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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1966-06-01 · 6 (Junio, 1966) · p. Seite 29

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVIII (1966)
Issue
6 (Junio, 1966)
Date
1966-06-01
Page
Seite 29 (sequence 29)
Language
German
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JUNIO 1966 BOLETIN INFORMATIVO 29 DR. ABNER NECHUSCHTAN, (TEL-AVIV) DER FUENFHUNDERTTAUSENDSTE Da stand er nun, der Jemenite Amram Schalem, der schlichte Bauarbeiter aus dem Vorort einer d r Doerfer der Scharon-Ebene, im Vorsaal des Jerusalemer Israel-iWiscum, einem so prachtvollen Raum, dass er ihm auch so schon den Atem verschlug, und wusste nicht, wie ihm war. Ebenso rat os verharrten in seinem Ruekken, in dem gebuehrenden Abstand, den sie dem Haupt und Emaehrer der Familie schulden, und zitternd vor verhaltener- Erregung sein Eheweib, Sachara, und Chawiwa, seine wuerdige Mutter. Denn eben, da er den Rundgang mit den Seinen antreten wollte, hatte ihm jemand Halt geboten, nach seinen Worten kein geringerer als einer d^r gro““maeehtigen Sekretaere des Museums, und ihm nicht mehr und nicht weniger als dies eroeffnet: der fuenfhundertlausendste Besucher sei er, ein Glas Cognac habe er unverzueglich mit ihm zu trinken, Prosit, “Lechajim” auf hebraeisch, er, Amram mit einem so einschuechternd vornehmen Herrn und — hier sei eine Karte, die ihn von nun an auf Lebenszeit zum kostenfreien Besuch all dieser Herrlichkeiten berechtige! Sie sei nur noch aus ufuellen-, also, ¿Name, Name des Vaters... oh, er weile nicht mehr unter den Lebenden, nun, seih Andenken sei gesegnet. Wo er wohne, und wie alt er sei. Wie alt? Es blieb unserem Amram nichts uebrig, als seine Identitaetskarte muehs a m aus der Innentasche des schabbatlichen Jak etts zu klauben, das er zur Reise nach Jerusalem selbstredend angetan hatte, um nachzuselren, wie viele Jahre ihm Gott, gelobt sei ER, schon gewaehrt hatte. Denn in seiner Verwirrung hatte er’s (schlechthin vergessen. Hm, dreiunddreissig Jahre, notierte der Herr Sekretaer, und das — er wies auf Saehara und ¡Chawiwa Schalem hin — seien wohl seine beiden Frauen? Wieviele Kinder sie ihm geboren haetten? Nein, aber nein, berichtigte der Jemenite den Frager, verheiratet sei er mit dieser hier, zweiunddreissig Lebensjahre waren ihr bisher geschenkt, und obwohl es unter seinesgleichen Brauch und Sitte sei, werde er keine Zweite ihr an die Seite stellen, die ihm neun Kinder geboren habe... “kejn jirbu”, fuegte er wortgetreu nach der Heiligen Schrift hinzu, “moege ihre Zahi sich noch vermehren...”. Wer mithin die andere sei, wollte der Sekretaer wissen. "Sie ist meine wuerdige Mutter, Chawiwa, viele, lange Tage moege ER sie uns noch erhalten) ”. Und der Jemenite wandte sich zu der vierundfuenfzigjaehrigen Frau, die ihren linken Arm um die Schwiegertochter gelegt hatte, wie um sie vor all dem unheimlich Fremden ringsherum zu schuetzen, und kuesste ihre rechte Hand mit d'r bei orientalischen Juden besonders ausgepraegten verehrungsvollen kindlichen Zuneigung. Er haette hinzufuegen koennen, dass er vor allem ihretwegen diese .Wallfahrt zur “T” TTakodeseh” der “Heiligen Stadt” unternommen hatte. II. Einige wenige Jahre, nachdem die Witwe Chawi a 1949 mit Amram, ihrem halbwuechsigen Jungen (und wer weiss wie vielen Landsleuten noch) “auf den Schwingen des Adlers”, will s^gen in einem 'furchteinfloessenden Ungietup™ ™,vm Wugzeug aus der englischen Kolonie Aden ins Gelobte Land eingewandert war, hatte er selber, der Sohn, sich schon einmal in Jerusalem aufgehalten. Fuer ein naar Stunden nur, um die Zusagen, lies Anleihen, von allerlei Behoerden fuer sein Haeuschen dort in der Ebene des Scharon zu erhalten, da er die Erwaehlte seines Herzens gefunden hatte und ehelichen wollte, Sacnara, jemenitischer1 Herkunft natuerlich auch sie. Es war ein so wirres Gelaufe treppauf, treppab, von Amt zu Amt gewesen ,dass er beschaemenderweise damals nicht dazu gekommen war, am mms ISRAEL-MUSEUM Eingang zum “Schrein des Buches” Grab Davids zu beten und vom Zionsberg aus selinsuechtige Blicke auf die Klagemauer zu werfen, zu der der arabische Feind den Zutritt verriegelt hat. Ja, Erz— und Erbfeinde sind die vom Stamm Ismaels; Amram Schalom hatte es noch ais Kind, in seinem heimat'icheo Dorf nahe der jemenitischen Hauptstadt San’a, erfahien, als eine Schar von Raeubern die Familie ueberfallen, seine Geschwister und den Vater, der die Ehre von Weib und Toechtern verteidigen wollte, ermordet und der Mutter ihre kostbarste Ha>’“ geraubt hatten, das mit feinsten Ketten aus Gold und Silber, mit Perlen und Spitzen geschmueck t e Brautkleid aus Brokat. Da war des Bleibens der Frau im Jemen nicht laenger gewesen. Einer Karawane, die nach Aden ging, hatte sie sich in raschem Entschluss auf Anraten von “S°ndboten Ben Gurions” ang°schlossen. So waren sie, zwei von unzaehlbar vielen Tausenden, nach Israel gekommen. Ohne Vorkenntnisse mitgebracht zu hab°n, hatte sich Amram danach beim Haeuserbau alsbald so anstellig in dem Provinzort er-, wiesen, der nach einem "lener Euronaepr” mit dem fuer ihn u-na,ns!'5r>rechli'’v,°'P Namen Warburg genannt ist, dass er es nach und nach zu einem fest ancestellten, fuer seine Bedürfnisse glaenzend bezahlten Vorarb°iter bracii- |,p. Pas Elendsdasein im hinterwaeldlerischen Jemen mit der Heimat seines juediscivn Volkes vertauscht zu haben, erwies .«ich mithin at.s der entscheidende Wendepunkt in seinem L°ben; und immer blieb er sich dessen bewusst, wie sehr er di°s grosse Ghieck der Tatkraft seiner Mutter verdankte. Um etwas von seiner Dankesschuld abzn+ragen, hatte er schon vor Jahr und Tag beschlossen, ihr ‘'.Teruschaiaiim. die Krone aller Rtaedte” zu .zeigen. Es waere dennoch auch jetzt schwerlich dazu gekommen, ha°tte sein ruehriger Betriebsobmann nicht eine nrei«werte Grunoenf ahrt waehr°nd d°r Eeipr^oche fies (hesiaehrigen Pessach organisiert. A,t<5 tfAv Aiitnlyne— der zugleich als "Guide” der Reisegesellschaft, fungiert“, nach d°r Weihestunde auf dem Zionsberg vorschiug, auch das b°ruehmte neue städtische Museum zu besieht] gen, war auch Amram Schalom damit einverstanden p-ew°sen, der nicht ahnen könnt“, welche Ehrung ihm dort zuteil!werd°n wuerde. und sieh nn+or einem Museum ueberhaupt nichts rechtes vorzustellcn vermochte. Er hatte noch ni° eines von aussen, geschweige denn von innen gesehen. III. Vor allem lag ihm, es versteht sich, der “wemnel d°s Buches” an nrorzDn. von dem der Chauffeur der Reiseerunne auf d°r Einfahrt erzaeblt hatte, der halb m die Ede eingelassene Rundbau mit d°n Schriftrollen vom Toten Meer, die durch Jahrtausend“ wnnde r 1) a r durch Gottes Fuegung erhal- SONOER-BERKHT EUR DAS B.I. ten geblieben waren, den Schriften aus den Tagen des Helden Barkochba und aus noch frueheren Zeiten. Von solcher Erwartung, zu diesen Kleinodien zu gelangen, war der fuenfhunderttausendsce Museums-Besucher erfuellt, dass er den sonderbaren Garten, den er mit den Seinen zu durchschreiten hatte, um dorthin zu gelangen, so gut wie unbeachtet liess; nur runzelte er die Stirn, als er so splittemacker Skulpturen wie d°r "Gefesselten Freiheit” Aristide M a i llols und der “Taenzerir ’ von Edgard Degas ansichtig wurde. "Du sollst Dir kein Bildnis machen und keinerlei Gestalt” murmelte er unwillig, und befahl den beiden Frauen, wegzublicken. Es ha°tte dieses Befehls nicht beduerft; sittsam erroetend hatten sie die Kopftuecher sogleich tiefer ueber die Gesichter gezogen. Desto mehr begeisterten Amram Schalom d'e uralten Texte. Wie vertraut waren sie ihm! Er vermochte sie, o-derals.(he auslaendtschcn Touristen und inlaond'sch->Ti “Westler”, die verstaendnislos daruf starrten, ohne Schwierigkeit zu lesen, wenn auch die auadraUsche stilisiert“ Schrift von damals merklich von der heute gebraeuchlichen hebraeisch eu Druck— und Schreibschrift abweicht. Da! Waren das nicht die ersten Verse des .zweiundachziesten Psalms, den er wie alle Hymnen des koeniglichen Saengers David in—■ und auswendig kann? Und ohne nochmals hinzus°h°n, saug er halblaut zur Verblueffung und auch zur Erheiterung der Umstehenden die heiligen Worte. m’t dem u“b“uU"ferf-n melodioesen Auf und Ab, wie er es sich von fruehauf zueigen gemacht hatte: “Harninu le’Elochim usenu. fe’Eloh°1 . Jacob...”. “Jauchzet Gott, unsere” Staerke, jubelt d°m Gott Jakobs zu — Bringet Saitenspiel und reicnet Pauken her, liebliche Zithern und Psalter — S+oss°t am Neumond in die Posaune...” Entsetzt, um es rundheraus zu sasten, stand er snaeteu allerdings vor den als Leihgaben uniaeuost ans aller Welt erst ins Tel-Aviver Rubinstein-Museum und jetzt hierher nach Jerusalem gebrachten Gemaeldep ‘und ¡Zeichnungen Picasso’s. Wieder nackte Frauen, sitzende. liegende und wie unbegreiflich (stellte er fest) falsch gezeichnete! Nun ia, ein "Goi”, ein Nichtiude, dachte er und zuckte hochmuetig die Achseln, jeder Zoli ein Sohn des “Auserwaehlten Volkes”. Wieder huckten Sacharn und Chawiwa auf sein Geheiss, oder vielmehr auf eigenen Antrieb. schamhaft zur Seite. Interessierter beaugenscheinigte er das mit d°r Nr. 60 imzeichnete grossflaecliige Bild, ein Durcheinander v>m Mordbrennern, schreienden Frauen, Weinenden Kindern, das in seiner Erinnerung jenes Massaker aufsteigen liess, dem Vater und Geschwister im Jemen zum Opfer gefallen waren. Er bat sich einen Katalog aus “Raub der Sabinerinnen” steht dort zu lesen. Wie, der Sabinerinnen, was sind das fuer welche? Offenbar ein Druckfehler. Sicher sind Rabbinerinnen gemeint. Die Drei wandten sich mit Grausen — zum naechsLen Saal, den Schaetzen des frueheren, hier nun sozusagen eingemeindeten Bezalei-Museums Jerusa 1 e m s. Und siehe, da endlich wurde Amram’s Mutter fuer alles entschaedigt, was ihr i betrachten bisher zugemutet worden war. Oh, rijf sie, ach — und die Traenen rannen ihr nur so ueber die verwelkten Wangen, oh, aber das ist ja beinahe das Brautkleid, das einmal mein eigen war, aus Brokat, mit dem golden und silbern sfih.immernden Pteschmeide, dem herrlichen Behang von Perlen und Korallen, d‘m Filigran hauchfeiner Spitzen, der sittsam gefalteten Kopfhaube! Und daneben, ist’s nicht die dunkelbraune Gewandung, mit den schoenen hellbraunen und roten Borten, wie wir Frauen sie dort nur am hoechsten der Feiertage, dem Tag der Vorsophnung, in der Synagoge trugen? In der Tat, “Gewaender von Jemenitinnen aus San’a” stand auf den Taefelcben vor den glaesernen Verschlaegen zu lesen. An ihres Sohnes Frau wandte sich Chawiwa, weinend: "Haetten die Unholde, ausgeloescht seien ihre Namen aus dem Buche des Lebens, mich meiner Habe damals nicht beraubt, so wuerdest Du den Schatz meiner Truhe, Kleider wie diese, am {Tage Deiner Verehelichung unter dem Baldachin getragen haben, und am heiligen Jom Kippur, dem Versoennungstag!” Ja, meinte Amram nachdenklich, als sie das Israel-Museum wieder verliessen, aber wer weiss ob wir dann nicht in jenem ‘Hause der Knechtschaft” geblieben waeren... Dass ihm eine Freikarte auf Lebenszeit ueberreicht worden war, hatte sich in- Rwischen fherumgesprochen. Vor dem Portal des Museum bedraengte ihn ein Rudel auf diese Sensation v»^“?. sener Reporter. Sie wollten wissen, ob er von der Karte kuenftig Gebrauch machen werde, und wie oft. Eine Journalistin mutete ihm gar zu, sie unter der Hand zu verkaufen... (“Lange Haare, kurzer Sinn”, so oder aehi - lich war er der vorlauten Person zu erwidern versucht. (Dabei trug sie ihr Haar denkbar kurzgeschnitten >. Er wehrte die Neugierigen ab. Ueber weitere, kommende Besuche haette er waeiirend des Gangs durch das Museum bei sich einen ‘Npder” geschworen, einen juedisch-religioesen Eid, und den halte er geheim. Sprachs und bestieg mit Mutter und Frau den Touren-Bus, der schon auf sie wartete.

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