Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVII (1965)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1965)
- Date
- 1965-09-01
- Page
- Seite 33 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/8553624-8559342-9194668--4636-8559575- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Nelly Sachs 5× ep/1006402
- Alexander Granach 1× ep/1025055
- Franz Werfel 1× ep/1000003
- Günter Grass 1× ep/1025056
- Hans Magnus Enzensberger 1× ep/1024966
- Julius Bab 1× ep/1011035
- Max Reinhardt 1× ep/1025508
- Meersburg 1× ep/1045151
- Paul Celan 1× ep/1000014
- Pierre Boulez 1× ep/1024830
- Siegfried Unseld 1× ep/1026362
OCR text
SEPTIEMBRE 1965 BOLETIN INFORMATIVO 33 Zum 75. Geburtstage von Ernst Deutsch GENIALITAET UND MENSCHENTUM Der 75. Geburtstag von Ernst Deutsch wird in der Theaterwelt als ein Festtag begangen werden, weil dieser geniale Schauspieler,einer der der Allerersten im deutschen Sprachkreise, heute, nach mehr als einem halben Jahrhundert kuenstlerischen Schaffens, noch auf ganzer Hoehe steht, vielleicht noch reifere Leistungen bewaeltigend als in mancher frueheren Epoche und nach neuen Aufgaben Ausschau haelt. Es ist eine fast einmalige Laufbahn des Menschendarstellers Deutsch, die an diesem seinem 75. Geburtstage einen weiteren Gipfelpunkt erreicht. Prag ist seine Geburtsstadt und der Heimat, dieser alten, beruehmten, Judengemeinde, weiss sich der Kuenstler noch heute tief verbunden. Von dort hatte ihn, einst, in sehr jungen Jahren, Berthold Viertel nach Dresden geholt, wo er in der Titelrolle von Hasenclevers “Der Sohn” seine ersten Erfolge hatte. Dies war waehrend des ersten Weltkriegs, und die Militaerzensur liess nur eine Matinée vor geladenen Gaesten zu. Doch der Ruhm, der von jener “Geschlossenen Auffuehrung” ausging verbreitete sich rasch, und der junge Ernst Deutsch, der den gesamten damaligen Nachwuchs zu ueberragen schien, wurde für spaetere Auffuehrungen des Buehnenstuecks allerorts zum Vorbild des “rebellischen Sohnes”. Und phaenomenal war dann der Aufstieg dieses Schauspielers, als er nach Kriegsende von Dresden nach Berlin hinüberwechseln durfte, nachdem er sich zuvor in der kunstbeflissenen saechsischen Hauptstadt als Oswald in Ibsens “Gespenstern”’, einer Rolle, die ebenfalls für sehr lange Zeit zu seinen staerksten gehoerte, verabschiedet hatte. Bei Max Reinhardt, am “Deutschen Theater” zu Berlin, lernte ein ganz anderes Theaterpublikum diesen Schauspieler sennen. Und es begannen jene heute so gern als “goldene” bezeichneten Zwanziger Jahre mit ihren Glanzleistungen grosser Schauspieler und Regisseure. Damals, bis 1929 etwa, galt Berlin als die erste Theaterstadt der Welt. Hier zu triumphieren, war hoechstes Ziel. Ernst Deutsch erreichte dies. Er spielte den Moritz Stiefel in “Fruehlings Erwachen”, in Romain Rollands “Danton” den Blutrichter “Saint Just”, den Koenig Alphons in der “Jüdin von Toledo”, den Kaufmann Antonio im “Kaufmann von Venedig” (Bassermann war Shylock), um nur einige der wichtigsten Rollen zu nen. nen. Schon in jener Epoche praegte Julius Bab von Deutsch das Wort: “Er ist beinahe der einzige Schauspieler auf der deutschen Buehne, fuer den Verse nicht ein zuweilen notwendiges Uebel, sondern eine wirkliche Ausdruckssteigerung bedeuten. Auch darin ist er am ehesten als der Erbe von Josef Kainz am heutigen Theater anzusprechen”. Ernst Deutsch hat stets gern Rollen gespielt, in denen Judenschicksale deutlich wurden, so, in Arnold Zweigs “Sendung Semaels” (Ritualmordprozess). den “Professor Bernhardi” von Schnitzler und, nach seinem Comeback, als Nathan, Shylock und Vater von Anne Frank wahre Triumphe gefeiert. Wie dieser Kuenstler im Nathan die Ringparabel erzaehlt, ist von unerhoerter Eindring¬ S.A.I.C. INDUSTRIA AUTOMOTRIZ Distribuidores Autorizados CHEVROLET - OPEL Estación de Servicio Venta de Repuestos Legítimos Santa Rosa 537 — Santiago HIGROMETROS ELECTRONICOS — PORTATILES para textiles, cuero, maderas, etc. LECHNER Y CIA LTDA. Los Serenos 476, Oí. 22—23, Fono 87765 lichkeit und Aktuqlitaet, und viele heutige deutsche Theaterkritiker sind der Meinung, dass Deutschs Nathan der natürlichste, gütigste und klügste aller bisherigen Nathans sei. Sein Shylock hingegen, so sagen andere, ist ein Ueberragender noch in der tiefsten Erniedrigung, dessen Rechthaberei begreiflich erscheint, und dessen Figur von einsamer Tragik und Groesse umwittert ist. In den zwanziger Jahreng hatte Deutsch auch am Berliner Staatstheater unter Jessner gespielt, und er war sehr erfolgreich als Marquis Posa im “Don Carlos ” herausgestellt worden. Heute, im Alter scill er ein herrlicher Koenig Philipp sein. Aus jener Epoche müssen noch besonders sein Díaz in Werfels “Juárez und Maximilian” Lteinhardt-Inszenierung) und sein Jupiter in “Amphytrion 38” erwaehnt werden. Auch eine sehr gute Filmrolle (Stummzeit) gab es fuer ihn damals: “Altes Gesetz”. In den letzten Jahren vor der erzwungenen Emigration war eine seiner allerbesten Gestaltungen die des reichen jüdischen Emporkoemmlings in Galsworthys “Gesellschaft”. Ud dann, im noch freien Wien und Prag, zwischen 1933 und 38, war Deutsch ein ausgezeichneter Gregern Werle in Ibsens “Wildente” (Bassermann gab den Hjalmar Ekdal), ein ergreifender Ferja im “Lebender Leichnam” von Tolstoi und ein interessanter Dr. Ridgeon in Shaws “Arzt am Scheidewege”. Mit seiner tapferen Lebensgefaehrtin überstand Ernst Deutsch das amerikanische Exil, zuweilen künstlerisch taetig, ohne so heimisch werden zu koennen wie er es auf der vertrauten deutschsprachigen Buehne sein konnte und musste. Seine besten Freunde, Franz Werfel und Alexander Granach, verlor er in der Fremde. Doch einer der alten lieben Kollegien war noch in Berlin, als Ernst Deutsch im Jahre 1947 zurückkehrte: Paul Wegener, der mutige Anti-Nazi, der sich weder politisch noch kuenstlerisch unterwerfen liess. Mit ihm schuf Deutsch die ersten Moeglichkeiten eines Thea-;er-Neuaufbaues inmitten von Truemmern. Zu den Wenigen die sich rasch durchsetzen und ein ganz neues Publikum gewinnen konnten, gehoerte Erst Deutsch, und bald nahm er Dauerverpflichtungen sowie Gastspielreisen auf, die ihn durch ganz Mitteleuropa fuehren. Heute jubelt man dem Geheimrat Clausen in. Hauptmanns “Vor Sonnenuntergang” zu, seinem Koenig Philipp im “Don Carlos” und immer wieder seinem herrlichen Nathan. Im vergangenen Jahre Desuchte der Kuenstler Israel, wo er viele Freunde hat. Er ist Berliner Staatsschauspieler und Wienér Kammerschauspieler geworden und der Interpret des Judeseins geblieben, zugleich der Mensch, für den Kuenstler — und echtes Menschentum untrennbar miteinander verbunden sind. Wir Juden, zusammen mit seiner grossen nichtjüdischen Theatergemeinde, huldigen ihm am 75. Geburtstage. Curt Wilk Am. 17. Oktober wird . in der Paulskirche zu Frankfurt, Nelly Sachs der Friedenspreis des deutschen Buchhandels uebergeben werden. BEGEGNUNG MIT NELLY SACHS •Von Siegfried Unseld Nelly Sachs hat nach ihrer Flucht im Juni 1940 bisher nur einmal deutschen Boden betreten, das war 1960, als sie in Meersburg den Droste- Preis erhielt. Sie kam damals mit dem Flugzeug nach Zürich und wurde von Ingeborg und Paul Celan abgeholt und nach Meersburg begleitet. Nach der Feier begegnete ich ihr zum ersten Mal persönlich. Vorangegangen war die Begegnung mit ihren poetischen Arbeiten, mit ihren Gedichten, ihren Mysterienspielen und -mit ihren Uebersetzungen schwedischer Lyrik, die ihr schon eine Auszeichnung eingebracht hatten. Zwei Jahre vorher begann ihre Verbindung mit dem Suhrkamp-Verlag, doch glaubte Peter Suhrkamp damals die Zeit noch nicht reif für eine Veröffentlichung ihres Werks. Hans Magnus Enzensberger und Ingeborg Bachmann haben mich immer wieder auf ihre Gedichte hingewiesen. Ich habe mir verstreut erschienenen Gedichtbaende besorgt und sie gelesen den im Aufbau Verlag erschienenen Band “In den Wohnungen des Todes” (1946), den bei Ellermann “Und niemand weiss weiter” (1957) und “Flucht und Verwandlung” (1959) bei der Deutschen Verlags-Anstalt. Mich faszinierten diese Gedichte, weil sie in Ton und Form anders waren als das, was die Lyriker in unserer Zeit schrieben. Sie waren anders, ja, sie waren gegensaetzlich. Der Ton der Gedichte von Nelly Sachs ist von hohem Pathos gepraegt, er ist ekstatisch, und beides, das Pathetische wie Ekstatische kennen wir in unserer Lyrik nicht mehr, Allmaehlich öffnete sich mir ihr Werk, ich sah in ihm das einzige, geschlossene lyrische Oeuvre, ein poetisches Gesamtwerk, das einmal ist in unserer Zeit. Seit ich in Meers'ourg Nelly Sachs sagte, dass ich ihr Werk im Suhrkamp Verlag herausgeben würde, datiert eine enge, freundschaftliche Verbindung. Die Dichterin nahm selbst grossen Anteil an den editorischen Vorbereitungen für ihre Bücher, dass ihre “Fahrt ins Staublose” beim Wettbewerb der Schönsten Bücher des Jahres 1963 ausgezeichnet wurde. Als wir den Sammelband ihrer szenischen Dichtungen vorbereiteten, schrieb sie in ganz kurzer Zeit neue kleine dramatisch-mimische Spiele. Auch ihre dramatischen Dichtungen haben eigenen Charakter; sie liegen fern ab alles Ueblichen und stellen durch ihre souveraene Verwendung der Mittel von Mimus, Tanz und Musik unsere Theater vor Aufgaben, de nen sie vorerst nicht gewachsen scheinen. Mit Enzensberger sprach sie die Auswahl ihrer Gedichte durch, die für einen grösseren Kreis jüngerer Leser gedacht war. Ihrem Vorschlag folgend brachten wir die Sammlung “Das Leiden Israels” heraus, die zwei Gedichtbücher und das Mysterienspiel “Eli’ enthaelt. Ihre jüngsten Gedichte, der Zyklus “Glühende Raetsel”, wurden in der Insel-Bücherei veröffentlicht; Heinz Hollin - ger hat ihn vertont und Pierre Boulez bei den Donaueschinger Musiktagen dirigiert. Ich habe Nelly Sachs in ihrer Wohnung Bergsundsitrand 23 in Stockholm mehrfach besucht, und es war eigentlich immer der gleiche Eindruck, der sich mir aufdrang. Dieser zarte, zierliche, scheue Mensch, der seit dem Tode der Mutter allein für sich lebt, wohnt in einer Umgebung, die mir immer als ein Provisorium erscheint. Nelly Sachs ist in ihrem Denken wie in ihrem Leben immer auf einer Art Flucht, für Verwandlungen offen; sie lebt in ihrem Dasein den Satz: “Anstelle von Heimat halte ich die Verwandlungen der Welt”. So scheu Nelly Sachs ist, so erschliesSt sie sich ihren Freunden im Gespraech, das immer wieder blitzartig von Einsichten, die ungewöhnlich sind, erhellt wird. Wenn Nelly Sachs ihre Gedichte liest, gewinnt ihre leise, fast gebrechliche Stimme prophetische Kraft und Klarheit. Sie ist, und auch dies macht sie einmalig, eine visionaere Dichterin. “Das Gesicht des Alltags so lange und schmerzhaft betrachten, bis sich des Mystikers meerhafter Ausblick einstellt” — in dieser Anmerkung zur Lyrik Gunnar Ekelöfs definiert sie auch die Motive des eigenen Denkens und Dichtens und in ihr zeigen sich auch Wege von Versöhnung und Rettung. Sie ist “eine Schwester Kafkas”, wie sie der schwedische Kritiker und Lyriker Ragnar Thoursie bezeichnete. Im vergangenen Sommer besuchte sie die Tagung der Gruppe 47. Der Besuch war nur eine Stunde bemessen, aber sie blieb den ganzen Tag, sie blieb den Abend, hörte sich an, wie Günter Grass aus seinem neuen Stück vorlas und war noch bis tief in die Nacht hinein mit den Schriftstellern zusammen, diskutierend, zuhörend. Nachher vertraute sie mir an, dass sie die Art des Schreibens der Schriftsteller der Gruppe bewundere, dass die eigene Art aber doch eine ganz andere sei, dass sie “von innen her” kaeme. Jaeger und Gejagte, Henker und Opfer sind der Raum der Gedichte der Nelly Sachs. Nun wird sie in der Paulskirciie zu Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten, in der selben Stadt, in der die verurteilt wurden, deren Haescher damals nach ihrem Leben gegriffen haben. Das scheint ein Zeichen zu sein.