Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVII (1965)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1965)
- Date
- 1965-09-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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SEPTIEMBRE 1965 BOLETIN INFORMATIVO 13 TAUSEND UND ZWANZIG JAHRE Botschafter Pauls uebergab sein Beglaubigungsschreiben Nie vergessen, noch geloescht... 32 Jahre nach Beginn des “Tausend jaehrigen Reiches”, 20 Jahre nach seinem Ende in Tod und Zerstoerung, haben die beiden Staaten, deren Existenz unmittelbar auf die nationalsozialistische Epoche zurueckzufuehren sind, die Bundesrepublik Deutschland und Medinat Israel, am 16. August diplomatische Vertreter ausgetauscht. Selten haben zwei Menschen eine so grosse Verantwortung gehabt wie diese beiden, Ascher Ben Nathan, Botschafter Israels in Bonn, und Dr. Rolf Friedemann Pauls, Vertreter der BRD in Israel. Wer sind sie, woher kommen sie, wie sieht ihre Biographie aus: ASCHER BEN NATHAN Der 44-jaehrige geborene Oesterreicher hat sein Leben drei Aufgaben gewidmet: der Verfolgung vor Nazis, die sich der Grausamkeit an Juden schuldig gemacht haben der Ueberzeugung, dass in den Beziehungen zwischen den jungen Generationen der Deutschen und Israelis ein neues Kapitel geschrieben werden muss, und schliesslich der Stärkung des Staates ¡Israel. Der “Anschluss” überrasch te den damals siebzehnjährigen Ben Nathan in seiner Heimatstadt Wien. Von Kindheit an Zionist, verliess er Eltern und ein bequemes Daheim, um illegal ,mit einem von einer Reederei als baufällig aufgegebenen Schiff in das damals unter britischer Verwaltung stehende Palästina einzu.w andern. Dort arbeitete er zuerst m einem Kibbutz, aber die Entwicklungen des -zweiten Weltkriegs setzten dieser ruhigen Epoche in seinem Leben ein rasches Ende. Er trat der politischen Abteilung der Jewish Agency bei, bereitete Nachrichtenmaterial für jüdische freiwillige Fallschirmjäger vor und meldete sich selbst, zur Rettung von verschleppten Juden über von Deutschen besetztem Gebiet abzuspringen. Das Dritte Reich brach jedoch zusammen, ehe dies durchgeführt werden konnte. Im Sommer 1945 wurde Ben Nathan von der Haganah als Leiter der Rettungsaktion für jüdische Fluechtlinge in Oesterreich nach Wien geschickt. Hier hatte er zum erstenmal Gelegenheit, seine Faehigkeiten bei der Behandlung schwierger internationaler Fragen zu beweisen. Man schätzt, dass damals trotz der energischen britischen Opposition etwa 100.000 europäische Juden mit Hilfe Ben Nathans nach Palästina gelangten. Während dieser Zeit begann er, unter seinem Decknamen “Arthur”, Material über Kriegsverbrechen zu sammeln. Ueber die Archive der Jewish Agency gelangte es nach Nürnberg iür die Kriegsverbrecherprozesse. In diesen Tagen beschaffte er in Linz auch das einzige Foto von Adolf Eichmann , — das später zu seiner Entdekkung ¡und Verhaftung führte. Vor Ausrufung der Unabhängigkeit Israels im Jahre 1948, als Ben Gurion angesichts der bewaffneten arabischen Opposition die Bildung des jüdischen Staates ausarbeitete, wurde Ben Nathan zur Arbeit im Büro von Ben Gurion und im künftigen Aussenministerium zurückgerufen. Erst 1951 hatte er die Möglichkeit, seine Universitätsstudien in Politik in Genf abzuschliessen. Als ein Angehöriger der Gruppe junger israelischer Persönlichkeiten, die immer für eine enge ¡Bindung zwischen Israel und Europa eintraten, leitete Ben Nathan im Herbst 1956 die Delegation des israelischen Verteidigungsministeriums in Paris, womit er in grossem Massé zum israelischen Erfolg i m Sinai-Feldzug beitrug. Anschliessend wurde er als Nachfolger von Shimon Peres Generaldirektor im Verteidigungsministerium. Zusammen mit Peres und Ben Gurion hatte er entscheidenden Anteil an der Annäherung Israels an die Bundesrepublik. Man weiss von ihm., dass er in der Verteidigung dieser Politik nié gezögert hat, ohne Rücksicht auf den Schaden, den er damit vielleicht seiner Popularitaet zufügen könnte. Im Jahre 1965 trat er von seinem Posten im Verteidigungsministerium z ur ü c k, um Leiter der israelischen Einkaufsmission in Köln zu werden. In einer tumultartigen Szenerie vollzog sich in Jerusalem die Uebergabe des Beg 1 a u bigungsschreibens des deutschen Botschafters, Rolf Pauls an Praesident Salman Schazar. Schon eine Stunde vor dem Eintreffen des Botschafters hatte sich eine grosse Menge Demon stranten vor dem Praesidentenpalais z u s a mmengefunden. Viele trugen einen papierenen Judenstern. Hunderte von Protestschildern saeumten die Strassenraender. Zwei Stander SS. wurden hochgehalten, die mitgefuehrten israelischen Fahnen trugen einen Trauerflor. Als der deutsche Botschafter im Wagen des Presidenten und begleitet von Motorradfahrern eintraf, begann die Menge zu schreien und ihre Schilder zu schwenken. Am Garteneingang verhielt der Botschafter, ein Hauptmann der Panzerwaffe meldete ihm die angetretene, 50 Mann starke Formation. Dann intonierte eine Polizeikapelle das Deutschlandlied. Waehrend Botschafter Pauls die Front der Panzersoldaten abschritt, gelang es etwa drei - bis vierhundert Demonstranten die Absperrungen zu durchbrechen. Die erregte Menge drang, ueber Mauern kletternd und Gitter niederreissend bis in die unmittelbare Naehe des Palais vor. Nur durch den Gebrauch der Gummiknueppel konnten sie aufgehalten werden. Erschuetternde Szenen spielten sich ab. Viele Menschen weinten. Die 'Schreie der Demonstranten konnten im Palais nicht gehoert werden. Waehrend draussen die Polizei zu Pferde und zu Fuss gegen die Menge vorging, vollzog sich im Empfangssaal die Akkreditierung des deutschen Botschafters. Mit leiser Stimme und sichtlich bemueht, seine E r r egung zurueckzuhalten, las Pauls seine Antrittsrede in deutscher Sprache vor. Nach der Uebersetzung ins Hebraeische antwortete Praesident Schazar, ebenfalls leise, oft stockend und um Fassung ringend. Als, nach Beendigung der Zeremonie, Botschafter Pauls wieder das Palais verliess, wurde die Hatikwa gespielt, aber die Protestschreie uebertoenten die Melodie. Sicherheitsbeamte . umringten den Wagen des Praesidentem Dann jagte die kleine, aus drei Wagen bestehende Kolonne in schneller Fahrt davon. Der Wórtlaut der Ansprachen DR. ROLF FRIEDEMANN PAULS Der 48-jaehrige Sohn eines Pastorenhauses in der Provinz Sachsen, in dem man nicht den “Voelkischen Beobachter”, sondern die “Deutsche Allgemeine Zeitung” las nahm am Krieg als Generalstabsoffizier teil, nachdem er einen Arm verloren hatte. Er ist Doktor der Rechte, war der persoenliche Referent des Staatssekretaers Walter Hallstein, Botschafts rat in Washington und Ministerialdirigent in der Handels — und Entwicklungsabteilung des Auswaertigen Amtes in Bonn. FOTO TIMAR Nueva York 54 * Fono 64943 Retratos Artísticos — Reproducciones y Ampliaciones de todas clases para Diarios, Imprentas — Fotografías de Propaganda para Industrias — Trabajos para Aficionados. FOTOCOPIAS AL MINUTO Botschafter Dr. Rolf Pauls sagte bei der Ueberreichung des Beglaubigungsschreibens an Präsident Salman Schazar: “Es ist für mich eine hohe Ehre, Eurer Exzellenz heute das Schreiben zu überreichen, mit dem mich der Praesident der Bundesrepublik Deutschland als ausserordentlichen und bevollmaechtigten Botschafter bei Ihnen beglaubigt. Der Aufnahmen diplomatischer Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern wird vom ganzen deutschen Volk grosse Bedeutung, beigemessen. Das neue Deutschland sieht mit Trauer und Abscheu auf die grauenvollen Verbrechen des n a t i onalsozialistischen Regimes zurück, die vor allem den jüdischen Menschen so schwere Leiden auferlegt haben, Seitdem haben viele Menschen guten Willens auf beiden Seiten geduldig daran gearbeitet, den Weg zu diesem neuen Anfang der Beziehungen unserer beiden Völker zu bereiten. Wir hoffen, dass der Austausch von Botschaftern dazu beitragen wird, auf diesem Wege erfolgreich weiterzugehen. Ich bin mir darueber im klaren, dass ich als erster Botschafter der Bunde srepublik Deutschland in Ihrem Land vor einer schwierigen und wichtigen Aufgabe stehe. Wenn ich bei meinen Bemühungen um die Gestaltung unserer beiderseitigen Beziehungen auf die wohlwollende Unterstützung Eurer Exzellenz und Ihrer Mitarbeiter rechnen darf, so wuerde dies eine sehr grosse Ermutigung für mich sein. Gestatten Sie mir, Exzellenz, dass ich zum Schluss im Namen des Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland Eurer Exzellenz und dem israelischen Volk die besten Wünsche für eine glückliche und erfolgreiche Zukunft übermittle. und mich selbst diesen Wünschen von Herzen anschliesse”. Die Rede, die Präsident Schazar hielt, hatte folgenden Wortlaut: “Wir alle sind uns der besonderen Bedeutung dieses politisches Aktes tief bewusst. In dem Vorschlag der Bundesrepublik Deutschland, volle d i p lomatische Beziehungen mit Israel aufzunehmen, und in der israelischen Annahme dieses Vorschlags ist der schlagende Beweis für die tiefgreifenden Veränderungen zu sehen--, die seit der Zeit, die Eure Exzellenz gereehterweise als, Zeit entsetzlicher Verbrechen bezeichneten, Platz gegriffen haben. Es sind nur 20 Jahre vergangen, seit die Reste meines Volkes, die überlebt hatten, aus den Konzentrationslagern und den Feueröfen gerettet wurden, die das Nazi-Regime zur Ausrottung der Juden in allen von ihm unterjochten Ländern erfunden hatte. Die Erinnerung an diese Greuel und ihre Opfer sind in den Gedanken unserer Generation lebendig und wird so lange weder von uns vergessen noch jemals aus den Gewissen anständiger Menschen gelöscht werden können, solange die Unverletzlichkeit des Lebens und das Prinzip der Gerechtigkeit von der Menschheit anerkannt werden. Selbst in den bösesten Tagen der Vernichtung haben die Gepeinigten und Ge'quaelten meines Volkes nie ihren Geist der menschlichen Würde und ihren unerschütterlichen Glauben an die Zukunft verloren. Aus diesen Wurzeln erwuchs das Heldentum, das sich in den Todeslagern, den Ghetto — Revolten und im Kampf um die jüdische Unabhaengigkeit in. unserem alten Vaterland manifestierte. Das Wort, das ein Dichter Jahre zuvor geschrieben hatte, bestaetigte sich: “Ich habe meinen Gott gerettet und mein Gott rettete mich... Die Ueberreichung dieses Beglaubigungsschreibens heu te in Jerusalem, der Hauptstadt des Staates Israel, beweist, dass das Chaos nicht für immer anhält und dass selbst die dunkelste der Naechte mit dem Anbruch der Dämmerung enden muss. Und gerade wegen der Lehren der bitteren Vergangenheit sind wir verpflichtet, unsere Energien auf die Zukunft zu konzentrieren, damit die Verbrei ter des Hasses zum Schweigen gebracht werden können und der Geist jener entsetzlichen Periode nie wieder zum Leben erweckt werden kann. Ich möchte über Sie, Herr Botschafter, die mir von Ihrem Präsidenten übermittelten Grüsse erwidern und ihm versichern, dass Sie bei Ihrer Aufgabe die Unterstützung finden werden, die Sie benoetigen. Möge es den Vertretern unserer beiden Länder vergönnt sein, einen bedeutsamen Beitrag beim Legen jener Grundlagen zu leisten, auf denen allein Beziehungen der Verständigung und der Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern errichtet werden können”. Nach Redaktionsschluss AUSCHWITZ-PROZESS Der Auschwitz-Prozess ist in der ersten Instanz beendet. Den 20 Angeklagten wurde folgtendes Urteil gesprochen: Stefan Baetzki - Lebenslanges Zuchthaus; Emil Bednarek - Lebenslanges Zuchthaus; Wilhelm Boger - Lebenslanges Zuchthaus; Arthur Breit wieser - Freispruch; Pery Broad - 4 Jahre Zuchthaus; Dr. Phil. Victor Capesius - 9 Jahre Zuchthaus; Klaus Dylewski - 5 Jahre Zuchthaus; Dr. med. Willy Frank - 7 Jahre Zuchthaus; Emil Hantl - 3 Jahre, 6 Monate Zuchthaus; Karl Hoecker - 7 Jahre Zuchthaus; Franz Hof mann - Lebenslanges Zuchthaus; Oswald Kaduk - Lebenslanges Zuchthaus; Josef Klehr - Lebenslanges Zuchthaus; Dr. med. Franz Bernhard Lucas' - 3 Jahre, 3 Monate Zuchthaus; Robert Mulka - 14 Jahre Zuchthaus; Dr. med. Willi Schatz - Freispruch; Herbert Scherpe - 4 Jahre, 6 Monate Zuchthaus; Bruno Schlage - 6 Jahre Zuchthaus; Johann Schobert - Freispruch; Hans Stark - 10 Jahre Jugendstrafe. In unserer naechsten Ausgabe werden wir ausfuehrlich ueber das Urteil berichten.