt, dass wir der Grossen Koalition die Chance geben, sollen, da, wie Willy Brandt erklaerte, “die Demokraten in unserem Lande genuegende Staerke besitzen, dieses Problem selbst zu loesen”. Das soll nicht heissen, dass wir hier draussen an dem Ablauf der Geschehnisse drinnen desinteresiert sein sollen, aber die Auseinandersetzung mit den nicht demokratischen Kraeften muss den Demokraten in Deutschland ueberlassen werden. Das Problem des wachsenden Rechtsextremismus mag ernster und dringender sein, als es ein deutsche Politiker im Ausland zugeben wird. Die schamlose Pressehetze, insbesondere einer Muenchener Wochenzeitung, deren Hauptziele zur Zeit Willy Brandt und Herbert Wehner sind, erinnert uns an die Weimarer Republik, d i e, wenn auch nicht ausschliesslich, so doch vornehmlich durch Selbstmord und mangelnde Zivilcourage endete. Die Schlagzeilen ueber den “Israels Archive, so gross sie uns erscheinen, sind im Grunde klein und eigentlich ein einziges Archiv mit selbständigen Abteilungen”, sagte mir Dr. Alex Bein, Direktor des Zionistischen Zentralarchivs, als er mir die Bauplaene des kuenftigen Archivzentrums zeigte. Der neue Komplex, der gegenueber der Knesseth entstehen soll, wird die Koordination zwischen den einzelnen Archiven, die bisher durch einen Staatsausschuss g elenkt wurde, radikal durchfuehren. Das neue Nationalarchiv - es hat noch keinen Namen - wird aus vier Gebaeuden bestehen - je eines fuer das Staatsarchiv, das Zionistische Archiv und das Archiv der Historischen Gesellschaft, wobei noch Raum dem Archiv des Juedischen Weltkongress zugeteilt wird - und alle drei Gebaeude werden mit einem vierten verbunden sein, dem gemeinsamen Lesesaal. Der Besucher, so betonte Dr. Bein, der Unterlagen fuer eine wissenschaftliche Arbeit sammelt, weiss ja nicht immer, in welchem der drei Archive er das gewuenschte Material findet. Diese Loesung eines gemeinsamen Lese- und Arbeitssaales ist nicht nur zweckmaessig, sondern auch sparsam - sowohl was die Baukosten wie was die Wartung anbelangt. Ein Wettbewerb unter sechs bekannten Architekten wurde von D. A. Brutzkus gewonnen; er sieht das Archivzentrum als einen funktioneilen Bau, der sich harmonisch in die Umgebung einfuegt. Eine der Bedingungen war, dass der Bau nicht hoeher sein darf als die benachbarte Knesseth. Im Laufe der naechsten zwei Monate sollen die Bau- Aussenminister Willy Brandt, “der Mann, der deutsche Interessen verraet” oder “der norwegischste Norweger” entsprechen durchaus dem Tonfall der Hetze in den Weimarer Jahren gegen Rathenau und spaeter Gustav Stresemann, und die Menschen, die um diese Dinge hier wissen und aufrichtig besorgt sind, fragen: Was geschieht, um dieser gefaehrlichen Hetze nun endlich ein Ende zu machen? Pressefreiheit ist nicht identisch mit Hetz — und Luegenfreiheit! Dieses Blatt aber teilt in seiner Ausgabe vom 27. Januar triumphierend mit, dass es in den letzten Wochen seine Auflage um je 8.000 Exemplare vermehrt hat. Es war der vor fuenf Jahren verstorbene Freund Willy Brandts, Senator Joachim Lipschitz, der immer wieder haemmerte: “Wehret den Anfaengen”. ich hatte nicht den Eindruck, dass Willy Brandt sich um . diese Dinge besonders sorgt, obwohl sie selbst dem hartgesottensten Politiker nicht gleichgueltig sein koennen. Es ist daher Pflicht seiner Freunde, aus der Vergangenheit lernend diese Bearbeiten beginnen, die ca. zwei Jahre beanspruchen werden. Allerdings duerfte dann erst das erste Stadium des Projektes fertig sein, das den Beduerfnissen fuer die naechsten zehn Jahre entsprechen wird, im zweiten Stadium soll der Rest, je nach Notwendikeit, ausgebaut werden. 49 Prozent der Flaeche werden dem Staatsarchiv zugeteilt, 33 Prozent dem Zionistischen Zentralarchiv und 18 Prozen dem Archiv der Histori sehen Gesellschaft. Der Gebaeudekomplex wird sich ueber 12.000 Quadratmeter erstrecken, mit zwei Stockwerken unter der Erde - ein idealer Aufbewahrungsort fuer die Magazine. Ein Steinbruch, der sich einst an der Baustelle befand, wird die Ausgrabungs arbeiten sehr erleichtern. ln die Finanzierung teilen sich der Staat, die Zionistls c h e Exekutive und d1 e Historische Gesellschaft, die ihrerseits vom Kultusministerium subventioniert wird Das Staatsarchiv wird alle anderen Gebaeude ueber ragen — es wird zwei Stockwerke ueber Grund haben, die anderen nur je eines. Alle Magazine werden mit dem raumsparenden Kompactus-System ausgestattet werden, verschiebbaren Regalen, die 50% weniger Platz beanspruchen und nach einem Schweizer Patent in einem Kibbuz bei Chedera hergestellt werden. Wettbewerb fuer eine Juedische Nationalhyme - aus dem Jahre 1898. Gerade in diesen Tagen ist das Zionistische Zentralarchiv um ein historisches Kuriosum bereichert worden - den Ergebnissen eines Wettbewerbs fuer eine juedische Nationalhymne, der 1897s o r g n i s auszusprechen. Brandts Besuch in USA war, wie das inzwischen auch ein grosser Teil der deutschen Presse festgestellt hat, fuer die Bundesrepublik ein Gewinn und Erstarken der Hoffnung, dass die Bundesrepublik bei aller selbstverstaendlichen Beachtung ihrer Interessen zu einer Entspannung beitragen wird, die George Kennan, wahscheinlich die groesste lebende Autoritaet in Fragen der mysterioesen oestlichen Weit fuer notwendig erklaert hat — eine Notwendigkeit, die durch die einzigartige Chance des zerschlagenen monolithischen kommunistischen Systems der westlichen Welt gegeben ist, einen lange daue r n d e n Friedenszustand herbeizufuehren. Fuer mich aber war Willy Brandts Besuch die Bestaetigung dafuer, dass er, wie jeder vernuenftige Politiker, Kompromisse zu schliessen bereit ist, solange die Prinzipien nicht aufgegeben werden muessen. Dass das nicht geschieht, dafuer garantiert der gradlinige Lebensweg Willy Brandts vom jungen sturmbewegten Sozialisten... zum Staatsmann. 1898 von Theodor Herzl und Max Nordau veranstaltet wurde. Das Material stammt aus dem Besitz des unlaengst im 91. Lebensjahr verstorbenen Erwin Rosenberg, einem der ersten Sekretaere Herzls, der einmal im Redaktionsstab der zionistischen Wochenzeitschrift “Die Welt” taetig war. Ende April 1897 wurde in der Berliner Monatsschrift “Zion” - und kurz darauf in der “Welt” - ein Wettbewerb fuer den besten Text einer juedischen Nationalhymne ausgeschrieben, mit 500 Franken (ca. 100 Golddollar) als erstem Preis. “Hatikwa” war zwar damals schon be^ kannt, aber sie wurde erstmalig auf dem 6. Zionistischen Kongress im Jahre 1903 gesungen, dem sog. Uganda-Kongress, und selbst dann wurde diese Tatsache aus dem Protokoll gestrichen. Erst 1933, auf dem 18. Kongress, wurde “Hatikwa” offiziell als die zionistische Hymne anerkannt. Die zum Wettbewerb eingesandten Gedichte, die jetzt dem Archivbesucher zugaenglich gemacht wurden, zeigen viel guten Willen, aber eine Naivitaet, die nur im Zusammenhang mit der damals vorherrse h e n d e n literarischen Mode zu verstehen ist und eine meistens dilletantische Imitierung deutscher patriotischer Gesaenge darstellt. Auch die auf Englisch, Franzoesisch, Russisch und Italienisch einge sandten Texte waren nicht besser. Wer muss nicht an das bekannte Vorbild von Ernst Moritz Arndt denken, wenn er liest: “Was ist der Juden Vaterland? ist’s an der blauen Donau Strand, Ist’s etwa der Germanen Land ...Ist’s Polenland, ist’s Russland... Dort wo einst der Tempel stand, an des heiligen Jordans Strand”. (Fortsetzung Seite 17) NEUES NATIONALARCHIV Von Herbert Freeden — Jerusalem