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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1964-10-01 · 10 (Octubre, 1964) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVI (1964)
Issue
10 (Octubre, 1964)
Date
1964-10-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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OCTUBRE 1964 9 BOLETIN INFORMATIVO EIN TAG IM FRANKFURTER AUSCHWITZ-PROZESS Von HORST KRÜGER ln der Zeitschrift “Der Monat” erschien eine Reportage von Horst Krüger unter /dem Xitel “Im Labyrinth der Schuld — Ein Tag im Frankfurter Auschwitz-Prozess”. Der Autor leitet das Nachtstudio des Südwestfunks in Baden-Baden. Er ist Herausgeber mehrerer zeitkritischer Anthologien darunter des Bandes “Was ist heute links?” (Paul List Verlag, München). Sein Bericht gibt ein ¡ausserordentlich anschauliches Bild von der Atmosphaere des Frankfurter Prozesses, der in gewissem Sinne ein Gegenstück zum Jerusalemer Eichmann-Prozess darstellt. Wir veroeffentlichen nachstehend einige Abschnitte aus dem Aufsatz, von denen wir annehmen, dass sie für unsere Leser von besonderem Interesse sind. (Red.) Ich fahre zum Auschwitz- Prozess. Seit Monaten liest man davon in den Zeitungen : Berichte1, Reportagen, Kommentare, die anfangs ein wenig (Aufsehen erregten, bald Gleichgültigkeit ausloesten. Spaeter griff Unmut und Ueberdruss Platz: was soll das? Es ist alles so kompliziert und langwierig : fünf Jahre Voruntersuchung, so hoert man, und eine Anklageschrift von (siebentausend Seiten — wer soll das übersehen, verstehen, verfolgen? Es ist eine Sache für Fachleute. Es ist wie ein Zeitstück, das zehn Jahre zu spaet zur Premiere kam: schon am Tage seiner Uraufführung ist es veraltet. Ein Fortsetzungsroman, der sich seit Monaten sproede dahinquaelt, ein Roman des Schrek kens, der in der Oeffentlichkeit Langeweile ausloest KZ-Greuel — wer kann das noch hoeren, wen soll das noch interessieren? Wir wissen doch alles. Pflichtreport der grossen Zeitungen, Pflichtlektüre fuer niemanden, kein Stoff fuer Boulevardblaetter, Bild war nicht dabei, kein Thema für Parties, und als ich neulich so beilaeufig sagte: “Ich gehe s. um Auschwitz-Prozess”, entstand unter den abendlichen Gaesten für einen Augenblick verlegenes, betroffenes Schweigen, “Ja, ja: ja furchtbar”, sagte jemand im Hintergrund, “Sie Aermster”, fügte eine Dame hinzu, und die Gastgeberin schenkte neuen Whisky ein und versuchte von diesem Wort abzulenk°n. Ich schwieg; es waren hier keine Nazis. Ich hatte nur in einer Abendgesellschaft ein unpassendes Wert gebraucht: Auschwitz sagt man in unserem Lande nach Dienstschluss nicht gern, es ist ein verpoentes Wort .so wie das Wort DDR im Dienst... Ich fahre zum Auschwitz- Prozess, um diesen Mythos in mir aufzuklae^^n. Tch will nur dasitzen und zuhoeren. Zusehen und beobachten. Es ist eine letzte Chance. Jetzt hat noch einmal diese letzte W/elle politischer Prozesse (begonnen. Sie ist wichtig. Es ist eine unwiederholbare Moeglichkeit, der Vergangenheit in Fleisch und Blut, der Geschichte in ihren Akteuren zu begegnen, die Taeter und ihre Opfer nicht als Standbilder des Schreckens oder des Leidens, sondern als Menschen wie Du und ich. Ich will dieses Drama tiei Zeitgenossen sehen, bevor es in den lAbgrund der Geschichte versinkt. Nach dieser Prozesswelle wird der Vorhang der Zeit für immer geschlossen. Das Stueck ist aus. Der Stoff wird Geschichte werden, wird in die Haende der Historiker upbergehen, es wird Thesen, Richtungen und Lehrmeinungen geben, die Kinder werden es in der Schule lernen, widerwillig und gelangweilt wie ein Schillergedicht; Stoff für die Oberstufe, wie der Satz des Pythagoras oder die “Anabasis” des Xenophon. In zwei Generationen Prüfungsfrage fuer Abiturienten, die man büffeln muss: Erzaehlen Sie uns etwas aus den 40er Jahren in Osteuropa. Und der Prüfling zoegernd: Es war da ein grosser Krieg, und die Russen und die Deutschen und die Polen. Und der Prüfer etwas schaerfer: Was geschah damals in Auschwitz? Und es wird dem Prüfling vielleicht so fremd klingen wie uns die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern. Vielleicht hat er es nicht gelernt? Muss man denn alles aus der Geschichte lernen?. .. Ich sitze in einem mittelgrossen freundlichen Bürgersaal, in dem offenbar eine Untersuchungsbehoe r d e tagt. Der Raum ist etwa 120 Meter lang und 40 Meter breit, die Waende sind bis an die Decke holzgetaefelt, hellbraunes billiges Holz, grüner Vorhangstoff verseht i e s s t, rechts eine Bühne, daneben ist ein grosses Relief angebracht, das das Lager Auschwitz darstellt. Ueber den Lautsprecher dringt eine Stimme etwas dunkel und verschwommen in den Saal, es muss die Stimme des Zeugen sein, und da ich das Spiel der Rollen hier schon nicht verstehe, beschliesse ich, wenigstens zuzuhoeren. Die Stimme sagt B I, B II und B III”. Nach einer Pause: “Und dann gab es noch den raetselhaften Abschnit B II b: ein Raetsel in dieser Hoelle, ein Abschnitt in Auschwitz, in dem Frauen und Kinder und M a e n ne r zusammenlebten nicht geschoren wurden. Die Kinder bekamen sogar Milch und hatten einen Kindergarten”. Wieder nach einer Pause fügt die Stimme hinzu: ‘Aber das bittere Ende kam auch für sie , Sechs Monate nach ihrer Ankunft wurden die mehr als 3000 Insassen von B II b ploetziich vergast”. Und nach einer Pause sagt die Stimme aus d*n Lautsprecher,- “Ich schildere jetzt meine eigene Ankunft in Auschwitz. Ich kam zuerst nach Auschwitz I ins Stammlager. Schon b:vor wir das Lager erreichten, machten sich SS-Leute an uns heran und fragten: Hast du Geld, eine Uhr? Gib’s her. Im Lager behaeltst Du es doch' nicht. Ich werde Dir dann im Lager helfen. Ueber dem Tor, durch das wir marschierten, stand, “Arbeit macht frei“. Links erklang Walzermusik, eine Kapelle übte. Wir dachten gar nicht, dass wir in eine Hoelie kommen sollten. Es sah alles so friedlich, so ruhig aus’ . Die Stimme macht von neuem eine Pause. Es ist ganz still in dem grossen Saal. Eine Frau vorn, eine Schoeffin, hat zu weinen begonnen. Die Stimme erzaehlt, wie die Haeftlinge in den Waschraum gebracht wur,- den, wie sie .dort nackt standen, dicht an dicht gedraengt, und sie wussten nicht, ob nun Wasser oder Gas herauskaeme. “Wir warteten, aber es gesenah nichts. Das einzige, was wir tun konnten, war, von dem (tropfenden Wasser zu lekken. .Nachts wurden wir dann hinausgetrieben ins Freie, es war eine kühle Mainacht, der Regen rieselte leise, und wir standen und warteten, wir standen die ganze Nacht. Am naechsten Morgen wurden wir dann rasiert, aber rasieren konnte man das kaum nennen, es wurden uns die Haare ausgerissen. Und dann hiess er: Ihr bekommt jetzt Eure Gardercjbenummer. die müsst Ihr Euch merken, die ist wichtig für Eure Entlassung Aber es war nur die Nummer. die auf die Haut taetowiert wurde. Da wurde uns deutlich, dass wir , keine Menschen, sondern nur noch Nummern waren” Einige Frauen haben Taschentücher im Gesicht, als die Stimme fortfaehrt: “Ich sah schon die Schornsteine, ich stand vor den Türen der Gaskammer, als mein Trupp vom Krematorium ploetziich wieder zu rückgefuehrt wurde. Alles schien raetselhaft. Erst spaeter erfuhren wir: die Leichen eines in der Nacht vergasten Transportes aus Frankreich, die noch nicht weggeraeumt worden waren, verhinderten die Ermordung neuer Opfer. Und spaeter dann wieder ein neues Wunder. Es kam ein SS-Mann und fragt: Bist Du der Arzt? Bist Du ein guter Arzt? Ich sagte: Ich iweiss es nicht. Er nahm mich mit, und so wurde ich gerettet. Danach wurde ich Lagerarzt im Quarantaenelager, und da erst lernte ich den Zweck des Lagers kennen”. Und der Mann erzaehlt weiter, wie er sich langsam im Lager zurechtfand, einrichtete, mit der Maschine des Todes zu leben lernte. ... Ein unbegreiflicher, rasender Wille zu überleben muss ihn beherrscht haben,- .•xi-pht sterben, .ich nicht, ich -werde überleben, ich werde ¡die schrecklichste ©tunde Europas überleben, Gier und Verzweiflung, nur dazubleiben, nur durchzuhalten, sich an sein Stück Brot zu klammem: <essen, trinken, gehorchen, arbeiten, mitmachen, nicht sterben überstehen — ueberstehen, um einmal davon Zeugnis abzulegen, was hier dei Mansch dem Menschen antat ... Der Zeuge hat eben das Wioi-t “Sanka” gebraucht,. Ich stutze. Das Wort klingt mir seltsam fremd und vertraut im Ohr. Sanka — das kennst du doch? ist das ein Ortsname im Osten, ein Medikament? Das hast du doch einmal gehoert? Es ist so schwer, sich an alles zu erinnern nach zwanzig Jahren. Und waehrend ich noch über dieses merkwuerdige Fremdwort nachgrüble, hoere ich die Stimme sagen: “Die meisten wurden direkt in Sankas mit Phenol abgespritzt”. Und da ist das Wort ploetziich da, aus den Schaechten der Vergangenheit schnellt es empor: Erinnerung an meine Jugend, Erinnerung _an die technische Sprache der Ordonnanzen und Bataillone, die verhasste schreckliche Sprache des Militaers, dem ich zugehoerte Sanka, das hiess Sanitaetskraftwagen, und du damals in der zweiten , Kompanie des 1. Fallschirmjaegerregiments, hast doch auch einen Sanka gefahren: natürlich, das waren die kleinen wenidSiglan, weissen Busse mit dem Roten Kreuz auf dem Dach, auch Opel Blitz. Damit wurden die Verwunde ten .abgefahren, und sie s c h r ie e n und stoehnten manchmal und wünschten ihren Fahrer in die Hoelle. Ich fuhr meinen Sanka zum Hauptverbandsplatz nach Smolensk. Es war alles in Ordnung. Ich tat meine Pflicht wie 70 Millionen andere Deutsche auch. Wir eile taten ja nur unsere Pflicht. Aber was waere gewesen, wenn auf meinem Marschbefehl nun zufaellig nicht das Wort Smolensk, sondern das unbekannte .nichtssag ende Wort Auschwitz gestanden haette? Natürlich haett-e ich meine Verwundeten auch dahin gefahren, natürlich, ein Soldat tut immer, was ihm befohlen wird. Ich haette sie nach Auschwitz gefahren, und vielleicht haette ich sie bei dem Haeftlingsarzt, der jetzt hier als Zeuge spricht, abgeliefert: taeglich ein oder zwei Verwundete für die Sanitaetsbaracke in Auschwitz. Das ist -doch nicht viel. Und dann weiter? Was haette ich noch getan? Es waere mir kaum entgangen, dass hier nicht Genesung, sondern Toetung betrieben wurde. Was haette ich getan? Wahrscheinlich haette ich wie alle anderen die Augen verschlossen und eine Weile so getan, als merkte ich nichts. Ich haette vielleicht meinen Stabsfeldwebel und meinen Zugführer noch mehr gehasst, ich haette die 'Faust in der Manteltasche geballt und abends noch versessener BBC gehoert, aber sonst? Ich bin nicht freiwillig zu den Fallschirmjaegern gegangen, ich wurde von der Luftwaffe abkommandiert. Und wenn man mich nun nach Auschwitz abkommandiert haette? Es war doch damals in dieser chaotischen, irren Zeit vieles moeglich. Warum sollte man nicht einen Gefreiten, -der an der Front nichts.taugt, in ein iTÜckwatertiges Arbeitslager abkommandieren? Was haette ich gemacht? Waere ich wirklich ein Held gewesen? Waere ich wirklich vor meinen Leutnant getreten und haette gesagt: “Nein, das tue ich nicht. Ich nicht. Ich verweigere diesen Befehl' . Ich waere ja als Soldat, als Uniformierter gek o m m e n und haette die Chance zu überleben gehabt, und ich wollte überleben — bei Gott. .. .Die Sitzung wird für zehn Minuten unterbrochen” Ich muss etwas abwesend gewesen sein, ich hoere den Satz wie nachtraeglich und sehe, wie sich ploetziich alles erhebt und rechts und links den beiden Ausgaengen zustrefot. Und auch ich erhebe mich wie ein Traeumender, gehe wie abwesend der linken Tür zu, durch die sich jetzt alles draengt, und stehe dann draussen im Foyer und weiss eine Weile nicht, was ich nun tun soll... Da spricht mich jemand an. Es ist ein Kollege, ich kenne ihn seit Jahren, ein Journalist aus Hamburg, er sass selber einmal im KZ, und er beginnt mir nun in seiner etwas nervoesen, fahrigen Art zu erzaehlen. Er ist seit dem ersten Tage hier, er kennt alles, berichtet jeden Abend telefonisch für seine Radiostation nach Hamburg. Er hat zahllose papliere und Notizen bei sich, er spricht von den Richtern, Schoeffen, Anwaelten und Angeklagten vertraulich wie ein Theaterkritiker von alten bekannten Mimen, “Und die Angeklagten”, frage ich gespannt, “wo sind denn die eigentlich?”. Der Kollege sieht mich etwas erstaunt an, laechelt ironisch, legt die Hand wie zum Flüstern an seinen Mund und sagt: “Na, Mensch sehen Sie denn nicht, hier direkt neben Ihnen, und da hinten die Herren im Sessel. Und die da am Fenster, und der da an der Garderobe- Und so”. Und da begreife ich zum ersten Mal, dass all diese freundlichen Leute vorhin im Saal, -die ich für Journalisten oder Anwaelte oider Zuschauer hielt, dass sie ja die Angeklagten sind, und dass man sie natürlich nicht unterscheiden kann von uns allen. 22 Maenner sind hier angeklagt, 8 sind in Haft, 14 gegen Kaution in Freiheit, und alle sehen mit ganz wenigen Ausnahmen natürlich aus wie alle anderen, benehmen sich wie alle anderen, sind wohlgenaehrte gut gekleidete Herren im gehobenen Alter: Akademiker, Aerzte, Apotheker, Kaufleute (Handwerker, Hausmeister, Bürger unserer neudeutschen Gesellschaft im Ueberfluss, freie Bundesbürger, die draussen wie ich ihr Auto vor dem Roemer stehen haben und zur Verhandlung kommen wie ich. Da ist nichts zu unterscheiden. Wie hiess der Film bald hach Kriegsende? “Die Moerder sind unter uns”. Das war vor 17 Jahren. Nun ist ein neues Interesse in mir erwacht. Ich moechte sie sehen, beobachten, erkennen. Es muss doch etwas zu unterscheiden sein. Irgendwie muss es sie doch drücken, absondern, einsam machen. Man kann doch nicht mit der Last von Ausch witz auf den Schultern hier herumspazieren, als sei eine Theaterpause. Und ich naehere mich vorsichtig dar grossen, ledernen Sitzgruppa an der Wand. Fünf wohlbeleibte gutmuetige- Herren sitzten dort, etwas massig und auf gequollen, trinken Coca Cola und Sinalco, rauchen Zigaretten und führen miteinander Gespraeche. Her ren in der Pause einer Aufsichtsratssitzun^ Zwei von ihnen scheinen gehbehin- (Fortsetzung Seite 12) 1

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