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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1963-09-01 · 9 (Noviembre, 1963) · p. Seite 31

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXV (1963)
Issue
9 (Noviembre, 1963)
Date
1963-09-01
Page
Seite 31 (sequence 33)
Language
German
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SEPTIEMBRE 1963 BOLETIN INFORMATIVO 31 DICHTER IIAID KAEMPFER Am 20. September vollendet der grosse amerikanische Schriftsteller und Kritiker der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, Upton Sinclair, das 85. Lebensjahr. Es duerfte kaum einen gebildeten Menschen unserer Zeit' geben, der sich nicht mit dem einen oder anderen Werk dieses ungewoehnlich produktiven Autors auseinandergesetzt, oder mindestens, befasst haette. Alle ¡Gesellschaftserscheinungen Amerikas innerhalb der vergangenen sechs Jahrzehnte finden in den Schriften Sinclairs ihren Niederschlag. Niemand auf dem weiten Gebiete der Literatur ist in der grossen Oeffentlichkeit mehr diskutiert worden als dieser Schriftsteller, der schon in jungen Jahren aktiver Sozialist gewesen war, spaeter durch seine dokumentarisch-u nterbauten Thesenromane zur Beseitigung aufgedeckter Misstaende mehrfach beitragen hatte und mit seinem einzigartigen 11-baendigen “Lanny Budd-Roman”, dessen Geschehnisse vor dem Hintergrund der Weltpolitik ablaufen, sein Lebenswerk kroente. In diesem Kettenroman, zwischen 1942 und 1953 verfasst, wird Zeitgeschichte in sehr ansprechender aeusserer Form gereicht. Es ist ein genial-angelegtes Werk, das zugleich ein leidenschaftliches Bekenntnis zu Frieden und Freiheit, zur “repraesen - tativen Demokratie” des grossen amerikanischen Praesidenten Franklin Delano Roosevelt enthaelt, dessen Portraet vom Dichter liebevoll, mit grenzenloser Verehrung, gezeichnet wird. Fuer uns Juden ist dieser, Uptons Sinclair’s grosser historischer oder Schicksalsroman auch dadurch besonders wertvoll, weil in ihm Hitler- Deutschland und seine Wegbereiter, Generalstab und nationalistische Verbaende, Junker käste und Schwerindustrielle, richtig gesehen werden, und dass die Welt eine ueberzeugende Vorstellung vom Deutschland Wilhelm II. sowie der “Weimarer Republik” erhaelt. Wenn “Lanny Budd” am Ende des dritten Bandes, der “Drachenzaehne” ausruft: “Ich moechte alle Juden retten”, so will der Dichter —man schreibt 1934— die Wahrheit ueber die Nazigreuel, die noch lange danach von der Welt nicht geglaubt werden, in die Oeffentlichkeit hinausschreien. Und, weil alle weltaufwuehlenden Ereignisse dieser ersten Haelfte des Jahrhunderts in die Romanhan d 1 u n g hineinverwoben werden, ist das entstanden, was der verewigte englische Dichter und Historiker Wells als ein “wunderbares, ausgeglichenes Gemaelde, das vollstaendigste und getreueste Abbild des Weltgeschehens” bezeichnet hat. Der Geschichte ist in diesem groessten Werke Sinclair derjenige Platz zugewiesen worden, den sie verdient: Als die grosse Lehrmeisterin der Menschheit soll sie empfunden werden. Upton Sinclair hatte schon als 18-jaehriger in seiner Heimatstadt Baltimore seine ersten Novellen geschrieben, um sein kuenftiges Rechtsstudium in New York finanzieren au koennen. Spaeter Hess er sich in Kalifornien nieder, und ein wesentlicher Teil seiner Buecher behandelt Probleme, die dort aufgetaucht waren. Von seinen bedeutendsten Buechern seien hier “Der Liebe Pilgerfahrt”, “Boston” (Die Sacco- Vanzentti - Tragoedie ), “Chicago” (Der Roman der Schlachthoefe), .“Petroleum” und “Koenig Kohle” genannt. Als Kaempfer fuer Fortschritt ’und sozialen Ausgleich ist dieser grosse Schriftsteller an keinem Problem von Bedeutung voruebergegangen und so behandelt er auch haeufig die Judenfrage. In den letzten anderthalb Jahrzehnten hat der Dichter eine absolut ,— bejahende Haltung gegenueber dem Gedanken eines juedischen Staates angenommen und damit Israel als ernst zu nehmenden Faktor in sein Weltbild einbezogen. Afit der gesamten zivilisierten Welt hoffen wir Juden an Upton Sinclairs 8 5. Geburtstage, dass sein leidenschaftliches Eintreten fuer Wahrheit, Menschlichkeit und Weltfriede kein vergebliches gewesen sein moege, dass er erlebe, wie sich eine neue und bessere Welt auf den Truemmern jener Ordnung auf bauen lasse, deren Kritik das Lebenswerk aes Dichters galt und noch gilt. Curt Wilk Einem grossen jüdischen Goetheforscher zum Gedächtnis Georg Witkowski, ueberragender Literaturhistoriker und Goetheforscher starb vor vlerur.dzwanzig Jahren, am 21. September 1939, in der hollaendischen Emigration,- 76 Jahre alt, nachdem ihm die Nazibarbaren, von der boshaften Kraenkung durch das Verbot der Bibliotheksbenutzung bis zur Freiheitsberaubung und Misshandlung, jede erdenkliche Schmach angetan hatten. Sein Tod muss ihm daher die ersehnte Erloesung bedeutet haben. Diejenigen, die das Glueck hatten, zu seinen Schuelern zu gehoeren und ihm, ueber die Universitaetsjahre hinaus, freundschaftlich verbunden blieben, sprechen von Witkowski als von einem klugen, guetigen und liebenswerten Menschen, dessen Gelehrten-Schriftsteller- und Publizistentum eine wunderbare Wesenseinheit gebildet haben muessen. Er war vor jetzt hundert Jahren, am 11. September 1863 zu Berlin als Sohn eines Kaufmanns geboren, hatte die Nicolaischule in Leipzig besucht sowie die Universitaeten von Leipzig und Mu-en chen. 26-jaehrig, habilitierte sich Witkowski in Leipzig, wo er 1896 ausserordentlicher Professor wurde und seit 1930 als Ordinarius wirkte, um dann, drei Jahre spaeter, gezwungenermassen in den Ruhestand zu treten. Doch hielt er, allen Schikanen zum Trotz, noch bis Ende 1938 in Leipzig aus, um nach Holland zu gehen, der Heimat seiner Lebensgefaehrtin, welche die Tochter des Direktors des Koeniglichen Museums zu Leiden gewesen ist. Sie war auch immer der gute Geist des gastlichen Hauses, in welchem sich Buecherfreunde und Kuenstler, Theaterleute und Verleger durch viele Jahre freundschaftlich zusammengefunden hatten. Die Vielseitigkeit der Interessen von Georg Witkowski und seine lebendige Anteilnahme an allen Erscheinungen des literarischen und kuenstlerischen Lebens haben nur wenige Parallelen. Etwa ein Viertel all seiner Publikationen beschaeftigt sich mit Goethe, der schon in Veroeffentlichungen des Jahres 1891 erscheint. Drei Jahre spaeter kam die Schrift “Die Walpurgisnacht” (Faust I) heraus, dann eine, spaeterhin erweiterte, sehr bekanntgewordene Goethebiographie (1899, bezw. 1923) im Jahre 1902 das Lebensbild von Goethes Schwester Cornelia und dann diel Faustausgaben mit Kommentaren. 1906 erschien das Buch zuerst im Rahmen der von Witkowski selbst herausgegebensn “Meisterwerke der deutschen Buehne”; in immer neuen Bearbeitungen wurde 1923 das 59, Tausend erreicht. Auch eine Euehnenein r i c h t u n g des “Faust” schuf er fuer Reel a m s Universitaetsbibliothek. Zu zahlreichen Ausgaben anderer Werke Goethes kamen die zahlreichen populaeren Aufsaetze hinzu, ferner die “Jahresberichte fuer neuere deutsche Literaturgeschichte” und seine Beitrae g e im “Literarischen Echo”. Andere Autoren treten im Lebenswerke Witkowski’s hinter Goethe zurueck; dennoch gibt es bedeutende Abhandlungen ueber Lessing und Schiller aus der Feder dieses grossen Literaturhistorikers. Seit jungen Jahren gehoerte Georg Witkowski’s besondere Zuneigung dem Drama und dem Theater. Eines seiner wertvollsten Buecher bleibt “Das deutsche Drama des 19. Jahrhunderts, in seiner Entwicklung dar gestellt”. (1903, 1923 in Neuauflage). Viele seiner Publikationen sind auch ins Englische uebertragen worden. Sehr umfangreich ist die Sammlung seiner Theaterkritiken und als Vorsitzender des Leipziger “Schillervereins” vermochte der Gelehrte einen gewissen Einfluss auf die Gestaltung des Spielplans' des Leipziger Schauspielhauses zu nehmen. Auch spielte Witkowski eine wichtige Rolle im Kreise der Bibliophilen, deren Gesellschaft er mitgegruendet und deren Zeitschrift er durch laengere Zeit heraugegeben hatte. So stand dieser Forscher jahrzehntelang inmitten des pulsierenden geistigen Lebens des Deutschland von vor 1933, als ein Jude, der einen hervorragenden Beitrag zum deutschen Kulturleben geleistet hat. 'In den letzten Jahren begann man in Deutschland, sich abermals mit dem Werke dieses Goetheforschers und hervorragenden Litera- KUNST UND »TERATUR j LILIANETTE IN: “Die Dame von einst und heute” Im Oktober wird die bekannte Kuenstlerin Lilianette einige Abende zu Gunsten von Cisroco und Altersheim in Santiago geben. Wir entnehmen dem Gemeindeblatt von Montevideo und dem “Argentinischen Tageblatt”: FESTIVAL LILIANETTE Es war wieder ein echter LILIANETTE Abend, an dem jeder zu seinem Rechte kam. Das unter der Devise stehende Programm “Die Dame von einst — die Dame von heut” brachte die Wandlungsfaehigkeit und Einfuehlungsgabe der Kuenstlerin deutlich zum Ausdruck. Jede Type war plastisch dargestellt und die verbindenden Worte ihrer Konferenz, geistreich, witzig, charmant und treffsicher, brachten die notwendige Stimmung eines Kleinkunstabends . Bewundernswert die Sicherheit Lilianettes in ueber zweistuendigem Vortrag —mit kurzer Pause —ein Publikum zu unterhalten und mit sich zu ziehen, auch unerreichbar ihr fabelhaftes Gedaechtnis. Ob Lilianette Frau Neureich und Frau Wirtschaftswunder parodiert, oder ob sie als Lolita oder als Maedel aus der Vorstadt sich einschmeichelt oder als die moderne Oma 1963 oder als Konzertbesucherin, die ihre Gedanken laut ausspricht, auf tritt, immer ist es ein kleines Kunstwerk, das sie darbietet, und traegt mehr als nur Unterhaltung in sieh. Es ist ein Genuss, Lilianette zu sehen, zu hoeren, ihren eigenen Kompositionen zu folgen und sich an ihrem gesunden Humor zu erfreuen. Zum Schluss begleitete sich die Kuenstlerin noch selbst zu einem forschen Landsknechtslied, mit dem sie nochmals ihr vielfaeltiges Koennen bewies. Zum Gelingen dieses stimmungsvollen Abends trug auch Meister Hermann Ludwig bei, dessen schmissige und launische Musik den Beifall des Publikums fand. Originell und amuesant sein Zwischenspiel eines Liebesgespraechs zwischen Bass und Sopran, das aus bekannten Opern, und Operettenmelodien bestand. Das Festival Lilianette war, wie nicht anders zu erwarten, ein grosser Erfolg, und wir Montevideaner freuen uns schon heute auf das naechste Zusammensein mit Lilianette, begleitet von Meister Hermann Ludwig. H. Si. (“Gemeindeblatt” Montevideo”) E! N-PERSON EN-SHOW Worin war Lilianette am besten? Als leicht angeschlagener Teenager? Als snobistische Konzertbesucherin? Als tanzende Grossmama? Oder als blasierte Wirtschafts wunder dame? Als Grosstadpflanze aus der Vorstadt? Oder als grossmuetiges Wesen, das seinen Nowak nicht verkommen laesst? Man muesste das ganze, reichhaltige Programm aufzaehlen, denn in jeder Nummer kommt die ueberaus grosse innere und aeussere WantSlungsf aehigkeit, d i e einwandfreie Sprechtechnik, d i e unaufdringliche und doch unueberhoerbare Art, die Pointen so zu bringen, dass keine einzige verlorengeht, zum Ausdruck. Alles ist der Widerschein einer eigenartigen, charmanten und vielseitigen Kuenstlerin, deren Koennen sich durchaus nicht nur auf das leichte und karikaturistische Genre beschraenkt; dies zeigte der Vortrag des tragischen Chansons “Die Trommel” von Kurt Tucholsky. Lilianette, seit jeher ein Magnet fue die Deutschsprachigen Montevideos, hatte mit ihrem Programm “Die Dame von einst, die Dame von heut”, bei allen Aufzehrungen wie immer in Montevideo volle Saele und e i n intensiv mitgehendes, beifallsfreudiges Publikum. Ihr verstaendnisvoller Begleiter am Fluegel, Kapellmeister Hermann Ludwig, holte sich ausserdem mit einem musikalischen Zwiegespraech ohne Worte am Klavier Sonderapplaus. An das Montevid e a n e r Gastspiel schliessen sich an der Besuch mehrere staedte Brasiliens, ein Gastspiel in Santiago de Chile und schliesslich eine grosse Europatournee der interessanten allround-Kuenstlerin. L. D. (“Argentinisches Tageblatt”) turkenners zu beschaeftigen, der als Universitaetslehrer, Forscher und Schriftsteller so ungeheuer produktiv gewesen und dem ein ruhiger Lebensabend haette beschieden sein sollen. Das bittere Los des mittellosen Emigranten traf einen Menschen, der es als seine Aufgabe angesehen hatte, die groessten Geister seines Geburtslandes dem Volke, dessen Kultur er sich am innigsten verbunden fuehlte, nahezubringen. Witkowski’s Lebenstragik g e - hoert in das grosse Kapitel der unzaehligen juedischen Menschen, die ihren Wirtsvoelkern —leider vielfach vergeblich— klarzumachen versuchten, was diese an echten Guetern und Werten besitzen. Curt Wilk.

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