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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1966-06-01 · 6 (Junio, 1966) · p. Seite 31

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVIII (1966)
Issue
6 (Junio, 1966)
Date
1966-06-01
Page
Seite 31 (sequence 31)
Language
German
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JUNIO 1966 BOLETIN INFORMATIVO 31 ZWISCHEN ZWEI UND DREI HEROISCHES JUDENTUM Als ich 8 Jahre alt war, wollte ich mein erstes Buch schreiben. Es sollte den etwas wirren Titel: “Spielsachen, Spielsachen, aber nur die geliebte Puppe’’ fuehren. Diese Puppe war alt, haesslich, zerrauft, , fast kahlkoepiig von zuviel liebevollem Kaemmen, es fehlte ihr ein starres Auge, aber ich liebte sie heiss und innig, mehr als andere, wechselnde Spielzeuge das Besucher, Geburtstage oder Belohnungen mir servierten. Das “Buch“ kam nie ueber die dritte verschmierte Seite hinweg und ausser ueberfliessender Zuneigung wusste der schmale Wortschatz nichts auszudruecken. Mit 9 Jahren begann .mein Sohn seinen ersten Block aus leeren Schulheftseiten, bemalte eindrucksvoll das Titelblatt und nannte sein “Werk”: “Mond in Wolken“. Das Mond-Fragment, das sich nie zum Vollmond rundete, ist reizender Ausdruck einer romantischen kleinen Seele, mit Naturliebe und Sehnsucht, Niederschlag einer sorglosen Zeitspanne; es gehoert zu meinen lieben und gehueteten Andenken. —Mein aeltester Enkelsohn fuehlt mit seinen 8 Jahren den schon traditionellen Trieb des Ausdruckes im Wort. Mit tiefem Ernst, wie ihn nur Kinder fuer etwas aufbringen koennen, beginnt er sein Erstlingswerk. Er nennt es: “Freunde und Feinde“. Wie .weit es gedeiht, Ist abzuwarten. Vermutlicn geht es den gleich kurzen Weg, wie seine Vorfahren. Drei Generationen, drei Gedanken, drei Zeitausdruek ke. Das Kind der ersten Dekade dieses wirren Jahrhunderts lebt in seiner eigenen, kleinen, privaten Welt, sieht sich und seine winzigen Belange als Mittelpunkt, als mitteilungswuerdig. (Es verteidigt spontan und ruehrend das verlachte, haessliche Puppenmonstrum in seiner stammelnden Kindersprache, in uebergrosser Liebe. “Und niemand .darf was dagegen sagen. Sie ist doch schoen, auch wenn sie haesslich ist” schreibt es in unortographischer, gluehender Ueberzeugung. Glueckliches kleines Wesen, das offen einzutreten vermag, fuer das, was es fuehlt und zu sehen imstande ist. Es spuert die Schoenheit hinter der haesslichen Fassade, streut Blumen der Guete, wo kalte Vernunft nur Aeusserliches erkennt und rettet sich einen Winkel des Gluecks durch sein warmes Herzchen. Der Neunjaehrige traegt seinen Ausdruckswunsch aus dem engen Kinderzimmer in die Natur, die er ehrfuerchtig staunend erlebt und beobachtet. Der eigenartige, unverstaendli che Groessenwechsel den Mondes beschaeftigt ihn zutiefst. Fuer ihn ist es kein faktisches Phaenomen, es ist ein immer wiederkehrendes, frommes Wunder, ein persoenliches Erlebnis, das die unheimliche Weite des Himmels ihm beschert. Er ist fuer diese Gnade dankbar und kaempft mit der titanischen Aufgabe, dies in Worten auszudruecken. “Er waechst von ganz alleine, immer ein bisschen mehr, ohne dass man was dazu tut. Auf einmal ist er ganz gross und rund und er strahlt. Und dann kommen Wolken und decken ihn zu. Es ist ja Nacht und er will schlafen gehen. Und wenn er dann am naechsten Abend wiederkommt, fehlt ihm ein Eckchen, und er wird immer kleiner und mueder, bis er ganz weg ist. Aber er ist noch da und er kommt ganz bestimmt wieder” Ein hoffender kleiner Mensch, der in seinem glaeubigen Gemuet weiss, dass das Schoene, das Wunderbare nicht absolut sichtbar sein muss, dass es existiert, auch wenn es dem Auge zeitweilig entschwindet, dass das Herz es erkennen kann, solange es vertrauensvoll darauf wartet. Ein persoenliches Geschenk, dass die guetige Natur ihm bietet und dass er dankbar anerkennt. Das Thema, das der achtjaehrige, kleine Mann von heute erwaehlt, ist bis zu einem gewissen Grad erschuetternd. Er sieht nur schwarz oder weiss, nur krasse Gegensaetze, nur Freund oder Feind. Ein Zeitzeichen, ein Warnungszeichen. Wer mein Freund nicht ist, muss folglich mein Feind sein, ein Zwischending gibt es nicht. Die gute Seite dabei ist natuerlich die dadurch bedingte Wachheit der eventuellen Verteidigung, die Bereitschaft gegen den (effektiven oder geistigen) Angriff, die Schaerfung der Standpunkt- Vertretung und ¡auch die Ausschaltung des Enttaeuschungs Momentes. Ein Feind kann nie enttaeuschen, er kann hoechstens ueberraschen und das ruft Kraefte wach und auf den Plan. Noch ist die Voraussetzung zur Freundschaft . bedingungslos absolut, so absolut und ausschliesslich, wie nur ein Kind denken und fuehlen kann. Die geringste Abweichung, die kleinsten Konzession verwandelt den Freund in verach teten Feind mit aller kindlichen Konsequenz. Die Zeit lehrt die Kleinsten schon so zu denken. Die Welt ist innerhalb ihres schmalen Horizontes immer fuer oder gegen Etwas, fuer oder gegen sie, ihr Land, ihre Religion, ihre Hautfarbe. Sie sehen und hoeren durch Zeitungen, Radio und Television nur zwei determiniert geschiedene Gruppen, Ansichten und Auseinandersetzungen. Weiss gegen schwarz, ja gegen nein, hoch gegen niedrig, arm gegen reich. Abstimmungen, Ultimaten, Stellungsnahme pro oder contra, sind ihnen gelaeufige Begrif fe, taeglich servierte Kost. Ein dicker Strich laeuft durch ihr enges Verstaend- Neben Rabb. Dr. Leo Baeck hatte Dr. Otto Hirsch, einstiger hoher wuertembergischer Staatsb e a m t e r, in der schlimmsten Zeit der deutschen Judenheit an der Spitze gestanden, ein leuchtendes und fast einmaliges Vorbild an Pflichterfuellung und Aufopferung. Am 19. Juni 1941, vor nunmehr einem Vierteljahrhundert, ist dieser edle Mann, wie ihn der verewigte deutsche Bundespraesident Prof. Heuss nannte, von der entmenschten Nazityrannei im Konzentrationslager Mauthausen hingemordet worden. Auch seine Gattin wurde spaeter ein Opfer des Vernichtungiswillens unserer Feinde, waehrend die drei Kinder hach Amerika gerettet werden konnten. In Stuttgart war Hirsch am 9. Januar 1885 zur Welt gekommen, in einem kultivierten Hause juedischen Denkens und bester demokratischer Traditionen. Er studierte die Rechtswissenschaften und liess sich fuer kurze Zeit als Anwalt nieder; doch bald ging er in den wuertembergischen Staatsdienst ueber: 1921 ist der 36jaehrige bereits Ministerialrat im Innenministerium zu Stuttgart. Vielseitig, wie seine berufliche, amtliche, Taetigkeit nun wurde, war fortan auch seine juedische Betaetigung im Gemeindeleben und fuer den Landesvernisvermoegen, der scharf in “hueben oder drueben“ einteilt, sie lernen in Titelbegriffen denken, die keine goldenen Mittelwege kennen. Noch wissen sie nichts von der Ueberzeugungsmoeglichkeit durch Argumente, fuer sie ist ein Wort, eine Meinung, bare Muenze, determinierter Standpunkt. Alles, was davon abweicht, was sich aendert, wird zum “Gegenteil” gestempelt. Freund oder Feind, welche Zwischenstufe sollte es sonst geben? Da ihre Verletzlichkeit ueberdimensional ist, wirkt sie sich auch uebersteigert aus. Was die Harmonie ihres kleinen Daseins stoert, ist feindliches Element und wird so katalogisiert. Eigentlich ist das eine ganz natuerliche Reaktion. Die Natur beweist es uns taeglich. Es gibt in ihr wirklicn nur Freund oder Feind. Laxe Gleichgueltigkeit lernt Tier und Pflanze erst durch die Domestizierung, die notwendige Anpassung an unnatürliche Umgebung. Den Menschen lehrt es das Leben, die hunderttausend Konzessionen, die es von ihm verlangt, Die starre Geradheit des reinen Kindes wird biegsam, nachgiebig und tolerant durch Vernunft, Enttaeuschung und Erfahrung, die das Leben fuer jeden Einzelnen bereit haelt. Dem Erwachsenen ist es nicht immer so leicht gemacht, wahren Freund oder Feind zu etikettieren oder gar zu erkennen, wie dem naiven, reinen, unkomplizierten und urspruenglichen Kind. Mancher Freund scheint Feind und mancner Feind huellt sich in den taeuschenden Schleier der Freundschaft. K.g. band. Im Jahre 1929 schloss sich Otto Hirsch als Nichtzionist der erweiterten “Jewish Agency” an und arbeitete fuer die Beteiligung der deutschen Juden am Palaestina-Aufbau. Ein Jahr spaeter war er Praesident des Israelitischen Oberrats, der hoechsten Instanz der juedischen Gemeinden Wuertembergs. Es waren schicksalsschwere Tage, in denen Otto Hirsch berufen wurde, an der Seite von Leo Baeck als “Geschaeftsfuehrender Vorsitzender der Reichsvertretung der deutschen Juden”, den Naziverbrechern gegenueberzutreten, deren Befehle entg/eg'enz'unehmen und einen, auf die Dauer aussichtslosen Kampf um das juedische Lebensrecht zu fuehren. Von Anfang an stellte er sich auf eine lange Zeit schwerer Leiden ein. Nur allzubald sollte er erkennen, wie wenig vorbereitet die deutsche Judenheit im Grunde der neuen Situation gegenueberstand, wie hoffnungslos das Ringen um Aufrechterhaltung der wenigen noch verbliebenen VON CURT WILK Positionen sein musste, Inmitten der rastlosen Taetigkeit im Dienste seiner juedischen Brueder und Schwestern in Deutschland reiste er oftmals ins Ausland, zu den juedischen Hilfsorganisationen, zu den leitenden Persoenlichk e i ten der Weltjudenheit, um deren Rat und Unterstuetzung einzuholen; seine ruhige Sachlichkeit trotz innerer Erregung, sein kluger Blick fuer die Realitaeten, machten ueberall tiefsten Eindruck, wohin er kam,, um die Lage seiner notleidenden juedischen Schicksalsgenossen darzustellen. Solange noch irgendeine Aussicht bestand, juedische Existenzen in Deutschland vor dem Untergang zu bewahren, organisierte dieser rastlose Mann Wirtschaftshilfen und Darlehenskassen, Moeglichkeiten fuer Berufsumschichtung und dergleichen mehr. Jeden Gedanken an die eigene Rettung zurueckweisend, hat Otto Hirsch sein Leben fuer die juedische Sache geopfert; als ein Maertyrer geht er in die Geschichte ein. Oie T „ '' von Xanten Seit dem 11. Jahrhundert lebten Juden in der rheinischen Stadt Xanten, die, in Verbindung mit dem ersten Kreuzzuge des Jahres 1096, ein furchtbares Schicksal erleiden sollten. Am. 27. Juni jenes Jahres, in welchem die Juden von Worms, Speyer und anderen Staedten so Unsaegliches erdulden mussten, starb die Judenheit von Xanten den Maertyrertod fuer ihr Volk und ihren Glauben. Die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts brachten i n f olge des verderblichen Wir kens Liebermann von Sonnenbergs, der Ahlwardt, Boeckel und Stoecker ein a b e r m a liges Aufflammen wuesten Radau-Antisemitismus. Das Jahr 1893 sah 16 antisemitische Abgeordnete im Reichstag, die nicht aus eigener Kraft hineingekommen waren, sondern, weil andere Parteien sie bei Stichwahlen unterstuetzten. In dieser Epoche erfuhr die judenfeindliche Agitation durch eine neue Ritualmordbeschuldigung seine Verschaerfung. Am. 29. Juni 1891, also vor nunmehr 75 Jahren, wurde in Xanten ein fuenfjaehriger Junge tot aufgefunden mit durchschnittener Kehle. Sofort entstand die Behauptung, dass es sich hier um einen Schaechtschnitt han dein muesse, und ein Schlaechtermeister Adolf Buschhoff wurde verdaechtigt, beschuldigt. Er wurde mit seiner Familie in Haft genommen, aber bald wieder freigelassen, da nicht das geringste Verschulden nachgewiesen werden konnte. Doch der rasende Hofprediger Stoecker und sein Anhang verbreiteten ge~ g‘en die Gerichts —■ und Verwaltungsbehoerden die Anschuldigung, dass sie unter juedischem Einfluss stuenden und deshalb nicht unparteiisch sein koennten. Doch die Regierung verteidigte entschieden ihre Beamten, was nicht verhinderte, dass die antisemitischen Hetzer angeblich neues Belastungsmaterial sammelten. Es folgten abermalige Verhaftung und Prozessierung des angeklagten Juden. In diesem Verfahren, das ungeheures Aufsehen erregte, ist dann die voellige Unschuld des Angeklagten an dem Verbrechen nachgewiesen worden; er wurde von den Gteschworenen einstimmig freigesprochen. Dennoch sahen sich viele Juden am Niederrhein in ihrer Existenz bedroht und ein Teil verlies diese Gegend. Schliesslich griff der Weihbischof von Koeln ein,, mahnte zur Toleranz und Menschlichkeit und forderte dazu offen, gegen die Ritualmordluegen energisch Front zu machen. Als Protest gegen die staendige Wuehlarbeit der Judengegner hatten bereits im Januur 1891 ueber fuenfhundert Persoenlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft, Handel und Industrie zur Bildung eines “Vereins zur Abwehr des Antisemitismus” aufgeru f e n, dem in der Folgezeit auch Parlamentarier bis hinein ins konservative Lager sich anschlossen. Dieser Verband, der nie stark hervortrat, hat dann in spaeteren Jahren gute Klein— und Aufklaerungsarbeit geleistet. Keine Frage, dass hier eine echte Aeusserung ethischen Gewissens vorlag, und diese, in der Mehrheit christlichen Mitglieder, ihrer aufrichtigen religioesen Gesinnung Ausdruck geben wollten. So hat die Tiragoedie von Xianten, die sehr leicht einen schlimmeren Verlauf haette nehmen koennen, zuletzt doch einen guenstigen Ausklang gefunden. Curt Wilk

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