Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVIII (1966)
- Issue
- 5 (Mayo, 1966)
- Date
- 1966-05-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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MAYO 1966 BOLETIN INFORMATIVO 19 CURT WILK schreibt: ZUM 30. TODESTAGE VON 'NAHUM S0K0L0W Zum 150. Geburtstage Prof. Moritz Steinschneiders Am 15. Mai 1936 starb zu London im 76. Lebensjahre Nahum Sokolow, Ehrenpraesident der “Jewish Agency”, wenige Wochen vor einer geplanten Suedamerikareise, die er im Dienste des Keren Hajessod unternehmen wollte; in einem schweren Augenblicke war Sokolow, einer der a 11 er ib edeutendsten Vorkaempfer fuer ein juedisches Palaestina, nicht nur seinem juedischen IVolke, sondernder Kulturmenschheit entrissen worden. Nahum Sokolow war in einem kleinen p o 1 n i s chen Staedtchen, Wyszogrod bei Warschau, 1861, zur Welt gekommen. Von dort sollte sein Lebensweg in die westeuropaeische Gemeinschaft fuehren; er wurde ein ganzer Europaeer, ein Weltbuerger, der sich auf dem diplomatischen Parkett zu bewegen vermochte, und doch ein schlichter Jude blieb, der zugleich in allen Kultursprachen und auf Bildungsgebieten zu Hause war. Sein Weg ist nicht nur der eines Einzelnen gewesen, sondern Symbol einer Epoche: Dieser Mann, verwurzelt im juedischen Milieu der Heimat, war infolge der Begegnung mit der europaeischen Geisteswelt zum aktiven Zionisten geworden, der innerhalb der Bewegung aufstieg, bis er von 1931-1935, President des organisierten Weltzionismus wurde. Als er am ersten zionistischen Weltkongress, 1897 teilnahm, war er 36 jaehrig! anerkannter Schriftsteller und ein fahrender Journalist in Warschau, dessen Namen ueber die Landesgrenzen hinausfmrHU0ngen war' Bald danach er Generalsekretaer Organisation, und im Jahre 1911 trat er in das Engere Aktionscomite” ein die damalige Exekutive, welker 1ert.unter der Praesidentschaft von Prof. Otto Warburg, bis zum Ende des ersten Weltkrieges angehoerin iptipr ^^aendiger Wohnsitz äJ,?£er EP°che vor 1914 ist Berlin gewesen. Aber der Ausbruch des Weltkrieges ueberraschte ihn auf einer Reise in Russland. Doch ge- “g,„e,Vhm. Ende des Jahiensm1914 «ach England zu auf Grund eines Rufes, den Dr. chaim Weizmann an ihn ergehen liess, der zu diesem Zeitpunkt mcht an der hoechsten Fuehrung im Zionismus be-?ich die Unterstuetzung Sokolows bei etwaigen Verhfn§?n aussenPOlitischen Verhandlungen sichern wollte. In seiner “Geschichte des Z i o n ismiiis waehrend des Weltkrieges”, dem 3. Teile eines grossartigen historischen Werkes, erzaehlt Sokolow vom Kampfe um die Erreichung der Balfourde- Klaration, an welcher er n a e c h st Weizmann, den staerksten Anteil hatte. Seit damals war die Zusammenarbeit zwischen beiden Persoenlichkeiten eine so enge und herzliche, dass Weizmann s p a e t erhin sagte: “Wenn ich von Sokolow spreche, ist es mir fast, als spraeche ich von mir selbst”. Der 70 jaehrige Sokolow brachte im Jahre 1931 das Opfer an Weizmann’s Stelle zu treten, als die innere Krise der Bewegung infolge des englischen palaestinafeindlichen “Weissbuches” dies erforderte. Diese Platzhalterbereitschaft ging, zuende, als vier Jahre spaeter eine neue politische Konstellation die Rueckkehr Weizmanns ins Amt moeglich machte. Dieser ueberr agende Mensch, der acht moderne Sprachen beherrschte, ein vollen detes Hebraeisch sprach und schrieb, hat mehr als dreissig Buecher, philosophischen, naturwissenschaftlichen und biographischen Inhalts verfasst, und die Zahl der von ihm veroeffentlichten Aufsaetze in Zeitschriften und Zeitungen wird auf mehr als 5.000 geschaetzt. Theodor Herzls “Alt-Neuland” war von Sokolow ins Hebraeische uebersetzt und mit dem Titel “Tel-Aviv” , (Fruehlingshuegel) versehen worden, ein Name, der dann der ersten rein-juedischen Stadt in Erez Israel verblieb. Sokolows Arbeitsfaehigkeit war unvergleichlich: Das Wort “Wissen ist Macht” erwies seine innere Wahrheit an ihm. Er schrieb u, 'a. eine “Geschichte des Antisemitismus”, eine Geographie Palaestinas, ein lexikalisches Werk mit Biographieen zeitg e n o e s sischer juedischer Menschen, ein Spinoza-Buch, das 3 - baendige Werk “Ischim” (Maenner), in welchem er sich mit den Ideen bedeutender Zeitgenos s e n auseinandersetzte, u. a. mit Hermann Cohen, Georg Brandes und Walter Rathenau. Daneben steht vor unserem geistigen Auge, nicht weniger gross, der hinreissende Redner juedischer Massenmeetings, der Staatsmann, der so vielen Zionistenkongressen das Gepraege seiner Persoenlichkeit aufgedrueckt hatte, der realistische Schilder er der juedischen Weits ituation, der Mann, der mit den Grossen der Welt so zu reden pflegte, dass er sie gewann, zuweilen bezauberte, und den ein Lord Balfour seinen Freund nannte. Will man aus der politischen Aktivitaet Sokolows etwas ganz besonderes hervorheben, dann sei an seine Taetigkeit in Paris und Rom erinnert, als es sich darum handelte, die Zustimmung der Alliierten zu Englands Palaestinapolitik zu erlangen; dann muss seiner denkwürdigen Unterredung mit Papst Benedikt XV. im Mai 1917 gedacht werden, als er dem Oberhaupte der katholischen Kirche die Bedeutung der juedisch-zionistischen B e Strebungen auseinandersetzte. Und es darf nicht vergessen werden, an Sokolows Arbeit in USA im Winter 1921-22 zu erinnern, als er eine einmuetige Erklaerung beider Haeuser des Nordamerikanischen Kongresses zugunsten des britischen Voelk e r bundsmandats erlangte, obwohl die “Vereinigten Staaten von N. A.” dem Voelkerbund nicht angehoerten. In der Zeit zwischen 1920 und 1932 weilte Sokolow haeufig auch in Deutschland; echte Freundschaft verband ihn mit prominenten deutschen Zionisten; auch die positiven Leis tungen des einstigen deutschen Judentums wusste er richtig einzuschaetzen. (Zu Berlin-Weissensee fand sein fruehvollendeter Sohn, Dr. Heinrich Sokolow seine letzte Ruhestaette.). Der zionistischen Bewegung mit wunderbarer Treue ergeben, hatte Sokolow diese kulturell, philosophisch bereichert. Er war ein staendiger Gottessucher, ein Mensch dem es um das Ewige in der Geschichte seines juedischen Volkes ging und um Erez Israel, das er mit der ganzen Glut seines fuer alles Hohe und Edle ergluehenden juedischen Herzens liebte. Er war ein Wegbereiter des Staates Israel, ein Grosser seines Volkes, dessen Andenken einer neuen Generation bekannt zu machen, eine echte Verpflichtung sein sollte. Prof. Moritz Steinschneider, dessen 150. Geburtstag auf den 30. Maerz fiel, ist in die juedische Geistesgeschichte vor allem eingegangen ¡als der “Vater der hebracf ischen (Bibliographie”, als derjenige Gelehrte, der erstmalig eine Gesamtdarstellung der juedischen Literatur gegeben, und der zugleich einer der bedeutendsten Erforscher der juedischen Kulturgeschichte gewesen ist. Seine Kataloge hebraeischer Buechersammlungen und Handschriften sind weit mehr als blosse Verzeichnisse von Autoren und Buechertiteln,- sie enthalten ein unerschoepfliches Material und bilden mit ihren vielen Details .ueber Werke und Verfasser, systematisch angeordnet, °ine unentbehrliche Grundlage der Forschung. Geboren am 30. Maerz 1816 zu Prossnitz (Maehren) war Steinschneider durch die oestereichischen Judengesetze von damals am Be- DAS GEBURTSFEST DER JUEDISCHEN LEHRE Inmitten weltbewegender Geschehnisse begeht das juedische Volk abermals seinen- “IVerfassungstag”, das Pest der Sinai-Offenbarung, die “Zeit da uns die Lehre gegeben”, die Feier der Gesetzgebung. Ueber dieses “Gesetz” ist viel diskutiert worden, (zumal in neuerer Zeit. Das Christentum hatte es zwar nicht sofort, aber spaeterhin verworfen; dort versuchte man, das Gesetz durch den Glauben abzuloesen, zu ersetzen. Welches ist und, so darf und soll am Schawuot- Feste gefragt werden, die Beziehung zwischen dem Juden und diesem 'Sinai - Gesetz? Die Antwort i muss lauten; Wohl ist Gott der ausschliessliche Gesetzgeber, doch entbot er es nicht aus seiner Almacht heraus, sondern, damit die Menschen verstehen, dass sie in Gott den Inbegriff aller Sittlichkeit zu erkennen haben, die schoepferische Kraft der sittlichen Weltordnung und des auf Sittlichkeit gerichteten Weltzweckes. Nicht erst am Sinai wurde die Sittlichkeit schaffen,- sie entstand vielmehr aus ihrem eigenen Wesen und /der ¡Beschaffenheit des Menschen. So sprachen die Alten aus, dass Abraham, der erste Stammvater, alle Sittengesetze beobachtet habe, seine eigene ¡Gotteserkenntnis war ihm zur Quelle sittlicher Belehrung geworden. Deshalb unterscheidet der Talmud zwischen “Vernunftgesetzen” als solchen, die unbedingt und unabhaengig von der Gesetzgebung “Gesetze” sind und den Anordnungen rituellen Charakters, welche erst “Gesetze” geworden sind. So wird bei uns Juden die freie sittliche Ueberzeugung, welche sich nicht nur auf Autoritaet und Gesetzgebung stuetzt, noch hoeher gestellt als der Gehorsam gegenueber der Autoritaet. So lehrt Rabbi Simon ben Lakisch, dass der Fremde, der aus freier Ueberzeugung das Gesetz annimmt, in den Augen Gottes hoeher stuende, als alle Kinder Israels, die den Berg Sinai umlagerten, denn diese haben ja Donner und Blitz, den Schofar und die goettliche Stimme vernommen; der Fremdling jedoch, der nichts vernahm, suchte aus freiem Antrieb die Harmonie mit Gott und nahm freiwillig das “Joch der Gotteslehre” auf sich. Dieses Sittengesetz vom Sinai hat sich als “kategorischer Imperativ” erwiesen, der dem juedischen Volke von Anfang an einen hohen moralischen Lebensstandard zuwies, und dies war sein wesentlichster Ged a n k e: Zum Unterschied , von den antiken Voelkern wird der Grundsatz der ^allgemeinen Rechtsgleichheit verkuendet, fuer den Einheimischen wie fuer den Fremden; “Ein Gesetz fuer Alle” ,ist die oberste Forderung. Waehrend aber das “Zehnwort vom Sinai” als grundlegende Lehre von allem Zeremoniellen und Rituellen .schweigt, verkuendet es diie Sabbatruhe als ewige Vorschrift. Dieser (9a!t|Z allein, “Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein (Werk verrichten”, von seiner Bedeutung fuer das Wirtschaftsleben abgesehen, wuerde genuegen, so sagte einmal der Frankfurter Rabbiner INehemia A. Nobel s. A. ¡die ueberragende Einzigartigkeit des Sinai—Gesetzes in der gesamten Reiifaionsgeschichte der Menschheit zu sichern, Auch vom Schabbat gilt, was von der Torah gesagt ist, “dass sie nicht im Himmel zu suchen ei”. Das juedische Lebensgesetz stammt gewiss aus ueberirdischen Bezirken, aber es sucht den irdischen Bezirk des Daseins. Die Wiederanerkennung des Sinai _r ,Gesetzles ln allem such des orientalischen Instituts in Wien gehindert worden. Er ging deshalb in jungen Jahren zunaechst nach Leipzig und spaeterhin nach Berlin. Er katalogisierte ¡in der Folgezeit die hebraeischen Buecher der Oxforder und Leydener Bibliotheken, der Muenchener Staatsbibliothek u. a. m. Fuer die “Academie des Inscriptions” schrieb , er zwischen 1884 und 86 die Preisschrift “Hebraeische Uebersetzungen des Mittelalter» und (die Juden als Dolmetscher”, eine der wichtigsten Forschungen zur Literatur des Mittelalters. Ferner begruendete er und leitete in den Jahren 1858-62 die Zeitschrift “Hamaskir” (Hebraeisch e Bibliographie). Er schrieb auch ueber “Arabische Literatur der Juden”. Zu Berlin, am ¡24. Januar 1907, starb er im hohen Alter von 91 Jahren. Sein eigentliches Lebenswerk, die “Hebraeische Bibliographie”, wurde in der ersten Haelfte dieses Jahrhunderts von Maennern wie Aron Freiman und Heinrich Brody fortgesetzt. Moritz Steinschneider sah in der religioesen Entwicklung den Endzweck der juedischen Geschichte. W i e vielseitig auch das Leben des juedischen Volkes sein moege, in den religioesen Schoepfungen sah er die eigentliche Erfuellung des juedischen Geistes. Steinschneider stand fest auf dem ,Boden der religioesen Idee von der einmaligen Offenbarung, die, wie er es audrueckte, “alle folgenden Generationen zu Schuelern der urspruenglich gegebenen Wahrheit macht, indem diese nicht mehr gefunden und entdeckt, sondern nur geklaert, ausgelegt und ungeeignet zu werden braucht”. Alle juedische Religionsgeschichte leitete Steinschneider von der Heiligen Schrift ab, von dem was '“kanonisiert” wurde. Von hier aus hat schon Steinschneider viele Auseinandersetzungen mit dem Christentum ge habt, die heute erneut aktuell geworden sind. Im Rahmen der grossen religioesgeistigen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrhunderts hat auch dieser grosse Gelehrte einen wesentlichen Beitrag geleistet. Prinzipiellen als /Grundlage der in Israel angestrebten neuen Gesellschaftsordnung, bleibt ¡die grosse Zukunftshoffnung. Der Aufbau einer gerechten, sittlich-und ßozialdenkenden ¡Menschheit bedeutet die Verwirklichung des “Gottesreiches auf Erden”. Eine Lehre wie die juedische, welche ' die Tat hoeher stellt als jede Art von Bekenntnis, wird auch kuenftighir* entscheidenden Einfluss auf das Zusammenleben der Voelker in der Welt nehmen jnuessen. Deshalb darf der Tag der Sinai- Gesetzgebung, das Schawuot- Fest, als der Tag angesehen werden, von welchem die Weltgesetzgebung ihren Ausgang nimmt.