Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1964-01-01 · 1 (Enero, 1964) · p. Seite 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXVI (1964)
Issue
1 (Enero, 1964)
Date
1964-01-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/8553624-8559039-9194549--4099-8559058
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

ENERO 1964 BOLETIN INFORMATIVO 19 GEDANKEN ZWISCHEN ZWEI UND DREI WENN EINER EINE REISE TUT... Hinter jeder gluecklichen Landung steht ein Erlebnis. Selbst ¡die fcreignisloseste Reise hat als Pluspunkt zu mindest das Erleben des technischen Wunders ,zu verzeichnen, wenn man ¡bereit ist, es als solches zu bewerten und zu erkennen. Die Luft—, Wasser- oder Schienenstrang — befoerderten Wohnkapseln, mit denen uns der : Fortschritt verwoehnt hat und die uns das Reisen so selbstverstaendlich bequem erlauben, bleiben fuer ¡dankbare Gemueter angestaunte Mirakel. Ihre maschinelle Schoenheit sollten selbst routinierte Reisende nicht viebersehen. Jede Reis'e hat Licht- und Schattenseiten. Die sonnigen Momente schafft man sich selbst, fuer die dunklen Streifen sorgen die lieben Mitmenschen. Womit wir also beim Thema waeren: Die Aufträge und “kleinen” [Bitten der Freunde. Schweigen wir von Bekleidungsstuecken in ganz bestimmten Groessen, Farben und Materialien, die immer und unweigerlich anders ausfallen, als der Besteller sie ertraeumte; von kosmetischen Gross— und Kleinigkeiten, die stets teurer sind, als vorgesehen war; von Wundermitteln, die es ueberhaupt nicht gibt, ausser in Katalogen, die natuerlich laengst ueberholt sind; von Delikatessen, die anders schmecken, als die Erinnerung sie vergoldet; von ueberdimensionalen Familienstuecken, wie Bowlengefaesse ( und altmeissner Suppenterrinen, die man als “Kleinigkeit” im letzten Moment ins Hotel geschickt bekommt. Vergessen wir, dass als selbstverstaendlich vorausgesetzt wird, [dass man schwer zu beschaffende Devisen gerne vorlegt, um nachher, zu voellig anderem Kurs, mit misstrauischer und miss mutiger Abrechnung, Landesgeld zurueck zu bekommen. Sprechen wir nur von jenen erbetenen “Freundschaftsdiensten”, die uns in Hand oder Koffer gezwungen werden, das (wir doch, bitte, es ist ja keine Belaestigung und alle Kosten werden natuerlich gezahlt mitnehmen sollen. Es ist keine Fantasie, wenn ich Ihnen erzaehle, dass einem gutmuetigen Herrn als “kleines”, besprochenes Paketchen ein — Schiessgewehr im New Yorker Flughafen uebergeben wurde. Der Aermste, der auf seiner Rueckreise nach Chile erst in vier suedamerikanischen Staaten Station machte, rutschte mit knapper Not am Gefaengnis vorbei, ¡musste Garantien hinterlegen, Konsulate bemuehen, versaeumte wichtige i Termine durch hitzige Verhandlungen m i t misstrauischen Behoerden, wurde wie ein Waffenschmuggler behandelt und beobachtet. Dass der Empfaenger dann (ohne Dank natuerlich) eigentlich ¡ein anderes Modell erwartet hatte, machte das Ganze zur ironischen Farce, die (nebenbei gesagt) den Bis-dahin-und-nie-wieder-Mitbring-willigen stattliche und nie wiedergesehene 70.—Dollars gekostet hatte. Eine andere, ebenso, operettenhafte wie wahre Begebenheit sei erzaehlt. Der neue Vertreter eines europaeischen States hoerte, dass er zum Tedeum des Nationalfeiertages in Frack und Zylinder zu erscheinen habe. Der Frack war selbstverstaendlich vorhanden, aber der Zylinder fehlte. So etwas gibts hier noch nicht einmal in der Casa Util. Schoen, da§ ist fuer einen Diplomaten kein Problem. Schnell wurde der delikate Roehrenhut in elegantester Form bei einer fashionablen Firma in London bestellt und mit spezieller Kurierpost abgeschickt. Leider verwechselte ¡man einen suedamerika n i s c h e n Staat mit einem anderen, und die kostbare, in sehr verschlossenem spezialbehaelter 'Spin ¡verpackte Kopfbedekkung landete in Argentinien, wo sie anfing zu verstauben, bis der nunmehr frenetische Besteller sie lokalisierte. Ein harmloser und nichtsahnender Landsmann jenes unbehueteten Diplomaten wurde mit der Weiterbefoerderung des vornehmen Gepaeckstueckes betraut, als er eufaellig in der Gesandtschaft vorsprach. Es gibt heute fuer mondaene Frauen Spezialkoffer fuer Peruecken; sie sind handlich, aehnlich den Kosmetik-Koefferchen, unauffaellig und chic. Man kann sie bequem unter den Sitz schieben, sie evtl, im Flugzeug sogar als Fusstuetze benutzen; sie stoeren nicht. Ein Zylinder ist ein altmodisches Kleidungsstueck und unfoermig antiquiert ist auch sein Behaelter, PIROMETROS - TERMOMETROS para Industrias y Laboratorios mm i tu. Lim. ENTREGA INMEDIATA Nueva York 52, Of. 418 — Tel. 87765 besonders, wenn er von einer traditionsbelasteten e n g 1 ischen Firma geliefert wird. Er ist hoch und stoerend rund, zu hoch fuer das Gepaecknetz und viel zu ¡rund und rollend zum Hinlegen. Man muss das Ding also notgedrungen staendig in der Hand halten. Kein reines Vergnuegen, selbst bei der kuerzesten Reiseroute. Man balanciert, am Ziele Ungekommen, den unbequemen Kasten, durch Handgepaeck, Mantel und Schirm behindert, endlich zum Zolltisch und atmet auf. “¿Qué es esto, señor?”. “Un cilindro”, antwortet unser sprachbegabter Freund. “ Cilindro de qué y para qué?”, ist die misstrauische Frage, ‘quiere abrir la maleta, por favor”, la, Pustekuchen, man hatte oem Gutmuetigen vergessen, den Schluessel zu geben. Schwitzend begann er zu erklaeren, zu argumentieren, zu bitten. Kein Beamter der Welt wuerde DIE Geschichte glauben, wenn der augenscheinliche Beweis unter Verschluss ist; warum sollte also ausgerechnet der fantasielose und isehr wuerdetaewusste Zollangestellte in Cerrillos eine Ausnahme sein? “Esto se lo puede contar a su abuela, señor, queda requisado su equipaje”, war daher die peremptorische Erklaerung ides Subalternen, der glaubte,einem 1 internationalen Schwindler auf der Spur zu sein. Drohungen mit diplomatischen Verwicklungen prallten an ihm total ab, aller Protest nuetzte nichts, das gesamte Gepaeck verschwand vor den Augen unseres fassungslosen Freundes. Wie bei den meisten unangene h m e n Geschehnissen, fehlte auch hier nicht die Duplizitaet der Ereignisse. Es war ausgerechnet Sonnabend, Gesandtschaft und Konsulat geschlossen, und vor Montag oder Dienstag (je nach Art des diplomatischen Wochenendes) war mit Hilfe nicht zu rechnen. Die Quintessenz war ein besonders heiteres Weekend im Schosse der Vorwurf— und “Ich-Haette—” strahlenden Familie. Es dauerte Tage, [bis Bescheinigungen, Credenciales und Fuersprache ausser dem ominoesen Zylinder auch das uebrige Gepaeck ausloesten. Die Geschichte ist aber damit noch nicht zu Ende, sie hat, wie jeder Witz, einen Knallefekt. Ein Diplomat hat, ausser Cocktailparties und Kranzniederlegungen noch andere Pflichten. Der uns Interessierende war so beschaeftigt, dass er —ausruhend in Bewusstsein, ihn nun endlich zu besitzen— den weitgeholten, stolzen Kopfschmuck noch nicht eimal anschaute, bis der 18. September ihn dazu zwang. In seidigem Glanz lag er wuerdig in seiner Box, — aber, er passte ganz und garnicht auf das ebenso wuerdige Haupt. Er war so klein, dass alle diplomatischen Kniffe ihn nicht auf seinem von Gott und Protokoll bestimmten Platz balancieren konnten. Notgedrungen, aber grazioes musste et daher auf dem Arm dem Tedeum beiwohnen. Moral; > Ganz egal, ob Diplomat oder Jemand, der privat, Dir ‘nen clavo praesentiert, Sage schlicht und einfach: (NEIN; Pack nur eigne Sachen ein. Bringe lieber viel Geschen- (ke, Dass man froehlich Dein (gedenke. K...G. PREDIGER, GELEHRTER UND DICHTER (Zum 100. Todestage von Dr. Michael Sachs) Inmitten der langen Reihe religioes-schoepferischen Per soenlichkeiten, die das einstige deutsche Judentum innerhalb der grossen Umwandlungen und Veraenderungen des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hat steht Dr. Michael Sachs, dessen 100. Todestag auf den 31. Januar 1964 faellt, keineswegs an letzter Stelle. Er, der als Prediger, Wissenschaftler und Dichter zu grosser Bedeutung gelangen sollte, kam gewissermassen aus zwei Gedankenwelten: Seine Kindheit erhielt durch den frommen Geist des Elternhauses und der ehrwuerdigen Gemeinde Glogau, in der er am 3. September 1808 zur Welt gekommen war, jene besondere Praegung, die fuer sein spaeteres Leben massgebend und bestimmend . geworden ist. Das alte, ueberlieferte Judentum, die Schoenheit der biblischen Sprache, der Gedankenreichtum von Thora und Talmud, hatten auf die Seele des Kindes eingewirkt und dessen geistige Entwicklung weitgehend beeinflusst. Doch mit dem juedisch-traditionellen Geistesgut verband sich im jungen Michael Sachs die Liebe zur Welt der Antike ueberhaupt, zu den hohen Kulturwerten der nichtj uedischen Umwelt, nicht zuletzt zu den grossen Gestalten der deutschen Klassiker. Michael Sachs hat die Bewunderung und Verehrung von Mitwelt und Nachwelt vor allem durch seine Wirksamkeit als Prediger errungen. Der grosse Religionsphilosoph Dr. Max Wiener, Rabbiner zu Stettin und Berlin (1882 — 1950), sagte, ueber Sachs, dass dessen historische Bedeutung vor allem in der gewaltigen Kraft als Prediger und kongenialer Kuender des poetischen Gutes Israels gelegen habe. In Prag und spaeterhin in Berlin durfte Sachs seine segensreiche Taetigkeit entfalten. Auf der Kanzel kamen seine hohen Gaben zur schoensten Entfaltung; sein Wort packte die Zuhoerer. Noch zur Zeit unserer Eltern, um die Wende des Jahrhunderts, sprachen aeltere Menschen, vielleicht drei bis vier Jahrzehnte nach Sachs’ Tode, von dem religioesen Erlebnis, das ihnen, die eine oder andere Predigt des i gottbegnadeten Kanzelredners in der “Alten Synagoge” zu Berlin vermittelt hatte. Mit unerbittlicher Strenge, beseelt von innerer Wahrhaftigkeit und Lauterkeit des Denkens, bekaempfte er damals die Hohlheit und Oberflaechlichkeit, die sich allenthalben bemerkbar machte, im Kampf der heftigen Auseinandersetzung versuchte er, zu vermitteln. Die grossen Rabbinersynoden der Vierziger Jahre hatten ihn nicht zufriedenstellen koennen. Er fuehlte sich einem Amskollegen wie dem frommen und gelehrten Rabbiner Secharja Frankel in Breslau tief verbunden, dessen hoechste Sorge es war, die Gesamtheit vor Spaltung und Zersplitterung zu bewahren. Die bibelkritische Stellungnahme eines grossen Mannes wie Abraham Geiger stiess Sachs ab, dem das ganze geschichtlich - ueberlieferte Judentum ein heiliges Gut gewesen ist, Ausganspunkt seines Denkes Und Tuns. So war Michael Sachs ein Feind der “radikalen Reform” und er erstrebte die Aussoehnung des Glaubens mit dem- Leben; sein Ideal war aber auch nicht die starre Bindung an jede einzelne Vorschrift der Halacha, sondern eine lebendige religioese Weiterentwicklung auf der traditionellen Basis, die allein der extremen religioesen Linken begegnen koennte. So hat er Holdheims Berliner “Juedische Reformgemeinde’', aehnlich dem grossen Historiker Heinrich Graetz, mit Hohn und Spott verfolgt, und vielleicht war es nicht zuletzt seinem Einfluss zuzuschreiben, dass Holdheims Sonntagsgottesdienst in der “Johannisstrasse” weder in Berlin selbst eine weite Verbreitung noch sonst irgendwo in deutschen Landen Nachahmung erfuhr. Als Schriftsteller und Gelehrter ist Michael Sachs der weiten Oeffentlichkeit nicht im gleichen Masse bekannt geworden wie als Prediger, obwohl sein “Machsor” der Feste noch heute sehr geschaetzt wird; mit ihrem “Sachs” im Gepaeck haben viele unserer Menschen damals den Weg in die ungewisse Fremde angetreten, “religioese Poesie der Juden in Spanien”, die "Stimmen vom Jordan und Euphrat”, auch die Uebersetzung der “Piutim” in den Feiertagsgebeten sowie die Uebertragung des “Siddur” ins Deutsche sollten im letzten Sinne kein anderes Ziel haben, als zu beweisen, dass die Geistesarbeit im juedischen Volke auch in den dunkelsten Zeiten seiner Geschichte niemals aufgehoert habe. Sachs ist nicht alt geworden, nur 56 Jahre. In seinem Berliner Amte blieben ihm Kraenkung und boeswillige Kritik nicht erspart. Doch auch seine schaerfsten Gegner vermochten keinen Makel an seinem Charakter zu finden, und von “ganz rechts” und "ganz links” her musste man seinen reinen juedischen Idealismus anerkennen. Zu seinen bedeutend, s t e n Amtshandlungen der letzten Jahre gehoerte seine ergreifende Gedaechtnisrede an den Graebern der Berliner juedischen “Maerzgefallenen” von 1848. Unvergesslich bleibt auch sein Anteil an Leopold Zunz grosser Bibeluebertragung. Max Wiener widmet Sachs in seinem Werk “Juedische Religion im Zeitalter der Emanzipation” folgende schoene Worte; “Sachs mit seiner allseitigen Kultur des Geistes ist ein wundervoller Beleg dafuer, wie noch in einem Zeitalter, da das 'Judentum in den Seelen auch der Froemmsten und Willensstaerksten mit den uebergewaltigen Ideen der; Umwelt schwer ringen musste ,eine Persoenlichkeit sich seinem ungeschmaelerten Gehalt hingeben konnte”. Keine Frage, dass der “gemaessigte Konservatismus”, wie ihn Sachs vertrat, noch einmal das Aufleuchten einer vollen juedischen Totalitaet darstellte. Die neuen Probleme und Schwierigkeiten, die sich damals ergaben, schmolzen dahin in der Glut einer solchen leidenschaftliche Seele, aber sie verschwanden nicht aus der Welt. Sie sind auch heute noch vorhanden. Vielleicht koennen wir Heutigen aber von Michael Sachs lernen. CURT WILK

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.