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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1966-08-01 · 8 (Agosto, 1966) · p. Seite 5

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVIII (1966)
Issue
8 (Agosto, 1966)
Date
1966-08-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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AGOSTO 1966 BOLETIN INFORMATIVO 5 TREBLINKA UND CHICAGO Ein Name beschwoert die Erinnerung an eines der grausigen Todeslager herauf und damit an die Epoche des Untergangs und der Unmenschlichkeit. Der andere an eines der dynamischsten Industriezentren der Vereinigten Staaten und damit an menschliches Streben, Arbeit, Fortschritt. Was haben sie gemeinsam? Nichts, wenn man im sinnlosen Massenmord einerseits und im pulsierenden Treiben einer Weltstadt andererseits nur zwei Pole des menschlichen Lebens sieht. Vieles, fuer wen Geburt und Tod, Wachstum und Verfall, sowohl auf der Ebene der Natur wie der Historie nur Ausdrucksformen einer hoeheren , Gesetzmaessigkeit sind; doch ist ein solcher Ausflug in die Metaphysik fuer uns die wir das Leiden der Opfer von Treblinka, Sobibor, iVon Auschwitz noch heute miterleiden, am Beispiel ihres •—unseres — Schicksals gewiss nicht statthaft. Eine Episode ¿jedoch von gestern, von vorgestern; neun ahnungslose, unbewaffnete Menschen sahen sich in einer schwuelen Sommernacht ploetzlich einem bewaffneten Angreifer gegenüber. Zwei Stunden spaeter waren acht tot. Eine hatte sich versteckt und gerettet. Aber eine gemeinsame Verteidigung hatten s i e nicht versucht. VON ARENDT ZU STEINER Hannah Arendt hatte im Jahr 1963 die Debatte ueber die Frage, warum ein solcher Widerstand nicht oder nur sporadisch —so in den Ghetti von Warschau und Bialystok— zustande kam, durch ihr Buch i‘Eichmann in Jerusalem” wiederbelebt. In ihren stark angefochtenen Thesen ging sie, wie erinnerlich, sogar viel weiter, indem sie /die verantwortlichen juedischen Leiter einer wahren passiven Mitschuld bezichtigte. Die Wogen der Entruestung ueber i ihre ebenso arrogant vorgetragene wie einseitig belegte Anklage hatten sich kaum geglaettet, da erschien zu Beginn dieses Jahres , das Buch “Treblinka”. Sein Autor ist ein 28—jaehriger Franzose namens Jean-Francois Steiner, Sohn eines polnischen Juden und einer franzoesischen ¡Katholikin, der nach der Verschleppung und Ermordung seines Vaters durch die Nazis juedisch erzogen wurde. Der junge Steiner hat einige 40 Ueberlebende des Todeslagers interviewt und mit dem dabei erlangten Material einen von den heutzutage so im Schwung befindlichen “Tatsachen —- Romanen” —Tatsachen zum Roman degradiert, ohne einen tatsaechlichen Roman zu schaffen— fabriziert. Er steht nicht an, zu gestehen, sich zu dieser Flucht in die Oeffentlichkeit durch ,“die Scham getrieben gefuehlt zu haben, der Sohn eines Vaters zu sein, der sich ohne Widerstand morden liess”. Wenngleich ohne Ruecksicht auf die Disziplin eines Soziologen, der Hannah Arendt aus beruflichen Gruenden verpflichtet ist, kommt auch dieser Autor zu aehnlich extremen Schluessen in Bezug auf die angebliche oder wirkliche Komplizitaet der Judenraete, Es gibt also ganz offensichtliche Parallelen } zwischen den beiden Buechern, so wie sie, ¡ihren ernstesten Kritikern zufolge, angeblich auch in den Tiefen der Psyche ihrer Autoren existieren, denen die gleiche neurotische Reaktion auf ein Schicksal gemeinsam ist, von dem sie sich distanzieren wollen. Doch sind es nicht sie, die uns im Moment , interessieren und noch nicht einmal die ¡extreme Formulierung der juedischen Komplizitaet am Untergang, zu der sie sich verstiegen haben, sondern der einfachere und wirklich unausweichl i c h e Ausgangspunkt ihrer Ueberlegungen; Warum hat man sich nicht verteidigt? Schliesslich ist es diese Frage, die auch die israelische Jugend, aufgewachsen im mystischen* Glauben an die eigene Kraft, zutiefst beunruhigt hat und weiter beunruhigt. Und es ist kein. Geheimnis, dass die Energie, die Ben Gurion der Dingfest machung Eichmarins zuerst und dem Prozess danach zuwandte, in erster Linie der Aufgabe galt, diese Jugend mit den Tatsachen jener Zeit zu konfrontieren. Es ist nicht zuletzt der andersartige Zugang zu dieser Geschichte unserer unmittelbaren Vergangenheit, an dem sich eine der Klüfte zwischen Israel und der Diaspora aufzutun droht. Aber es waere ein Irrtum anzunehmen, dass nicht auch in weiten Kreisen der Diaspora diese Zweifel die gleiche und nie verebbende innere Unruhe verursachen. Sie taucht immer .Wieder auf, in Gespraechen und Schriften, Vortraegen und Zeitungen und kein Anlass liegt zu fern, um sie in einem vielleicht neuen Licht ¡erneut zu analysieren. So auch dieser, der grauenerregende von Chicago. Verbrecher als Ziel im Sinn fuehrte. Wo ein , Menschenleben oder gar acht, auf solch grausige Weise verloren gingen, ist es eine Blasphemie, von “kleinem Masstab” zu sprechen ¡und auch der von mehr als eins zu einer Million berechtigt nicht dazu. Doch so wie die sprachliche Ausdrucksmoeglichke i t da versagt hat, wo “Grauen zu Statistik ¡'wird”, so muss sie versagen bei dem Versuch, das Schicksal von 12 Millionen Opfern der nazistischen Ausrottung —mehr als die Haelfte davon Juden— in eine Beziehung zU den acht Toten von Chicago zu setzen. Moege diese Unzulaenglichkeit als Entschuldigung da dienen, wo das Gefuehl sich gegen das auflehnt, was Hannah Arendt, allerdings in anderem Sinn, die “Banalitaet des Boesen” nennt. DA WIE DORT MONATSSPIEGEL EINE NACH DER ANDEREN. .. Die 'Tatsachen sind bekannt. Der Moerder drang bei Nacht in das Haus der Krankenschwestern ein. Er weckte sie, fesselte sie, eine nach der andern. Sie glaubten, er sei nur gekommen, um zu stehlen. Eine nach der andern fuehrte er sie in andere Zimmer des Hauses, wo er sie erstach. Sie folgten einander in den Tod, wahrscheinlich ohne zu wissen, was ihren Freundinnen widerfahren war. Eine kam davon, weil sie, bereits gefesselt, unter einem Bett Versteck . gesucht hatte und durch den Umstand, dass ein anderes Maedel die Nacht im Hause des Schrekkens verbringen wollte und damit die Zahl von 8 Opfern vervollständigte, die der haette eine mutige und entschlossene Reaktion gleich zu Anfang, als das Unglueck begann hereinzubre chen, das Schlimmste verhueten koennen. Unter den vielen Erwiderungen, die i sowohl Hannah Arendt wie auch Steiner entgegengehal t e n wurden, knuepfen die meisten an spezifisch juedische oder an spezifisch deutsche Elemente an. Dass das deutsche Vertrauen in die Obrigkeit auch die deutschen Juden weitgehend beeinflusst hatte, dient zuweilen als Argument, neben der ganz entgegengesetzten Einsicht, dass die polnischen Juden jeder Regierung mit guten Gruenden seit jeher mit Misstrauen begegnen. Es gibt aber ganz einfache Ueberlegungen rein menschlicher Natur, die, oberflaechlich wie sie sind, dem Kern der Sache vielleicht naeher kommen. So waren da wie dort die Uebeltaeter bewaffnet und die Opfer nicht. Da wie dort haetten die Opfer zu Beginn der; Tragoedie ¡noch solidarisch reagieren koennen: da konnten sie aber ihr Ausmass unmoeglich vorausahnen. Ein heldenhafter Entschluss in einem solchen fruehen Stadium ¡haette einige, viele, gewiss nicht alle, Leben retten koennen: heldenhafte Entschluesse sind jedoch immer die Antwort auf Situationen, die kaum eine andere Alternative enthalten. Aber 1940 in Europa, um 12 Uhr 30 in Chicago schien es noch welche zu geben. Mehr ( als dies: wer konnte sich 1940 ernstlich vorsteilen, dass es der Plan einer Regierung sei, Millionen von Menschen kaltbluetig zu ermorden, wer um 12 Uhr 30 in 2319 East lOOth Street, dass ein Einbrecher in einer Nacht acht Menschen umbringen .wollte, ohne sichtbaren Anlass, Ziel und Sinn? Es war doch noch nie idagewesen! Als es ihnen aber daemmerte, wenn es ueberhaupt dazu kam, denn die Nazi fuehrten ihre Opfer doch nur zu den “Duschen”, das Ungeheuer von -Chicago doch nur in irgend ein anderes Zimmer, . da war es schon zu spaet. Da waren sie gefesselt, demoralisiert, ausgeliefert. Selbst die Aussenwelt kann in diese bedruekxende Parallele einbezogen werden. In unserem Fall ist es die Komplizitaet einer Mitwelt, die sich weigerte, Juden zu retten und weder unseren Berichten von den Greueltaten der Nazis noch den Bitten um Hilfe Gehoer schenkte. In Chicago kam es zwar nicht dazu, dass jemand die Schreie der Opfer vernahm, aber -man muss sich fragen: was waere geschehen, wenn es ja der Fall gewesen waere? Ist doch schon seit Jahren, besser gesagt, seit in New York ein junger Mensch bei Nacht vor den Blicken von dutzenden von Zeugen, die keinen Finger zu seiner Verteidigung ruehren wollten,. ermordet wurde, eine Debatte ueber diese Form der passiven Komplizitaet in Gang. DIE JUDEN UND DIE KRANKENSCHWESTERN Aber auch auf die Moerder und ihre dunklen Motive erstreckt sich die unheimliche Parallele. Wenige Tage nach dem schrecklichen Vorfall von Chicago wartete ein Psychologe schon mit einer Analyse auf. Der Taeter, so ungefaehr behauptete er, hasste seine Mutter, natuerlich in Form der Hass-Liebe eines nicht abgeloesten Oedipus-Komplex. Wozu so etwas noch fuehren kann, exerzierte wenige Tage spaeter der Mutter — Gatten — Massen— Moerder Whitman in Austin, Texas, vor. Um diesen Komplex abzureagieren, brauchte er als Opfer einen Mutter-Ersatz. Den fand er , —und hier wird schon ganz kaltbluetig der Terminus “logischerweise” eingeschalteteim Symbol der sorgenden, huetenden. pflegenden, troes t e n d e n Krankenschwester. Er “musste” also sozusagen Krankenschwestern lumbringen. Die Angelegenheit erinnert irgendwie an den blutigen Scherz von den Juden und den Radfahrern, die an .allem schuld sind. Hier sind es eben die Juden und die Krankenschwestern. Nur ist die Erklaerung viel komplizierter als notwendig. Der ihm von Staats wegen ,zugewiesene Rechtsanwalt wird den Angeklagten Richard Speck ganz schlicht mit dem Hinweis darauf verteidigen, dass er irre ist. Damit ist, wenn auch oberflaechlich, so doch treffend, all das gesagt, was der Psychologe so brillant beschrieben hat und was vielleicht einer seiner Kollegen ebenso brillant mit entgegengesetzten Argumenten erklaeren wird. Aber irre ist der Taeter —sonst haette er das ja schliesslich nicht anri-chten koennen, ¡das ist klar— und dass sein Irrsinn ihn vor dem elektrischen Stuhl bewahren wird, . ist noch nicht einmal ganz ausgeschlossen. Und irre war der Moerder von Braunau; auch das haben sie gemeinsam, bis zu der ebenso modernen wie im Gesamtzusammenhang irrelevan t e n Theorie, dass bei ihm alles begann, als er als Knabe zufaellig sah, wie ein juedischer Arzt seine Mutter an der Brust untersuchte und er den Komplex von der Aggression gegen die Mutter konzipierte und so weiter. VON DER NAIVITAET DES GUTEN Ein Teil der Untersuchungen —und Phantasien— der Arendt und Steiner fundieren auf der Ueberlegung, dass die europaeischen Juden so sehr kontemplativ und so wenig aktiv reagierten, weil dies dem juedischen Wesen entspricht. Steiner geht in dieser von juedischem Selbsthass diktierten Idee so weil dass ein nichtjuedischer (! j Kritiker ihm vorwirft, er sei ein Rassist. Und zum Schluss stellt! er, in Uebereinstimmung , mit praktisch allen anderen Autoren, fest, dass schliesslich die fast sechs Millionen nichtjuedisc her Opfer der Todeslager —Russen, Polen, Tschechen, Zigeuner, Deutsche— sich nicht anders verhielten als die Juden... mit dem gleichen Ergebnis. Mehr als im juedischen, scheint also etwas im menschlichen Charakter zu liegen, was das Unvorstellbare als unvorstellbar und das Unglaubliche als unglaublich voraussetzt. In Treblinka war eine juedische Mehrheit, aber viele Voelker und Rassen waren vertreten. In Chicago verblutete neben einer Davy und Farris, wie um diese amerikanische Trago e d i e ueber die Grenzen des Landes hinaus ins allgemein Menschliche zu projizieren, eine Pasion, eine Schmale, eine Matusek... Hannah Arendt ist in inrem “Eichmann” zu der mitleidslosen Ueberzeugung von der “Banalitaet des Boesen” gelangt. Das Unglueck von Chicago hat die Kehrseite solcher Geschehnisse noch einmal blitzlichtartig aufgehellt. Sie hat recht, Steiner hat recht: nicht nur der .Moerder, auch der Ermordete hat Schuld. Aber in einem anderen Sinn, als sie es meinen. Um ihn zu verstehen, sollte man den Begriff von der “Naivitaet des Guten” praegen. ATSCHEKA

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