Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXVI (1964)
- Issue
- 9 (Septiembre, 1964)
- Date
- 1964-09-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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SEPTIEMBRE 1964 BOLETIN INFORMATIVO DIE BEIDEN SEITEN Es soll hier von zwei Buechern gesprochen werden, die wie Bild — und Kehrseite anmuten. Da die letztere stets uns zugekehrt ist, wollen wir sie zuerst betrachten. “Ein Sohn Hiobs” von León W. Wells ist die im Carl Hanser Verlag. Muenchen, erschienene deutsche Ausgabe von “Janowska Road” und “Pour que la Terre me souvienne”. Das Kernstueek des Berichtes — Todesbrigade — wurde bereits 1946 in Polen veroeffentlicht. León Weliczker Wells wur de 1925 in einer chassidischen Familie geboren und war knapp 16 Jahr alt, als er in die Todesbrigade kam. Es gelang ihm, sich Papier und Bleistift zu beschaffen und ein Tagebuch zu fuehren, das er auf der Flucht mit sich nahm. Kein Literat, kein Erfinder von Geschichten, auch keiner der seine Fabel ausschmueckt, sondern ein Chronist ein u,n pat hetischer manchmal vielleicht unbeholfener Aufzeichner dessen, was er sieht und hoert: das ist der junge Mann, der drei Jahre seines Lebens in jener Sonderabteilung verbringt. In dieser Zeit verliert er seine Eltern, vier Schwestern und zwei Brueder. Ohne anzuklagen. aber auch ohne zu verteidigen, zieht sein Bericht an uns vorueber. Seine Jugend in Stojanow, in der Naehe von Lemberg “Von den nichtjuedischen Scbu eiern wurde ich oft verhauen... Mein Vater... sagte zu mir: “Ein Jude schlaegt nicht zurueck”. Als ich einwendete “Ich .bin doch stark und habe keine Angst”, war die Antwort: “Und was soll aus den anderen juedischen Buben werden, die vielleicht nicht so stark sind?” Und dann gab er mir noch zu verstehen, dass Gewaltanwendung zuweilen zu einem Pogrom gegen die Jurlen fuehren kann. “Jeder Jude ist fuer alle anderen Juden verantwortlich”. Knappste Kommentare verhaltene Gefuehle, die nur selten durchbrechen: Bei Erhalt der .Nachricht, dass die Mutter abgeholt wurde, macht der Sohn einen Selbstmordversuch. Sein Onkel sagt zu ihm: “Vielleicht bist Du dazu 'bestimmt, als einziger die Familie vor dem Aussterben zu bewahren”. Die Umgebung, die Menschen und vor allem die taegliche “Arbeit” in der Todesbrigade schaerfen das Auge des heranwachsend en Mannes, machen ihn hellhoerig, lassen ihn tief in das menschliche Sein schauen. “Man lehrt zwar, das Menschen mit einem gemeinsamen .tragischen Schicksal sich Zusammenschlüssen und Freunde werden. Wir jedenfalls haben das nicht feststellen koennen”. Endlich gelingt die Flucht. Und es gehoert zu dem Erschuetterndsten mit zuerleben, wie stille, friedliche, fromme Menschen im Kampf um die Freiheit toeten koennen. Wells gelangte nach Muenchen, promovierte an der dortigen Technischen Hochschule zum Ingenieur und lebt seit 1953 in den Vereinigten Staaten, wo er Direktor einer wissenschaftlichen Forsohungsgesellschaft ist. Durch ihre schlichte Objektlvitaet, durch ihr Freisein von Hassgefuehlen und auch Von Samuel Benhaim von Sentimentalitaet, durch ihr. zwaj grauenvolles, aber mutiges Ausmessen des ganzen menschlichen Abgrundes, an dessen Rand der Chronist taeglich und stuendlich stand zeugen diese Aufzeichnungen aus der Flut von ¡Literatur ueber das Thema hervor. Das Buch des heute noch nicht Vierzigjaehrigen schliesst mit dem uralten juedischen Bekenntnis des Zeugen: “Ich glaube mit diesem Buch linen Auftrag erfuellt zu haben: Die Welt wissen zu lassen, was geschehen ist. Dir letzte Wunsch, meines Volkes war, die Welt wissen zu lassen was geschah. Es hoffte und fuehlte, dass die Welt Anteil an seinem Geschick nimmt und darueber Bescheid wissen moe.chte. Nimmt die Welt Anteil?”. Fast gleichaltrig 1926 geboren, ist der Verfasser des Buches, das wir als Bildseite jener Kehrseite gegenueberstellen wollen. Joachim C. Fest schrieb “Das Gesicht des Dritten Reiches”, herausgegeben vom Piper Verlag, Muenchen. Er erlebte als junger Mensch die Fassade, die blendende Vorderansicht, und versucht jetzt, durch jene Gesichter hindurchzuschauen und deren Traeger psychologisch zu ergruenden. So zieht in einem Buch von 500 Seiten, davon 85 Seiten Anmerkungen, wiederum jene beruehmte Bildnisgalerie an uns vorueber, deren Fratzen im ganzen sattsam , bekannt sind und der Geschichte der Menschheit einge b r a n n t bleiben, deren Einzelzuege jedoch in dieser Darstellung mitunter schaerfer beleuchtet werden. Vielleicht traegt es zu besserem i Verstaendnis bei, wenn darauf hingewiesen wird, das Hitlers Lieblingsautor Karl May war, den er sogar seinen Generaelen als Anregung fuer die moderne Kriegsfuehrung empfahl. Seine persoenliche Ansicht: “Der ewige Friede auf der Welt tritt erst dann ein, wenn der letzte Mensch den vorletzten umgebracht haben wird”, setzt er taktisch, zunaechst mit Erfolg in die Praxis um, denn es zeigt sich, “dass sich immer die eine oder andere europaeische Macht bereitfand (den Anfang machten Polen und England), ihren eigenen zweisetigen Frieden mit Hitler zu machen und damit nicht nur die Freunde und Bundesgenossen sich selber z!u uF'berlassen, sondern auch den Gedanken gemeinsamer Verantwortlichkeit zu desavouieren”. (S. 429 Anm. 17). Trotz aller Erklaerungen bleibt die Antwort auf die Frage, wie es zu allem kommen konnte, hoechst unbefriedigend, obwohl das ehrliche Bemuehen des Autors anerkennenswert ist. Da lesen wir tragikomische Aeusserungen von Goering: “Denken, denken. Wenn wir nachgedacht haetten, haetten wir den Krieg gar nicht angefangen”, hellsichtige von Goebbels: “Wir werden als die groessten Staatsmaenner aller Zeiten in die Geschichte eingehen, oder als ihre groessten Verbrecher”. pa erfahren wir, dass Reinhard Tristan Eugen Heydrlch “eine vielfach gaWrodhene Persoenlichke.it” war, denn “er hatte jue dische Vorfahren” — wer haette das gedacht—. Doch die Galerie ist zu lang, als dass wir hier auf jedes Portraet eingehen koennten, obwohl viele sehr wichtig und manche mit grosser Sorgfalt gezeichnet sind. Es sind da auch Kollektivgemaelde: “General von X — Haltung und Kölle des Offizierskorps im Dritten Reich” und besonders “Professor NSDAP” — die Intellektuellen und der Nationalsozialismus” : Hier tauchen jene auf, die den “Hochverrat des Geistes” betrieben, zu dem Ernst Juenger sich nicht ohne Stolz bekannt hatte: hier kommt die Mitschuld, der deutschen Universita e t e n und vieler fuehrenden Maenner in der Wissenschaft und ,der Kunst zur Sprache. In .dem Kapitel “Rudolph Hoess— Der Mann der Menge”, wird dargetan, dass es gerade die “Normalitaet” war, “von der dass Grauen die bestimmenden Zuege empfing Sie hat das Bild des Menschen nachhaltiger erschuettert. als es selbst der kollektive Ausbruch niedriger Leidenschaften je vermocht haette”. Der Kommandant von Auschwitz schrieb zwei Abschiedsbriefe. Er gibt seiner Frau und Kindern den Rat, einen anderen Namen anzunehmen: “Das Beste ist, wenn mit mir auch fuer immer mein Name verschwindet”. Die beiden Briefe sind bisher in Deutschland nicht veroeffentlicht worden. Diese letzte Kapitel erscheinen uns besonders gelungen, nicht zuletzt wegen des Versuches, die Geschehnisse auch von der Masse her zu verstehen, Fest schliesst sein Buch mit diesen Worten: “Gewiss ist Hitler tot. Aber er war, trotz allem, zu gross, zu unverleugbar Symptom und Ergebn i s spezifischer Fehlentwicklungen unse rer Geschichte. zu sehr “in uns selbst”, als dass das Vergessen eine angemessene Reaktion waere”. In den beiden Buechern, die hier viel zu kurz behandelt .wurden, taucht eine Frage auf, die unserer Meinung nach die entscheidende ist: die Verantwortung. “Jeder Jude ist fuer alle anderen Juden verantwortlich”, sagt Wells Vater. ((Den Gedtenken gemeinsamer Verantwortlichkeit zu desavouieren”, lesen wir bei Fest. Voraussetzung der Verantwortlichkeit ist das Gewissen. Hitler wollte das Gewissen, das er als eine “juedische Erfindung” erkannte, “abschaffen”, Aber er war nicht der erste. Zur Erleichterung von der schweren Gewissenslast, die tatsaechlich eine der grossen juedischen Schoepfungen auf dem Wege zur Hoeherentwicklung des Menschengeschlechts ist, hat man seit vielen Jahrhunderten mancherlei unternommen. Gewissenlosigkeit und die daraus sich ergebende Verantwortungslosigkeit im Einzelnen und in ganzen Gemeinschaften haben ein geruetteltes Mass zu all diesem Unheil und Upglueck beigetragen. Wohl denen, die in aller Zukunft sich in ihrem Denken und Tun nach ihrem Gewissen richten und danach gerichtet werden ■ koennen. 0 KUNST UND UTERATUnj KREUZ UND QUER MIT LILIANETTE Als einen Reisebericht unter dem Motto “Alles durcheinander —alles kreuz und quer” hatte Lilianette Ihr diesjaehriges Auftreten in Santiago angekuendigt. Und ein Euenfmal .ausverkauftes Haus zeigte ihr. mit welchem Interesse und Spannung unser —ihr— Publikum diesem Bericht entgegensah, zumal sie ihre Reise nach Israel gefuehrt hatte, wo sie die dortigen Buehnen in einem wahren Triumphzug erobert hatte. Wie immer, kamen alle auf ihre Kosten. Nachdem Lilianette mit Musik von Gerhard Bronner und Text aus eigener Lese —bei einem andren Chanson zeichnet sie als K'omponistln— “Viel Vergnuegen” fuer die Reise gewuenscht hatte, ob diese nun im Flugzeug oder der Eisenbahn stattfinde, flogen die zwei Stunden in einem Eiltempo vorueber, dass man glaubte, sich, in einer Raumflugrakete zu befinden. Soviel Schmiss, Abwechslung Witz und Charme! Fraglich blieb nur, ob auch Lilianette auf ihre Kosten kam d. h. ob sie ihr Publikum nicht schon etwas zu sehr verwoehnt hat und in puncto Applaus auch den grossen Dank erfaehrt, der iljr fuer ihr Koennen und ihre Leistung, sowie fuer ihre Grosszuegigkeit dem Cisroco und Altersheim gegenueber uneingesehraenkt gebuehrt. In einem Programm, das keine Schwaeehen aufweist, ist es schwer, Hoehepunkte herauszustreichen. Und bei einer Kuenstlerin. zu deren hervorragendsten Eigenschaften die Verwandlungskunst gehoert, wird es dann leicht zu einer Frage des persoenlichen Geschmacks, ob man bei ihrem “Wunderkind” das Schauspielerische. bei “Erich” das Temperament oder bei dem "Opernbesuch” die satirische Saite besonders bewundert. Auch dass jStriptease-Taenzerinnen keinen anziehenden Beruf ausueben, wusste Lilianette ebenso ueberzeugend darzüstellen wie den “Trieb” — Wagen, in dem deutsche Ehefrauen allein auf Suche nach Abenteuern in die Ferien nach Italien fahren, “das ¡Land, in dem die Zitronen... und die Matronen bluehen”. Einstimmige Begeisterung fand auch die originelle “Nussknacker Suite”, sehr frei päch Tschaikowski von Hugo Wiener, in der sie von drei Ehen nebst dazugehoerigen Scheidungen erzaehlte, sowie von dem zukuenftlgen vierten Ehemann, bei dem sie die Gruebchen verfuehrt hatten. Allerdings picht die in den Wangen, sondern die in der Ruhr. Am Fluegel sass diesmal Peter Janssens ,von den Deutschen Kammejrspielen. Unvermeidlich, dass sich da die Geister schieden: ein Teil des Publikums vermisste wehmuetig die alten Wiener Walzer des lieben Kapellmeisters Herman Ludwig -der andere —juengere— Teil nahm mit Begeisterung die Wendung zum Modernen auf und lauschte beglueckt dem ver j azzten “Summer ti me” aus Porgy and Bess. Als Begleiter jedenfalls war er mehr als einwandfrei und voll Einfuehlung. Wie im Vorjahre, versprach Lilianette am Schluss, naechstes Jahr wiederzukommen. Wie sie behauptete “aus daffke". Diese ironische Wendung wurde ihr aber, wie Lachen und langanhaitender Applaus zeigte, nient uebelgenommen, da ein jeder versteht, dass zu diesem Genre ein Spritzer Ironie absolut passt. Also bitte, Lilianette. kommen Sie naechstes Jahr wieder, und sei e» auch nur “aus daffke”. Denn die Hauptsache ist, Sie kommen wieder! K. 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